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Wie wirken Bilder?

 - Wie wirken Bilder?
Helmut Lethen erhielt den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. In „Der Schatten des Fotografen“ macht er sich Gedanken über den Wahrheitsgehalt von Bildern.

21.03.2014

Am Morgen des 24. April 1952 ging durch meine Vaterstadt Mönchengladbach das Gerücht, ein Mord sei geschehen. Der Küster des Gladbacher Münsters St. Marien sollte, wie man erst munkeln und tags darauf öffentlich verlautbart hörte, seine Ehefrau mit dem Beil erschlagen und die Leichenteile unter den sterblichen Überresten des Propstes versteckt haben, der zu dieser Zeit im Münster aufgebahrt wurde. Dass sich das Gerücht um Helpenstein, so der Name des Küsters, in der Stadt wie Gestank verbreitete, kann ich selbst bezeugen. Wir Kinder konnten uns nicht dagegen wehren, es erfüllte uns mit bilderlosem Schrecken.

Ein Bericht vom 28. Mai 1952 aus dem Online-Archiv des Spiegel zeigt allerdings, dass es nicht ganz so war, wie es mir meine Erinnerung eingeflüstert hat. Der Fall wird darin mit leichten Anklängen einer Moritat geschildert, was nahelag: Schon einige Tage nach der Entdeckung der Leiche hörten wir die Erwachsenen ein Lied summen, das nach der Hinrichtung des Serienmörders Fritz Haarmann 1925 die Runde gemacht hatte. Jetzt hieß es: «Warte, warte nur ein Weilchen / Bald kommt Helpenstein auch zu dir /  Mit dem kleinen Hackebeilchen …» Ich zitiere den Anfang des Berichts, weil die Atmosphäre meiner Heimatstadt in den fünfziger Jahren wie Dunst daraus aufsteigt:

»Als seine Eminenz der Weihbischof von Aachen, Dr. h.c. Johannes van der Velden, am 18. April 1952 in der Hauptpfarrkirche St. Mariä zu Mönchengladbach das feierliche Totenamt für den am 15. April an Leberkrebs verstorbenen Probst Ferdinand Koenen hielt, wobei ihm der Küster Hans Hubert Helpenstein die liturgischen Geräte reichte, ahnten weder der Bischof noch die Kriminalpolizei, dass sich unter demselben Kirchendach noch eine zweite, bis dahin unentdeckte Leiche befand: die der jungen Küsterfrau Elisabeth Helpenstein.« Die Frau des Küsters war seit dem 27. Januar vermisst worden, und man hatte bis in die Sowjetzone hinein vergeblich nach ihr gesucht. Dass man die Verschwundene dorthin verschleppt haben könnte, war im Zeichen des Kalten Kriegs nicht unwahrscheinlich. Der Verdacht war nicht auf den Küster gefallen; es hatte die Kriminalpolizei nur irritiert, dass sich sehr spät ein kleiner Junge gemeldet hatte, der am 27. Januar »auf dem mittagsstillen Kirchplatz unter der Sakristei« einen Schrei gehört haben wollte. Am 23. April, nachmittags gegen fünfzehn Uhr, war es dann so weit. Zwei Putzfrauen fegten die Halle der Hauptpfarrkirche. »Eine von ihnen ging zum linken Chorflügel hinüber, vermutlich, um hinter der dicht beim Marienaltar stehenden geschnitzten Chorbank ihre Kehrichtschaufel auszukippen. Da bemerkte sie, dass die Chorbank etwa fünfundzwanzig Zentimeter von der Wand weggerückt war. In dem Zwischenraum aber, am Boden, lag etwas, was die Putzfrau zuerst für eine umgestürzte Heiligenfigur hielt. Es war die Leiche der Elisabeth Helpenstein. Die Zeiger ihrer Armbanduhr waren auf 18.40 Uhr stehen geblieben.«

Bis zur Entdeckung der Ermordeten hatte es also drei Monate gedauert. Sie war das Ergebnis eines Zufalls, die Kriminalpolizei hatte vollkommen im Dunkeln getappt. Ihr Versagen wurde zum politischen Skandal. Zwar hatten die Beamten auch die Kirche »visitiert«, doch beschränkten sich ihre Untersuchungen auf den Dachstuhl, den Glockenturm und die Kellerräume. »Vor dem Gedanken, den sakralen Ort durch Polizeistiefel und schnubbernde Suchhunde entweihen zu lassen, schreckte der protestantische Oberinspektor Birkhahn aus Fingerspitzengefühl zurück. Umso mehr, als sein Vorgesetzter, Mönchengladbachs Polizeichef, Oberrat Schwiete, als gutgläubiger Katholik bekannt ist. 'Die Gladbacher hätten mich gesteinigt, wenn ich die vermisste Frau in der Kirche mit Hunden gesucht hätte', argumentiert Birkhahn.«

