15.09.2014

Das neue Polen 

Die neue urbane Blüte der Weichsel-Stadt

Tomasz Reich

Vom Westen Europas oftmals ignoriert, hat sich unser östlicher Nachbar in den vergangenen Jahren beachtenswert entwickelt. Vor allem die Hauptstadt Warschau ist längst eine pulsierende Metropole. Die Beiträge des Titelthemas der September-Ausgabe widmen sich einem Land und einer Gesellschaft, über die die Deutschen immer noch zu wenig wissen – obwohl deren Schicksal ganz wesentlich mit dem unsrigen verbunden ist.

Vom Dachgarten der Warschauer Universitätsbibliothek kann man einen der schönsten Blicke auf Warschau genießen – ein Panorama, das jeder Tourist bei einer Stadtbesichtigung sehen sollte. Im benachbarten Kopernikus-Wissenschaftszentrum wird den Besuchern außer dem Einblick in die Geheimnisse verschiedener Wissenschaftsbereiche auch der Besuch des Planetariums und des Dachgartens dieses Gebäudes geboten. Diese beiden Einrichtungen sind Vorzeigeobjekte der Stadt und für die Warschauer beliebte Ausflugsziele. Von hier sind es nur einige Dutzend Meter in Richtung Altstadt, um zu dem Wasserlichtspielpark „Multimedialny Park Fontann“ zu gelangen. Die Wasserlichtkonzerte finden hier jedes Wochenende in den Sommermonaten statt und locken ein großes Publikum an.

Doch das sind nicht die einzigen Attraktionen, die im ufernahen Raum an der Weichsel geboten werden. Derzeit wird nach langjährigen Vorbereitungen das Projekt Weichsel-Boulevard realisiert und in den nächsten Monaten abgeschlossen, wodurch eine Stadtpromenade zugänglich gemacht wird. Die Weichsel hat sich in den letzten Jahren zu einem beliebten Erholungsraum entwickelt. Davon zeugen die zahlreichen Einwohner der Stadt, die ihre Freizeit gern auf den Stränden und in den ufernahen Kneipen verbringen. Die Stadtpromenade ist ein weiterer Schritt bei der Neuentdeckung des flussnahen Raums. Das Vorhaben umfasst nicht nur die Stadtpromenade selbst, sondern auch zahlreiche Restaurants und eine neue Schiffsanlegestelle.

ORTE DER GESCHICHTE

In den letzten Jahren wurden in der Hauptstadt Polens einige bedeutende Museen eingerichtet, die einen Anziehungspunkt für zahlreiche Touristen aus der ganzen Welt bilden. Im Stadtteil Powi?le wird seit 2010 eines der europaweit modernsten und größten Museen von Frédéric Chopin betrieben, der etwa fünfzig Kilometer von Warschau, in ?elazowa Wola, geboren wurde. Das Museum des Warschauer Aufstandes ist ein weiteres, dessen Besuch zu empfehlen ist. Nach Angaben der Gründer stammen die meisten der Ausstellungsstücke aus den von Einwohnern Warschaus übergebenen oder zur Verfügung gestellten Sammlungen. Dies ist auch der meistbesuchte Ort auf der touristischen Karte der Hauptstadt. Dank der multimedialen Ausstellung und der Möglichkeit, die Attrappe eines Warschauer Abwasserkanals besichtigen zu können, durch den die Aufständischen gegangen sind, wird Geschichte zum Anfassen vermittelt.

Der Warschauer Stadtteil Wola, in dem die höchsten Gebäude der Stadt errichtet werden, gehört zu einem der sich am dynamischsten entwickelnden Bezirke. Hier wird „Warsaw Spire“, der momentan höchste Wolkenkratzer gebaut, dessen Turm über 220 Meter hoch sein wird. Auf dem Europäischen Platz, der um diesen Gebäudekomplex herum entsteht, können schon im nächsten Jahr die Besucher Mittag essen oder spazieren gehen. Das ist jedoch erst der Beginn der Investitionsvorhaben in diesem Gebiet.

