Zur gesellschaftlichen Verantwortung des Intellektuellenstands - Geist, Macht und Theater

© Illustration: Daniel Matzenbacher

11.07.2014

Zur gesellschaftlichen Verantwortung des Intellektuellenstands

Geist, Macht und Theater

Hermann Kurzke

Stecken die Dichter und Denker unserer Tage in einer Identitätskrise? Obwohl sich die Welt in einem permanenten digitalen Wandel befindet, obwohl alte politische Gewissheiten nicht mehr gelten, und obwohl die Naturwissenschaften regelmäßig neue Horizonte vermessen, gibt es kaum noch bekannte Groß-Deuter, die den Zeitgenossen den Lauf der Ereignisse erklären. Die Beiträge des Juli-Titelthemas begeben sich auf die Suche nach den Ursachen dieses Phänomens – und nach dem Platz des Intellektuellen in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Die Jahre des Kampfes gegen Hitler seien moralisch gute Zeit gewesen, schrieb Thomas Mann 1946 in einem Rückblick. Sie hätten eine Vereinfachung der Gefühle bewirkt – ein klares Ja, ein klares Nein. Als Intellektueller im Exil wusste man, wo man selbst und wo der Gegner stand.

Das ist heute ganz anders. Es ist moralisch schlechte Zeit. Das Pro ist so verwischt wie das Contra. Die Moral ist von der Ästhetik abgelöst worden. Das Erscheinungsbild ist wichtiger als die Botschaft. Treten Entschiedene auf, dann „treten sie auf“ und spielen Entschiedenheit. Nichts ist ihnen wirklich ernst. Bertolt Brecht nannte solche Leute „Tuis“ – Intellektuelle, die Meinungen liefern für jeden Bedarf, aber den Aufbruch zu einem wirklichen Kampf stets vorsichtig vermeiden.

Meinungen sind wohlfeil. Sie bedeuten nichts, wenn nicht eine Macht hinter ihnen steht. Ausschlaggebend ist das Sein, nicht das Meinen. Gutsituierte Intellektuelle, die Bauern und Arbeiter zu Revolutionen auffordern, befinden sich wie viele andere Rechthaber in einem Widerspruch von Sein und Meinen. Es ist immer noch nützlich, bei der Frage nach der Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft mit dem Instrumentarium der Ideologiekritik zu operieren. Viele Intellektuelle sind Interessenvertreter. Weiß man, wer sie bezahlt, dann kann man vorhersagen, was sie vorbringen werden. „Freie“ Intellektuelle gibt es natürlich auch. Sie sind manchmal sehr reich, manchmal sehr arm, jedenfalls materiell nicht erpressbar. Eine mittlere Gruppe findet man im Staatsdienst. Der Staat leistet sich solche Leute und lässt sie bis zu einem gewissen Grad gewähren.

Die Intellektuellen der Bundesrepublik Deutschland sind eine bunte Truppe und haben sehr verschiedene Interessen. Sie sind Wissenschaftler oder Journalisten, Künstler, Priester, Pastoren oder Mullahs, Lehrer, Schriftsteller oder Leser, alle in männlicher und in weiblicher Form vorkommend. Über so verschiedene Gruppen allgemeingültig zu sprechen bedeutet, ständig nach allen Seiten den Hut ziehen zu müssen: Entschuldigung, Sie habe ich nicht gemeint! Immer gibt es jede Menge Ausnahmen. Ich zum Beispiel bin Germanist, aber ich erlebe mein Fach, das in der Zeit der Studentenbewegung einmal ein Ethos hatte und intellektuell führend war, heute als Ansammlung egoistischer Gruppen und Grüppchen – und habe doch auch gute Freunde dort, für die das nicht gilt.

