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Das Boot des weißen Mannes

Titelthema - Das Boot des weißen Mannes
Bug des Luf-Boots - Insel Luf (1890–1895): Ohne die Verwendung von Nägeln wurde das Luf-Boot aus einem einzigen großen Baumstamm gearbeitet. Das Bild zeigt reiche Verzierungen am Bug. © Ragnar Schmuck

Deutsche Allesbesserwisser rufen nach Restitution, ohne zu wissen, was Südseevölker darüber denken. Es gäbe bessere Methoden der Wiedergutmachung.

Hermann Joseph Hiery01.09.2021

Bei der Bezeichnung „Das Boot“ denkt man außerhalb Deutschlands sofort an den bekannten Film von Wolfgang Petersen, einen der international erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt. Vor allem scheinen dann – die englische Aussprache „Boot“ (Stiefel) hat sicherlich dazu beigetragen – vor dem Auge jene Handlungs- und Verhaltensweisen aufzutauchen, die man Deutschland und den Deutschen immer wieder zuschreibt. Die Janusköpfigkeit dieser Eigenschaften wirkt gleichermaßen anziehend wie erschreckend: Enge und Engstirnigkeit, Ordnung und Chaos, Bildung und Einbildung, Rechthaberei und Rechtschaffenheit, Wahn und Wirklichkeit – eine Art klaustrophobisches Gesamtkunstwerk. Bilder des Deutschen, die sich auf der ganzen Welt erstaunlich gleichen.

Ähnliche Assoziationen wiederholen sich, wenn man sich dem Boot von Götz Aly anzunähern versucht. Klaustrophobie auf neuer Ebene. Dieses Boot wurde nicht von Deutschen, sondern von Pazifikinsulanern gebaut und an deutsche Ethnologen verkauft. Allein diese Tatsache, dass einheimische Pazifikinsulaner indigen-pazifische Gegenstände an Europäer, Deutsche zumal, veräußerten, gar „verkauften“, scheint Aly schon suspekt. Sein Credo: Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, durchzieht sein ganzes Buch. Und dass ausgerechnet dieses Boot nun als eine der Hauptattraktionen im Humboldt-Forum ausgestellt werden soll, will er mit Macht verhindern. Dabei wird alles aufgefahren, was man so gemeinhin braucht, um seine Sicht der Dinge auch wirklich durchzusetzen. Kolonialismus, Betrug, Skandal! Wer sich so geriert, dem gehört das Ohr des europäischen Publikums. Auffällig ist, dass man nicht erkennt, dass die gegenüber Vergangenem einseitig usurpierte moralische Höherwertigkeit sie eben doch in eine gerade Linie mit ihren Vorfahren stellt. Rücksichtslose Besserwisser. Typisch deutsch eben. Deutsche Ansichten für ein deutsches Publikum.

Es ist ein auffälliger und merkwürdiger Befund: In einer Zeit des Relativismus, auch und gerade des Werterelativismus, setzt sich – in Europa jedenfalls – die Gegenwart absolut. Die Sprachlosigkeit der Pazifikinsulaner kollidiert mit dem Sprachtsunami des Europäers. Dort hat sich eine Sichtweise breitgemacht, die man auf den Nenner bringen könnte: Die Kritik am Vorgehen unserer Vorfahren macht uns automatisch zu pazifischen Gefühlsgenossen. Da schwingt so viel krachend-lederhosiges Deutsches mit, dass es eigentlich allen auffallen müsste.


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Im Zentrum steht nur der Europäer

Woran kann man das festmachen? Zuallererst an der völligen Ausblendung der indigen-pazifischen Sichtweisen. Hat Herr Aly mit Einheimischen gesprochen? Sie um ihre Sicht der Dinge befragt? Nein. Hat er ihnen seine eigene Interpretation vorgestellt, um herauszufinden, ob und was daran zutreffend oder weniger zutreffend wäre? Nein. Kennt Herr Aly ihre Sprache? Nein. Weiß er zumindest generell um indigene Vorstellungen und Ansichten? Nein. War er denn wenigstens vor Ort? Nein. Und was vielleicht am schwersten wiegt: Aly scheint sich der Problematik seiner nicht hinterfragten eurozentrischen Sichtweise nicht einmal bewusst zu sein. Er blendet sie einfach aus. So wie er eben alles ausblendet, was nicht in seine Sichtweise hineinpasst.

