01.08.2011

Die kroatische Küste

Von Rijeka bis Dubrovnik

Harald Heppner

Wer heutzutage an die kroatische Küste in Urlaub fährt, wird eventuell annehmen, er begebe sich nach Dalmatien. Hiermit irrt der Reisende womöglich, weil er nicht weiß, was jener geografische Begriff je nach Zeitalter bedeutet – mehr noch, weil ihm vermutlich nicht bewusst ist, dass er sich in ein Land aufmacht, dessen Vergangenheit äußerst komplex ist und ein vielfältiges Erbe hinterlassen hat, von dem Notiz zu nehmen sich jedoch lohnt, will man europäische Geschichte verstehen. Die Komplexität besteht zunächst in der Raumordnung. Zum Übergangsgebiet zwischen europäischem Orient und Okzident gehörend, kennzeichnet die ostadriatische Küste eine enorme Ausdehnung in der Länge, während die Breite gelegentlich nur wenige Meter ausmacht. Die dahinter liegenden wasserarmen Gebirgszüge fungierten seit jeher als Barriere, die den Zugang vom oder ins Hinterland enorm erschweren. Dieser Umstand hat für die Einheimischen lange den Vorteil gehabt, von hinten weitgehend ungeschoren zu sein, wodurch das Vorne automatisch das Meer und hiermit die große weite Welt ausmachte. Es gibt von der Ostseite Istriens bis zur albanischen Grenze in jener Landschaft kein natürliches Zentrum, und der Großteil der Fläche ist steiniges Ödland. Die zivilisatorische Kraft beruht demnach auf der Stadt und deren Außenbeziehungen und nicht auf dem Dorf, mit Ausnahme der Inseln, wo aus Gründen der Selbstversorgung die Landwirtschaft lange Zeit vorrangige Bedeutung besaß.

Schauplatz großer Ereignisse

Die Komplexität beruht auch auf dem Umstand, dass sich auswärtige Mächte den Schauplatz seit jeher zunutze machten und – mit Absicht oder nicht – keine gestalterische Ambition aus dem Einzugsgebiet hochkommen ließen: Dalmatien und sein Umland fungierten nämlich seit der Antike immer als Bestandteil größerer politisch-organisatorischer Einheiten und nie als eigenes und selbstständiges Gebilde. Zunächst waren es die Römer, die das Terrain ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. den illyrisch-dalmatischen Stämmen abnahmen und in ihr Reich eingliederten. Infolge der Teilung des Römischen Reiches im Jahr 395 fiel die Ostadria der östlichen Hälfte zu, wodurch über Jahrhunderte Konstantinopel und nicht Rom den organisatorischen und geistigen Brennpunkt darstellte (Der Kontakt zu dieser Metropole der Spät­antike und des Mittealters lief hauptsächlich über den Wasserweg und nicht über die Berge oder durch die „Schluchten des Balkan“). Ab dem 11. Jahrhundert verschaffte sich das aus der oströmisch-byzantinischen Erbmasse hervorgehende Venedig entlang der Adria Stützpunkt um Stützpunkt bis zur Ägäis, bis in die Levante (Kreta, Zypern) und zuletzt gar bis ins Schwarze Meer – zunächst noch im Auftrag, später gegen den Willen der byzantinischen Kaiser. Ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts machten die muslimischen Osmanen, aus dem Hinterland da und dort an die ostadriatische Küste durchstoßend, der Markusrepublik die überragende Position entlang der ostadriatischen Küste jedoch streitig, und so hatte die Serenissima vom 16. bis 18. Jahrhundert viel zu tun, um ihre Häfen nicht nur zu schützen, sondern auch den löchrig gewordenen Küstensaum zu flicken. Nach der Auflösung Venedigs (1797) durch Napoleon I. rangen um die Vorherrschaft nicht nur im östlichen Mittelmeer, sondern auch in der Adria zunächst Frankreich und Russland, ehe am Wiener Kongress (1814/15) „Dalmatien“ und das Territorium der ehemaligen Handelsrepublik Ragusa (Dubrovnik) dem kontinental verankerten Kaisertum Österreich zugeschlagen wurde. In der Periode bis zum Ersten Weltkrieg machte sich einerseits zwar langsam ein von außen kommendes touristisches Interesse an „Dalmatien“ breit, doch rüttelten andererseits am Gefüge der bis dahin politisch recht indifferent gebliebenen Bevölkerung nationale Konzepte, die gleichfalls nichts aus der Region keimten. 1918, als der Vielvölkerstaat zerfallen war, unterlag der Küstenraum einer Teilung, denn während der Großteil im neu geschaffenen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (ab 1929: Königreich Jugoslawien) aufging, bemächtigte sich Italien bestimmter Territorien, um „den Fuß in die Tür“ zum Balkan zu schieben, nämlich nach Istrien, Fiume/Rijeka, den Kvarnerinseln, Zadar und Umgebung sowie ein paar süddalmatinischen Inseln. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg (formell 1947) wurde das gesamte Gebiet wieder zusammengefügt, aber auf die zwei Föderativen Sozialistischen Teilrepubliken Jugoslawiens Kroatien und Montenegro aufgeteilt. Auch der 1991 die Küste erreichende Krieg um das Erbe des südslawischen Staates ging nicht von den Einheimischen aus; und auch der starke Arm der Europäischen Union in jüngster Zeit unterstreicht, dass der Rhythmus der Entwicklung von außen stammt.

