https://rotary.de/kultur/ein-sammelband-ueber-die-freundschaft-a-6290.html
Buch der Woche

Ein Sammelband über die Freundschaft

Buch der Woche - Ein Sammelband über die Freundschaft

Freundschaften bereichern unser Leben und machen uns glücklicher. Mehr als fünfzig namhafte Autoren aus allen Bereichen von Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur legen in diesem Sammelband ihre persönliche Sicht auf die Freundschaft dar. Wir bieten einen Beitrag von Rüdiger Safranski als exklusive Leseprobe an.

19.09.2014

»Die Hälfte meines Daseins«
Zur Freundschaft zwischen Goethe und Schiller
Von Rüdiger Safranski

Freundschaft im eminenten Sinne ist selten. Von Aristoteles wird der Ausspruch überliefert, »meine lieben Freunde, es gibt keinen Freund!« Kant, der sich auf Aristoteles beruft, bemerkt: Freundschaft in ihrer »Reinheit« und »Vollständigkeit« gedacht, sei wohl doch nur ein »Steckenpferd des Romanautors«. Wirkliche Freundschaft ist jedenfalls seltener, als es der inflationäre Wortgebrauch vermuten lässt. Goethe und Schiller haben ihre Freundschaft als ein rares, wunderliches Gewächs angesehen, als ein Glück, als ein Geschenk. Es kam ihnen unglaublich vor, was ihnen da gelungen oder zugestoßen war, und sie gerieten in dankbares Staunen darüber. Im Rückblick nannte Goethe die Freundschaft ein »glückliches Ereignis«. Ein solches bleibt es für uns auch heute noch, denn man wird in der Geschichte des Geistes lange suchen müssen, um etwas Vergleichbares zu finden – dass zwei schöpferische Menschen höchsten Ranges sich über Gegensätze hinweg verbinden zu wechselseitiger Anregung und sogar zu gemeinsamem Werk.

Die Freundschaft der beiden wurde schon damals zur Heldenlegende verklärt. Man machte die Freunde zu Dichterfürsten auf dem literarischen Olymp und nannte sie die »Dioskuren «. Auch Neid und Widerwille regten sich. Wenn man ihnen nicht am Zeug flicken konnte, wollte man wenigstens den einen gegen den anderen ausspielen, eine Hierarchie zwischen ihnen festsetzen. Wer ist der Bedeutendere, oder werden nicht vielleicht sogar beide überschätzt? Offiziell wurden sie bald schon als marmorne Klassiker verehrt, aber in jeder Generation regten sich rebellische Anwandlungen. Als Goethe 1829 den Briefwechsel mit Schiller herausgab, nannte ihn Grabbe eine »Sammlung billetmäßiger Lappalien«, und Börne schrieb, »dass unsere zwei größten Geister in ihrem Hause … so nichts sind … das ist ein Wunder, … eine Verwandlung des Goldes in Blei«.

Goethe und Schiller waren darauf gefasst, dass man ihrer überdrüssig werden könnte, und übten sich beizeiten in der Kunst der Publikumsbeschimpfung. Ihren Freundschaftsbund verstanden sie auch als Trutzburg, von wo aus sie wohlgelaunt ihre Blitze gegen das zeitgenössische literarische Leben schleuderten.

Goethe und Schiller waren Konkurrenten, ehe sie zu Freunden wurden. Goethe fühlte sich vom Ruhm des Jüngeren bedrängt. Für ihn war Schiller zunächst nichts anderes als eine ungute Erinnerung an den eigenen, inzwischen überwundenen Sturm und Drang. Und Schiller sah in Goethe »eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen«. Es musste einiges geschehen, ehe Schiller an Goethe schreiben konnte: »Wie lebhaft habe ich … erfahren …, dass es dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe«, und Goethe Schiller gegenüber erklärte: »Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welches zu sein ich so gut als aufgehört hatte.«

