Als Lieferant von Nahrung, Bio-Energie und  nachwachsenden Rohstoffen ist die Landwirtschaft eine Schlüsselbranche des 21. Jahrhunderts - Alles vom Acker

Auch in der modernen High-Tech-Welt des 21. Jahrhunderts wird das Bild der ländlichen Räume zu großen Teilen von der Landwirtschaft geprägt. © picture-alliance

14.05.2012

Als Lieferant von Nahrung, Bio-Energie und nachwachsenden Rohstoffen ist die Landwirtschaft eine Schlüsselbranche des 21. Jahrhunderts

Alles vom Acker

Reinhard Grandke

Landwirtschaft ist in Deutschland allgegenwärtig. Rund 52 Prozent der Fläche des Landes werden von der Landwirtschaft genutzt: als Ackerland für Kartoffeln, Mais, Zuckerrüben, Raps und Getreide, als Grünland für das Futter der Milchkühe und Schafe. Als Dauerkulturen wie Wein, Obst und Hopfen sowie als Landschaftselemente, Moore und Heide, als Fläche für die Naherholung. Das Bild der ländlichen Räume wird also zu großen Teilen von der Landwirtschaft geprägt.

In den Städten greift jeder Mensch täglich zu Lebensmitteln, die ihren Ursprung in den landwirtschaftlichen Erzeugnissen von Feld und Stall haben. An den Zapfsäulen wird Treibstoff in den Tank gefüllt, der bis zu 10 Prozent aus Bioethanol oder dem Diesel beigemischten Methylester aus Pflanzenölen besteht und damit ebenfalls der Landwirtschaft entstammt. Mehr und mehr Fasern und chemische Grundstoffe, die nicht nur im Baumwollhemd, sondern auch beim Hausbau, der Wärmedämmung Verwendung finden, sind nachwachsende Rohstoffe und stammen von Pflanzen, die die Landwirte auf dem Acker erzeugen. In den Biosphärenreservaten, den Mittelgebirgsregionen, den Küstenregionen und im Alpenvorland stellen Landwirte qualitativ hochwertige Ferienwohnungen, Apartments, Wellness- und Erlebniswelten für den Urlaub bereit.

Die Wünsche an die Landwirtschaft, alle diese Ansprüche zu bedienen, sind bereits jetzt enorm. Es gilt, die wachsenden Bedürfnisse von immer mehr Menschen auf Basis einer schrumpfenden Fläche zu befriedigen. Dabei unterscheiden sich die Bedürfnisse, gerade in den Industrieländern immer mehr, die Nachfrage nach Lebensmitteln aus besonderen Produktionsmethoden (z.B. Bio) oder aus bestimmten Regionen nimmt immer mehr zu. Gleichzeitig wächst die Sensibilität der Gesellschaft für die Auswirkungen der landwirtschaftlichen Produktion auf die Umwelt, auf Wasser, Boden, Klima und Artenvielfalt, auf den Umgang mit den landwirtschaftlichen Nutztieren sowie auf die Qualität der Lebensmittel.

Weltweit gibt es ein Bevölkerungswachstum mit einer noch nie dagewesenen Dynamik. Heute leben sieben Milliarden Menschen auf der Erde, im Jahr 2050 werden es über neun Milliarden sein. Das sind täglich 200.000 Menschen mehr. Diese Menschen leben verstärkt in den Städten, die FAO sieht in den nächsten 40 Jahren mehr als 3 Mrd. zusätzliche Menschen in den Metropolen dieser Welt. In den Schwellenländern erleben wir einen Einkommenszuwachs bei breiteren Bevölkerungsschichten. Urbanisierung und Wohlstand verändern die Konsummuster. Fleisch, Eier, Milcherzeugnisse und Convenience-Produkte werden stärker nachgefragt; Produkte, deren Herstellung ressourcenintensiver ist als überwiegend auf Pflanzen basierende Ernährung. Auf der anderen Seite hat die Zahl der hungernden Menschen von 1 Mrd. nicht wesentlich abgenommen.