Vielfältige Bevölkerung

Die Komplexität der ostadriatischen Küste steht auch in Zusammenhang mit der Vielfalt der Bevölkerung und deren kulturellen Sedimenten. Hervorzuheben ist, dass die in der Antike entstandene romanisierte Stadtbevölkerung, wenn auch nicht überall an der Küste, sich über die Stürme der Völkerwanderung – das Gebiet gehörte u.?a. dem Gotenreich Theoderichs des Großen an – halten konnte und hiermit stabilisierende Kraft besaß. Im Hinterland zogen Südslawen (im nördlichen Teil Kroaten, im südlichen Teil Serben) zu und reicherten den Bestand der Einheimischen an. Über Generationen erfolgte nun die Verschmelzung der romanischen und slawischen Substrate, wenngleich vorwiegend auf der Ebene der Oberschichten (Handel, Stadtverwaltung, Kirche, Gelehrsamkeit, Kunst). In bewegten Zeiten (Mittelalter, Neuzeit, Gegenwart) kamen immer wieder Flüchtlingsschübe aus dem Hinterland hinzu und verstärkten den slawischen Anteil der Küstenbewohner. Daher ist die kroatische Küste auch ein Konglomerat kultureller Einflüsse. Auf das aus der Antike stammende städtische Element lateinischer Prägung schoben sich im Mittelalter byzantinisch-griechische und slawische Elemente, zu denen später noch venezianisch-italienische Komponenten hinzukamen. Spätere Ergänzungen gehen auf das binneneuropäische Österreich zurück, wie man etwa an diversen Hotels und Amtsgebäuden etwa in Obatija, Rijeka, Zadar, Split, aber auch in Dubrovnik unschwer erkennen kann. So gut wie keine Spuren hat die über 200 Jahre anhaltende Präsenz des Islam an der Küste gelassen, und nur, wer aufmerksam ist, wird im Raum der oberen Adria auf die Reste der glagolitischen Tradition stoßen, die zu den bemerkenswertesten Errungenschaften der europäischer Kulturentwicklung gehört: Analog zur kyrillischen Schrift- und Literaturentwicklung im 9. Jahrhundert entstanden, überlebte sie trotz lateinischer Vorherrschaft im Küstenraum bis ins 19. Jahrhundert, hat heute jedoch nur mehr historisch-nostalgische Bedeutung. Die nach außen lateinisch aussehenden Kirchen in Süddalmatien erweisen sich bei näherer Betrachtung mitunter als orthodoxe Gotteshäuser. Die ostadriatische Küste hat auch berühmte Persönlichkeiten hervorgebracht, die keineswegs nur lokale Größen geblieben sind. Da wäre etwa der in spätrömischer Zeit regierende Kaiser Diokletian (243–313) zu nennen, der in Dalmatien geboren worden ist (der nach ihm benannte Palast in der Altstadt von Split ist heute noch gut erkennbar). Dazu gehört möglicherweise auch der berühmte Seefahrer Marco Polo (1254–1324), der auf der süddalmatinischen Insel Kor?ula zur Welt gekommen sein soll; örtliche Tourismusmanager bemühen sich jedenfalls, das Thema in ihrem Sinne auszuschlachten. Selbst wenn ihn heutzutage nur mehr Wissenschaftshistoriker kennen: Auch der Ragusaner Jesuit Rudjer Boškovi? (1711–1787) zählt zu den Koryphäen des ostadriatischen Einzugsgebietes, der in halb Europa herumgekommen ist und Fachbücher zur Mathematik, Astronomie und Naturphilosophie veröffentlicht hat. Und der Umstand, dass die aus dem Okzident stammenden Heerscharen des Vierten Kreuzzuges (ehe sie 1204 Konstantinopel plünderten und durch diese Untat viel dazu beitrugen, dass sich West- und Ostkirche noch immer gegenüberstehen) auf ihrer Reise in den europäischen Orient in Zadar Zwischenstation machten und sich auch dort alles andere als vornehm aufführten, belegt, dass der ostadriatische Raum nicht wenig mit der allgemeinen europäischen Entwicklung zu tun hatte und hat.

Erschienen in Rotary Magazin 8/2011

Harald Heppner
Professor Dr. Dr. Harald Heppner lehrt am Historischen Institut der Karl-Franzens-Universität Graz. Dank zahlreicher Forschungsaufenthalte und Gastsemester in Sofia, Paris, Moskau, Bukarest, Laibach und Innsbruck ist er ein intimer Kenner Ost- und Südosteuropas. 2007 erschien „Reisen und Geschichte verstehen“ (Braumüller).
       www.uni-graz.at

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