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Hoffmeisters Empfehlungen

Tönende Beziehungen

Hoffmeisters Empfehlungen - Tönende Beziehungen
© Jessine Hein/Illustratoren

Musik macht Schnittmengen verschiedener Welten sichtbar

Martin Hoffmeister01.11.2018

Musik ist der klingende Spiegel der Welt. Nichts zwischen Natur, Geist und Emotion, das nicht Raum oder Entsprechung im Ton-Kosmos fände. In der Korrespondenz von Klang und Welt kreuzen sich die Grundlinien der Existenz. Entlang der Musik tauchen wir ein in entlegenste Erinnerungsräume.

Roger Willemsen, Willemsen, Musik, Hoffmeister
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Wie kein zweiter Medien-Avantgardist zeigte sich der 2016 gestorbene Moderator und Publizist Roger Willemsen der Musik zugewandt. Insbesondere dem Jazz, aber ebenso der Klassik galt das Interesse des empathischen, redegewandten Intellektuellen, der nicht nur Radio- und TV-Formate mit seiner Passion prägte, sondern sein Lebensthema auch in Büchern verhandelte. Dabei suchte Willemsen nicht den hermetischen Diskurs, eher gerieten ihm die Annäherungen an seine Sujets zu subjektiv aufgeladenen Hommages, die der Korrespondenz nachzuspüren suchten zwischen Musik, Lebensgefühl und Alltag. Dabei betrachtete der Autor seine Leidenschaft weniger als Privatangelegenheit, vielmehr lag ihm daran, die Öffentlichkeit teilhaben zu lassen. In diesem Sinne stehen Willemsens Texte für mehr als kultivierte Musikrede. In zweiter Ebene verhandelt er existentielle Kategorien wie Rausch, Ekstase, Stille, Transzendenz, Trauer und insbesondere: Glück.

Auch unter der Leitung des italienischen Dirigenten Riccardo Chailly vermag sich das ‚Lucerne Festival Orchestra‘ als eines der führenden europäischen Ensembles zu positiosnieren. Die aktuelle DVD präsentiert mit Mendelssohns ‚Ein Sommernachtstraum‘ und Tschaikowskis ‚Manfred-Sinfonie‘ zwei Werke literarisch-programmatischen Zuschnitts, die konträre Klangwelten heraufbeschwören. Chailly versteht sich blendend auf die innere Dramatik der Musik. Ohne überzuromantisieren weiss er spannungsgesättigte, zugleich luzide Tableaus und fein schattierte Kolorierung zu setzen. Hinter nuanciert-sinnfälliger Bildführung und opulentem Klang scheinen die ‚handelnden‘ Personen von Shakespeare und Lord Byron auf.

Ambitus, Magdeburg, Hoffmeister, Hoffmeisters Empfehlungen
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Nachbarschaft und Verbindungen zwischen Musik und Bildender Kunst ist die Ausstellung ‚Ambitus‘ im Kunstmuseum Magdeburg gewidmet. Im Mittelpunkt der Schau stehen Werke/Objekte internationaler Künstler, Performance- und Videoschaffender, die die vielgesichtigen Beziehungen beider Genres in Graphik, Malerei, Skulptur, Installation und Video in den Blick nehmen. Auf suggestive Weise sichtund hörbar wird das Spektrum ästhetischer Schnittmengen zwischen beiden Welten.

Die Geschichte der sogenannten ‚klassischen‘ Musik wurde in den vergangenen Jahrzehnten mit unterschiedlichen Ansätzen erschöpfend dargelegt. Mit seiner deutlich fokussierten, auf zentrale Wegmarken beschränkten und unterhaltsam formulierten Lesart der komplexen Historie bietet der Band ‚Musik‘ eine konsistente wie willkommene Ergänzung zu anderen Fach-Beiträgen. Knapp 400 Seiten und 200 Kapitel benötigen die Autoren Tobias Bleek und Ulrich Mosch, um 1200 Jahre Musikgeschichte zwischen früher Mehrstimmigkeit und zeitgenössischen Werken nachzuzeichnen. Dass, als Bonus, zudem aufschlussreiche Exkurse in Populärmusik-Genres wie Jazz, Weltmusik und Pop integriert wurden, erhöht den Gebrauchswert des kurzweiligen ‚Streifzugs‘ nachhaltig.


•  Tobias Bleek, Ulrich Mosch, Musik, Ein Streifzug durch zwölf Jahrhunderte, Bärenreiter Verlag, 416 S., 34,95 Euro

•  Roger Willemsen, Musik! Über ein Lebensgefühl, S. Fischer Verlag, 512 S., 24 Euro

•  Mendelssohn, A Midsummer Night’s Dream, Tchaikovsky, Manfred Symphony, Riccardo Chailly, Lucerne Festival Orchestra, Accentus Music, ACC 20438

•  AMBITUS, Kunst und Musik heute, Kunstmuseum unser lieben Frauen, Magdeburg, bis 06.01.19

Martin Hoffmeister

Martin Hoffmeister publiziert regelmäßig in nationalen und internationalen Magazinen und Zeitungen. Als Redakteur im Kulturressort des MDR-Hörfunk beobachtet er die Musik- und Literaturszene seit mittlerweile drei Jahrzehnten. Im Rotary Magazin empfiehlt er Neuerscheinungen aus dem Kulturleben und Fundstücke von seinen Reisen.

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