Gleichzeitig verringert sich weltweit die verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche. Durch Besiedelung, Verkehrsflächen, Wüstenbildung und Verkarstung sowie durch die eingeschränkte Verfügbarkeit von Wasser und zunehmende klimatische Veränderungen gehen Flächen ganz verloren oder ihre Fruchtbarkeit lässt nach.

Bisher konnte dem immer schon bestehenden Nachfrageüberhang durch eine Steigerung der Produktivität entgegengewirkt werden. In den ackerbaulichen Hauptkulturen, in Getreide, stagnierten jedoch in den letzten zehn Jahren in den Gunstregionen Europas die Ertragszuwächse. Auch in den übrigen Weltregionen sinken die Ertragszuwächse.

Energie vom Acker

Neben die Nachfrage nach Lebens- und Futtermitteln ist in den letzten Jahren die Nachfrage nach Energie vom Acker getreten. Das hat gesellschaftliche Diskussionen ausgelöst, die mit großer Intensität geführt wurden. Spätestens seit Fukushima ist klar, dass die Diskussion „Tank oder Teller“ entschieden ist. Zu „Tank“ und „Teller“ gibt es keine Alternativen mehr. Eine nach Lebensmitteln und Primärenergie hungrige Welt ist die Herausforderung für die Gesellschaft und die Landwirtschaft. Das wird nicht nur für die Hungernden dieser Welt Auswirkungen haben, wenn hier nicht entschieden gegengesteuert wird. Die Weltgemeinschaft muss es schaffen, mehr, umweltgerechter, tiergerechter und in besserer Qualität zu produzieren und gleichzeitig die Kaufkraft in Entwicklungs- und Schwellenländern zu erhöhen.

Eine schier unlösbare Aufgabe? Vielleicht nicht, denn eines gibt Hoffnung: Stärker als die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage wächst weltweit das Wissen und Können. Die Intelligenz nimmt zu, die Fähigkeit, Probleme zu lösen, steigt. Die entwicklungsverhindernden Mechanismen sind mehr und mehr bekannt und die Bilder darüber, wie politische und gesellschaftliche Systeme aussehen könnten, die ein Vielfaches an Wohlstand und Nahrungsmitteln produzieren können, gewinnen an Konturen. In diesen Skizzen aus Problemen und Lösungsansätzen ist die Landwirtschaft ganz zentral eingebettet. Positionierung und strategische Ausrichtung der Landwirtschaft müssen dementsprechend aufgestellt sein.

Gerade dem Standort Deutschland mit seinen hervorragenden Produktionsbedingungen kommt hier eine besondere Verantwortung zu. Boden, Klima und Wasser, Know-how und technologisches Potenzial sind in Deutschland besonders günstig kombiniert. Das Potenzial muss genutzt werden, das ist nicht nur eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, eine Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch eine Frage globaler Verantwortung.

Verantwortung für das Ganze

Aber nicht nur in der Urproduktion, auch im sogenannten Agribusiness hat die Bundesrepublik eine führende Rolle und Verantwortung. Sei es beim Pflanzenschutz, der Züchtung oder bei der Landtechnik. In einem Land, das die wesentlichen Köpfe der weltweiten Agrarforschung – wie Liebig, Thünen, Kühn und Eyth – hervorbrachte, ist die Innovationsforschung ein Basisbaustein gelebter weltweiter Verantwortung. Dafür braucht man gut ausgebildete Wissenschaftler, Ingenieure, Meister, Unternehmer, die aus einem organisierten und miteinander abgestimmten Bildungs- und Ausbildungswesen hervorgehen. Universitäre Ausbildung, Hochschulausbildung, Fach- und Meisterschulen sollten nicht nur national, sondern auch international übergreifend abgestimmt sein. Der Abstimmungsprozess sollte es ermöglichen, in den föderalen Strukturen Forschungs- und Bildungsschwerpunkte zu setzen, die eine im internationalen Vergleich adäquat profilierte und führende Agrar- und Ernährungsforschung entstehen lässt. Derzeit wird innerhalb der Branche die Reform der europäischen Agrarpolitik sehr intensiv diskutiert. Diese sollte zumindest eines schaffen: einen Politikrahmen zu definieren, der es der Agrarbranche ermöglicht, ihre Funktion als Schlüsselbranche des 21. Jahrhunderts zu erfüllen. Es sollte mit großer Offenheit ein neues, nachhaltiges europäisches Agrarmodell diskutiert werden, dass länger gültig ist, als eine EU-Finanzperiode.

