13.12.2012

Das Licht als Mythos des Christentums und die Bedeutung der Weihnacht als Fest in der Dunkelheit

Triumph des Lebens über die Finsternis

Anselm Grün

Die beiden wichtigsten Feste des Kirchenjahres – Weihnachten und Ostern – werden mit dem Bild des Lichtes gefeiert. An Ostern siegt die Sonne des Lebens über das Dunkel des Todes. An Weihnachten hören wir die prophetischen Texte vom Licht, das in Jesus Christus in die Welt gekommen ist. In der Mitternachtsmette deutet uns der Prophet Jesaja das Geschehen der Geburt Jesu mit den Worten: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht. Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ (Jes 9,1)

Licht und Finsternis weisen nicht nur auf den Tag und die Nacht, die der Mensch als hell und als dunkel erlebt. Licht und Finsternis sind auch zwei Weisen, wie der Mensch sich selbst erlebt. Er erlebt Dunkelheit, wenn seine Seele sich verfinstert, wenn er orientierungslos ist und nicht durchblickt, oder auch wenn Trauer und Verzweiflung sein Herz verdunkeln. Auch Wut und Ärger können sein Herz verfinstern. Wir sprechen dann von einer finsteren, feindseligen Miene, die ein Mensch uns zeigt. Licht dagegen bedeutet, dass sich unsere Seele aufhellt, dass wir fröhlich sind, dass wir einen klaren Sinn in unserem Leben sehen.

An Weihnachten glauben wir, dass Gott selbst Mensch geworden ist. Gott ist herabgestiegen zu den Menschen. Lukas deutet dieses Geschehen so: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78f) Gott selbst kommt in Jesus zu uns. Er besucht uns, damit wir, die wir im Dunkeln wohnen, erhellt werden, damit wir wieder einen Weg erkennen, wie unser Leben gelingen kann. Und Dunkelheit steht für die Kälte. Das Licht wärmt uns. Es bringt uns die Liebe, die das Herz erhellt und erwärmt. Dunkelheit steht für das Irdische, das Licht für das Himmlische. Es kommt vom Himmel herab, so wie die Sonne und der Mond vom Himmel her unser Leben erleuchten und wie die Sterne als Leuchten am Himmel stehen. In Jesus kommt das Licht aus dem Himmel zur Erde. Es leuchtet uns nicht nur von oben her, sondern es kommt zu uns, um unser Herz zu erhellen, um in unserem Herzen als Licht zu wohnen.

Sieg über die Finsternis

Johannes beginnt sein Evangelium mit einem Hymnus über den Logos, über das Wort Gottes, das in Jesus Fleisch wird. Und von diesem Wort sagt er: „In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,4) Licht bringt Leben. Das gilt für die Natur. Ohne Licht kann nichts wachsen. Es gilt aber auch für das menschliche Leben. Ohne das göttliche Licht tappen wir im Dunkeln herum. Das führt zur Orientierungslosigkeit. Und das Dunkle wird immer auch mit dem Bösen verbunden. Das Böse breitet sich im Dunkeln aus. Es macht die Miene des Menschen finster. Da braucht es das Licht, das den Menschen befreit von der Macht des Bösen.

Die Menschen der Frühzeit haben den Wechsel von Tag und Nacht intensiv erlebt. Es war für sie immer wieder ein Wunder, wenn am Morgen die Sonne aufgeht und alles Dunkle vertreibt. Das haben sie immer als Symbol gesehen für den Sieg des Guten über das Böse, für den Sieg des Lichtes über die Mächte der Finsternis. Vor allem in den Religionen des Ostens kennt man den Mythos von Licht und Finsternis. Das Reich der Finsternis ist das Reich des Bösen. Das Reich des Lichtes ist der Herrschaftsbereich Gottes. Die Indios sehen in der Sonne ein wichtiges Symbol für Gott. Auch die Römer kannten den Mythos vom „sol invictus“, vom unbesiegbaren Sonnengott.

Die Christen haben auf diese alten Mythen geantwortet. Die frühe Kirche hat Weihnachten am 25. Dezember gefeiert, dem Tag, an dem die Römer den unbesiegbaren Sonnengott gefeiert haben. In Christus kommt die wahre Sonne auf die Welt. Wenn die Sonne den tiefsten Punkt im Jahreskreis erreicht hat und wieder zu steigen beginnt, dann feiern die Christen Weihnachten als den Tag, an dem Christus, die göttliche Sonne, auf die Erde kommt, um für immer den Sieg des Lichtes über die Finsternis zu garantieren. Die Christen feiern dieses Fest in der Nacht, in der Weihnachtsmette, um zu bezeugen, dass in der Mitte der Nacht das wahre Licht aufgeht, das alle Menschen erleuchtet. Durch die Geburt Jesu wird diese Welt heller und heiler und menschlicher und wärmer.

