Hat die Literatur noch eine Bedeutung für ?das Verstehen der Welt? - Am anderen Ende der Wirklichkeit

07.02.2012

Hat die Literatur noch eine Bedeutung für ?das Verstehen der Welt?

Am anderen Ende der Wirklichkeit

Fritz J. Raddatz

Die Literatur ist immer noch der Raum, in dem komplexe Ereignisse anschaulich erzählt werden. Doch braucht sie dafür ihre Zeit. So erschienen rund zwanzig Jahre nach dem Untergang der DDR gleich mehrere Romane, die das Leben im SED-Staat thematisieren.

Das Pauschalurteil einer recht hurtig gewordenen Literaturkritik ist falsch. Die Schelte lautet, Romane, Gedichte, Theaterstücke der Gegenwart seien eine zierlich sich streichelnde ?Nabelschau. Nun heißt es bekanntlich, das Wesen eines Klischees sei es, dass es stimmt. Das trifft wohl zu etwa auf ein touristisches „Venedig ist schön“ – da die brückenverspielte Lagunenstadt mit ihren Zauberpalästen tatsächlich schön ist. Für ästhetische Bewertungen taugt derlei nicht. Die Literatur unserer Zeit ist durchaus Wertung dieser Welt: ihrer Verwerfungen, ihrer Nöte, ihrer abgesunkenen Hoffnungshorizonte – an denen aber doch ein Lichtschein von Glück schimmern kann.

 

Nehmen wir den staunenswerten Roman von Antje Rávic Strubel: ein kleines Wunderwerk der zeitgenössischen Prosa-Literatur. Warum? Was ist so wunderbar an Antje Rávic Strubels Roman „Sturz der Tage in die Nacht“?

 

Es sind (mindestens) zwei Dinge. Zum einen die Sprache, die in weit ausschwingenden Tonfolgen eine ganz eigene Musikalität entwickelt, zart, aber nie falsch lyrisch, präzise, aber mit keiner Silbe in jenen Jargon verfallend, den so viele Pseudoliteraten für „zeitgenössisch“ halten wie ihre über der Hose schlabbernden Hemden. Keine Spur dieser Turnschuhsprache bei Rávic Strubel. So gelingen ihr betörende Naturschilderungen wie recht unzimperliche Sexszenen.

 

Das ist das zweite Element. Hier ist gelungen, das Schwere leicht zu machen. Jene Naturbilder nämlich korrespondieren ganz unmittelbar mit den Gezeiten menschlicher Beziehungen, mit Nähe und Entfernung, die die Liebe prägt immerdar. Das schier Verblüffende nun ist, wie dieses Unheimliche von Natur und Menschenwesen sich verzahnt zu einem Dritten: zu Geschichte; zu deren Verheerungen und Versehrungen. Zwar ist das Buch im engeren Sinne kein „DDR-Roman“ – aber das Gift jener Jahre, der feige Mut und das aufrechte Bücken, das die Menschen verkrüppelte, das ist so bildhaft gelungen allen Passagen eingeschrieben, dass man getrost sagen darf: meisterlich.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Wenn ich sage „im engeren Sinne kein DDR-Roman“, so muss angefügt werden: die sehr genau choreografierten DDR-Romane aus jüngster Zeit sind Musterbeispiele für unsere These, dass Literatur wahrlich bedeutend ist für das Verstehen unserer Welt. Ob Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ oder Uwe Tellkamps geradezu bedrückendes, ja lastendes Denkmal „Der Turm“: Wer auch nur eines dieser Bücher gelesen hat, der begreift die Schwärze von Lebensunglück, von zur Illusion zerronnener Utopie, von Schuld und Versagen – der Täter, der Opfer. Bereits Christa Wolf hat in ihren Tagebüchern und späten Erzählungen eindringlich von Versagen und Verzagen erzählt, so schrecklich genau und tief berührend, dass man die tote Künstlerin noch einmal umarmen möchte. Ich nenne einen anderen Autor, der für unser Thema – und mir persönlich – besonders wichtig ist: Kurt Drawert. Auch er schickt uns Kassiber aus der DDR – hochverschlüsselt, ins Transzendente, Existenzielle wandernd. Das gilt zum einen für seinen Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“. Diese Prosa ist von einem gerade bestürzenden Anspruch; sie versucht in immer neu ausschwingenden Satzgirlanden das selbst gestellte Gebot einzuhalten, „nach einer Sprache zu suchen für die Geschichte am anderen Ende der Wirklichkeit“. Das ist die eine grandiose Seite dieses Kunstwerks: der Autor bildet Welt nicht ab. Weltlos ist der Roman nur im Sinne eines Realismus, der Fragen nach dem Wer, Wo, Wann, Wie, Warum beantworten will. Im Sinne der großen Verwerfung, eines fast mittelalterlich dräuenden Taedium vitae, ist der Roman von giftiger Welthaltigkeit. Es ist die vor kaltem Zorn klirrende Abrechnung Drawerts mit der DDR.