„Nogat blut, nogat hat na klok. Mauswara tasol.“ Frei übersetzt: viel, am Ende aber substanzloses Gerede – Papiergeschichte. Der europäische Historiker glaubt sich durch einen Generalangriff auf die eigene Vergangenheit exkulpiert und entlastet. Aber es reicht eben nicht, sich äußerlich vom Eigenen zu distanzieren, wenn man das Fremde nicht kennt. Im Zentrum steht wieder nur der Europäer, der wie einst auch jetzt die alleinige Deutungshoheit über die Geschichte beansprucht; der Pazifikinsulaner dient dagegen nur als Mittel zum Zweck. Der Einheimische degeneriert in dieser Welt zum seelenlosen Statisten. Gut genug, um als Waffe gegen andere Europäer herzuhalten. Eine Form von intellektuellem Kolonialismus.

Tauschprozesse bilden die Basis melanesischer Geschichte. Sie sind viel mehr als das, was im Europäischen auf das rein Materielle reduziert wird. Neben ökonomischen Erwägungen kommt den dadurch geschaffenen sozialen Beziehungen besondere Geltung zu. Gabe und Gegengabe schaffen ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis, das mit dem Geschäft nicht zu Ende ist, sondern in Wahrheit erst beginnt. Dabei steht der Geber eigentlich noch mehr in einer Art Bringschuld als der Nehmer. Der Nehmer kann die Gabe nämlich wieder zurückgeben, wenn er damit nicht zufrieden ist. Damit kündigt er das gegenseitige soziale Verhältnis einseitig auf. Das bringt Unglück, weil er dem Geber damit inhärent unterstellt, er habe etwas Schlechtes gegeben. Auf der anderen Seite steht der Nehmer der Gabe – solange er die Gabe behält – in einer Art dauernder Schuld gegenüber dem Geber. Er ist diesem nämlich auch über das eigentliche Geschäft hinaus zu Hilfe und Unterstützung verpflichtet. Und es gibt dabei keine klare zeitliche Dimension – die Kindes- und Kindeskinder der ursprünglich Handelnden stehen immer noch im gleichen Abhängigkeitsverhältnis zueinander.

Diese Vorstellungen gelten im Prinzip bis heute. Bei einer Konferenz von Vertretern der „Pacific Arts“ in Vanuatu, an der ich teilnehmen durfte, waren es gerade melanesische Repräsentanten, die nachdrücklich vor einer allgemeinen Resolution zur Rückgabe indigener Artefakte aus europäischen Museen warnten. Die „grassroots“, also die eigentliche Basis der einheimischen Bevölkerung, hätten ihnen eindringlich nahegelegt, sie würden ihre Repräsentanten zur Verantwortung ziehen, wenn diese Artefakte wieder zurückkämen. Das bringe nur Unglück. Jeder wisse, dass in der Vergangenheit viele Europäer übers Ohr gehauen worden seien: Man habe ihnen Dinge angedreht, die keiner wirklich brauchte, vor allem aber seien darunter Sachen gewesen, die man weghaben wollte, weil der Fluch der Ahnen darauf lag. Diese Sachen dürften auf keinen Fall zurückkommen. „Ol i poret tumas.“ (Die Leute haben wirklich Angst.)

Rückgaben könnten Unfrieden stiften

Bevor irgendetwas auf politischer Ebene entschieden wird, sind die eigentlich Betroffenen zu hören. Und Gott bewahre uns vor einem rassistischen Trugschluss: So wie weiß nicht gleich weiß ist, ist braun nicht gleich braun und schwarz nicht gleich schwarz. Es geht darum, jene zu identifizieren, die auch tatsächlich als handelnde Gruppe oder Ethnie betroffen waren (oder sind). Und selbst in berechtigten Fällen kann eine gut gemeinte Rückgabeaktion Unfrieden stiften, weil jede Familie, jeder Clan glaubt, ihnen stünde ein Vorrang zu. Das, was zum Beispiel als „udoud“ (traditionelles Geld) oder sogenannte feine Matten in deutschen Museen liegt, würde bei der Rückgabe nach Palau und Samoa ziemlich sicher zu heftigsten Auseinandersetzungen unter vielen Familien führen, bis hin zu sozialen und politischen Verwerfungen schlimmster Art.