Was hier im Einzelnen geschehen war, dazu bedürfte es eines ganzen Buches. Wie der junge Schiller den bewunderten Goethe bei der Preisverleihung an der Karlsschule als Gast des Herzogs zum ersten Mal erblickte. Wie es in den nächsten Jahren zu einer Parallelität der Lebensläufe kam: zweimal Flucht und Verwandlung. Schiller flieht aus Stuttgart und dem Machtbereich des Herzogs. Goethe flieht nach Italien. Für beide ist es eine Befreiung zu neuem Künstlertum. Zweimal auch ein neuer Liebesbund. Schiller und Charlotte, Goethe und Christiane. Goethe verliebt und bindet sich sozial nach unten, Schiller nach oben. Dann die mühsame Annäherung, Schiller tastet sich zu Goethe vor, der aber hält auf Abstand. Im Sommer 1794 in Jena schließlich das glückliche Ereignis der gelungenen Begegnung. Von da an beginnt der Briefwechsel, wohl das bedeutsamste gemeinsame Werk der beiden. Von 1794 bis zum Tode Schillers im Mai 1805 währt die Freundschaft. Die Polarität der Temperamente und Charaktere bewirkt bei jedem eine Steigerung der schöpferischen Kräfte, bei Goethe vor allem in den ersten, bei Schiller in den letzten Jahren der Freundschaft.

Montaigne sieht in der gelungenen Freundschaft einen Vorgang, wie »zwei Seelen miteinander verschmelzen«. So aber verhielt es sich bei der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller nicht. Sie waren nicht ein Herz und eine Seele, und zum Glück strebten sie das auch nicht an. Es hätte bei ihren so verschiedenen Naturen notwendig zu Enttäuschungen geführt. Goethe hielt sich an jene Maxime, die er im Dezember 1798 in einem Brief an Herder so formulierte:

»Wenn wir immer vorsichtig genug wären und
uns mit Freunden nur von einer Seite verbänden,
von der sie wirklich mit uns harmonieren,
und ihr übriges Wesen nicht in Anspruch nähmen,
so würden die Freundschaften weit dauerhafter
und ununterbrochner sein.
Gewöhnlich aber ist es ein Jugendfehler,
den wir selbst im Alter nicht ablegen,
dass wir verlangen, der Freund solle gleichsam
ein anderes Ich sein, solle mit uns nur
ein Ganzes ausmachen, worüber wir uns
denn eine Zeit lang täuschen,
das aber nicht lange dauern kann.«

Goethe hatte sich mit Schiller tatsächlich zunächst »nur von einer Seite« verbunden, und auch Schiller war vorsichtig genug, die Verbindung nicht zu sehr zu belasten. Was sie aber verband, war bedeutend genug. Es war das für sie Wichtigste: die Arbeit am eigenen Werk, die in der Freundschaft zu einer gemeinsamen Arbeit wurde. Die beglückende Erfahrung, dass dies zwischen ihnen überhaupt möglich war, ließ diese Verbindung über eine nur partielle Berührung weit hinausgehen. Und doch blieb der Werkbezug das Zentrum und die Basis: Sich wechselseitig zu helfen und zu befördern, im intensiven Austausch von Gedanken und Empfindung, das war der erklärte Zweck der Freundschaft. »Neigung, ja sogar Liebe hilft alles nichts zur Freundschaft«, schreibt Goethe, »die wahre, die tätige, produktive besteht darin, dass wir gleichen Schritt im Leben halten, dass er meine Zwecke billigt, ich die seinigen, und dass wir so unverrückt zusammen fortgehen.« Schiller nennt eine solche Freundschaft »ein auf wechselseitige Perfektibilität gebautes Verhältnis«, und Goethe, wenn er den Ertrag der Freundschaft mit einem Wort bezeichnen wollte, erklärte, sie habe ihn »gefördert«. Es handelt sich also um einen Bund zur wechselseitigen Hilfe bei der Arbeit an sich selbst, ein gemeinsames Unternehmen der Selbststeigerung. Die Geschichte der Freundschaft von Goethe und Schiller ist eine praktische Probe aufs Exempel der Bildungsidee im Zeitalter der deutschen Klassik.

