Erster Weltkrieg und Geschichtswissenschaft - Vom Sonderweg zur Extrawurst

© Daniel Matzenbacher (PA / DPA; Bundesarchiv)

14.03.2014

Erster Weltkrieg und Geschichtswissenschaft 

Vom Sonderweg zur Extrawurst

Herfried Münkler

Mit seinem Buch »Die Schlafwandler« hat der Historiker Christopher Clark einen Nerv getroffen. Seine These, dass der Ausbruch des Ersten Weltkriegs weniger deutschem Großmachtstreben geschuldet war als vielmehr einer komplizierten Mächtekonstellation, die während der Juli-Krise 1914 zu einer Verkettung fataler Entscheidungen geführt hat, wird im In- und Ausland breit diskutiert. Die Beiträge des März-Titelthemas hinterfragen, was diese neue Sicht für das Verständnis der jüngeren Geschichte bedeutet.

Die Zeit, als das Wissen um geschichtliche Verläufe der Fundus für die Beurteilung politischer Alternativen war, ist vorbei. Geschichtserzählungen haben als politische Orientierungsmarken an Relevanz verloren, auch darum, weil die darin enthaltenen Versprechungen so oft getrogen haben. Die Geschichtserzählung war die Säkulartheologie des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, und sie bezog ihre Heilsversprechen nicht zuletzt daraus, dass sie mit einer kräftigen Prise Geschichtsphilosophie gewürzt war. Das Bürgertum war zugleich sozialer Träger und Adressat dieser Erzählungen. Aus dem Abstand eines Jahrhunderts lässt sich beobachten, welch tiefe Zäsur der Erste Weltkrieg auch in dieser Hinsicht darstellt: Er war nicht nur ein Krieg, in dem die bürgerlichen Mittelschichten eine entscheidende Rolle spielen wollten und dabei, zumal in Deutschland, nicht nur ihre Söhne und ihr Vermögen, sondern auch die politische Orientierung verloren, sondern mit der Niederlage ging in Deutschland auch die intellektuelle Hegemonie der Historiker zu Ende.

Mit dem Vertrauen in den Gang der Geschichte war auch das in deren Explikateure geschwunden, und es begann der Aufstieg der Rassebiologie als einer neuen Säkulartheologie. Als die 1945 dann ebenfalls politisch gescheitert war und sich obendrein zutiefst in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt hatte, waren die Historiker wieder da, und eine wachsende Zahl von ihnen präsentierte die These vom „deutschen Sonderweg“ als Erklärung für das Unheil, das die Deutschen über sich und andere gebracht hatten.

Man kann die Sonderwegsthese mitsamt den daran anschließenden Debatten unter zwei einander entgegengesetzten Gesichtspunkten betrachten: als Buße der deutschen Historiker dafür, dass die meisten von ihnen in der Ära des Wilhelminismus so laut ins nationale Horn gestoßen und die Überlegenheit der Deutschen im Vergleich mit den anderen Völkern Europas herausposaunt hatten, und zugleich als ein geschickter Versuch der Disziplin und ihrer Protagonisten, die verlorengegangene intellektuelle Hegemonie wieder zurückzugewinnen. Indem man den intellektuellen Führungsanspruch im Büßergewand geltend machte, entsprach man den politischen Gegebenheiten und den damit verbundenen Erwartungen. Zugleich hielt man am Selbstverständnis der Deutschen auf politisch-kulturelle Besonderung fest; diese Besonderung zu ergründen und zu erklären fühlten sich vor allem die Historiker berufen. Das hat tatsächlich funktioniert: Die großen intellektuellen Kontroversen um das deutsche Selbstverständnis nach 1945 sind als „Historikerstreit“ bezeichnet worden, selbst wenn in ihnen keineswegs nur Historiker die zentrale Rolle spielten.

Deutungshoheit über die Gegenwart

Der erste Historikerstreit, in der Regel als „Fischer-Debatte“ bezeichnet, drehte sich um die Frage, welche Schuld das Deutsche Reich am Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehabt habe, und im zweiten Historikerstreit ging es um die Einmaligkeit der deutschen Verbrechen an den europäischen Juden oder deren Vergleichbarkeit mit anderen Menschheitsverbrechen. In beiden Fällen standen eher politische als wissenschaftliche Fragen zur Disposition: Im zweiten Historikerstreit ging es eigentlich gar nicht um die Frage der Vergleichbarkeit, sondern um die Relativierung des Judenmordes, da selbst die Konstatierung seiner Einmaligkeit das Ergebnis eines Vergleichs war. Und im Hintergrund der Debatte um die deutsche Kriegsschuld im ersten Historikerstreit ging es um die damalige Rechtsauffassung der Bundesrepublik, wonach das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 fortbestehe. Fritz Fischer und seine Anhänger argumentierten gegen eine Position, die sich stark vereinfacht wie folgt zusammenfassen lässt: Wenn die Deutschen am Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht wesentlich schuld, sondern wie die anderen „hineingeschlittert“ waren, dann war auch der Versailler Vertrag keine wohlverdiente Strafe, dann konnte man auch nichts für den Aufstieg Hitlers, der als Folge von Versailles angesehen wurde, also konnte man auch nichts für die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, ergo war es nur recht und billig, dass Deutschland in den Grenzen von 1937 wieder hergestellt wurde. In der Fischer-Debatte wurden geschichtspolitisch jene Kontroversen ausgetragen, die sich in den Konflikten um die neue Ostpolitik Willy Brandts dann wiederholten.