 

„Zum einen“, sagte ich. Kurt Drawert dringt jedoch mit seiner Lyrik in noch tiefere Dimensionen, in die Finsternis-Stollen unseres Lebens; also unserer Welt, denn die und da ist ja unser Leben. Er ist ein Sprachmeister und ein Elendsmagier; das nach hoffendem Beginn gleichsam im Nichts ausrinnende Gedicht „Außerhalb“ wäre ein Beispiel dafür:

Wer liebt, ist immer auch verloren
An jenes Glück, das man gewinnt
Als Sand, der durch die Hände rinnt –
Das andere ist auch geboren:
Das Nichts im Sein, der Tod im Leben,
In Leidenschaften mischt sich Qual,
Und doch ist es des Lebens Wahl,
Dem Scheitern einen Grund zu geben
Und jedes Ende zu beginnen
Mit einem Anfang und dem Schein,
Die Dinge würden ewig sein
Und nicht mit unsrer Zeit verrinnen.
Allein mit der Erkenntnis misst,
Wer außerhalb der Dinge ist.

Es lässt sich also konstatieren: Rückschau ist immer auch Blick auf die Gegenwart. William Faulkner sagte einmal: „Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen.“ Deswegen ist es ein reichlich schepperndes Argument, wenn in vielen Kritiken bemängelt wird, warum so spät, warum erst jetzt die literarische Beschäftigung mit der DDR. Das erinnert an die gerade dort so kunstfremde Literaturpolitik à la „Dichter, schreibt Gedichte über das Einbringen der Kartoffelernte“ – ein dirigistisches Kommando; jetzt sollen also Autoren, als seien sie Fernsehkommentatoren, am liebsten gleich etwas zur Euro-Krise schreiben. Wir dürfen uns erinnern, dass es volle zehn Jahre (und mehr) dauerte, bis die großen Romane über den Ersten Weltkrieg erschienen: Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ 1929; Arnold Zweigs „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ 1927; Ludwig Renns „Krieg“ 1928. Kunst ist kein Tagesanzeiger. Die Schriftstellerin Judith Schalansky, deren Roman „Der Hals der Giraffe“ viel diskutiert wurde, hat das jüngst in einem Interview recht präzise erklärt: „Literatur ist ja immer auch eine Form der Geschichtsschreibung. Der Abstand von 20 Jahren hilft, von seinem Gegenstand abzurücken. Ich brauche die Distanz, auch die Ahnung von der Gegenwart, weil man durch sie die Vergangenheit auch anders sieht. Das erklärt vielleicht auch, warum nun so viele Romane erschienen sind, die sich mit dem Erbe der DDR auseinandersetzen.“

Brennglas vor dem Auge

Interessant an diesem Gespräch ist aber auch, dass die Autorin (ihre Mutter, die in der DDR lebte, hatte das Wort „Individualität“ nie gehört) versucht, jenes „Nicht Vergangene“ des William Faulkner zu Hilfe zu nehmen, um den Rechtsradikalismus, die Gewaltverliebtheit der Neonazis zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern zu erläutern. Da sind wir genau bei unserem Thema vom „Verstehen der Welt“. Das Gedicht eines Autors der älteren Generation, des Dramatikers Rolf Hochhuth, zeigt so schmerzhaft, als hielte er uns ein Brennglas vors Auge, was gemeint ist:

Drei Schwestern Kafkas
Chelmno    152.000
Belzec 600.000
Sobibor 250.000
Treblinka     900.000
Auschwitz 1 Million
Majdanek 200.000
Liest man – als läse das noch wer!
wir Deutsche haben allein aus Prag
100.000 deportiert ohne Wiederkehr –
so ist das Statistik: Niemand vermag
Sofern er mag, geschichtslose Zahlen,
sogar als Menschenzahl sich vorzustellen!
Wie Körner als einzelne, die zermahlen,
bleiben Menschen unsichtbar auf Tabellen.
Liest man jedoch, aber wer liest das noch!
vergast samt Familien Kafkas drei Schwestern,
„glücklich verheiratet“ beschrieb die Mutter sie;
sieht Fotos – ist's, als sei man gestern
Ihnen begegnet, die wie Mann, Kinder nie,
noch in Hitlers Prag nicht, an Flucht gedacht?…
Milena, Kafkas Geliebte, da keine Jüdin nicht
vergast, wurde in Ravensbrück totgemacht.