Das Museum der Geschichte der polnischen Juden ist das dritte Museum, dessen Besuch zu empfehlen ist. Es wurde im einstigen Gebiet des jüdischen Ghettos, im Stadtteil Muranów, errichtet und erst vor einigen Monaten zur Besichtigung freigegeben. Doch man kann jetzt schon sicher sein, dass dieses Museum bei den Besuchern genauso populär sein wird wie das Chopin-Museum oder das Kopernikus-Wissenschaftszentrum. Museen und auch hunderte Cafés und Restaurants stellen aber nicht alle Attraktionen Warschaus dar. Die Stadt entwickelt sich sehr schnell und dynamisch. Geplant ist u.a. der Bau des Museums für zeitgenössische Kunst. Es entstehen auch moderne Büro- und Handelsgebäudekomplexe, die mit musealen und kulturellen Funktionen verbunden sind. Vor einem Jahr wurde mit dem Großvorhaben der Revitalisierung des historischen Gebäudes der Wodkafabrik Koneser begonnen, in dem u.a. ein Wodka-Museum untergebracht und Gebäude der alten Fabrik aus dem 19. Jahrhundert in Lofts verwandelt werden sollen.

EIN STADTTEIL NAMENS PRAGA

Die Touristen wissen meistens nicht, dass Warschau sein eigenes „Prag“ besitzt, denn der Hauptstadtteil auf der rechten Weichselseite heißt Praga (auf Deutsch: Prag). Diese historische und fast vollständig erhalten gebliebene Bausubstanz Warschaus aus der Vorkriegszeit war viele Jahre ein In-Viertel für Künstler und Studenten. Doch Praga war auch wegen der Kriminalität verrufen. Aber zum Glück mutiert der jahrelang vernachlässigte Stadtteil Praga langsam zu einer Visitenkarte der Hauptstadt. Im Oktober wird ein außergewöhnliches Museum an der Targowa-Straße eröffnet, in dem die reiche Geschichte dieses unbekannten Stadtteils gezeigt wird. Seit einigen Jahren wird in naher Nachbarschaft mit großem Erfolg die Kultur- und Gastronomie-Insel Soho Factory betrieben. Dies ist ein Ort, an dem viele Ausstellungen und Konzerte organisiert werden, auch mit leckerem Essen, das von den örtlichen Restaurants wie z.B. Warszawa Wschodnia serviert wird.

Leider wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen, das zu 85 Prozent zerstörte Warschau im Geiste des Kommunismus aufzubauen. Bewusst wurden schöne Bürgerhäuser und andere Gebäude abgerissen, die während des Krieges erhalten geblieben waren. An ihre Stelle wurden moderne, neuzeitliche Wohnviertel errichtet, durch die der Charakter des alten Warschaus unwiderruflich verloren gegangen ist. Erst nach 1989, als Polen seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, entwickelte und veränderte sich die Stadt. Doch niemand hätte ahnen können, dass diese Veränderungen innerhalb von 25 Jahren so umfangreich sein werden.

Seit einigen Jahren wird das U-Bahnnetz ausgebaut, um Warschau verkehrstechnisch voll zu erschließen. Die graphische Gestaltung der Stationen der zweiten U-Bahnlinie wurde von Wojciech Fangor entworfen, der als „polnischer Gaudi“ bezeichnet wird. Die Werke dieses Künstlers schmücken die Wände der neuen Stationen und bilden damit größte unterirdische Galerie seiner Werke. Oberirdisch wächst derweil die Skyline. Binnen 25 Jahren entstand ein Mini-Manhattan mit Gebäuden, die in Europa zu den höchsten zählen. Weitere geplante Wolkenkratzer können sogar rund 300 Meter hoch werden, besonders in der Nähe des Kulturpalastes, den die Hauptstadt einst von Stalin als Geschenk bekommen hatte. Er ist immer noch das höchste Gebäude in der Stadt, doch es ist nicht ausgeschlossen, dass sich diese Situation bald ändern wird. Warschau ist eine offene Stadt, wo Moderne im Dialog mit der Vergangenheit ihren Platz findet. Durch die geplanten und bereits abgeschlossenen Investitionen entwickelt sich Warschau zu einer der attraktivsten Städte Europas.

Die Stadt wandelt sich, und mit den dynamischen Veränderungen entwickelt sich nicht nur die Infrastruktur, sondern es werden auch immer mehr schöne urbane Räume geschaffen. Wer Warschau besucht, wird erleben, dass dies eine Stadt ist, die durch ihre Grünflächen und immer mutigere Architektur für alle ein Anziehungspunkt ist – eine Stadt, die mit ihrer Dynamik und ihren Attraktionen die Gäste überrascht. 

Erschienen in Rotary Magazin 9/2014

Tomasz Reich
Tomasz Reich ist Blogger und Journalist. Zusammen mit Freunden zieht er durch seine Heimatstadt Warschau und fotografiert diese für seinen Blog.

www.tomaszreich.pl

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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