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Titelthema

„Der Islam steht für Vielfalt“

Titelthema - „Der Islam steht für Vielfalt“
© Illustration: Thomas Fuchs

Islamische Theologie und Religionspädagogik, die von Muslimen in Deutschland für Muslime in Deutschland gemacht wird, kann über Deutschland und Europa hinaus Impulse für das friedliche Zusammenleben in Vielfalt geben.

Fahimah Ulfat01.02.2021

Islamische Theologie als wissenschaftliche Disziplin hat sich in Deutschland im Anschluss an die Empfehlungen des Wissenschaftsrates im Jahr 2010 etabliert. Mittlerweile werden muslimische Theologen und Religionslehrkräfte an sieben Universitäten und drei pädagogischen Hochschulen ausgebildet. Die eigentliche Vorreiterrolle hatte in Deutschland jedoch die Islamische Religionspädagogik. Ihre Etablierung als erstes islamisch-theologisches Fach an deutschen Hochschulen verdankt sich der Herausforderung der Präsenz der muslimischen Kinder an den öffentlichen Schulen in Deutschland. Aus dieser Präsenz und der Notwendigkeit der religiösen Beheimatung der Kinder in Deutschland entstand eine inhaltliche Dynamik, die für die Entwicklung und Etablierung der deutschen Islamischen Religionspädagogik von entscheidender Bedeutung war. In dieser Vorreiterrolle hat die Islamische Religionspädagogik die Verknüpfung der Islamischen Theologie mit der deutschen akademischen Welt und den Bezug zur modernen Wissenschaft in Deutschland hergestellt.

Damit entsteht hierzulande ein islamisch-theologischer Diskurs, der eingebettet ist in den multireligiösen, hoch individualisierten und säkularen Kontext des deutschen Alltagslebens. Dieser finanziell, personell und ideologisch unabhängige deutsche islamisch-akademische Diskurs ermöglicht es, die islamischen Traditionen historisch-kritisch zu erforschen und sie in einem und für einen säkularen multireligiösen Kontext weiterzuentwickeln. Eingebettet in die Zusammenarbeit mit den akademischen Fachwissenschaften wie beispielsweise Psychologie, Soziologie und Islamwissenschaften kann er auf Fragen heutiger Muslime in Deutschland Antworten geben und die Traditionen des Islam in die Gegenwart führen.

Auf der praktischen Ebene stehen die Islamische Theologie und Religionspädagogik dabei vor der Herausforderung, Ergebnisse religionspädagogischer und theologischer Grundlagenforschung in pädagogische Handlungsfelder hinein zu übersetzen, zum Beispiel in Gemeinden, Schulen und Jugendgruppen. Darüber hinaus müssen die deutsche Islamische Theologie und Religionspädagogik aber auch ihre Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit, das Feld der Politik und in die Medien transferieren.

Das verdeutlicht die Relevanz, die die beiden Fächer für die Gesellschaft als Ganzes besitzen, nicht nur durch die Ausbildung zukünftiger weltoffener und verantwortungsbewusster Theologen und Lehrkräfte, sondern auch durch die wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen und Anliegen, die im Zusammenhang mit der Präsenz von Islam und Muslimen in Deutschland entstehen.

Der wahre Islam?

Wie angemerkt, entsteht die deutsche Islamische Theologie in einem multireligiösen, individualisierten und säkularen Kontext. Die religiös-weltanschauliche Pluralität ist eine Konsequenz der globalisierten Welt. Gesellschaftstheoretiker wie Olivier Roy oder Peter Beyer machen darauf aufmerksam, dass die Entwicklung säkularer, liberaler oder radikaler Auffassungen in den Religionen unterschiedliche Antworten auf die Globalisierung darstellen. Meist finden von diesen Antworten die radikalen Varianten die größte öffentliche Aufmerksamkeit, wie beispielsweise die islamische Revolution in Iran und die neue christliche Rechte in den Vereinigten Staaten zeigen. Auch in Deutschland ist die religiöse Landschaft sowohl von offenen Formen als auch von fundamentalistischen Formen der Religionen geprägt. Die für die Globalisierung typische Zuspitzung der Auseinandersetzung zwischen den liberalen und den fundamentalistischen Flügeln der Religionen erzeugt dabei das eigenartige Phänomen, dass die jeweiligen fundamentalistischen Strömungen in der Öffentlichkeit den Status der „wahren“, weil angeblich überhistorischen Religion häufig für sich reklamieren können.