Sollte ich Extremsituationen leibhaftig erfahren haben, sind sie mir offenbar nicht so in die Knochen gefahren wie angsteinjagende Gerüchte, Bilder oder Filme. Selbst die Aufenthalte im Luftschutzkeller während der Bombenangriffe 1944 scheinen keine traumatische Spur hinterlassen zu haben. Der Ton der Luftschutzsirenen ist mir allerdings im Ohr; vielleicht weil das Gedächtnis von Zeit zu Zeit durch einen Probealarm aufgefrischt wird. Und ich erinnere mich an den Geruch in den Kellern der Ruinengrundstücke, die nach dem Mai 1945 unser Spielplatz waren, den Geruch ausströmenden Gases, des Restkarbids aus den Mantelschalen der Bomben, und die allgemeine Schimmel- und Fäulnisatmosphäre der Keller, die den ersten Champignons, die wir nach dem Krieg auf dem Markt in Mönchengladbach bekamen, noch anhaftete.

Dieser Geruch hat aber seltsamerweise eher einen nachhaltigen Hunger auf Champignons verursacht als nachhaltigen Schrecken. Situationen des Mords, extremer Gefahr oder Verlassenheit kenne ich nur aus Erzählungen, Fotografien und Gemälden, Büchern und Fernsehen; aus dem Bilderschatz des Internets. Es sind Unheimlichkeiten aus zweiter Hand. Aber da wir, wie Robert Musil einmal anmerkte, in der Umwelt der Medien wie in einer Nährlösung schwimmen, gehen auch diese vermittelten Schocks unter die Haut. Mit den Abgründen der dreißiger, vierziger Jahre wurde ich erst Mitte der Fünfziger konfrontiert: Ich hörte Berichte vom Selbstmord eines SS-Manns, Lebensmittelhändler auf unserer Rubensstraße und Vater meines Freunds Armin, sah 1957 Alain Resnais’ Dokumentarfilm Nacht und Nebel, las kurz vor dem Abitur das Buch Medizin ohne Menschlichkeit von Alexander Mitscherlich und sah viel später erst die Fotografien der Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Vom Mordgerücht zum Film, von der Geschichtsschreibung zur Ausstellung – Medien bildeten für mich den Königsweg zum Unheimlichen. Ein Grund mehr, den Versuch zu unternehmen, die Wirklichkeit der Medien zu ergründen.

Aber natürlich erinnere ich mich nicht nur an Bilder der Finsternis. So prägten sich mir zum Beispiel auch die Kessler-Zwillinge aus der Verfilmung von Erich Kästners Das doppelte Lottchen ein – wahrscheinlich war es die in den Nachkriegsjahren grassierende Sehnsucht nach einer intakten Familie, die durch das Kindergehirn spukte. Ich kämpfte, nachdem ich den Film am Silvesterabend 1950/51 im Kino gesehen hatte, noch mit der Unentschlossenheit, wen der beiden Kessler-Zwillinge ich mehr lieben sollte, als mich im Treppenhaus der Foxterrier des Tierarztes des städtischen Schlachthofs von Düsseldorf, an dem mein Patenonkel Verwaltungsdirektor war, anfiel und in den Hintern biss. Die Spritze, die mir der Tierarzt daraufhin verabreichte, war aus dem Blickwinkel des Elfjährigen wahrscheinlich für größere Tiere vorgesehen, und ich frage mich, ob hinter den Szenen der Harmonie, der Wiedervereinigung der geschiedenen Eltern im Kästner-Film, nicht für immer der kurze Schmerz des Foxterrierbisses erhalten bleiben wird.

