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Im Fokus

Ist die Kultur eine Boombranche?

Im Fokus - Ist die Kultur eine Boombranche?
© Nicolás García

Rita Thies zum Verhältnis von Arbeitsmarkt, Zahlen und Kulturarbeit.

29.01.2014

Der Arbeitsmarkt Kultur boomt – so werden in der öffentlichen Wahrnehmung die Ergebnisse der  Monitoringberichte der Bundesregierung zum Thema (Initiative Kultur- & Kreativwirtschaft) knapp zusammengefasst. Mittlerweile zählt die Republik circa eine Million Beschäftigte  in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Ist Deutschland auf dem Weg, ein Eldorado der Kultur, gar eines für Kulturschaffende, für Künstlerinnen und Künstler zu werden?

Die Kultur- und Kreativwirtschaft umfasst per Definition elf  Branchen bzw. Teilmärkte: die Musikwirtschaft, den Buchmarkt, den Kunstmarkt,  die Filmwirtschaft, die Rundfunkwirtschaft, den Markt für darstellende Künste, den Architekturmarkt, die Designwirtschaft, den Presse- und den Werbemarkt sowie die Software-/Games-Industrie.  Die vier zuletzt genannten Teilmärkte erwirtschaften zwei Drittel der  Umsatzleistung des Gesamtmarktes. Diese wenigen Hinweise zeigen, dass bei der Betrachtung der Kultur- und Kreativwirtschaft insgesamt viele  Wirtschaftsgebiete und Leistungen berücksichtigt werden, die (ganz kreativ) unter „Kreativwirtschaft“ subsumiert werden, aber dem Arbeitsmarkt Kultur eher fern sind.

So sind auch die Monitoringberichte für den Arbeitsmarkt Kultur eben nur bedingt aussagefähig,  zumal hier nur diejenigen Unternehmen berücksichtigt werden, die überwiegend erwerbswirtschaftlich tätig sind und unter das Umsatzsteuerrecht fallen.

Tendenzen, die für den gesamten Branchenkomplex gelten, beschreiben die Realität, die all diejenigen kennen, die im Bereich der Kulturwirtschaft tätig sind: die hohe Anzahl von Klein- und Kleinstbetrieben, die hohe Selbständigenrate, die mit 26 Prozent zweieinhalb mal so hoch wie in der Gesamtwirtschaft liegt.

»Kultur rechnet sich oft nicht, zahlt sich aber aus«

 

Ein weiterer Weg, den Arbeitsmarkt Kultur zu erkunden, führt über die Betrachtung der Kulturförderung. Zwar rechnet sich Kultur wirtschaftlich in vielen Bereichen leider nicht, zahlt sich aber, wie wir wissen, gesellschaftlich aus. Sinnstiftung und Glücksempfinden spielen zwar bei der Berechnung der Bruttowertschöpfungsbeiträge keine Rolle, aber die lange Tradition der Kulturpflege und –förderung durch die öffentliche Hand hat in Deutschland zu einer Vielfalt der Kulturlandschaft geführt, um die uns andere Länder beneiden und auf die wir mehr oder weniger (nach Bezug) stolz sind.

So werden 90 Prozent der Ausgaben für Kunst und Kultur durch Bund, Länder und Gemeinden getragen, nur 10 Prozent werden privat finanziert. Etwas mehr als neun Milliarden Euro stellt die öffentliche Hand in Deutschland jährlich für Kulturfinanzierung zur Verfügung. Was bekommen Bürgerinnen und Bürger dafür?

Um nur ein paar wenige Zahlen zu nennen:  Der Deutsche Museumsbund zählt mehr als 6000 Museen. Der Deutsche Bühnenverein kommt bei allen öffentlichen und privaten Theatern und Orchestern in der Republik auf 35 Millionen Zuschauer im Jahr. Allein der Bereich der öffentlich getragenen Theater (143) und Orchester (131) stellt rund 38.000 Arbeitsplätze....

Die Zahlen verweisen auf einen erheblichen Anteil am Arbeitsmarkt Kultur, der über die öffentliche Förderung sichergestellt wird. Aber wie entwickelt sich dieser, angesichts der Tatsache, dass  die öffentlichen Haushalte gegen die Verschuldung kämpfen und oft zuerst bei der Kultur sparen?  Zumal erschwerend für die Kulturinstitutionen und -initiativen hinzukommt, dass auch der ohnehin schon geringe Anteil der privaten Förderung durch die Zurückhaltung der Unternehmen in der Finanzkrise stetig abgenommen hat.