Geheimnis der Auferstehung

Die christliche Liturgie hatte immer ein Gespür für das, was die Natur ihr vorgegeben hat. Die Natur war ja die große Lehrmeisterin des Menschen. In der Natur sahen die Menschen immer ein Bild für das eigene Werden und Vergehen. Das gilt nicht nur für das Wachsen der Pflanzen, sondern auch für den Wechsel von Licht und Dunkelheit. Daher gedenken die Christen jeden Tag am Morgen dem Geheimnis der Auferstehung. Die aufgehende Sonne, die die Finsternis vertreibt, ist ein Bild für die Ostersonne, die das Dunkel des Todes überwunden hat. In den Hymnen, die die Kirche im Morgenlob – Laudes genannt – singt, werden die uralten Sehnsüchte der Menschen angesprochen, dass das Licht stärker ist als die Finsternis, dass die Liebe stärker ist als der Hass und dass der Tod seine Macht über uns verliert. Und wenn am Abend die Sonne untergeht, dann empfehlen sie sich dem Licht Jesu Christi, das in ihren Herzen leuchten soll. Während es um sie herum dunkel ist, möge ihr Herz immer vom Licht Christi erstrahlen. Die Sonne im eigenen Herzen soll nie untergehen. Das innere Licht ist stärker als die Dunkelheit der Nacht. Es brennt in der Seele, weil Gott selbst in der Seele wohnt. Und Gott im eigenen Herzen vertreibt alle Angst.

Jesus selbst sagt von sich: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Jesus erfüllt unsere Sehnsucht nach Licht, nach einem geglückten Leben, nach einem Leben, das im Licht gelebt wird und nicht in der Dunkelheit der Depression oder Angst. Finsternis macht den Menschen immer Angst. Sie haben Angst, im Dunkeln könnte ihnen jemand schaden. Im Dunkeln verstecken sich die Räuber und Mörder. Das Licht macht alles offenbar. Im Licht kann sich niemand verstecken. Da wird die Wahrheit sichtbar. Die frühen Christen haben Jesus als Licht erfahren, das ihr Leben erleuchtet, das ihrem Leben Sinn verleiht und zugleich Hoffnung und Zuversicht.

Jesus fordert seine Jünger auf, selber Licht zu sein für die Welt. Dabei haben Matthäus und Lukas diese Forderung Jesu verschieden verstanden. Nach Matthäus sind wir Licht für die Welt, wenn die Menschen unsere guten Werke sehen: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,16) Durch unser Tun kommt Licht in die Welt. Während Matthäus die Zusage Jesu, dass wir Licht für die Welt sind, eher moralisch sieht, versteht sie Lukas mystisch. Er sagt: „Dein Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird auch dein ganzer Körper hell sein… Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.“ (Lk 11,34.36) Der Mensch, der vom Geist Jesu erfüllt ist, strahlt Licht aus. Das Licht wird nicht nur in seinem Tun sichtbar, sondern in seiner ganzen Ausstrahlung. Wir dürfen diese Erfahrung immer wieder machen, dass bei manchen Menschen die Augen leuchten, bei anderen sind sie dunkel, gierig, böse. Leuchtende Augen tun uns gut. Sie bringen auch Licht in unser Leben.

Licht der Weihnacht

An Weihnachten feiern wir das Licht, das in Jesus für immer diese Welt erleuchtet. Daher zünden wir Kerzen am Christbaum an. Die Kerzen, die das dunkle Zimmer erhellen, erfüllen es mit einem milden Licht. Das milde Licht der Kerze beurteilt nicht. Es beleuchtet alles, aber es leuchtet nicht alles aus. Es ist ein angenehmes Licht, ein Licht, das uns sein lässt, wie wir sind. Es ist ein Licht, das von Milde und Liebe geprägt ist. Daher haben die Menschen ein Urbedürfnis, um Weihnachten herum in ihren Häusern Kerzen anzuzünden. Sie wollen damit bekennen, dass das Licht stärker ist als alle Dunkelheit, dass durch Weihnachten unser Leben heller und wärmer geworden ist. Alle Angst, die die Germanen vor den dunklen Nächten hatten, ist an Weihnachten besiegt worden durch das Licht, das alle Dunkelheit erhellt.

So antworten wir Christen mit den Lichtern, die wir an Weihnachten anzünden, auf die alten Ängste der Menschen in allen Kulturen, auf die Ängste der Römer vor der Macht der Finsternis, auf die Ängste der Germanen vor den Dämonen, die im Dunkeln hausen, und auf die Ängste der heutigen Menschen, die Angst haben, in der Dunkelheit der Depression zu versinken, dass das ganze Leben sich verdunkelt. Wir sollen das Licht von Weihnachten in unsere Ängste hinein halten. Dann kann es diese Ängste verwandeln in ein tiefes Vertrauen, dass das Licht stärker ist als die Dunkelheit und die Liebe stärker als der Tod. Weihnachten ist die Verheißung: Es gibt keine Dunkelheit, die nicht vom Licht Jesu Christi erhellt werden kann, und keine Erstarrung, die nicht zu neuer Lebendigkeit werden kann.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2012

Anselm Grün

Dr. theol. Anselm Grün OSB ist Benediktinerpater, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater sowie Autor zahlreicher spiritueller Bücher. Er leitet die Benediktinerabtei Münsterschwarzach und ist einer der meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Anselm Grüns Bücher wurden in über dreißig Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen „Einfach leben“ (Herder 2011) und  „Einfach nur Glück. Inspirationen für ein gutes Leben“ (Pattloch 2012). 

www.anselm-gruen.de

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