Denker im Abseits

Die Intellektuellen spielen in Deutschland derzeit eine erstaunlich geringe Rolle. Insbesondere die Schriftsteller und Schriftstellerinnen haben sich aus den großen Diskursen abgemeldet – man erlasse mir die Aufzählung von Ausnahmen, die es natürlich gibt; glückende und weniger glückende, Juli Zeh oder Sybille Lewitscharoff, die sich einzumischen versucht haben. Die meisten aber pflegen autistisch ihre kleinen Unterhaltungsgärtchen. Sie sind persönlich gar nicht schuld daran, dass das nicht mehr geht, was einmal littérature engagée hieß. Es ist eine Art Erbschuld oder Standesschuld, die sie mitschleppen und die sich immer wieder erneuert hat. Der Schriftstellerstand strudelte 1989 ausgestattet mit dem Antifaschismus und Sozialismus der altgewordenen Studentenbewegung in die Wiedervereinigung, die ihn völlig unvorbereitet antraf und wie eine kalte Dusche wirkte. Die blechernen Phrasen vom menschlichen Sozialismus erwiesen sich als nutzlos, um das, was kam, zu verstehen und zu gestalten. Ein Stand verstummte. Die Politik schuf währenddessen, unbegleitet von der Mehrzahl der Intellektuellen, ihre Fakten.

Auch die Finanzkrise der letzten Jahre wurde von den geistreichsten Köpfen der Nation nicht vorhergesagt. Wieder erwies sich das eingeübte Denken als hilflos. Auch der Marxismus, für den die Kapitalismusanalyse eine Glanznummer hätte sein müssen, bestand den Test nicht. Wieder musste die Politik voran ins Dunkle gehen. Nicht einmal die Ökonomen kannten den Weg. Die Philosophen, die Theologen und die Soziologen kannten ihn ebensowenig und auch die Schriftsteller ahnten ihn nicht. Inzwischen lichtet sich der Nebel ein wenig, aber was aus ihm schemenhaft auftaucht, sind schauderhafte Abgründe, von einem intellektuellen Fertigwerden kann noch keine Rede sein.

Als dritte große Krise läuft derzeit die Kommunikationsrevolution. Sie hatte wie andere Revolutionen mit einer Phase der Befreiung, Verbrüderung und Begeisterung begonnen. Aufatmend öffnete sich die Welt und war von jeder kleinen Kammer aus erreichbar geworden. Das Internet war wie ein warmes Meer, in dem sich freie Subjekte glücklich tummelten und rund um den Globus jeder zu jedem fand. Aber die Zeit des Rausches ist vorbei, es folgt der Kater. Die unermessliche Freiheit enthüllt sich als gigantische Beherrschbarkeit. Das autonome Subjekt ist heimlich ausgehöhlt worden. Es ist nur noch eine Attrappe, die ein heteronomes Objekt maskiert, das bis in seine Gedanken und Gefühle hinein steuerbar und kontrollierbar ist. Hinter der Auslieferung jedes Individuums an globale Konzerne öffnet sich als finstere Drohung die potentielle Auslieferung an gewalttätige Diktatoren, denen eine Überwachungsmaschinerie zur Verfügung stehen würde, wie es sie noch nie gab.

Nicht dass es in Deutschland keine Debatten über solche Themen gäbe. Aber sie geschehen wie von einer Theaterloge aus, als wären die Deutschen nur Zuschauer und nicht betroffen. Dabei ist Deutschland durch die Wiedervereinigung und dann durch die Finanzkrise zu einer europäischen Führungsmacht geworden. Dem tragen die Diskussionen der Intellektuellen hierzulande jedoch kaum Rechnung. Die Gespräche werden komfortabel im Windschatten geführt. Bei einem Wort wie „Führungsmacht“ findet ein allgemeines Zusammenzucken statt, ein Gemurmel erhebt sich, man habe die Lektion des Faschismus gelernt und wolle keine Führer. Aber darum geht es überhaupt nicht mehr. Eine große Aufgabe ist anzunehmen: Deutschland und Europa in die Zukunft zu führen.