In der klassischen Zeit des Islam finden wir dagegen keinerlei Ansichten von Denkern, die von einer „wahren“ islamischen Sichtweise gesprochen hätten. Vielmehr wurden theologische Positionen als Meinungen in einem offenen Diskurs aufgefasst und keine Seite konnte für sich in Anspruch nehmen, so etwas wie einen „wahren“ Islam zu repräsentieren.

Bedauerlicherweise zeichnet sich in muslimisch geprägten Gesellschaften seit Beginn der Moderne eine Entwicklung ab, die mit dem Verlust an Toleranz gegenüber allem, was religiös vieldeutig und plural ist, einhergeht. Der Islam steht jedoch für Vielfalt. Es gibt kaum einen Bereich, in dem es nur eine gültige Meinung zu einer religiösen Frage gibt. Die alte Toleranz gegenüber Vielfalt, die zu Respekt und Anerkennung anderer Meinungen und Ansichten führte, gilt es wiederzubeleben, nicht nur bezüglich der innerislamischen Pluralität, sondern auch bezüglich religiöser und weltanschaulicher Pluralität überhaupt.

In dieser Hinsicht spielt religiöse Bildung eine Schlüsselrolle. Im islamischen Religionsunterricht können Kinder und Jugendliche Pluralitätsfähigkeit als Kompetenz erwerben, sich also reflektiert, informiert und friedlich mit Pluralität auseinandersetzen. Darüber hinaus gewinnen sie aber auch eine Orientierung in der religiös-weltanschaulichen Vielfalt, die zu einem Zusammenleben in Frieden und Toleranz, wechselseitiger Anerkennung und Respekt beiträgt.

Die Islamische Theologie und Religionspädagogik hat in Deutschland durch den freiheitlichen demokratischen Kontext die Chance, religiöse Diskurse nicht zu identitären Diskursen verkommen zu lassen, die zur Selbstausschließung der Muslime und zu fundamentalistischen Anschauungen führen. Stattdessen ermöglicht sie wissenschaftlich reflektierte theologische Diskurse, die eine Orientierung bieten im Spannungsfeld zwischen innerislamischen Differenzen einerseits und einer säkularen, pluralen und globalisierten Welt andererseits. So kann es mit Hilfe einer in Deutschland entstehenden Islamischen Theologie und Religionspädagogik, die von den Ideen der Vernunft, Offenheit und Gleichberechtigung geprägt ist, gelingen, für die muslimischen Jugendlichen wie für die muslimischen Erwachsenen eine Flexibilität im Denken, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und religiöse Selbstbestimmung zu ermöglichen. So werden die Potenziale der religiösen Welten fruchtbar, um ein friedliches und respektvolles Zusammenleben in der deutschen Gegenwartsgesellschaft zu gewährleisten. Islamische Theologie und Religionspädagogik, die von Muslimen in Deutschland für Muslime in Deutschland gemacht wird, kann aber auch über Deutschland und Europa hinaus Impulse für das friedliche Zusammenleben in Vielfalt geben.

Fahimah Ulfat

Fahimah Ulfat ist Professorin für Islamische Religionspädagogik am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen. Sie leitet das Institut für islamisch-religionspädagogische Forschung und befasst sich unter anderem mit der empirischen Erforschung des Islamischen Religionsunterrichts, der interreligiösen Bildung und der Glaubens- und Wissenskonzepte muslimischer Kinder und Jugendlicher.