01.08.2011

Über Land und Leute in einem lange Zeit vergessenen Winkel Europas

Die Adria hat zwei Seiten

Erhard Busek

Wir Österreicher sind mit der Küste der Adria sehr vertraut. Von Venedig bis Rimini, ja bis Apulien hinunter hat uns die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Kenntnis von schönen Regionen mit historischem und kulturellem Hintergrund gegeben. Natürlich ist die andere Seite der Adria auch von Interesse, wobei das alte Jugoslawien es uns Österreichern leichter gemacht hat. Es war zwar kommunistisch, aber nicht so strikt wie der Sowjetblock, es gab keine Visum-Pflicht, und irgendwo hatte man das Gefühl, dass das Leben sich nicht allzu stark von unserem unterscheidet. Sicher gab es auch Teile Jugoslawiens, die wir nicht so sehr kannten und wo wir erst beim Zerfall 1991 darauf kamen, dass es hier ganz unterschiedliche Landschaften mit eigenen Sprachen und Kulturen gibt. Lange Zeit war dieser Raum entweder ein Bestandteil der Habsburger Monarchie oder irgendwo mit dem Osmanischen Reich verbunden. Heute sind es viele Staaten, die die Landkarte kennzeichnen. Das ist eine neue Erfahrung für die betroffenen Menschen, denn sie müssen lernen, dass es Grenzen gibt, wo jahrhundertelang keine waren. Andererseits aber ist es auch für uns ein Hinweis, wie reich und bunt diese Landschaft auf der östlichen Seite der Adria ist. Sie ist auf eine intensive Weise mit Österreich verbunden: Slowenien war jahrhundertelang ein Bestandteil der Karantanischen Mark der Habsburger und überhaupt kulturell sehr stark verbunden. Die Österreicher sind sich zu wenig bewusst, dass eine Reihe von Erfindern, Ingenieuren und Professoren der Technik aus Slowenien kamen – um nur Kaplan und Ressel als Beispiele zu nennen. Aber auch Kroatien war mit uns intensiv verbunden, wobei der Adria-Bereich einen sehr starken Einfluss von Venedig hat, den man am deutlichsten in Dubrovnik sehen kann, aber auch in einer Reihe von anderen Städten. Das geht zurück bis zum Römischen Reich, wie die Ruinen des Palastes von Diokletian in Split deutlich zeigen. Natürlich geht die Küstenlandschaft weiter nach Montenegro, ein interessantes Volk, das um seine Selbstständigkeit immer gekämpft hat und es verstanden hat, aus den Bergen heraus jeder Macht Widerstand zu leisten. Albanien ist ein Sonderfall, denn hier hat der Kommunismus eine eigenartige Prägung bekommen. Dem kommunistischen Parteisekretär ist es jahrzehntelang gelungen, das Land auch aus dem Sowjetblock herauszuhalten, sich mit Rot-China zu verbünden oder aber zu behaupten, dass sie quasi allein auf der Welt sind. Das hatte unangenehme Folgen für Albanien, weil es jetzt natürlich länger braucht, um auf uns aufzuschließen. Eine Besonderheit gibt es noch: Bosnien-Herzegowina reicht bis an die Adria mit einem sehr schmalen Strich bei Naum, den sie dann deutlich erleben, wenn sie die Küstenstraße entlangfahren, denn Sie müssen zweimal den Pass zeigen. Das ist eine historische Enklave, an der die Bosnier auch heute noch festhalten.

