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Titelthema

Der einzige Weg

Titelthema - Der einzige Weg
Wird der natürliche Rohstoff Phosphor (großes Bild) in die Landwirtschaft zurückgeführt, braucht es weniger Chemie auf dem Acker. © Adobe Stock, Picture Alliance/Westend61

Wenn wir die Erde für nachfolgende Generationen erhalten wollen, reicht es nicht aus, weniger schlecht zu sein. Jeder kann einen positiven Fußabdruck hinterlassen.

Michael Braungart01.06.2024

Haben Sie heute beim Essen auf Bio-Lebensmittel geachtet, deren Anbau unsere Böden etwas weniger auslaugt als konventionelle Lebensmittel? Oder haben Sie ein technisches Gerät zur Reparatur gebracht, anstatt es durch ein neues Gerät zu ersetzen? Wenn ja, dann haben Sie heute im Sinne dessen gehandelt, was wir seit Jahrzehnten in der Breite mit Blick auf den Umweltschutz diskutieren: Sie haben dafür gesorgt, dass die Umwelt weniger stark belastet wird. Auf diesem Stand befinden wir uns derzeit auch in der Diskussion über eine Kreislaufwirtschaft. Dass wir sie dringend brauchen, ist Konsens. Doch bei der Umsetzung setzen wir die Ziele nach wie vor so, dass wir die negativen Auswirkungen unserer heutigen linearen Wirtschaft höchstens verringern werden. Mit dem Ergebnis, dass wir Menschen uns durch unser dann als nachhaltig eingestuftes Handeln – ob in Produktion oder beim Konsum – als etwas weniger schlimme Schädlinge wahrnehmen können.


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Die Gemeinsamkeiten zwischen Cradle to Cradle (deutsch: von der Wiege zur Wiege) und Rotary enden nicht auf einer sprachlichen Ebene. Rotieren, sich im Kreis bewegen, genau das ist es, was wir beim Umgang mit endlichen Rohstoffen erreichen müssen, wenn wir eine echte Kreislaufwirtschaft oder Circular Economy erreichen wollen. Mindestens ebenso wichtig ist aber ein Menschenbild, das Cradle to Cradle und Rotarier teilen: Wir leben eine Kultur des Unterstützens und des Förderns, in der wir den Menschen als Chance begreifen. Der Mensch kann ein Nützling sein, der in der Lage ist, seinen negativen Fußabdruck nicht nur zu verringern, sondern einen großen positiven Fußabdruck zu hinterlassen.

Diese Kultur ist übertragbar auf unseren Umgang mit Ressourcen, für den wir uns positive Ziele setzen müssen, anstatt weiterhin das Schlimmste zeitlich hinauszuzögern. Es bringt uns nicht weiter, lineare Produkte und Prozesse effizienter zu gestalten, um dadurch etwas weniger Müll zu erzeugen. Und auch unsere heutigen Reduktionsziele für CO₂-Emissionen bringen uns nicht weiter. Sie werden uns vor den Folgen des Klimawandels nicht schützen. Stattdessen müssen wir uns das Ziel setzen, bis 2100 wieder die CO₂-Mengen von 1900 in der Atmosphäre zu haben und Kohlenstoff als das behandeln, was er ist: eine wertvolle Ressource, die wir in Kreisläufen halten müssen. Es reicht auch nicht aus, Biodiversität und Böden zu schützen, wir müssen beides aktiv aufbauen und fördern, durch eine regenerative Bio-Land- und Forstwirtschaft, die Lebensräume schafft und dem Boden die Nährstoffe wieder zuführt, die wir ihm entnehmen. Etwa indem wir Phosphor als essenziellen Nährstoff für Pflanzenwachstum aus Abwässern und menschlichen Reststoffen zurückgewinnen und wieder in die Landwirtschaft führen.