Man sollte endlich aufhören, die Geschichte der europäisch-pazifischen Interaktionen nur einseitig unter europäischen Gesichtspunkten zu betrachten. Das machen die meisten Ethnologen und Historiker schon lange nicht mehr. Sich deshalb anhören zu müssen, sie würden lügen – und dabei noch jede Möglichkeit einer Entgegnung zu verweigern –, sagt mehr über unsere gegenwärtige Kultur in Europa aus als über pazifische Verhältnisse.

Hernsheim, der Übeltäter?

Den Nachweis, dass das Boot aus Luf geraubt worden ist oder auch nur unter Wert eingetauscht wurde, kann Aly nicht erbringen. Im Gegenteil. Er zitiert Richard

Parkinson, einen der frühesten Siedler in New Britain, der 1907 schrieb, dass Max Thiel das Boot „mit großen Kosten und Mühen“ nach Matupit habe schaffen lassen. Aly stellt diese Aussage in Zusammenhang mit den großen Frachtkosten von der Südsee nach Deutschland und erweckt damit den Eindruck, es handele sich bei den „großen Kosten“ allein um Ausgaben für den Transport. Aber natürlich ist es Unfug, die Kosten für eine Fracht um die halbe Welt mit derjenigen allein innerhalb der Bismarcksee zu vergleichen.

Für die selektive Wahrnehmung der Vergangenheit und der bewussten Ausschaltung all dessen, was konträre Interpretationen zuließe, könnte man viele Belege anführen. Nur kurz soll auf die Hintergründe einiger Fälle, die Aly verfälschend interpretiert, eingegangen werden. „Im Vollgefühl kolonisatorischer Allmacht hatten Hernsheim und Thiel das Luf-Boot enteignet“, heißt es (S. 39). Hernsheim, gemeint ist Eduard Hernsheim, war aber zur Zeit der Erwerbung des Bootes gar nicht in der Südsee, sondern in Hamburg. Bei Aly wird Hernsheim durch seine Handelsweise – „Abpressen, Übervorteilen, Betrügen und Rauben“ – noch vor Thiel zum eigentlichen Buhmann. Aly sollte aufpassen, was er da für Fässer aufmacht. Aus seiner Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus müsste er eigentlich wissen, dass man mit Beschuldigungen sehr vorsichtig sein muss, gerade wenn es um jüdische Deutsche geht. Schon in der Kolonialzeit gab es heftige Vorwürfe gegenüber Hernsheim – aber von deutscher Seite und mit klarem antisemitischem Unterton, um einen erfolgreichen Geschäftsmann zu diskreditieren. Ist das Aly unbekannt?

Die Schärfe europäischer Urteile, überhaupt das in Europa weitverbreitete Schwarz-Weiß-Denken, geht den meisten Pazifikinsulanern bei der Beurteilung ihrer Vergangenheit, zu der die koloniale unweigerlich dazugehört, ab. Mit Vergangenem geht man erstaunlich pragmatisch um, bitterste Erfahrungen des Kolonialismus nicht ausgenommen. Natürlich hat es die gegeben, keine Frage. Wenn man aber hier eine Art von Wiedergutmachung herstellen will – und das sollte man in der Tat –, muss man anders vorgehen.

Wie wir sinnvoll helfen könnten

Es gäbe so vieles, was man für die Menschen von Papua-Neuguinea bis Samoa tun könnte. Warum übernimmt Deutschland nicht einfach einmal die ganzen Schulgebühren, die in fast allen Inselstaaten des Pazifiks von den Eltern der Kinder meist schon ab der Grundschule bezahlt werden müssen? In einem Jahr für Papua-Neuguinea, im nächsten für die Salomonen und so weiter. Warum schultern wir nicht einen Großteil jener Ausgaben, die notwendig sind und zunehmend notwendiger sein werden, um zu verhindern, dass viele Menschen auf den kleinen Koralleninseln durch das steigende Meerwasser in ihrer Existenz ganz grundlegend bedroht sind? Warum sorgen wir nicht für einen geregelten und kostenfreien Medikamentenzufluss in Länder, in denen sogar im Regierungskrankenhaus der Hauptstadt immer wieder selbst grundlegende Dinge wie Schmerzmittel monatelang fehlen? Auch wenn dies alles auf freiwilliger Basis erfolgte – es würde ein Zeichen setzen. Und schließlich: Anstatt Objekte aus den Museen zu restituieren, die keiner mehr haben will und deren Rückgabe nur zu Ärger und Verdruss führen würde, sollte sich Deutschland vehement dafür einsetzen, dass der Lebensraum der pazifischen Ethnien erhalten bleibt. Momentan wird er nämlich durch das aggressive Vordringen von unterschiedlichsten Großkonzernen und die Zerstörung der gewachsenen Landschaft massiv gefährdet.

