24.08.2012

Der Jahrgang 2011

Das Können entscheidet

Ingo Swoboda

Neues Spiel, neues Glück? Der Jahrgang 2011 brachte eine ausreichend große Traubenmenge, auf die die deutschen Winzer nach der kleinen Ernte 2010 sehnlichst gewartet hatten. Glaubt man den offiziellen Statements, allen voran dem orakelnden Deutschen Weininstitut in Mainz, dann ist 2011 ein hervorragender Weinjahrgang, der nicht nur hierzulande, sondern auch auf den heiß umkämpften Auslandsmärkten für große Aufmerksamkeit sorgen wird. Doch lassen wir die Kirche im Dorf. Auch in diesem Jahr liegen Licht und Schatten dicht beieinander, wie soll es auch anders sein. Denn Menge und hohe Mostgewichte machen noch keinen guten oder sehr guten Wein, das Können der Winzer ist der entscheidende Faktor für Qualität. Motiviert von den vielen Zuschriften, die bei meinen letztjährigen Weinempfehlungen ihren Lieblingswinzer vermisst haben, werde ich mich in diesem Jahr auf eine generelle Gebietseinschätzung konzentrieren und keine einzelnen Weingüter namentlich herausheben. Doch eines ist sicher: Prinzipiell sind alle deutschen Weine des aktuellen Jahrgangs trinkbar, allein der individuelle qualitative Spaßfaktor ist das Regulativ. Sie kommen also am Probieren nicht vorbei.

Bemerkenswerte Weine kommen 2011 von einer jungen, gut ausgebildeten Winzergeneration, die vor allem in Rheinhessen, der Pfalz und Franken für neuen Schwung sorgt. Unter dem Label „Message in a bottle“ finden Sie eine ganze Reihe an rheinhessischen Familienbetrieben, die nicht nur dynamische Rieslinge auf die Flaschen gebracht haben, sondern 2011 auch spritzige Silvaner und knackige Sauvignon blanc anbieten. Auch die jungen Franken haben dem klassischen Silvaner ein neues Gesicht gegeben, unter ihren aktuellen Weinen findet man sehr feinaromatische, elegant strukturierte Silvaner, die mit einer animierenden Frische fernab der Rustikalität überzeugen. Probieren Sie auch einmal die 2011er Müller-Thurgau der Winzer-Vereinigung „Frank und Frei“ und Sie werden überrascht sein, was die Rebsorte an saftig eleganten Weinen hervorbringen kann.

Neue Winzergeneration

Nach wie vor eine Fundgrube für ausgezeichnete Weinqualitäten ist die Pfalz. Im Norden des Anbaugebietes empfehlen sich 2011 vor allem markant trocken ausgebaute Rieslinge. Die Eleganz dieser Rebsorte ist im aktuellen Jahrgang an der Mittelhardt zu Hause. Sehr kompakt strukturierte Rieslinge aus Lagen rund um Deidesheim, Forst und Wachenheim überzeugen in einer bemerkenswerten fruchtigen Konzentration und mit einer animierenden Frische, die viel Trinkspaß verspricht. Die Südpfalz punktet 2011 mit ihren Burgundersorten. Chardonnay, Weiß- und Grauburgundner zeigen in einer perfekten Reife ihren ganzen Glanz: nicht zu dominant oder überzogen in der Kraft, dafür wunderbar cremig, elegant und ausgewogen im geschmacklichen Gesamtbild.

Die kleine Weinregion Nahe ist auch mit ihren aktuellen Gewächsen ein Garant bester deutscher Weine. Neben den renommierten Gütern finden immer mehr junge Betriebe in die Spur und präsentieren straffe, sehr frische und fruchtige Rieslinge, die auch in den restsüßen Varianten überzeugen.

Apropos Restsüße: Nicht zu verwechseln mit edelsüßen Auslesen, Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen sind die 2011er feinherben Rieslinge von der Mosel eine besondere Empfehlung wert. Allen voran glänzen die im Alkohol leichten, beschwingten Kabinett-Weine der Mittelmosel mit einer betörenden, blitzsauberen Frucht und einer herrlich animierenden Säure, die viel Frische in den Gaumen bringt. Die Auswahl ist groß, die Preise, auch in den Spitzenbetrieben, erstaunlich günstig. Wer auf der Suche nach trocken ausgebauten Mosel-Rieslingen ist, sollte sich ein, zwei Tage Zeit für eine ausgiebige Probe nehmen. Zwar wächst das Angebot mit jedem Jahrgang, doch die Trocken-Variante vieler Weingüter erreicht auch 2011 nicht die Qualität der klassischen restsüßen Mosel-Stilistik.

