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Hoffmeisters Empfehlungen

Kleine Fluchten

Hoffmeisters Empfehlungen - Kleine Fluchten
© Jessine Hein/Illustratoren

Von Glück und Zumutung des Reisens in Zeiten des Massentourismus

Martin Hoffmeister01.08.2018

Was bedeutet Reisen in seiner ursprünglichen, existenziellen Dimension? Eine Antwort darauf finden nur die wenigsten. In Zeiten des Massentourismus und allgemeinen Bewegungsfurors scheint bereits der Aufbruch in andere Welten unterminiert von indifferenter Erwartung. Ob Reisen weiterhin als erkenntniszeitigende, bildende, zumal inspirierende Kategorie taugt, obliegt der ohnehin getrübten Wahrnehmung des Einzelnen. Was bleibt jenseits touristischen Spektakels, esoterischer Spa-Kultur, sportiven Dogmatismus’ und paranoischer Fluchtbewegung, spielt abseits allzu menschlichen Erholungsnivellismus’.

Der preußische Naturforscher und Publizist Alexander von Humboldt gehörte zu den denkerischen Grenzgängern und Enthusiasten der europäischen Wissenschaftsgeschichte. Seine Emphase galt der Vermessung der Welt, zumal den vielschichtigen Wechselwirkungen von Natur und Kultur. Exzessiv, vital und von unbändiger Neugier getrieben, suchte Humboldt während zahlloser Expeditionen das Welt(ge-)wissen neu zu definieren. Seine nachhaltigste Reise führte in die amerikanischen Tropen, wo er minuziös Tagebuch führte und Hunderte von Skizzen anfertigte. Eine exemplarische Auswahl der insgesamt 4500 Manuskriptseiten versammelt vorliegender Band. Kein Detail scheint dem skrupulösen Blick des Forschers zu entgehen, kaum vermag er wechselndes Befinden verbal zu domestizieren. Sprachmächtig manifestieren sich Entsetzen, Elend und Abscheu ebenso wie Überwältigung und Euphorie. Reflexionen über Länder und Menschen stehen neben Einlassungen zu Themen wie „Menschenopfer“, Sklaverei, Palmenarten, Sprachidiome oder Vulkanologie. Ans Ende aller Erkenntnis tritt Demut: „Glücklich der Mensch, der seine Grenzen erkennt und nicht die Wolken für den Horizont hält …“

Florian Noack, CD, Album d'un Voyageur
© LDV

Düfte, Bilder, Klänge: Nicht selten imaginiert der Reisende bereits im Vorfeld der Ankunft die zu erwartenden auratischen Wegmarken. Das halluzinatorische Sich-Einstimmen auf Orte, Landschaften, Speisen oder akustisches Ambiente erkennt sich als sinnenfrohes, unbeschwertes Vor-Spiel. Für Kopf-Reisen in elf verschiedene Länder steht das aktuelle Album (Album d’un Voyageur) des belgischen Pianisten Florian Noack. Entlang einschlägiger Preziosen bekannterer und unbekannterer Meister wie Brahms, Grieg, Schubert, Komitas, Martucci oder Grainger erkundet Noack die zumeist tänzerisch geprägten, regionen-spezifischen Klang-Idiome. In Originalkompositionen und Bearbeitungen begegnen sich russische Lieder, armenische Tänze, Walzer und englischer Folklore abgelauschte Piano-Kleinodien – mit Esprit, Verve, nuancierter Anschlagskultur und eminenter Farbpalette dargeboten von einem der profiliertesten Nachwuchsmusiker der internationalen Szene.

Zu Einkehr, Besinnung und Kontemplation lädt die Gemeinde Karthaus im Südtiroler Schnalstal ein. Im Mittelalter klösterliche Heimstatt des Kartäuser Ordens bietet der unaufgeregte Marktflecken umgeben von magischer Bergkulisse heute mit dem Hotel Zur Goldenen Rose insbesondere Wanderern, Ruhesuchenden und Kulinarikern ein stilvolles wie weltvergessenes Refugium, das gastliche Tradition verbindet mit zeitgemäßer Ausstattung. Wo bereits im 15. Jahrhundert dem Reisenden Unterkunft gewährt wurde, vermögen in diesen Tagen sublime Kochkunst, exemplarischer Service und kultiviertes Ambiente für sich einzunehmen. 

Hotel Zur Goldenen Rose, Schnals, Südtirol
© Martin Hoffmeister

Informationen:

  • Alexander von Humboldt, Das Buch der Begegnungen. Aus den Amerikanischen Reisetagebüchern, Manesse, 416 Seiten, 45 Euro
  • Florian Noack, Album d’un Voyageur, La dolce volta, LDV 43, CD
Martin Hoffmeister

Martin Hoffmeister publiziert regelmäßig in nationalen und internationalen Magazinen und Zeitungen. Als Redakteur im Kulturressort des MDR-Hörfunk beobachtet er die Musik- und Literaturszene seit mittlerweile drei Jahrzehnten. Im Rotary Magazin empfiehlt er Neuerscheinungen aus dem Kulturleben und Fundstücke von seinen Reisen.

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