29.08.2012

Die künftigen Aufgaben der Teilchenphysik

Jenseits von Higgs

Thomas Bührke

Im Juli dieses Jahres verkündete das CERN die mögliche Entdeckung des Higgs-Teilchens mit einer Masse um 125 Gigaelektronenvolt (125 GeV). Sollten sich die Anzeichen zu einer veritablen Entdeckung verdichten, so wäre dies einer der größten Erfolge der modernen Physik. Doch der LHC wurde nicht nur wegen des Higgs-Teilchens gebaut. Es gibt weitere brennende Fragen, die über das derzeit bestehende Standardmodell der Elementarteilchen hinausweisen.

Lücken im Standardmodell

Die theoretischen Physiker führen eine Reihe von Gründen an, weswegen das heutige Standardmodell der Teilchen und der zwischen ihnen wirkenden Kräfte nicht „der wahre Jakob“ sein kann, wie Einstein es einmal von der Quantenphysik behauptete. Zum einen gibt es eine unerklärbare Übereinstimmung in der elektrischen Ladung. Elektronen sind die Träger der negativen Elementarladung. Quarks besitzen exakt ein oder zwei Drittel der Elementarladung. So ist es möglich, dass drei Quarks ein Proton mit genau einer positiven Elementarladung bilden. Nur die identische Größe der elektrischen Ladung von Elektronen und Protonen, aber mit entgegengesetztem Vorzeichen, ermöglicht die Existenz stabiler, elektrisch neutraler Atome.

Nun gehören Elektronen zu der Familie der sogenannten Leptonen und unterliegen nur drei Grundkräften, nämlich der schwachen und elektromagnetischen Kraft sowie der Gravitation. Quarks hingegen zählen nicht zu den Leptonen und unterliegen allen vier Grundkräften der Natur, auch der Starken Wechselwirkung. Im Dreierpack bilden sie das Proton. Es muss einen noch unbekannten Zusammenhang beziehungsweise eine übergeordnete „Instanz“ geben, die für diese rätselhafte Übereinstimmung zwischen den Familien gesorgt hat.

Das andere Argument hängt mit dem Higgs-Teilchen zusammen. Dieses ist die „Inkarnation“ eines Energiefeldes, welches das gesamte Universum durchzieht und dafür verantwortlich ist, dass Teilchen eine Masse besitzen. Theoretische Berechnungen im Rahmen des Standardmodells ergeben aber für die Energie des Higgs-Feldes einen um 34 Größenordnungen zu hohen Wert. In einer solchen Welt wären Elektronen so schwer wie Bakterien!

Ursache für diesen exorbitant hohen Wert des Higgs-Feldes sind sogenannte virtuelle Elementarteilchen. Sie tauchen beständig im Raum auf und verschwinden wieder. Dieser See an virtuellen Teilchen trägt zum Higgs-Feld bei und müsste ihm den unrealistisch hohen Wert verleihen.

Als Ausweg aus diesem Dilemma haben Theoretiker eine über das Standardmodell hinausgehende, neue Physik entwickelt: die Supersymmetrie, kurz Susy. Diese besagt, dass es zu jedem Elementarteilchen ein Pendant gibt, ein Spiegelteilchen. Auch die Susy-Teilchen tauchen in dem See virtueller Elementarteilchen auf, doch ihre Quantenfluktuationen heben sich gerade mit denen der regulären Elementarteilchen auf. Dadurch erhält das Higgs-Feld einen kleinen Energiewert und das zugehörige Higgs-Teilchen eine relativ geringe Masse.

Die Susy-Teilchen würden die Zahl der bekannten Teilchen auf einen Schlag verdoppeln. Doch sie existierten nur in den ersten Bruchteilen einer Sekunde nach dem Urknall. Sie sind nämlich instabil und zerfallen rasch – bis auf eins: das leichteste Susy-Teilchen Neutralino. Seit dem Urknall sind also alle Superpartikel bis auf die Neutralinos zerfallen.

Die Namen der Susy-Materieteilchen ergeben sich durch Voranstellen eines S an den Namen des uns bekannten Teilchens. So gehört zum Elektron das Selektron, zu den Quarks die Squarks und zu den Neutrinos die Sneutrinos. Die Wechselwirkungsteilchen, welche die Kräfte zwischen den Materieteilchen vermitteln, erhalten ein ino ans Ende: zum Photon (Lichtteilchen) gehört das Photino zum Gluon das Gluino und so weiter.

Bislang ist die schon in den 1970er Jahren vor allem von Julius Wess und Bruno Zumino in Karlsruhe entwickelte Supersymmetrie jedoch reine Theorie. Kein einziges der prognostizierten Teilchen ließ sich nachweisen. Physiker hoffen nun, mit dem LHC in den Feuerbällen der Protonkollisionen Susy-Teilchen insbesondere das Neutralino zu finden. Dessen Masse erwarten die Forscher unterhalb von 1000 GeV, womit es durchaus im Leistungsbereich des LHC liegen würde.

Aber Neutralinos gehen mit normaler Materie so gut wie keine Wechselwirkung ein. Sprich: Sie rasen völlig unbeeindruckt durch die riesigen Messgeräte hindurch. Der Nachweis muss deswegen auf indirekte Weise erfolgen. Die Bruchstücke einer Protonenkollision müssen zusammengenommen genau so viel Energie besitzen wie die beiden ursprünglichen Protonen. Es geht keine Energie verloren. Sollte man dennoch einmal einen solchen Fall beobachten, so wäre dies ein mögliches Indiz dafür, dass ein unsichtbares Neutralino die fehlende Energie fortgetragen hat.

