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Nature Writing

Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde

Nature Writing - Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde

Das Pferd, engster Partner der Menschen, war lange Zeit unverzichtbar in der Landwirtschaft, verband Länder, entschied Kriege. Doch dann fiel das Pferd aus der Geschichte heraus. Eine Leseprobe

25.04.2016

Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde - Geschichte einer Trennung, C.H.Beck, 2015, 461 Seiten, 29,95 Euro

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Die wichtigste Leistung, die mit dem Pferd in die Geschichte kommt, ist die Geschwindigkeit; Oswald Spengler hat dies klar gesehen. Fast sechs Jahrtausende lang verband sich die Erfahrung starker Beschleunigung und hoher Geschwindigkeit mit dem Pferd, im arabischen Raum auch mit dem Kamel. Schnell sein hieß, beritten sein – eine historische Erfahrung, die fünf Generationen nach der Erfindung des Automobils, vier nach der des motorisierten Fliegens, weitgehend vergessen ist. Das Pferd war die Tempomaschine par excellence; als solche ermöglichte es Herrschaft in einem territorialen Umfang, wie sie ohnedem undenkbar gewesen wäre. Dank dem Pferd ließen sich weite Territorien erobern und ausgedehnte Herrschaften errichten; mehr noch, sie ließen sich auch sichern und aufrechterhalten. Spengler nennt das, anknüpfend an Nietzsche, die große Politik: Mit dem Pferd war historisch die Möglichkeit da, Machtpolitik, Eroberungspolitik im großen Stil zu betreiben. Als Tempomaschine wurde das
Pferd zur Kriegsmaschine ersten Ranges; als Distanzvernichter schaffte es die Möglichkeit zu potenziert erweiterten Kommunikationsräumen. Als zähmbares und züchtbares, als von Menschen lenkbares Geschwindigkeitstier, mit einem Wort: als animalischer Vektor wurde das Pferd zum politischen Tier und zum wichtigsten Gefährten des
Homo sapiens.

Damit kehrt das anfängliche Paradox zurück. In seiner Vektorfunktion muss nicht selten das zivile Reit- oder Zugpferd sich in das militärische Schlachtross verwandeln. Oft genug muss der friedliche Grasfresser, seine Instinkte verleugnend, den Menschen ins Gefecht begleiten und dessen Feinde in den Staub treten. Gegen seine Natur muss das schreckhafte Fluchttier zur Inkarnation eines Schreckens werden, der auch das Beutetier Mensch scharenweise in die Flucht schlägt: Wer will schon unter die Räder oder vielmehr unter die Hufe kommen? Das Fluchttier, eingesetzt als physisch überlegene Waffe im Kampf des Beutetiers Mensch gegen seinesgleichen – dies ist die originäre Dialektik des Pferdezeitalters, der Spannungsbogen, der dem kentaurischen Pakt zugrunde liegt.

Verglichen mit dieser historischen Allianz waren alle anderen Bündnisse, die der Mensch in seiner Geschichte einging, fragil und ephemer; nicht einmal die Beziehungen zu seinen Göttern wiesen ein vergleichbares Maß an Stabilität auf. Umso bemerkenswerter war sein Ende: Im selben Augenblick, in dem das Bündnis seine höchste Dichte und Virulenz erreichte, begann es, unaufhaltsam zu zerfallen. Beinahe geräuschlos und von den meisten Zeitgenossen unbemerkt löste es sich in seine Bestandteile auf. Die große dramatische Figur zerfiel, sechs Jahrtausende kentaurischer Gemeinschaft gingen sang- und klanglos zu Ende. Was danach passierte, war kaum ein Satyrspiel zu nennen: Während die eine Partei, der menschliche Teil der alten Allianz, kurzlebige Bündnisse mit Maschinen aller Art, Automobilen, Flugobjekten und mobilen Rechnern, einging, wechselte die andere als Sport- und Therapiegerät, Prestigesymbol und Assistenzfigur der weiblichen Pubertät in den historischen Ruhestand. Nur gelegentlich sollte dem Pferd noch ein Auftritt im archaischen Schreckensfach vergönnt sein, etwa wenn es galt, demonstrierende Arbeiter niederzureiten oder Protestierende aus den Einkaufszonen zu vertreiben.

Parallel zu seinem finalen Aufstieg und Fall erlebte das Pferd im 19. Jahrhundert eine enorme literarische und ikonografische Karriere. Die großen Romane in diesem letzten Jahrhundert der Pferde sind, sofern sie nicht auf hoher See, sondern auf dem Land spielen, zum großen Teil Pferderomane; sie sind von Pferdemotiven und Pferdegeschichten wie von Sehnen und Adern durchzogen. Das gilt selbst für die urbansten Schriftsteller jener Zeit, man denke an Stendhal, Balzac, Flaubert, Tolstoi und Stevenson. Alle großen Ideen, die das 19. Jahrhundert zu Triebkräften der Geschichte gemacht hat: Freiheit, menschliche Größe, Mitleid, aber auch die Unterströme der Geschichte, die seine Zeitgenossen entdeckten, die Libido, das Unbewusste und das Unheimliche, führen über kurz oder lang zurück zum Pferd. Natürlich ist das Pferd nicht die Sphinx. Wohl aber ist es der große Ideen- und Bildträger des 19. Jahrhunderts, sein Denkhelfer, sein Logopäde. Wann immer sie gedanklich nicht mehr weiter wissen oder emotional nicht weiter kommen, rufen die Menschen des 19. Jahrhunderts das Pferd zu Hilfe: Es ist ihr Ideenfluchttier und ihr Leidtragetier. ...

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