13.02.2013

August Hermann Francke und seine Stiftungen

Gute Anlage, traumhafte Rendite

Helmut Obst

Vor 350 Jahren wurde der Theologe und Pädagoge August Hermann Francke in Lübeck geboren. 1698 gründete er in Halle ein Waisenhaus und legte damit – nach dem Motto „Weltveränderung durch Menschenveränderung“ – den Grundstein zu einem einzigartigen Sozial- und Bildungswerk.

Die Rede ist von vier Talern und 16 Groschen, die der junge Magister der Theologie August Hermann Francke um Ostern 1695 in der Spendenbüchse seines Studierzimmers im Pfarrhaus des unmittelbar vor den Toren Halles gelegenen Städtchens Glaucha fand.

Hier war er seit 1692 Pfarrer und gleichzeitig Professor für Griechisch und orientalische Sprachen an der noch in Gründung befindlichen Universität von Halle an der Saale. „Als ich dieses [Geld] in die Hände nahm“, so schreibt er, „sagte ich mit Glaubens-Freudigkeit: Das ist ein ehrlich Capital / davon muß man etwas rechtes stifften / ich will eine Armen-Schule damit anfangen.“ 1695 kam ein Waisen­haus dazu. In nur drei Jahrzehnten entstand ein einmaliges Bildungs-und Sozialwerk mit weltweiter Ausstrahlungskraft. Grundlage und Kraftquelle von Franckes Reformwerk war sein existenzieller christlicher Glaube, der sich in Gottes- und Nächstenliebe praktisch verwirklicht.

Francke wollte ein „Universalseminar“ schaffen, einen „Pflanzgarten“, „von welchem man eine reale Verbesserung in allen Ständen in und auserhalb Teutschlandes, ja in Europa und allen übrigen Thei­len der Welt“ erwarten könne. Um das zu erreichen, davon war Francke überzeugt, müsse man bei den Kindern und der Jugend anfangen. Ausgangspunkt seiner Aktivitäten war das Elend der Waisen und Straßenkinder und Ziel die Reformation der Gesellschaft seiner Zeit, der sie tragenden drei „Stän­de“. Das von ihm dafür entwickelte dreigliedrige Schulsystem war in sich offen. Begabung und Cha­rakterstärke zählten, nicht der Stand oder das Geld der Eltern.

Pietistisches Reformzentrum

Am 22. März 1663 in einer angesehenen Familie der Hansestadt Lübeck geboren, studierte Francke alte Sprachen und Theologie. Zur entscheidenden Lebenswende kam es im Herbst 1687. Bei der Vorbereitung einer Predigt wurde ihm bewusst, dass sein Glaube nur ein intellektueller Kopfglaube, kein lebensverändernder Herzensglaube sei. Er geriet in intensive atheistische Anfechtungen. Ein Gebet brachte die Wendung. Darüber schreibt er: „Da ich niederkniete, glaubte ich nicht, dass ein Gott wäre, da ich auffstand hätte ichs wol ohne Furcht und zweiffel mit vergiessung meines Bluts bekräffti­get“. Dieser neu gewonnene ernstliche Glaube bestimmte von da an Leben und Tun Franckes total.

August Hermann Francke wurde nun zu einem der einflussreichsten Vertreter der größten evangeli­schen Erneuerungsbewegung nach der Reformation, des Pietismus. Seine Glauchaschen Anstalten entwickelten sich zu einem der wichtigsten Reformzentren der Zeit. Das betraf nicht nur den Bereich Kirche und Theologie, sondern zum Beispiel auch die Pädagogik. Francke betonte die hohe Bedeu­tung des Realienunterrichtes in der Schule, fragte intensiv nach dem richtigen Verhältnis von Bildung und Erziehung, nach der Rolle von Vorbildern und der Bedeutung von Werten. Wichtiger Teil seines Erziehungskonzeptes waren die später als „preußisch“ bezeichneten Tugenden: Standhaftigkeit, Ord­nung, Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Bescheidenheit und Pflichtgefühl. Freilich enthielt es auch Elemen­te, die heute als falsch und zu rigoros angesehen werden.