Diese für die Experimentatoren so unangenehme Eigenschaft des postulierten Neutralinos macht es hingegen für Astrophysiker interessant. Es besitzt nämlich genau jene Eigenschaften, die sie den mutmaßlichen Teilchen der Dunklen Materie zuschreiben. Nach heutiger Kenntnis macht sie 23 Prozent der insgesamt im Universum vorhandenen Materie aus (73 Prozent Dunkle Energie und rund 4 Prozent „gewöhnliche“ Materie). Sie ist unsichtbar und lässt sich bislang ausschließlich über ihre Schwerkraftwirkung nachweisen. Neutralinos könnten die Lösung dieses Jahrzehnte alten Rätsels sein.

Die Supersymmetrie könnte noch weitere Fragen beantworten. So erklärt sie die Kraftwirkung zwischen Quarks, und sie bildet die Grundlage für einige Versionen der Stringtheorie, mit der man das Ziel verfolgt, Quantenphysik und Gravitation zu einer übergeordneten Theorie zu vereinen.

Die Supersymmetrie ist bei vielen Physikern so beliebt, weil sie auf einen Schlag viele Fragen beantworten würde. Doch der bislang ausbleibende Nachweis auch nur eines einzigen Vertreters dieser Spiegelwelt macht Forscher zunehmend skeptisch. Startheoretiker John Ellis vom CERN bekannte im letzten Jahr in der Fachzeitschrift Nature: „Ich arbeite nun seit fast 30 Jahren an der Theorie – und ich kann mir vorstellen, dass einige Leute langsam ein wenig nervös werden“. Er wolle noch bis Ende 2012 abwarten, ergänzte er, bevor er Susy aufgibt. „Viele Dinge werden sich ändern, wenn wir Susy nicht bestätigen können“, ergänzt Teilchenphysiker Chris Lester von der Universität Cambridge in derselben Ausgabe von Nature. Theoretische Physiker müssten dann wieder zu ihrem Reißbrett zurückkehren und einen alternativen Weg finden, um die Mängel des Standardmodells zu beheben.

Zusätzliche Raumdimensionen

Vereinheitlichungstheorien wie die der Strings funktionieren nicht mehr in drei Raumdimensionen, sie benötigen neun. Diese Extradimensionen könnten auf kleinsten Skalen „aufgerollt“ sein, so dass wir sie nicht wahrnehmen. An jedem Punkt unserer Welt gäbe es eine oder mehrere zusätzliche „Richtungen“.

Direkt beobachten lassen sich Extraräume nicht, weil wir keinen Zugang zu ihnen haben. Wir leben und experimentieren in drei Dimensionen. Aber Zusatzdimensionen könnten physikalische Gesetze beeinflussen und somit indirekt nachweisbar sein. So sagt eine Theorie voraus, dass das bekannte Newtonsche Gesetz, wonach die Schwerkraft quadratisch mit der Entfernung von einem Körper abnimmt, auf sehr kleinen Skalen nicht mehr stimmt. Sie würde auf der Größenskala der Extradimensionen zum Körper hin viel stärker ansteigen als man es nach Newton erwarten würde. Der Grund hierfür ist, dass die Schwerkraft sich als einzige der bekannten vier Grundkräfte auch in diese Zusatzdimensionen ausdehnt.

Mechanische Experimente konnten das Newtonsche Kraftgesetz bis auf Distanzen von 0,04 Millimeter bestätigen. Die versteckten Zusatzdimensionen müssen also – so sie denn existieren – auf kleineren Skalen aufgerollt sein. Für den LHC hätte das unter Umständen extreme Folgen. So könnten bei den Protonenkollisionen Gravitationswellen und mikroskopisch kleine Schwarze Löcher entstehen. Diese wären aber instabil und würden nach etwa 10-26 Sekunden wieder zerfallen. Sie könnten also niemals durch Verschlucken weiterer Materie zu beunruhigender Größe heranwachsen. Aber die Bruchstücke, in die die Schwarzen Löcher zerfallen, sind nachweisbar. Am CERN wird man alles daransetzen, Hinweise auf die „Neue Physik“ zu finden. Das ist das Ziel dieses milliardenschweren Projekts.

 


 

Dr. Thomas Bührke ist Redakteur der Zeitschrift „Physik in unserer Zeit“ und Verfasser mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher, darunter eine Einstein-Biografie sowie eine Einführung in die Relativitätstheorie. Im September 2012 erscheint bei dtv sein Buch „Genial gescheitert. Schicksale großer Entdecker und Erfinder“.

www.buehrke.com

Erschienen in Rotary Magazin 8/2012

Thomas Bührke

Dr. Thomas Bührke ist Redakteur der Zeitschrift „Physik in unserer Zeit“ und Verfasser mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher, darunter eine Einstein-Biografie sowie eine Einführung in die Relativitätstheorie. Im September 2012 erschien bei dtv sein Buch „Genial gescheitert. Schicksale großer Entdecker und Erfinder“.

www.buehrke.com

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