 

Nein, Lebenshilfe bietet so etwas nicht. Es sei gewarnt vor dem leicht messianischen Glauben, der Schriftsteller könne die anbieten, Lebenshilfe. Ja, Schriftsteller sind Prediger; sie deuten auf die Verheerungen und Versehrungen dieser Welt hin, sie deuten sie gelegentlich auch. Nein, Schriftsteller sind keine Propheten irgendeines Heils. Eher die Wahr-Sager des Unheils.

 

Günter Grass, der uns mit seinem großen Huldigungsbuch „Grimms Wörter“ ein traurig-schönes Märchenbuch bot; der zugleich schrieb „Ach Butt, dein Märchen geht böse aus“; der einbekannte „Aus bittrem Sud fließt meine Litanei“; der angeblich nur zornig Donnernde ließ sein bewegendes „Allerseelen“-Sonett enden wie einen Zuruf an uns alle zur Beichte:

So nachbarlich durchnäßt,
so ferngerückt verloren,
so anverwandt vom Lied und Leid im Lied besessen,
so heimlich zugetan,
doch taub auf beiden Ohren,
sind Freunde wie wir,
bis Schmerz,
weil nie vergessen
die Narbe (unsre) pocht;
umsonst war alles Hoffen:
Die Gräber alle stehn auf Allerseelen offen.

 

Der Leser muss unbedingt eines besonderen Umstands eingedenk sein: auch ein vermeintlich verschlüsselter, schwierig zu entziffernder Text ist Eingriff in die Welt; gibt dem, der sich Muße nimmt und bereit ist zur „Mitarbeit“, Schlüssel zu den tausend verriegelten Kaiser-Rotbart-Zimmern der Wirklichkeit. Solche Texte künden auch von Erbarmen.

Kategorien der Kunst

Erbarmen klingt so fromm. Gar nahe dem Barmen – doch das hat auch der Schöpfer unserer Sprache, Martin Luther, nicht gemeint; wir wollen uns bei unseren Überlegungen zur Literatur an seinen Begriff „Sendschreiben“ halten. Romane, Gedichte, Theaterstücke – sie sind nicht wohllöblich, sind vielmehr Diagnosen. Wir lesen in ihnen von Wunden, von Eiter, von Amputation, Krätze, Folter und Blendung. Warntafeln. „Der Schrei“ heißt das berühmte Gemälde von Edvard Munch in vielen Variationen. Es ist der Schriftsteller Schrei, der in uns, über die Welt hinweg nicht nur widerhallen will, sondern wecken. Erbarmen und Schrei, das sind Synonyme. Erbarmen und Schrei – das sind andere Kategorien, die Kategorien der Kunst. „Ecrasez l’Infame“ lautete eine der Parolen der französischen Aufklärung, die Ehrlosigkeit vernichten, der Lüge den Kampf ansagen. Gewiss, niemand MUSS ?Rilke lesen. Doch wer unsere Welt verstehen will, der wird Hilfe finden, liest er das große Prosa-?Poem „Malte Laurids Brigge“; er wird seine Seele, sein Herz, sein Hirn gefordert spüren und erkennen das schandbare Grauen eines jeden Krieges – bis heute, bis Afghanistan. Rilke war keine Betschwester, Rilke war ein ferventer Ankläger von Unrecht, Pfaffentum und menschengemachtem Elend. Er faltete nicht die Hände, er hob sie flehentlich in einen verruchten Himmel. Das ist, was Kunst leisten kann: unsere Ohren zu schärfen, um Gesäusel vom großen Rauschen zu unterscheiden; unsere Augen zu weiten, um an Horizonte zu schweifen, statt vor bemalten Pappkulissen zu verweilen; unseren Mund sich öffnen lassen für den Wind der Wahrheit. Vielleicht gar für einen Hauch Gnade.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2012

Fritz J. Raddatz
Fritz J. Raddatz ist Essayist, Biograf, Literaturkritiker und Romancier. Von 1953 bis 1958 war er Leiter der Auslandsabteilung und stellv. Cheflektor beim Verlag „Volk und Welt“ in Ost-Berlin, von 1960 bis 1969 Cheflektor und stellv. Chef des Rowohlt Verlages. Von 1976 bis 1985 war Raddatz Leiter des Feuilletons der Wochenzeitung „Die Zeit“. 2011 erschienen seine „Tagebücher 1982–2001“ (Rowohlt). www.rowohlt.de

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