Um das Schmerzgedächtnis ist es Gott sei Dank schlecht bestellt. Bilder bleiben länger haften. Es fragt sich nur, was diese Bilder ihrem Wesen nach sind. Hatte der Kunsthistoriker Hans Belting recht, als er sie als die «Nomaden der Medien» bezeichnete, die «in jedem neuen Medium, das in der Geschichte der Bilder eingerichtet wurde, ihre Zelte aufschlagen, bevor sie in das nächste Medium weiterziehen»? Mal tauchen sie in Form von Gemälden, mal in Träumen, mal im Internet auf, und jedes Mal verändern sie sich, mitunter aufgrund eines neuen technischen Verfahrens. Bedeutet das, dass hinter der Fotografie, der Schrift und dem Film Tiefenbilder auf Abruf lagern? Medien sind ohnehin vom Verdacht umgeben, sie würden Dinge verbergen. Was immer auf der Bildfläche erscheint, es stellt sich die Skepsis ein, ob das, was zu sehen ist, nicht nur Fake, Konstruktion oder zumindest eine manipulierte Form der Wirklichkeit sei. Ein Großteil der Medienwissenschaften lebt von diesem Verdacht und erhärtet ihn unentwegt. Periodisch lädt er sich sogar mit Energie auf, wie Uwe Justus Wenzel in der Neuen Zürcher Zeitung während des zweiten Golfkriegs beobachtete: «Es sind dies Zeiten des Krieges, Zeiten, in denen sogar willensschwache Fernsehkonsumenten und abgefeimte Medienzyniker plötzlich wieder ‹die Wahrheit› wissen wollen.»

Die gefühlte Nähe des Todes fordere unerbittlich Ernsthaftigkeit und Echtheit, mit der Ironiemaschine der achtziger und neunziger Jahre sei ihr so wenig beizukommen wie mit Theorien der Simulation oder der Auffassung, alle Partikel der Realität seien uns nur als virtuelle zugänglich. Plötzlich traue man, so Wenzel, den «Bildern der eingespannten Journalisten, verwackelt und unscharf wie diejenigen der dänischen Dogma-Filme, zu, was man den Medien generell abgesprochen hat: Bilder der Wirklichkeit zu sein. Nicht die klinischen Bilder des ersten Golfkriegs, sondern schwitzende Soldaten, erschöpfte Reporterinnen, Staub und Tränen lassen sehen, dass das Kriegshandwerk eine mörderische Strapaze ist.»

Im Bann des Linguistic Turn hatten Kulturwissenschaftler dagegen jahrzehntelang größte Mühe, von «Wirklichkeit» zu sprechen. Sie taten es nicht ohne die Fingergeste der Anführungszeichen am Anfang und Ende dieses ominösen Worts, um auf keinen Fall in den Verdacht zu geraten, sie seien tatsächlich so naiv zu glauben, es gäbe sie, die Wirklichkeit, wirklich; als wüssten sie nicht, dass die Außenwelt von Zeichen der Sprache und der Bilder und der Prägekraft wissenschaftlicher Diskurse nicht nur vermittelt, sondern sogar regelrecht konstruiert wird. Nichts schlimmer, als der «Ontologie», so der nun despektierliche Ausdruck für diese Haltung, bezichtigt zu werden. Auf Quellen außerhalb der uns umgebenden Zeichenwelt könne kein Mensch direkt zugreifen, sagt Ludwig Jäger, der Sprachwissenschaftler, dem ich am meisten traue.
Medien seien niemals Fenster zur Wirklichkeit. Der Linguistic Turn habe, erklärt er mir, eine Einsicht unhintergehbar gemacht, die der US-amerikanische Philosoph Richard Rorty einmal lakonisch formuliert hat: «Unsere Gewissheit wird eine Funktion des Miteinandersprechens von Personen sein, nicht ihrer Interaktion mit einer nichtmenschlichen Realität.» Doch wie lassen sich dann Ereignisse verstehen, in denen wir den Tücken der Objekte ausgeliefert sind? Wie begreifen wir Erfahrungen, die den Kontext der Geselligkeit sprengen, uns aus dem «Miteinandersprechen von Personen» herausfallen lassen?