Meister der Organisation

Der gläubige Realist Francke war zudem ein glänzender Organisator und Ökonom. Er verstand es nicht nur, Spenden einzuwerben – zu den vier Talern und 16 Groschen kamen innerhalb von sechs Jahren weitere 40.000 Taler hinzu –, er verstand es auch, durch erwerbende Betriebe – Druckerei und Buchhandel, Apotheke mit internationalem Medikamentenversand, Handelsunternehmungen, wach­sender landwirtschaftlich genutzter Grundbesitz – seine Stiftungen auf eine gesicherte wirtschaftliche Grundlage zu stellen.

Absolventen der Anstaltsschulen verbreiteten die Reformgedanken Franckes in weiten Teilen des protestantischen Europas, außerdem in Nordamerika und Indien. Noch sehr vieles und höchst Er­staunliches ließe sich anführen.

Im Todesjahr Franckes, 1727, unterrichteten fast 180 Lehrer über 2100 Schüler und Waisenkinder in Franckes „Pflanzgarten“. Zusammen mit den Mitarbeitern der Wirtschaftseinrichtungen boten die Glauchaschen Anstalten Raum für über 3000 Personen. Allein ihre Versorgung stellte eine logistische Meisterleistung dar.

Nach August Hermann Franckes Tod am 8. Juni 1727 übernahm sein Sohn Gotthilf August Francke (1696–1769) die Leitung der Stiftungen, die Ende des 18. Jahrhunderts nicht zuletzt unter dem Ein­fluss von Aufklärung und Rationalismus in eine Krise gerieten. Erst unter Franckes Urenkel August Hermann Niemeyer (1754–1828) erlebten sie mit einem zeitgemäßen Erziehungs-und Bildungskon­zept eine neue Blüte. Sie blieben eine „Schulstadt“, ihre Direktoren waren jetzt Pädagogen, keine Theologen.

Durch die Umbrüche des 20. Jahrhunderts kam es in den Franckeschen Stiftungen zu einschneiden­den Veränderungen. Lebendige christliche Traditionen wurden immer stärker und in der Zeit der DDR ganz ausgeschieden. Die Erinnerung an Francke und sein Werk blieb dennoch, wenn auch mit Ein­schränkungen, präsent. Selbst zu DDR-Zeiten trafen sich die Schülerinnen und Schüler der traditionsreichsten Schule, der Latina, nach bestandenem Abitur im Lindenhof am Francke-Denkmal mit seiner Aufschrift „Er vertrauete Gott“ zu einer Feier.

Um- und Aufbrüche

Baulich verfielen die Stiftungen immer mehr. Verschiedene Gebäude konnten deshalb nicht mehr genutzt werden. In praktisch letzter Minute vor dem völligen Ruin vieler der 50 Gebäude der Franckeschen „Stadt Gottes“ kam die Wende – und damit die Rettung. 1990 bildete sich ein Freundeskreis, 1992 stell­te die Landesregierung von Sachsen-Anhalt die 1946 aufgehobene Rechtspersönlichkeit der Stiftun­gen wieder her. Der deutschlandweit bekannte damalige Direktor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, Paul Raabe, wurde Stiftungsdirektor, der damalige Außenminister Hans-­Dietrich Genscher übernahm den Kuratoriumsvorsitz. Ein erfolgreiches Ost-West-Aufbauwerk begann. Die baulichen Pläne dazu entwarf der Architekt Wilfried Ziegemeier aus Hannover.

Heute sind die Franckeschen Stiftungen wieder ein lebendiger, vielgestaltiger und ausstrahlungskräf­tiger Bildungskosmos. In fast 50 Einrichtungen arbeiten und lernen über 4000 Menschen. Vieles ist noch zu tun, und die Franckeschen Stiftungen erhoffen sich wie zur Zeit ihrer Gründung noch manche hilfreiche Spende.

August Hermann Francke hat immer wieder betont, er habe sein Werk so angelegt, dass es auch über seinen Tod hinaus Bestand haben könne und in seiner Grundidee, Weltveränderung durch Men­schenveränderung, aktuell bleibe. Er hat sich nicht getäuscht. Die Franckeschen Stiftungen feiern seinen 350. Geburtstag am 22. März 2013 deshalb mit einem international ausgerichteten Jubiläumsprogramm.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2013

Helmut Obst

Prof. Dr. Helmut Obst ist Vorsitzender des Kuratoriums der Franckeschen Stiftungen.  2009 erschien „Reinkarnation. Weltgeschichte einer Idee“ (C.H. Beck).

www.francke-halle.de

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