Goethe bekannte einmal, dass die so bedeutend klingende und kanonische Anweisung ›Erkenne dich selbst!‹ ihm stets verdächtig vorgekommen sei, weil man beim Blick in sich selbst niemals genau unterscheiden könne zwischen dem Gefundenen und dem Erfundenen. Er empfiehlt den Umweg über die Welt, denn der Mensch kennt nur sich selbst, sofern er die Welt kennt und von ihr erkannt wird. Deshalb, erklärt Goethe, habe er in reiferen Jahren, statt sich im inneren Spiegelkabinett zu verirren, die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, »in wiefern andere mich wohl erkennen möchten, damit ich in und an ihnen, wie an so vielen Spiegeln, über mich selbst und über mein Inneres deutlicher werden könnte«. In dieser Hinsicht musste Schiller für ihn ein Glücksfall sein. Einen besseren Bewusstseinsspiegel konnte er kaum finden als bei Schiller, diesem Reflexionsgenie. Goethe nahm Schiller in Anspruch, um einiges Licht in sein überreiches Innenleben zu bringen. Warum war es überreich? Ganz einfach: Weil er so viel Welt in sich aufgenommen hatte. »Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.«

Anders Schiller. Er klagt über einen Mangel an Welterfahrung. An Goethe schreibt er 1795: »Es kommt mir oft wunderlich vor, mir Sie so in die Welt hinein geworfen zu denken, indem ich zwischen meinen Papiernen Fensterscheiben sitze, und auch nur Papier vor mir habe.« Schiller, zwischen seinen papierenen Fensterscheiben, hatte überschüssige Reflexionskraft. Seine geistige Potenz wurde von seinem Erlebnisstoff nicht vollständig aufgebraucht. Er konnte sie dem Freund zur Verfügung stellen, um diesem als Spiegel zu dienen und sich selbst mit Welt anzureichern. Mit Goethe bot sich ihm ein ganzer Kontinent, wenn nicht zur Besitzergreifung, so doch zur Erkundung an. Außerdem ließ ihn Goethe, dieses Genie der Intuition, Zutrauen fassen in die eigenen Kräfte des Unbewussten. Erst in der Freundschaft mit Goethe lernte Schiller, dass die schöpferischen Antriebe in einem Bereich wurzeln, der »seiner Natur nach nicht begriffen werden kann«. Die beiden ergänzten sich auf wunderbare Weise: Der eine sorgte für Helligkeit und Bewusstheit, der andere für schöpferische Verbindung mit dem Dunklen und Unbewussten. Die beiden Regionen – Idee und Erfahrung, Freiheit und Natur, Begriff und Vieldeutigkeit – zusammenzuführen, war ihr gemeinsames Ideal. Sie selbst und die Nachwelt nannten es – das Klassische.

So hatten die Freunde Freude aneinander und nahmen sich wechselseitig in Gebrauch. »Fahren Sie fort«, schreibt Goethe, »mich mit meinem eigenen Werke bekannt zu machen«, und Schiller antwortet: »Der reiche Wechsel Ihrer Phantasie erstaunt und entzückt mich, und wenn ich Ihnen auch nicht folgen kann, so ist es schon ein Genuß und Gewinn für mich, Ihnen nachzusehen.«

Als Schiller starb, wusste Goethe, dass für ihn damit eine Epoche seines Lebens zu Ende ging. So innig war inzwischen das Verhältnis der beiden geworden, dass Goethe Zelter gegenüber, dem Freund der späteren Jahre, bekannte:

»Ich dachte mich selbst zu verlieren,
und verliere nun einen Freund und
in demselben die Hälfte meines Daseins.«

Schiller starb, ohne die Epoche dieser Freundschaft abschließend resümieren zu können. Er steckte noch mitten in der Arbeit, in der gemeinsamen Arbeit. Er überprüfte gerade Goethes Anmerkungen zu Diderot. In seinem letzten Brief schreibt er: »Indessen seh ich mich bei diesem … Artikel in einiger Controvers mit Ihnen.« Diese Freundschaft, die reich ist an Aspekten und Geschichten, war doch vor allem dies – ein kontroverses Gespräch bis zum Ende.

Rüdiger Safranski: »Die Hälfte meines Daseins« – Zur Freundschafz zwischen Goethe und Schiller. In: Richard Riess (Hrsg.): Freundschaft. Lambert Schneider, Darmstadt 2014. 272 Seiten, 14,95 Euro. Mehr zum Buch.