Erstklassige trockene Rieslinge mit mineralischen Noten vom Schiefer findet man dagegen 2011 am Mittelrhein. Das kleine Anbaugebiet bietet die ganze Riesling-Palette in bester Qualität, allen voran sind die Weine aus dem Bopparder Hamm und rund um Bacharach die Gewinner des aktuellen Jahrgangs. Mit deutlicher Frucht und einer druckvollen, frischen Säure ausgestattet, gehören die Rieslinge zu den Favoriten des Jahrgangs. Der Rheingau, klassisches Rieslingland mit klingenden Lagen- und Weingutsnamen, wird nach wie vor von einer Handvoll Familienbetriebe dominiert. Newcomer gibt es hier keine zu entdecken, dafür ist die Mitte breit aufgestellt und bietet 2011 jede Menge an soliden bis sehr guten Weinqualitäten. Besonders empfehlenswert sind die fruchtbetonten, mineralisch geprägten Rieslinge aus den Lagen des Rüdesheimer Bergs. Probieren Sie auch die aktuellen Weine aus Lorcher Lagen, die noch ein kleiner Geheimtipp sind und voller Eleganz und mineralischer Überraschungen stecken.

Intensive Fruchtnoten

Das Weinland Baden ist in seiner Ausdehnung eines der spannendsten Gebiete und bietet von markanten und fruchtig animierenden Rieslingen aus der Ortenau bis zu reifen Burgundern vom Bodensee das ganze Rebsortenspektrum. Qualitativer Fokus liegt auch 2011 auf dem Kaiserstuhl, hier finden sich aktuell nicht nur elegante und sortentypische Weiß- und Grauburgunder, sondern auch Rotweine, die im stabilen sonnigen Spätsommerwetter während der Ernte ihren letzten Schliff bekamen. Viele Spätburgunder schlummern noch in den Fässern und werden erst in zwei, drei Jahren ihre Balance gefunden haben. Die Voraussetzungen, dass hier ein guter bis sehr guter Jahrgang an fruchtigen, dichten und reifen Rotweinen entsteht, sind gut.

In Sachen deutscher Rotwein hat sich neben Baden vor allem die Ahr als Aushängeschild etabliert. Noch vor zehn Jahren war die Qualitätsdecke dünn, mittlerweile finden Sie in dem kleinen Anbaugebiet eine ganze Reihe an empfehlenswerten Familienbetrieben und Genossenschaften. Die aktuellen Frühburgunder glänzen mit einer erstaunlichen Frucht­eleganz bei harmonisch integrierten Tanninen. Keine schweren Rotweine, sondern fein strukturierte Burgunder, die schon jetzt gut zu trinken sind. Dem 2011er Spätburgunder sollten Sie noch etwas Zeit gönnen, doch es lohnt sich. Das Potenzial zeigt saubere, intensive Fruchtnoten und kernige Tannine, die den Weinen Rückgrat für Jahre geben werden.

Die Württemberger Winzer können sich zwar über einen guten Jahrgang freuen, mussten aber vor allem im nordwestlichen Teil des Anbaugebietes kleine Ernteeinbußen hinnehmen. Wer sich mit Württemberger Weinen eindecken möchte, sollte unbedingt Lemberger und Rieslinge probieren. Die beiden spät reifenden Rebsorten brachten 2011 hervorragende Qualitäten auf die Flaschen, sehr ausgewogen und harmonisch in der Struktur, gleichzeitig trinkfreudig und süffig.

Wer die Möglichkeit hat, Weine aus Sachsen und von Saale-Unstrut zu probieren, die nur wenig am Markt präsent sind, wird 2011 viele Qualitäten finden, die fern von einem Mainstream-Geschmack sind.
Wein bleibt also auch im aktuellen Jahrgang spannend und ein Getränk, das beweist, dass über Geschmack nicht gestritten werden kann. Oder doch?

Erschienen in Rotary Magazin 9/2012

Ingo Swoboda
Ingo Swoboda schreibt als Freier Journalist unter anderem für die Zeitschrift "Der Feinschmecker" und hat zahlreiche Bücher über Wein-und Foodthemen veröffentlicht. Zuletzt erschien "Die neue deutsche Küche" (Collection Rolf Heyne 2011). www.ingo-swoboda.com

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