12.04.2013

Versuch über Jean Paul, der vor 250 Jahren geboren wurde

So fern und doch so nah

Joachim Schultz

Cosima Wagner schrieb am 4. Oktober 1878 in ihr Tagebuch, Richard habe an Jean Paul „wenig Gefallen gefunden“. Nein, nicht alle waren begeisterte Jean-Paul-Leser, nicht alle hielten den am 21. März 1763 in Wunsiedel im Fichtelgebirge geborenen Dichter für ein Genie. Vom größten unserer Klassiker ist diese Anekdote überliefert: „Goethe aß zuweilen bei der Herzogin Amalia in Tiefurt zu Mittag. Er beschwerte sich, dass der Mundkoch Goullon so oft Sauerkraut vorsetze. Eines Tages, da man ihm wieder Sauerkraut aufgetischt hatte, stand er voll Verdruss auf und ging in ein Nebenzimmer, wo er ein Buch aufgeschlagen und auf dem Tisch liegen fand. Es war ein Jean Paulscher Roman. Goethe las etwas davon, dann sprang er auf und sagte: ‚Nein, das ist zu arg! Erst Sauerkraut und dann fünfzehn Seiten Jean Paul! Das halte aus, wer will.’“ Schiller schrieb am 28. Juni 1796 an seinen Freund Goethe: „Von Hesperus habe ich Ihnen noch nichts geschrieben. Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete: fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist“.

Damals, mit dreiunddreißig Jahren, lebte Jean Paul in Weimar und sein Roman „Hesperus“ war in aller Munde. Allerdings war der Weg dorthin sehr mühsam, und niemand hat ihm an der Wiege gesungen, dass er einmal in der Hauptstadt der Dichter und Denker von sich reden machen würde. Als Sohn eines kleinen Pastors war seine frühe Kindheit nicht gerade vom Wohlstand gesegnet. Der Tod des Vaters (1779) stürzte die Familie vollends ins Elend. Doch der kleine Johann Paul Friedrich Richter war gescheit und fand in seinem Lehrer Erhard Friedrich Vogel einen liebevollen Mentor, der ihm seine große Bibliothek zur Verfügung stellte. So war der Junge schon als Fünfzehnjähriger mit der Kultur seiner Zeit vertraut und hatte auch keine Schwierigkeiten, das Gymnasium in Hof zu meistern. Er bekam eine Freistelle an der Universität Leipzig, die ihn aber dazu zwang, Theologie zu studieren. Das war nicht seine Sache, obwohl ihn Religionsfragen sein Leben lang beschäftigt haben. Er brach das Studium ab. Aus finanziellen Gründen, aber auch, weil er anfing zu schreiben. Es waren hauptsächlich Satiren, die er zu Papier brachte, er nannte sie „spaßhafte Bücher“, mit denen er aber keinen Erfolg hatte. Er las weiterhin sehr viel, unter anderem die französischen Aufklärer, von denen Jean-Jacques Rousseau es ihm besonders angetan hatte. Ihm zu Ehren nannte er sich nun nicht mehr Johann, sondern Jean, und er entschied sich für das Pseudonym Jean Paul.

Erste Erfolge

Der Dichter lebte nun bei der Mutter in Hof, war zwischenzeitlich Hauslehrer und schrieb seinen ersten Roman: „Die unsichtbare Loge“. 1792 schickte er das Manuskript des (noch unvollendeten) Romans an Karl Philipp Moritz, der sich mit seinem Entwicklungsroman „Anton Reiser“ einen Namen gemacht hatte. Moritz war begeistert. Und nachdem er noch die Erzählung vom Schulmeisterlein Wuz gelesen hatte, war er vom Erfolg des jungen Kollegen überzeugt: „Der Wuz’ Geschichte verfasst hat, ist nicht sterblich!“ Moritz kümmerte sich um den Druck des Romans und auch darum, dass der Autor gleich hundert Dukaten bekam. So etwas beflügelt natürlich. Jean Paul dachte nun nicht daran, seinen ersten Roman, mit dem er in dieser Fassung immerhin einen Achtungserfolg hatte, zu vollenden. Er machte sich gleich an den nächsten: „Hesperus oder 45 Hundposttage“. Dieser war ein Riesenerfolg. Insbesondere die Leserinnen lagen ihm zu Füßen. Eine von ihnen, Charlotte von Kalb, die auch mit Schiller eng befreundet war, lud ihn nach Weimar ein. Ein Erfolgsautor, mit dem die großen Meister Goethe und Schiller nicht viel anfangen konnten. Neid war hier wohl auch im Spiel. Aber Wieland mochte ihn, und Herder war ähnlich begeistert wie Moritz. Auch die Herzogin Anna Amalia schätzte ihn. In einem Brief an Wieland schrieb sie: „Unter den hiesigen Naturerscheinungen, die Ihnen schon bekannt sind, muss ich doch ein neues Phänomen [...] beschreiben. Dieses war Herr Richter, Autor des ‚Hesperus’. Sollten Sie ihn von ungefähr in einer großen Gesellschaft finden, ohne ihn zu kennen, so würden Sie ihn für einen großen Künstler wie Haydn, Mozart, oder für einen großen Meister in den bildenden Künsten ansehen, so ist sein Blick und sein ganzes Wesen. Kennt man ihn näher, so ist er ein sehr einfacher Mann, welcher mit vieler Lebhaftigkeit, Wärme und Innigkeit spricht. Liebe und Wahrheit sind die Triebfedern seiner Existenz. Er ist so unschuldig wie ein Kind, und so unbefangen.“

Die Zahl seiner Bewunderer wuchs ständig. Einige seiner Leserinnen hätten ihn gerne geheiratet, einige schafften es sogar bis zur Verlobung, die aber bald wieder gelöst wurde. Am Ende war es Karoline Mayer, die er 1801 heiratete. Aber eigentlich lebte Jean Paul ganz für sein Werk. Ein Roman folgte dem anderen: „Siebenkäs“ (1796/97), „Titan“ (1800–1803), „Flegeljahre“ (1804/1805). Nicht zu vergessen die Erzählungen wie „Katzenberges Badereise“ oder der „Luftschiffer Gianozzo“. Die Bücher verkauften sich gut, Jean Paul war einer der ersten Autoren, der von seinen Werken leben konnte.