Unentschuldbar passiv

Wo sind heute die Schriftsteller an der Seite der Macht? Mit wem eigentlich berät sich Angela Merkel? Sie kann sich nicht wegducken, sie muss entscheiden, sollte man sie nicht aktiver begleiten? Müssten unsere Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die die Lektion des Faschismus gelernt haben, nicht eine Idee von Deutschland als Brücke zwischen Ost und West, von Europa als Friedensmodell, von einer dauerhaft zukunftsfähigen Welt entwickeln? Sollten sie nicht solche Ideen national und international vertreten, für sie kämpfen, Kriterien und Szenarien entwerfen für die Fälle, in denen dieser Kampf auch bewaffnet erfolgen muss? Da schweigen unsere Sänger und lassen die Politik allein. Müsste nicht ein erheblich intensiverer Dialog mit dem Islam geführt werden? Müssten die islamischen Intellektuellen nicht zu einer wesentlich aktiveren Terrorismusdebatte gedrängt werden, um gewalttätigen Gruppen ihr religiöses Argument aus der Hand zu schlagen? Müsste nicht unsere eigene Wertediskussion kämpferischer sein, unsere Wertepflege bewusster? Werte sind ein Erbe, werden wir etwas zu vererben haben? „Sittigung, Veredelung, Bildung“ sei die Aufgabe des literarischen Geistes, schrieb Thomas Mann 1910. Wer würde heute noch solche Vokabeln in den Mund nehmen? Aber beschreiben sie nicht immer noch die höchste Aufgabe der Intellektuellen?

Als Wertewächter fungieren in der Gegenwart zumeist Journalisten. Die Medien spielen in Sachen Moral eine gewaltige Rolle. Oft ist es eine gute. Wenn sie jemanden ausliefern, bedeutet das meistens auch die Bestätigung und Befestigung eines Wertekonsenses. Die Fälle Zumwinkel, Guttenberg, Hoeneß, Schwarzer und Wulff zeigten, wie wirksam die Wertewaffe ist – sie zeigten freilich auch ein gerüttelt Maß an Heuchelei. Unsere „Intelligenzija“ zeigte sich im besten Licht, aber um das „Zeigen“ und das „Licht“ (der Scheinwerfer) ging es oft mehr als um die Werte. Die moralische Hinrichtung ist großes Medientheater.

Die großen Bühnen für die Debatten unserer Tage sind die Talkshows. Jauch, Lanz und Will, Illner, Beckmann und Maischberger sind die Dirigenten, die die Musiker auswählen, die Noten verteilen und dafür sorgen, dass jeder seinen Part zu Ende spielen kann. Zwischen den extremen Klangfarben bilden sie tolerante Mitten aus, die für Gesprächskultur sorgen, aber auch für Folgenlosigkeit. Alles wird austariert. Alle Gegenstände, auch die bittersten, dienen zur Unterhaltung. Alles ist Theater oder Schaubühne, freilich ohne den Anspruch, moralische Anstalt zu sein.

Aus der Ästhetisierung herauszukommen und irgendetwas tatsächlich Gutes zu bewirken, danach sehnen sich viele Intellektuelle. Heraus in eine Klarheit und Wachheit und Unbestechlichkeit, die sich nicht resigniert abfindet mit dem ungeheuren Schmutz in vielen Ecken dieser Erde.

Am gesellschaftlichen Auftrag der Intellektuellen hat sich nichts geändert: Wenn ein Problem unlösbar erscheint, dann dürfen sie nicht mit den Achseln zucken, dann müssen sie alles daran setzen, es zu lösen. Wenn die Zukunft ein Tunnel ist, an dem wir alle graben, so müssten die Intellektuellen am Bohrkopf sein. Dort, wo es dunkel und schmutzig ist.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2014

Hermann Kurzke
Professor Dr. Hermann Kurzke ist Verfasser einer Thomas-Mann-Biographie und regelmäßiger Autor der FAZ und der „Literarischen Welt“. Zuletzt erschien „Die kürzeste Geschichte der deutschen Literatur und andere Essays“ (Verlag C.H. Beck, München 2010). www.hermannkurzke.de

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