So hilfreich Fischers Thesen von der Hauptschuld der Deutschen beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs in geschichtspolitischer Hinsicht damals gewesen sein mögen, so schwankend war der wissenschaftliche Grund, auf dem sie errichtet waren: methodisch, weil Fischer bloße Szenarien und wirkliche Pläne, pure Besprechungen und tatsächliche Beschlüsse einander gleichgestellt und miteinander vermischt hatte; methodologisch, weil die Untersuchung eines einzigen Akteurs ohne komparativen Blick auf die anderen keine Aussage über die Hauptschuld erlaubte. Dass sich Fischers Sicht in Deutschland dennoch durchsetzte, hatte eher geschichtspolitische als geschichtswissenschaftliche Gründe. In der politischen Bildung und im schulischen Geschichtsunterricht wurde dann aus der Hauptschuld die Alleinschuld der Deutschen, während die internationale Forschung der Fischer-These eigentlich nie gefolgt ist. So wurde die Sonderwegsthese, die im Hintergrund der Kriegsschuldfrage stand, selbst zu einem deutschen Sonderweg.

Konsequenzen der Neudeutung

Die Aufmerksamkeit, die nun der Darstellung des Kriegsausbruchs und seiner Vorgeschichte durch den australisch-britischen Historiker Christopher Clark in Deutschland zuteil wird, ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Deutschland in Clarks Darstellung ein Akteur wie die anderen auch ist: nicht böser, nicht besser, sondern genauso schlafwandlerisch wie der Rest. Es ist bezeichnend, dass die Kritik an Clark in Deutschland nicht mit geschichtswissenschaftlichen, sondern mit geschichtspolitischen Argumenten geführt wird. Als Beispiel sei auf Volker Ullrichs Artikel „Nun schlittern sie wieder“ in der Zeit vom 16. Januar 2014 oder Wolfram Wettes Aufsatz „1914: Deutschlands Weg zum Zukunftskrieg“ in den Blättern für deutsche und internationale Politik (1/2014) verwiesen: Kein einziges wissenschaftliches Argument wird gegen Clark geltend gemacht, geschweige dass die methodischen wie methodologischen Mängel Fischers angesprochen werden. Alles dreht sich um die in der Fischer-Kontroverse erkämpften „Errungenschaften“, die nicht gefährdet werden dürften. Aber „Errungenschaft“ ist kein wissenschaftlicher Begriff; Wissenschaft lebt davon, dass sie alle Positionen und Theorien zur Disposition stellt und für die Revision freigibt. Der Begriff des Revisionismus ist ein wissenschaftlicher Ehrentitel; Ullrich und Wette gebrauchen ihn jedoch als Denunziationsvokabel.

Warum die Empörung? Tatsächlich haben es sich Teile der deutschen Gesellschaft zwischenzeitlich im Schatten der Sonderwegsthese recht bequem gemacht: Wenn die Deutschen denn an allem, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa schiefgelaufen ist, schuld waren, dann war es am besten, wenn sie sich nunmehr aus allem heraushielten, sich außenpolitisch Fesseln anlegten und es den anderen Europäern überließen, die sicherheitspolitischen Probleme an den Rändern und in der Peripherie Europas anzugehen. Wenn es gut ging, konnte man ihnen anerkennend auf die Schulter klopfen, wenn nicht, konnte man die vermeintlichen Fehler kommentieren und moralisch bewerten. Kurzum: Viele in Deutschland haben sich mit der Sonderwegsthese inzwischen so sehr angefreundet, dass sie daraus eine politische Extrawurst für sich gemacht haben: die des außenpolitischen Beiseitestehers und moralischen Chefkommentators – eine komfortable Position, die man ungern verlieren möchte.

Aber diese Position ist nicht nur wissenschaftlich unsauber und politisch wenig solidarisch – sie ist im Kern auch zutiefst unmoralisch, weil sie, wenn es einmal wirklich ernst wird, genau das praktizieren muss, was im zweiten Historikerstreit so entschieden bekämpft wurde: Sie setzt dann, um Auslandseinsätze der Bundeswehr zu begründen, ethnische Vertreibungen und Mordaktionen mit dem Völkermord an den europäischen Juden gleich, wie in der Schlussphase der jugoslawischen Zerfallskriege mehrfach geschehen. Politik im Schatten des Sonderwegs ist strategisch widersprüchlich und moralisch inkonsistent. Wir müssen uns fragen, wie lange wir uns diese Position noch leisten können und leisten wollen. Gerade um der Sonderstellung der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg wegen sollten wir die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs und die damit verbundenen Fragen nicht länger geschichtspolitisch, sondern wieder geschichtswissenschaftlich behandeln. Die Zeit der sicherheitspolitischen Extrawürste in Europa ist ohnehin vorbei.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2014

Herfried Münkler
Professor Dr. Herfried Münkler ist Inhaber des Lehrstuhls für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Werken gehören u.a. „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten“ (2005) sowie „Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung“ (2010). Zuletzt erschien „Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“ (2013, alle Rowohlt).

www.sowi.hu-berlin.de

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