Der Deutsche Kulturrat kommt in seiner im letzten Jahr vorgelegten Untersuchung „Arbeitsmarkt Kultur“ zu dem Ergebnis, dass die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen im Bereich Kunst und Kultur sowohl bei den Kulturschaffenden als auch bei Vermittlern und Verwertern ständig fortschreitet. So ist auffällig, dass trotz der steigenden Anzahl der Erwerbstätigen der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sinkt. In den öffentlichen Bibliotheken ist er beispielsweise in den letzten zehn Jahren um zwölf Prozent geschrumpft.

Ein Blick in die Daten der Künstlersozialkasse zeigt, wie verheerend  sich die Lage für Selbständige  in vielen Bereich entwickelt: Das Durchschnittseinkommen für Bildende Künstler wurde für 2013 bei Frauen mit 11.971,- Euro und bei Männern mit 16.331,- Euro im Jahr (!) angegeben. Unabhängig von der Tatsache, dass diesen Daten noch einige Probleme bei ihrer Erhebung innewohnen, zeigen sie in der Tendenz, wie prekär die Lage für viele ist, die im Kulturbereich arbeiten. Übrigens zeigt sich auch hier quer durch die Statistiken, dass Frauen gegenüber Männern noch einmal schlechter verdienen: der Unterschied beträgt in allen Berufsfeldern, die die Künstlersozialkasse abdeckt, 25-32 Prozent.

Kellnern und Taxifahren gehören zum Alltag

Dazu kommt, dass nur bei den wenigsten frei arbeitenden Künstlern und Kulturschaffenden das Geld allein mit Kunst und Kultur erwirtschaftet wird. Aushilfsjobs wie Kellnern und Taxifahren etc. gehören zum Arbeitsalltag. Beispielsweise gehen Schätzungen davon aus, dass maximal fünf Prozent der Bildenden Künstlerinnen und Künstler von ihrer Kunst leben können. Ebenfalls schätzt man, dass Bildende Künstler pro Jahr im Schnitt zwischen 3000,- und 5000,- Euro durch den Verkauf ihrer Kunstwerke erzielen. Gleichzeitig hat sich ein Kunstmarkt entwickelt, auf dem für einige Werke – meist von toten Künstlern – irrsinnige Preise bezahlt werden: Erinnert sei nur an die Versteigerung von „Der Schrei“ (Edvard Munch, 1895) im Jahr 2012 für 120 Millionen Euro.

Insgesamt bleibt unter dem Strich festzustellen, dass der boomende Arbeitsmarkt Kultur schöngeredet wird, dass die Zahl der Menschen, die auch dort in prekären Verhältnissen arbeitet, stetig zunimmt. Bei diesen größtenteils gut ausgebildeten Arbeitskräften verwundert es doch, dass die eigene Lebenssituation nicht lautstärker problematisiert wird. Doch auch hier gilt, dass der mögliche  Statusverlust – wer wenig verdient, ist nichts wert, ist nicht gefragt -  verhindert, über prekäre Verhältnisse zu reden.

Nicht zu unterschätzen bleibt sicher in Kunst und Kultur die Möglichkeit, sich trotz geringen Einkommens Wertschätzung oder innere Zufriedenheit über das eigene künstlerische Schaffen oder die Kulturarbeit zu erlangen. Das kann aber nicht zu einer zynischen Arbeitsmarktdebatte im Bereich Kunst und Kultur  nach dem Motto führen „ wo schon erfüllt gearbeitet wird, reicht der Applaus als Bezahlung...“

Insofern sind alle politischen Bemühungen zu unterstützen, im Arbeitsmarkt von Kunst und Kultur in den Städten, Ländern und im Bund sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze nicht weiter abzubauen und  gleichzeitig die Künstlersozialkasse auszubauen. Die  Auflistung der vielen Einzelmaßnahmen, die helfen würden, die Situation für viele im Arbeitsmarkt Kultur sinnvoll zu verbessern, würde den Rahmen dieses Beitrages hier sprengen – kaufen Sie bei den Künstlern und Galeristen in Ihrer Nähe...?

Die Autorin Rita Thies, geboren 1960 in Krefeld, war elf Jahre lang Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Wiesbaden (zusätzlich auch Schul- bzw. später Umwelt- und Hochbaudezernentin). Vor ihrem Umzug nach Wiesbaden arbeitete die gelernte Oberstufenlehrerin einige Jahre als Referentin für den Stellvertretenden Ministerpräsidenten in NRW und war zuvor auch (ehrenamtliche) Bürgermeisterin in ihrer Geburtsstadt. Heute ist sie als Kulturmanagerin und –beraterin selbständig tätig. Sie ist Mitglied im Rotary Club Wiesbaden-Nassau.