Schwierigkeiten bei der Lektüre

Wurden diese Bücher damals gelesen? Sicher, es gab Menschen, die sie nur kauften, aber über die ersten Seiten nicht hinaus kamen. Doch die Leser seiner Zeit liebten Jean Pauls skurrilen Gestalten, und sein ausschweifender Stil, der uns heute Mühe macht, kam ihrem Denken entgegen. Sie lebten in einer Epoche der Umwälzung. Die Französische Revolution hatte Europa erschüttert. Jean Paul hat sie übrigens begrüßt, zumindest die Anfänge, nicht aber den Terror der Jakobiner. Die Welt wurde als verrückt empfunden. So sieht sie auch der Erzähler in dem Spätwerk „Der Komet“: „Alles in der Welt ist sehr närrisch [...], und ich habe oft Gedanken darüber, die zu nichts führen.“ „Das klingt nach Resignation“, schrieb Ralph-Rainer Wuthenow, „begründet aber doch die narrengerechte Erzählweise, die aus der Verworrenheit der Welt das Recht ableitet, Verworrenheit der Darstellung als ‚weltgerecht’ auszugeben. [...] Abschweifungen, ironische Einschübe, satirische Anmerkungen dienen nur der Bestätigung einer Realität, die unermesslich in ihrer Unordnung ist.“

Friedrich Dürrenmatt sprach von „dschungelhaften Büchern“. Kommt das uns Lesern in der heutigen Welt nicht entgegen? Gewiss, doch erschwerend kommt für uns hinzu, dass Jean Pauls Romane ganz seiner Zeit verhaftet sind. Nehmen wir dafür ein Beispiel aus dem bereits erwähnten Roman „Der Komet“. Da heißt es: „Viele und verschiedne Wesen werden hienieden in die Höhe gezogen und da im Schweben erhalten“, unter anderem „Hähne und ihre Luftfahrer“. Dazu muss man wissen, dass der erste Heißluftballon der Brüder Montgolfier 1783 mit drei Tieren im Korb gestartet ist: mit einem Hahn, einer Ente und einem Hammel. Solche Anspielungen gibt es viele. Man sollte darum diese Werke in einer kommentierten Ausgabe lesen. Man beginne mit den Erzählungen, zum Beispiel mit der vom Schulmeisterlein Wuz. Auch der kurze Roman „Leben des Quintus Fixlein“ eignet sich für den Einstieg. Dann den „Luftschiffer Gianozzo“, der uns die damalige Welt von oben zeigt. Für die Romane muss man sich Zeit und Muße nehmen. Aber wir werden belohnt: Bei Jean Paul lernen wir seine Zeit und Menschen kennen, die von uns gar nicht so verschieden sind. Und vielleicht finden wir sogar Gefallen an seinem „dschungelhaften“ Stil.

Die letzten Jahre

Er ist nun mit Karoline verheiratet und lebt mit ihr an verschiedenen Orten ein recht braves Leben. Drei Kinder gehören bald zur Familie. Neben dem Werk werden bestimmte Vorlieben immer wichtiger. Karoline schreibt in einem Brief an den Freund Emanuel Osmund: „Bei der Einfahrt eines Bierfasses in Koburg läuft er seliger umher als bei dem Eintritt eines Kindes in die Welt. [...] Gleich muss das Bier ins Haus, um einen frischen Krug mit dem Heber herausziehen zu können.“ Jean Paul, der Biertrinker – dieses Klischee muss korrigiert werden. In Briefen aus Erlangen, wo er zu Pfingsten 1811 einige Tage weilt, schreibt er, er habe dort Bier, Wein und sogar italienische Liköre genossen. Er liebt den Trunk. Doch seinem Werk tut dies keinen Abbruch. Einer seiner Wahlsprüche lautet: „Entwirf bei Wein, exekutiere bei Kaffee.“

In den Bayreuther Jahren (ab August 1804) entstehen noch viele Bücher. In seiner eigenwilligen Selberlebensbeschreibung (die Übersetzung von Auto-Bio-Graphie) erfährt man viel über seine Kindheit, in „Levana oder Erziehlehre“ seine pädagogischen Grundsätze. Er ist nun weltberühmt. Vom bayerischen König erhält er eine jährliche Rente von tausend Gulden. Aus vielen Ländern kommen Besucher, die sich bisweilen über sein spießbürgerliches Leben wundern. Mit seinem Hund sieht man ihn oft auf dem Weg zur Rollwenzelei, seinem Lieblingslokal, wo er beim Bier neue Werke konzipiert. Als er am 14. November 1825 stirbt, trauert die ganze literarische Welt um ihn.

Erschienen in Rotary Magazin 4/2013

Joachim Schultz

Dr. Joachim Schultz (RC Bayreuth-Eremitage) ist Literaturwissenschaftler an der Universität Bayreuth. Zu seinen Büchern gehört u.a. „Vom Glück des Genießens. Ein literarisches Lesebuch“ (ars edition 2009).

www.uni-bayreuth.de

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