Es gäbe so viele Möglichkeiten, wo Deutschland und die Deutschen helfen könnten. Denn ja, wir haben eine historische, eine spezifisch deutsche Verantwortung für diese Länder. Egal wie wir im Einzelnen zur Vergangenheit stehen mögen: Ändern können wir sie nicht mehr. Aber unsere Gegenwart, die können wir beeinflussen und damit die Zukunft gestalten. Das sollten wir tun. Ohne den Oberlehrer-Ton des Alles-besser-Wissenden, sondern mit offenem Herzen, Mitgefühl, Respekt und Toleranz für das andere und die anderen. Bleibt zuletzt: das Boot aus Luf. Sollte man es ausstellen? Natürlich. Mehr Werbung als die durch Herrn Aly gemachte kann es kaum geben. Aber bringt ein Schild an: Die Rechtmäßigkeit der Erwerbung wird angezweifelt und gegenwärtig untersucht. Das gebietet die Wissenschaftlichkeit. Auch wenn ich anderer Meinung bin als Herr Aly.


Programm mit globaler Perspektive

Das Humboldt-Forum soll ein Ort der Vielstimmigkeit und Reflexion werden

Die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, deren erste Präsentationen ab dem 23. September zugänglich sein werden, sind Gegenstand einer der zentralen Diskussionen um das Humboldt-Forum. Wo kommen die Objekte her? Wie und unter welchen Bedingungen sind sie nach Berlin gelangt? Dürfen sie heute noch hier sein? Und wie sollen sie präsentiert werden? Eines der zentralen Anliegen ist die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seinen Auswirkungen bis in die heutige Zeit. Sie findet in den Ausstellungen unter anderem auch mit zeitgenössischer Kunst statt. Zudem gestaltet das Forum ein umfangreiches Sparten und Disziplinen übergreifendes Veranstal- tungs- und Vermittlungsprogramm, zum Beispiel in der Diskursreihe „99 Fragen und mehr. Von globalen Perspektiven auf koloniale Sammlungen“.

Gespräche, Konzerte, DJ-Sets, Videokunst

Hier diskutieren internationale Akteure Heraus- forderungen, vor denen ethnologische Museen stehen, und die Möglichkeiten, wie sich die Objekte in Kontakt bringen lassen. Im Schlüterhof bietet aktuell die Reihe „Durchlüften“ ein wechselndes Open-Air-Programm aus Konzerten, DJ-Sets, Gesprächen, Videokunst und Performances mit internationalen Künstlern, die mit ihrer Arbeit ein Statement setzen für die Vielstimmigkeit der Kulturen, Geschichten und Identitäten.

Ebenfalls im Schlüterhof zeigen in Berlin lebende Videokünstler ihre Sicht auf das neue Haus – mit Großprojektionen auf den Barockfassaden. Sie sprechen Themen wie Kolonialismus und Kolonialität, Ökologie und die Vernetztheit der Welt mit großen Bildern der Gegenwart an. Ab Herbst werden rund 40 Berliner Tanzschaffende das Forum sowie Fassaden und Objekte zum Tanzen bringen.

Das sind erste Beispiele eines Programms, das sich weiterentwickeln wird und das mit der anstehenden Eröffnung der Werkräume und dem Start des regulären Bildungs- und Vermittlungsprogramms nun auch um den zentralen Bereich der kulturellen Bildung ergänzt wird. Das Humboldt-Forum soll zu einem Ort der Diversität, der Wissensvermittlung und der kritischen Reflexion werden, der immer wieder aufs Neue Vielstimmigkeit fördert und erlebbar macht.

Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh

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Hermann Joseph Hiery

Prof. Dr. Hermann Joseph Hiery ist Ordinarius für Neueste Geschichte an der Universität Bayreuth. Er forscht seit 1985 zu den ehemaligen deutschen Kolonien in der Südsee. Zuletzt veröffentlichte er Fa’a Siamani. Germany in Micronesia, New Guinea and Samoa 1884–1914 (Harrassowitz, Wiesbaden 2020).