Ungewohnte Vielfalt

Von Interesse ist die Tatsache, dass es natürlich verschiedene Sprachen und kulturelle Ausprägungen gibt. Auch die religiösen Unterschiede sind zweifellos gegeben, etwa dadurch, dass Slowenien und Kroatien katholisch geprägt sind, mit unterschiedlichen Bezügen, aber doch in der Landschaft sehr deutlich merkbar. Die Montenegriner wiederum sind orthodox und die Albaner sind zwar offiziell mit dem Islam verbunden, doch hat das Clanwesen dieses Landes dazu geführt, dass die Familienbindungen stärker sind als die religiösen. Eine spannende Landschaft also, die nun Schritt um Schritt auf Europa zugeht. Die Slowenen sind seit 2004 Mitglied, die Kroaten haben die Perspektive, in den nächsten beiden Jahren Mitglied der Europäischen Union zu werden, für Montenegro werden die Verhandlungen demnächst eröffnet. Einzig und allein Bosnien-Herzegowina und Albanien sind hier etwas zurück, was man auch in der Frage der Visafreiheit deutlich merkt. Alles in allem sind aber diese Länder in einem hohen Ausmaß Europa, wobei Rotary Österreich seine Verantwortung hier immer durch eine Patenschaft wahrgenommen hat, die auch zu einem starken rotarischen Leben geführt hat. Ein rotarisches Leben, wo führende Personen der Gesellschaft in den Clubs zusammengeschlossen sind und einen wesentlichen Einfluss haben. Die Region entlang der Adria ist nicht irgendein Gebiet, wobei die Bezeichnungen, die wir dafür wählen, nicht immer sehr geglückt sind. Die Slowenen und Kroaten sind tödlich beleidigt, wenn man ihre Länder als „Balkan“ bezeichnet. Beide legen darauf Wert, dass sie mediterran und mitteleuropäisch sind. Die Montenegriner wieder sehen sich als eine eigene Welt, genauso wie die Albaner, wobei die Wirren der Landkarte auch hier deutlich sichtbar werden, wenn ich etwa auch auf das Kosovo verweise. Wir Österreicher können mit Freude registrieren, dass wir in einem hohen Ausmaß in diesen Ländern akzeptiert sind. Es gibt starke historische Verbindungen, die nicht nur in Kultur und Wissenschaft, sondern auch in der Geschichte sehr lebendig sind. Es ist vergessen, dass wir die Krawatte den Kroaten verdanken – daher kam das Wort. Es ist genauso vergessen, dass Carl Ritter von Ghega – der Erbauer der Semmeringbahn – ein Albaner war und der berühmte Burgschauspieler Aleksander Moisiu einen Großneffen hat, der der vorige Staatspräsident Albaniens gewesen ist. Ganz lebendige Zeichen eines ständigen Austausches, auf den wir stolz sein sollen, aber nicht nur rückwärtsgewandt, sondern auch in die Zukunft hinein, denn die österreichische Wirtschaft ist in einem ungeheuren Ausmaß dort lebendig. Wenn Sie durch die Hauptstädte gehen, haben Sie beim Anblick der Firmenschilder den Eindruck, in den Straßen von Österreich zu sein. Das ist eine großartige Leistung, die hier geglückt ist. Es ist ein Grund, darauf stolz zu sein, es ist aber auch ein Grund, sich weiter verpflichtet zu fühlen. Denn dies ist auch Europa, ein beachtliches Stück mit einem großen Reichtum. Seien wir stolz darauf!

Perspektiven für Südosteuropa

Die Heimkehr dieser Länder in unser gemeinsames Europa verändert aber auch die notwendige Politik. Zu lange sind wir gewöhnt, dass sich Europa auf beiden Seiten des Rheins abspielt. Es wäre eine notwendige Veränderung im Profil, wenn es gelänge, die Donauregion zusammenzuschließen. Gleichermaßen sollten wir in der Südostecke Europas eine gemeinsame Vorgehensweise haben. Das ist kein Separatismus oder gar Provinzialismus, sondern ein Eingehen auf die unterschiedlichen Gegebenheiten jeweils nach sozialen, wirtschaftlichen und historischen Gesichtspunkten.

Ein Charakteristikum dieser Region ist es, dass neben Katholiken auch viele Orthodoxe, aber auch Muslime leben. Sie sind keine Immigranten, sondern haben eine jahrhundertealte Geschichte und sind wirklich als europäischer Islam anzusprechen. Die Verfasstheit der Muslime ist auch besser gelöst als andernorts, weil es die alte Monarchie verstanden hat, durch ein eigenes Gesetz 1912 die innere Organisation der islamischen Gemeinschaft festzulegen, die bis heute Bestand hat. Es gibt daher einen legitimen Sprecher, den Rais ul-ulema in Sarajevo, der auch bereit ist, sich für seine Gläubigen zu artikulieren. Das ist ein ganz notwendiges Zeichen, denn schließlich haben die Konfessionen auch viel dazu beigetragen, dass es schreckliche kriegerische Auseinandersetzungen gegeben hat, die allerdings immer wieder von der Politik benutzt wurden. Wir können von den Unterschieden zu diesen Konfessionen, aber auch von den Gemeinsamkeiten viel lernen. Das ist notwendig, denn schließlich spannt sich aus dieser Ecke Europas der Bogen ins östliche Mittelmeer, zum Schwarzen Meer und in den Nahen Osten. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, aber es besteht die Möglichkeit, aus diesen Vorgängen Lehren zu ziehen. Lernen müssen vor allem wir, weil wir das durch Jahrzehnte nicht gewöhnt sind. Der westliche Säkularismus hat relativ wenig Antworten zur Verfügung, wenn es um bleibende Bindungen und Wertvorstellungen geht. Es ist daran zu lernen, dass Überzeugungen in Europa, aber auch das Wissen um die Seele Europas entscheidende Rollen für die Zukunft spielen. Es kann nicht von heute auf morgen geschehen, aber der Prozess hat längst begonnen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Von Versöhnung zu reden ist leicht, sie braucht aber Anstrengung und viel Zeit, um die wechselseitig geschlagenen Wunden zu überwinden. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben aber gezeigt, dass es möglich ist. Wenn Kriegsverbrecher ausgeliefert wurden, Staatspräsidenten jeweils die anderen Völker um Verzeihung gebeten haben und die jungen Menschen ohne Probleme miteinander leben, sollten wir daraus Konsequenzen ziehen für andere Spannungen, die auch Europa umgeben.

Es ist also nicht allein die Wirtschaft, die zueinander führt, sondern auch der geistesgeschichtliche Hintergrund und die Vorstellung von einem einigen Europa in seiner Vielfalt!

Erschienen in Rotary Magazin 8/2011

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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