Gerade bei den erneuerbaren Energien zeigt es sich, wie schwierig es ist, eine langfristige Förderpolitik zu gestalten. Es wurde natürlich für Viele als reizvoll angesehen, mit garantierten staatlichen Förderungen in das Geschäft mit Sonne, Wind und Biogas einzusteigen. Eine Anschubförderung war ja auch sinnvoll und die Technologieführerschaft mittelständischer Unternehmen aus Deutschland in vielen Bereichen der regenerativen Energieerzeugung hat den Erfolg gezeigt. Auf der anderen Seite führt dies zu immensen Belastungen der Verbraucher in den nächsten 20 Jahren. Dies ist inzwischen erkannt, und man versucht, die vielfältigen Fördersysteme neu zu gestalten. Allerdings werden viele der Mittelständler durch die Radikalität des Umsteuerns in ihrer Existenz gefährdet. Leitbild sollte hier eine Förderung mit Augenmaß sein, die diese Zusammenhänge von vornherein mit berücksichtigt und Innovationsführerschaft des Standortes und des Sektors sichert.

Wie nimmt die Gesellschaft die Landwirtschaft wahr? Das Institut für Demoskopie in Allensbach stellte in einer durch die DLG beauftragten Umfrage fest, dass die öffentliche Wahrnehmung der Landwirtschaft nur bei weniger als einem Viertel der Bevölkerung mit modernen, forschungs- und wissensbasierten Produktionsverfahren verbunden ist. Fast 80 Prozent der Bevölkerung verbinden mit der Landwirtschaft altertümliche und romantische Assoziationen. Als eine innovative Schlüsselbranche wird die Landwirtschaft von der breiten Gesellschaft nicht gesehen. An diesem Punkt gibt es die Herausforderung zu einem neuen Diskurs mit der Gesellschaft. Landwirte müssen sich engagieren und darstellen, was der zukunftsgewandte Ansatz der Landwirtschaft ist, wie mit moderner Technik verantwortlich für Mensch, Tier und Umwelt die Produktion organisiert wird und wie Zielkonflikte bewältigt werden.

Ein Erfolgsfaktor der deutschen Agrar- und Ernährungsbranche sind die Landwirte und die mittelständischen Unternehmen in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen: die Landtechnikunternehmen, die Unternehmen und Betriebe, die Saatgut, Dünger, Futtermittel, Pflanzenschutzmittel und Software herstellen. Diese Triebkräfte des Branchenfortschritts brauchen ein innovationsfreundliches Umfeld. Fortschritt ermöglicht höhere Erträge und durch bessere Technologie eine geringere Belastung der Umwelt. Dieser Fortschritt braucht umfassende gesellschaftliche Akzeptanz. Dazu muss eine neue Art des Diskurses zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft geführt werden, so dass die Gesellschaft frühzeitig in die Entwicklung neuer Verfahren einbezogen wird. Für eine Schlüsselbranche, die notwendig ist, zentrale Probleme der Menschheit zu lösen, sollte dies tägliche Herausforderung sein. 

Erschienen in Rotary Magazin 5/2012

Reinhard Grandke
Dr. Reinhard Grandke ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG).

www.dlg.or

Rotary Magazin 12/2016

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