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"Lebendig und besessen, von furchtbarer Energie"

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Eduard Bargheer: "Trommleruniform und Trommel", 1939, Öl auf Leinwand © Peter Glasmacher

Das Eduard-Bargheer-Museum in Hamburg präsentiert derzeit Bilder des schaffensfreudigen Künstlers aus den Jahren 1934 bis 1954.

Peter Glasmacher01.12.2019

Bargheers Werk stellt „den wahrscheinlich wichtigsten Beitrag  Hamburgs zur Malerei der Moderne“ dar – sagte einst der frühere Hamburger Kulturpolitiker und Kunsthistoriker Volker Plagemann. Seit über zwei Jahren macht es sich ein privates Museum zur Aufgabe, diesen „Beitrag“ zu dokumentieren, und lockt sowohl die Hamburger als auch kunstbeflissene Touristen und Spaziergänger in das historische Gebäude am Eingang des elbnahen Jenischparks im Westen der Stadt.

Von der Elbe nach Frankreich, Holland und Italien
Die Lage ist ideal, denn Eduard Bargheer wurde direkt gegenüber auf der anderen Seite des Flusses, in Finkenwerder, geboren, am ersten Weihnachtstag des Jahres 1901. Die Jugend in Finkenwerder, damals noch eine Elbinsel ohne feste Landverbindung, die Faszination des Wassers mit seinen Naturgewalten und die Liebe zur norddeutschen Landschaft haben den Maler zeitlebens geprägt. Später notiert er: „Der Ausgangspunkt meiner Erlebnisse, die zur Gestaltung in der Malerei drängten, war die Elbe, der große Strom mit seinen Gezeiten, der Ebbe und Flut, welcher mein Leben reich machte mit der ganzen Riesenskala seines Temperaments.“ Nach dem frühen Tod des Vaters, von Beruf Lehrer, untersteht Eduard der Vormundschaft seines älteren Bruders, der ihn gegen seinen Willen drängt, ebenfalls Lehrer zu werden. 1924, nach Abschluss des Studiums am Volksschullehrerseminar, folgt Bargheer der inneren Stimme und seiner Berufung: er besucht die Kunstschule Gerda Koppel und wird Maler. Obwohl kein Geringerer als Friedrich Ahlers-Hestermann zu seinen Lehrern zählt, ist er mehr Autodidakt als akademischer Kunststudent, mit wachen Augen alle Einflüsse der Moderne begierig aufnehmend, aber ebenso fasziniert von den Meistern der Frührenaissance wie Piero della Francesca. Ausgedehnte Reisen führen ihn unter anderem nach Italien, Belgien, Holland und 1927 nach Paris – sein dort in Öl entstandenes Selbstporträt zeigt einen selbstbewussten jungen Künstler, der, in der Weltstadt Paris angekommen, auch äußerlich seine Herkunft aus beengten Verhältnissen hinter sich gelassen hat. „So ein Bild malt man nur einmal im Leben“, kommentiert Horst Janssen später voller Bewunderung. 1929 wird Bargheer Mitglied der Hamburger Sezession, der er bis zu ihrer Selbstauflösung im Jahr 1933 angehört. Dort entstehen Kontakte zu den Künstlern der damaligen Hamburger Avantgarde, insbesondere die lebenslang andauernde Freundschaft zu Gretchen Wohlwill, mit der er diverse Reisen unternimmt. Erste Ausstellungen und Verkäufe sowie ein eigenes Atelier in der Ness-Kate in Finkenwerder sind Stationen seiner frühen Erfolge, bereits 1930 erwirbt Gustav Pauli eines seiner Gemälde für die Hamburger Kunsthalle. Erneute Studienreisen nach Italien und – finanziert durch ein Stipendium der Stadt Hamburg – nach Paris fördern zu Beginn der 30er Jahre die weitere künstlerische Entwicklung. 1935 reist er erstmalig nach Ischia, eine Insel, die ihn mit ihrer Vulkanlandschaft und dem mediterranen Licht sofort fasziniert und in ihren Bann schlägt. In S. Angelo lernt er den Maler Werner Gilles kennen, mit dem er lebenslang befreundet bleibt. In Bern begegnet er Paul Klee, der ihn stark beeindruckt und den Jüngeren auf seinem künstlerischen Weg mit dem Satz ermutigt: „Halten Sie sich an das Sichtbare.“ Diesen Rat hat er zeitlebens beherzigt: Ausgangspunkt seiner Malerei bleibt stets der Gegenstand, auch wenn dieser im Laufe der Zeit immer stärker abstrahiert wird. Bargheer, ein „kleiner, strammer, cholerischer, rotbackiger, reizender Mann, erschreckend lebendig und besessen, von furchtbarer Energie“, wie ihn Samuel Beckett 1936 charakterisiert, pflegt zu vielen Intellektuellen seiner Zeit freundschaftlichen Kontakt, etwa zu Erwin Panofsky, Will Quadflieg, Marion Gräfin Dönhoff, Erika und Klaus Mann, Hans-Werner Henze und Wystan Hugh Auden.

