01.08.2011

Mit der Gründung der Distrikte 1912 und 1913 starteten Slowenien und Kroatien in die rotarische Eigenständigkeit

Stolz und Wehmut

René Nehring

Es dürfte eine der längsten Charterveranstaltungen in der Geschichte Rotarys gewesen sein. Drei ganze Tage dauerte Ende Juni die Verabschiedung der slowenischen und kroatischen Freunde aus dem Distrikt 1910. Allerdings war der zeitliche Vorlauf, in denen Rotarier aus Österreich die Aufbauarbeit im Südosten Europas zuvor betreut hatten, mit 20 Jahren auch sehr lang. Und mit der Teilnahme des Präsidenten RI Ray Klinginsmith waren die Veranstaltungen hochkarätig besucht. Den Auftakt zu den Feierlichkeiten bildete die Distriktkonferenz des Distrikts 1910 am 16. Juni im Wiener „Haus der Industrie“ (siehe Seite 98 dieser Ausgabe). Dabei galt es noch einmal, auf den Aufbau von über 90 Clubs in den letzten 20 Jahren zurückzuschauen.

Rekordverdächtige Teilnahme

Am Tag darauf schlug zunächst die große Stunde der Slowenen. Rund 1.200 Gäste – eine Zahl, die auf einer Distriktveranstaltung in deutschen Landen wohl noch nie zu sehen war – kamen in der Philharmonie der Hauptstadt Laibach (Ljubljana) zusammen, um den neuen Distrikt 1912 zu chartern. Dabei sprach Governorin Barbara Kamler-Wild neben dem Stolz auf das Erreichte auch die Tatsache an, dass an diesem Abend rotarische Freunde nach zwanzig Jahren gemeinsamen Weges ein letztes Beisammensein feiern würden, weshalb neben der Freude auch ein wenig Wehmut mitklang. Die Governorin erinnerte daran, dass jedes einzelne Jahr auch für einen Governor-Vorgänger steht, der in dem größten Rotary-Distrikt der Welt in seinem Amtsjahr nicht nur hunderte, sondern tausende Kilometer zurücklegen musste. Deshalb verlas sie die Namen aller Governors seit 1991, von denen viele auch anwesend waren. Das Grußwort der Republik Slowenien sprach der Staatspräsident und rotarische Freund Danilo Türk, allerdings nur via Video und Leinwand. Türk sprach über das selbstlose Dienen von Serviceclubs allgemein und insbesondere Rotarys. Er dankte für die Leistungen der Clubs, vor allem die Jugendarbeit und Bildungsprojekte. Auch Präsident Klinginsmith würdigte in seiner Rede die bisherige Aufbauarbeit. Dass nun, nach Jahrzehnten der Unterdrückung, ein eigener slowenischer Distrikt gegründet würde, nannte er einen Sieg aller Rotarier und Clubs sowie Sloweniens überhaupt. Anschließend überreichte der Weltpräsident die Charterurkunde an den ersten Governor des Distrikts, Stanko Ojnik. Dieser hielt nun eine das Gemüt bewegende Ansprache, wobei er u.a. seine Vorstellungen zu Rotary ansprach, aber auch das lange nachbarschaftliche Moment und die Verbundenheit mit Österreich in den letzten 20 Jahren. Vor dem Hintergrund des Kampfes der Slowenen für ihre Unabhängigkeit betonte Ojnik, dass man an einem Abend, an dem die Clubs des Landes nun ihren eigenen Distrikt bekämen, durchaus auch in sich gehen könne. Ganz im Sinne des neuen Weltpräsidenten Banerjee, zu dessen Crew Ojnik gehört, erwähnte er auch, dass nur wer den Frieden mit sich selbst, seiner Gemeinde und dem Staatswesen gefunden habe auch die größeren Ziele mit der rotarischen Familie erfolgreich anpacken könne. Im täglichen Leben die Würde des Menschen zu achten und zu bewahren ist Ojnik am wichtigsten. Unmittelbar nach der Überreichung der Charterurkunde wurde der Vertrag über den neuen Länderausschuss Slowenien-Österreich unterzeichnet, der unter der Ägide von Past-Governor Peter-Christian Herbrich durch persönliche Kontakte, Jugend- und Kulturaustausch dazu beitragen soll, dass die künftigen Wege beider Distrikte nicht allzu sehr auseinander führen. Es folgte ein Abend mit vielen Gesprächen, bei dem jedoch auffiel, dass die slowenischen Freunde vor allem ihre Leistungen bei der Entstehung der Distrikte betonten – ohne etwa ein Wort des Dankes an die anwesenden österreichischen Past-Governors, ohne die vieles nicht möglich gewesen wäre. Dies fiel um so mehr auf, als der neue Distrikt an diesem Abend sage und schreibe 45 Paul Harris Fellows vergab – und davon kein einziger an einen Nicht-Slowenen ging.