Der Kirschbaum als Vorbild

Weniger schlecht ist eben noch lange nicht gut. Wir brauchen Produkte und Prozesse, die positive Auswirkungen haben – auf uns Menschen und auf die Umwelt. Die Natur macht es uns vor: Der Kirschbaum wirft im Frühling einen großen Teil seiner Blüten ab, die unbestäubt zu Boden fallen und zum Nährstoff für den Baum sowie alle Organismen in seiner Nähe werden. Nebenbei emittiert er unter anderem Sauerstoff, bindet CO₂ und produziert Lebensräume und Nahrungsmittel. Der Kirschbaum ist weder sehr effizient noch bekannt für „zero emissions“, er emittiert und produziert im Gegenteil im Überfluss – aber jede Emission, jedes Produkt ist dabei nützlich und positiv und wird zum Nährstoff für etwas Neues. Mit Cradle to Cradle übertragen wir diesen natürlichen Kreislauf auch auf die von uns geschaffene Technosphäre. Indem wir nur Materialien verwenden, die kreislauffähig und gesund und für das Nutzungsszenario eines Produkts geeignet sind. Wenn ein Material bei der Nutzung abgerieben oder abgenutzt wird und Teile davon in die Umwelt gelangen, dann muss das Material auch dafür geeignet, also vollständig biologisch abbaubar, sein. Wenn keine Bestandteile in die Umwelt gelangen, dann muss ein Produkt oder Material so beschaffen sein, dass es endlos in technischen Kreisläufen zirkulieren kann, also nach der Nutzung in einem Produkt immer wieder ohne Qualitätsverlust sortenrein recycelt oder direkt wiederverwendet werden kann. Der Aufbau von Boden- und Biodiversität, die Kreislaufführung von Wasser, die Nutzung erneuerbarer Energie aus kreislauffähigen Anlagen und positive soziale Auswirkungen in der Produktion gehören ebenso zum Kern des Cradle-to-Cradle-Konzepts wie das zukunftsfähige Produktdesign.

2024, titelthema, der einzige weg
© Illustration: Cyprian Lothringer

Biospähre
Verbrauchsmaterialien zirkulieren im biologischen Kreislauf

Technospähre
Gebrauchsmaterialien zirkulieren im technischen Kreislauf

Kreislaufwirtschaft nach C2C
In der Biosphäre zirkulieren Materialien in kontinuierlichen biologischen Kreisläufen. Wenn Bestandteile eines Produkts bei der Nutzung in die Umwelt gelangen, muss das Material dafür geeignet, also zu 100 Prozent biologisch abbaubar sein. In der von Menschen gemachten Technosphäre zirkulieren Materialien in kontinuierlichen technischen Kreisläufen. Rohstoffe stehen begrenzt auf der Erde zur Verfügung. Deshalb müssen sie in gleichbleibend hoher Qualität erhalten werden. 

 Quelle: C2C NGO


Wir können damit bei einfachen Prozessen und einfachen Produkten anfangen. Bei der Untersuchung von Verpackungen bei einem Discounter habe ich 52 unterschiedliche Arten von Plastik gefunden. Meistens Verbundstoffe, versetzt mit Zusätzen wie Weichmachern oder giftigen Farben. Wir brauchen all diese schlecht designten Materialien und Produkte nicht, wir brauchen kreislauffähig designte Verpackungen, die keine Gefahr für Mensch und Umwelt sind. Nur damit bekommen wir das Mikroplastikproblem in den Griff. Ein Pfand auf alle Verpackungen würde dazu beitragen, dass die dafür verwendeten Materialien nach der Nutzung zurück in die Kreisläufe der Technosphäre gelangen. Abrieb von Schuhsohlen entsteht bei jedem Schritt, daher muss er zur Nahrung für Mikroorganismen werden können, also biologisch abbaubar und für die Biosphäre geeignet sein.