Schleichende Entfremdung während der Kriegsjahre
Die aktuelle Ausstellung des Bargheer-Museums mit dem Titel „Krieg und Frieden“ beleuchtet das künstlerische Schaffen Bargheers in der dramatischen Zeit zwischen 1934 und 1954. Es ist vielfach belegt, dass Bargheer die Nationalsozialisten entschieden ablehnte und sich verhaltenkritisch über die vorherrschende neue „Kunstauffassung“ äußerte. Geschickt versteht er es, sich nicht vom Regime vereinnahmen zu lassen und zunächst unbehelligt weiterzuarbeiten und sogar öffentliche Aufträge zu erhalten. Obwohl er durchaus gut verkauft, fühlt er sich durch die zunehmenden Repressalien immer wieder bedrängt und in der persönlichen und künstlerischen Freiheit eingeschränkt, was zu einer schleichenden Entfremdung der deutschen Heimat führt. Einige seiner Werke werden von fremder Hand übermalt oder als „entartet“ eingestuft, beschlagnahmt und vernichtet. Als sich 1939, kurz vor Kriegsbeginn, die Möglichkeit bietet, in Florenz am deutschen kunsthistorischen Institut an einer Arbeit über Michelangelo mitzuwirken, kehrt er Deutschland den Rücken und lebt seither abwechselnd in Florenz und auf Ischia. Das sich ankündigende Unheil wird noch in Hamburg mit düster-ahnungsvollen Bildern wie dem einer Metapher gleichenden „Stilleben mit toter Meise“ verarbeitet, nach der Ankunft in Italien entstehen die „Ruderer“ als Sinnbild des Aufbruchs und 1941 als Reaktion auf Hitlers Einmarsch in Russland das Gemälde „Der Spuk (Tanzende Lemuren)“. Um einer möglichen Einberufung zum regulären Wehrdienst zuvorzukommen, arbeitet er von Mitte 1942 bis Kriegsende im zivilen Kriegsdienst als Dolmetscher bei der deutsch-italienischen Kriegsmarinewerft in La Spezia.

Pendler zwischen Ischia und Hamburg
Als die Amerikaner im Sommer 1944 nach Florenz vorrücken, taucht Bargheer mithilfe des Kardinals Elia dalla Costa unter und verfolgt die Straßenkämpfe aus seinem Versteck in den Boboli-Gärten. Die Eindrücke dieser Tage hält er in diversen Aquarellen fest. Nach Ende der Kämpfe wird er von den Amerikanern als Nazi-Gegner anerkannt und kann als freier Mann in die legendäre Pension Bandini zurückkehren, in der zuvor bereits andere vor den Nazis geflohene deutsche Maler wie Kurt Craemer, Karli Sohn-Rethel, Heinrich Steiner und Rudolf Levy Zuflucht gefunden hatten. Nach dem Krieg erfährt Bargheer auch international Anerkennung und stellt 1948 und 1950 auf der Biennale in Venedig sowie 1955 und 1959 auf der documenta aus. Er lebt fortan abwechselnd in Forio auf Is chia, wo er bereits 1948 zum Ehrenbürger ernannt wird, und in seinem reetgedeckten Fischerhaus am Elbhang in Blankenese. In den 1960er Jahren unternimmt er zahlreiche Reisen nach Afrika, wo er in Tunesien, Marokko, Ägypten, Mali und Senegal zu einem einzigartigen und fulminanten Spätwerk inspiriert wird. Eduard Bargheer stirbt am 1. Juli 1979 in Hamburg.


Ausstellung

Eduard Bargheer Krieg und Frieden Werke aus den Jahren 1934 bis 1954. Noch bis 26. April 2020.

bargheer-museum.de