Kroatisches Nationaltheater

Noch ein wenig stolzer und festlicher ging es am nächsten Abend, dem 18. Juni, in Zagreb zu. Hier fanden sich rund 600 Gäste im Nationaltheater ein, um den Distrikt 1913 zu chartern. Die erste Rede des Abends hielt der Vorsitzende der „Rotary Gesellschaft Kroatien“, einer eigenen Organisationsform, die es auf RI-Ebene eigentlich nicht gibt, Dusko Corak. War es in Laibach noch so, dass die Rolle der österreichischen Freunde immerhin am Rande erwähnt wurde, so war in der Ansprache Coraks nur noch von den eigenen Leistungen der Clubs in Kroatien die Rede, was manchen Zuhörer befremdete. Das Grußwort der Republik Kroatien hielt der ehemalige Staatspräsident Stjepan Mesic (RC Zagreb). Mesic sprach von einer privilegierten Generation, die jetzt in Rotary leben könne. Zumindest er dankte allen österreichischen Freunden, die an dieser Entwicklung Anteil hatten und den Zugang zu einem internationalen Netzwerk gemeinsamer humanitärer Interessen eröffnet hatten. Besonders wichtig war es ihm, auf die speziellen rotarischen Hilfeleistungen nach den Zerstörungen des Krieges in Kroatien hinzuweisen. Zugleich bat er um Unterstützung beim bevorstehenden Beitritt seines Landes zur Europäischen Union.  Auch Governorin Kamler-Wild ging auf die Vorgeschichte seit 1991 ein. Von den Männern der ersten Stunde erwähnt sie neben Past-Governor Mailath-Pokorny und Marian Bulat besonders Ivan Husic, der nun der erste Governor des neuen Distrikts 1913 würde. Präsident Klinginsmith gratulierte noch einmal den Rotariern in Österreich für ihr Werk und ihre Verantwortung, die sie übernommen hatten. Er nannte es eine Freude, wenn man lange Zeit in eine Richtung geht, ohne das zeitliche Endziel zu kennen, und doch ausharrt, bis die reiche Ernte eingefahren ist. Governor Ivan Husic stellte in seiner Rede die Frage, welche Rotarier und welchen Distrikt man sich denn nun vorstelle. Als Governor wünsche er sich eigenständige Clubs und ideenreiche Mitglieder, die nicht zuletzt die Basis eines jeden Distriktes und Stütze der Governors seien. Zugleich erinnerte er daran, dass es die Clubs und die einzelnen Mitglieder selbst sind, die das Erscheinungsbild von Rotary in ihrem Lande prägen würden. Ein emotionaler Höhepunkt des Abends war die Übergabe der Amtskette des kroatischen Vorkriegsdistrikts an Husic, auf der alle Clubs aufgezählt sind, die bereits vor dem Zeitalter des Totalitarismus bestanden. Bei aller Anteilnahme an der Freude der Kroaten über ihren langen Weg in die staatliche Unabhängigkeit und rotarische Selbständigkeit hatte man doch irgendwann den Eindruck, dass der Nationalstolz manchmal etwas zu sehr übertrieben wurde. So wurde deutlich häufiger vom „kroatischen Distrikt“ und kaum vom „Distrikt 1913“ gesprochen.

Bosnien bleibt

Nachdem bereits 1999 die Tschechen und Slowaken ihren Distrikt 2240 charterten, und die Ungarn 2007 den Distrikt 1911 gründeten, ist nach der Charterung des slowenischen und des kroatischen Distrikts die Aufbauarbeit der österreichischen Freunde fast abgeschlossen. Im Distrikt 1910 verbleiben werden bis auf weiteres die Clubs aus Bosnien-Hercegowina. Da zwischen ihnen und Österreich nunmehr andere Distrikte liegen, wird zwischen beiden Ländern künftig die „Bridge to Bosnia“ gebildet (s. S. 61).

Nach 20 Jahren Aufbauarbeit und den drei aufregenden Tage von Wien, Laibach und Zagreb können wir feststellen: Es ist vollbracht.

 

Erschienen in Rotary Magazin 8/2011

Rotary Magazin 9/2016

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