Die Belastung mit Mikroplastik, meistens versetzt mit giftigen Stoffen wie Weichmachern, ist heute bereits so hoch, dass es weltweit keine menschliche Zelle gibt, in der kein Mikroplastik nachgewiesen werden kann. Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFAS; sogenannte Ewigkeitschemikalien), die für Beschichtungen und Oberflächenbehandlungen eingesetzt werden, bauen sich nicht ab, reichern sich in der Umwelt mit weiteren Schadstoffen an und werden seit Jahrzehnten im Trinkwasser, in Böden, Futtermitteln und Verpackungen nachgewiesen. Wir müssen uns also nicht wundern, dass Herzkrankheiten und Schlaganfälle immer häufiger werden. Noch immer enthalten knapp drei Prozent aller Verpackungen zudem PVC. Vinylchlorid ist nicht nur krebserregend und erbgutverändernd, es kann aufgrund von Zusätzen auch nicht im Kreislauf geführt werden. PVC-haltige Verpackungen werden also zur Energieerzeugung verbrannt, wobei schädliche Dioxine entstehen können. Es ist Wahnsinn, dass dieses Material in Verpackungen noch erlaubt ist. Nach Cradle to Cradle designte Verpackungen sind dagegen so konzipiert und produziert, dass jedes einzelne Element davon zurück in seinen Kreislauf geführt werden kann.

Recht auf Intaktheit statt auf Reparatur

Unternehmen können neben der Entwicklung von effektiven Produkten auch durch zirkuläre Geschäftsmodelle dazu beitragen, Materialströme zu schließen. Wir müssen speziell technische Gebrauchsprodukte als Dienstleistung anbieten. Das Eigentum an einer Wärmepumpe kann beim Hersteller bleiben, wenn er statt des Geräts die Nutzung der Heizleistung für 20 Jahre verkauft. Nach diesem Zeitraum erhält er die Wärmepumpe zurück und kann alle darin verbauten Materialien wieder für seine Produktion verwenden. Für einen klugen Umgang mit Ressourcen brauchen wir daher auch kein Recht auf Reparatur, sondern vielmehr ein Recht auf Intaktheit und Funktionalität. Die Übertragung von Eigentum ist eine Triebfeder unserer linearen Wirtschaft und funktioniert bei einem wachsenden Markt nur dann, wenn ich möglichst viel möglichst billig herstelle, auch zulasten der Qualität. Durch zirkuläre Geschäftsmodelle für kreislauffähige und materialgesunde Produkte können wir bei Wärmepumpen verhindern, dass ihnen das gleiche Schicksal widerfährt wie Fotovoltaikanlagen, bei denen deutsche Produzenten trotz aller Subventionen vom Angebot aus China überrannt und aus dem Markt gedrängt wurden: Möglichst viel und möglichst billig können andere Regionen der Welt besser und schneller als wir in Europa. Wir brauchen Cradle to Cradle also auch, um unseren Standort zukunftsfähig zu machen. Wenn wir möchten, dass europäische Industrien überleben und erfolgreich bleiben oder werden, dann ist eine Circular Economy, die auf Cradle to Cradle basiert, der einzige Weg. Denn nur so können wir zirkuläre Wertschöpfung in Europa aufbauen und erhalten.

Wenn heute in Deutschland über Kreislaufwirtschaft diskutiert wird, dann geht es in den meisten Fällen um die Frage, wie ein Produkt oder seine Bestandteile noch ein oder zwei Recyclingschleifen drehen können, die bei genauer Betrachtung Downcyclingschleifen sind, bevor sie dann doch zu wertlosem Müll werden. Eine wirkliche Kreislaufwirtschaft ist das aber nicht, denn diese kommt nicht ohne ein Produkt- und Prozessdesign aus, die echte Kreislaufführung überhaupt erst ermöglichen. Reduktion und Verzicht versetzen uns nicht in die Lage, das Leben und unser Menschsein ohne schlechtes Gewissen feiern zu können. Cradle to Cradle hingegen schon. Weil wir dem Planeten und unserer eigenen Gesundheit dadurch nicht länger nur etwas weniger schaden, sondern weil wir dann Nützlinge sind, eine echte Chance für uns und unsere Umwelt. 

Michael Braungart

Michael Braungart lehrt an der Leuphana Universität in Lüneburg und ist Gründer der EPEA – Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg, der Wiege von Cradle to Cradle. Er ist einer der beiden Begründer des Cradle-to-Cradle-Designkonzepts, welches die Basis für den Green Deal und das Circular-Economy-Programm der Europäischen Union ist.


© Raphael Gabauer