Schneegestöber

Das dichte Schneetreiben, das am 9. Februar 2013 den Blick aus dem Fenster meines Arbeitszimmers in Zempin auf Usedom verhängt, ist evident, das heißt, es fällt ins Auge. Zuvor konnte ich Kiefern- und Birkenstämme sehen und wusste, dass sich hundert Meter weiter die leichte Brandung der Ostsee befindet. Dieses Wissen bleibt mir, doch stört jetzt das Gestöber den Durchblick – dabei ist es noch ziemlich transparent. Man kann das Schneeflirren, das sich zwischen mich und die vorpommerische Küstenlandschaft geschoben hat, als ein Medium begreifen, das ebenso real ist wie die Kiefern und Birken vor dem Arbeitszimmer und der Meeressaum dahinter. Es verhindert zwar den Durchblick, ist mir aber näher als Küste und Wald, die ich als Wissen und Erinnerung des Hintergrunds besitze. Bald ist es tiefe, pechschwarze Nacht. Die Fensterscheibe wirft nur noch das Licht des Computers und ein Spiegelbild seines Benutzers zurück, und es ist nicht mehr zu erkennen, ob das Schneegestöber draußen weiter anhält.

Siegfried Kracauer hat in seiner kleinen Abhandlung über die Fotografie aus den zwanziger Jahren die sichtbar verpixelten Fotos als «Schneegestöber» bezeichnet. Der Kampf um das «scharfe», das nicht verpixelte Bild ist noch nicht ausgestanden, der Wunsch nach Bildern ohne die Hürde ihrer erkennbaren technischen Vermittlung ist noch nicht ans Ziel gekommen. Man mag die Erinnerung an den Schneefall der schwarz-weiß flimmernden Mattscheibe nur als Kindheitserfahrung bewahrt haben und die Rede von der Sichtbarkeit eines «Rauschens der Kanäle» ins Reich nostalgischer Erinnerung verweisen, im Konkurrenzkampf um die schärfsten Bilder taucht beides regelmäßig als Gespenst wieder auf. Doch an was misst sich «Schärfe»?

Vier Übertragungswege stehen uns heute zur Wahl: das terrestrische Antennenfernsehen, der Satellitenempfang, die Kabelverteilung und der Empfang über schnelle DSL-Internet-Verbindungen, kurz IPTV (Internet Protocol Television). Das Antennenfernsehen ist inzwischen komplett digital, eignet sich für mobile Minigeräte und ist selbst für Bildflächen von Smartphones geeignet. In Ballungsgebieten wie Hamburg und Berlin lässt es kaum zu wünschen übrig. Terrestrisches Fernsehen hat dennoch keine Zukunftschancen, denn HDTV (High Definition Television) kann besser über Kabelfernsehen empfangen werden. In größeren Mietshäusern ist die Wahlfreiheit des Fernsehanschlusses allerdings ohnehin meist Fiktion, zudem werden dort die Nutzungsmodalitäten von privaten Senderfamilien reglementiert. Die privaten HD-Programme sind gegenwärtig in allen Kabelnetzen verschlüsselt.

Welche Technologien, Institutionen und hart umkämpften Märkte bilden den Hintergrund, der für die Betrachter verschwinden soll, wenn er einen unvermittelten Blick auf die Realität der Champions-League-Spiele werfen will? Welche Instanzen der Übertragung verbergen sich hinter den Bildern (ohne dass in der Regel ihre Aufdeckung den Wahrheitsanspruch der Bilder letzten Endes entkräften kann)?
Irgendwie scheint dieses Buch dem Muster eines Bildungsromans zu folgen, wenn es die verschiedenen Stadien meines Nachdenkens in den letzten drei Jahrzehnten durchläuft. Es handelt sich dabei aber nicht um das klassische Format eines Lebenslaufs, in dem sich ein idealistisch gesonnener Akteur den Kopf an der Trägheit des Realen blutig stößt. Der Gang der Abhandlungen wird vielmehr hin- und hergetrieben. Sehnsucht lässt ihn den Pol der Seinsgewissheit berühren; Skepsis sorgt für den Reflexions- und Bewegungsspielraum der Distanz.

In allen Fällen geht es um Bilder, die Folgen haben. An empfundener Präsenz entzündet sich das Nachdenken, Erzählungen erleichtern die Berührung. Siehst du, könnte der Sprachwissenschaftler Ludwig Jäger hier anmerken, die Zeichen der Sprache kommen nicht umhin, auf dem Weg des Zeigens andere Zeichen, Lexika und sogar Erzählungen einzubeziehen. Die Referenz, die auf das Draußen zeigt, erklärt er mir, bedarf der Inferenz von Zeichen, die auf andere Zeichen zeigen, um auf diesem Umweg schließlich doch die Wirklichkeit zu berühren. 
 
Auszug aus:
Helmut Lethen
»Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit«
Rowohlt, Berlin. 2. Auflage März 2014