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Titelthema

Ostelbische Schlaglichter

Titelthema - Ostelbische Schlaglichter
Aus der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg kamen die führenden Köpfe der deutschen Aufklärung und des Liberalismus. © Collection Marc Walter

Vor allem dem Osten des alten Preußen wird immer wieder bescheinigt, rückständig und reaktionär gewesen zu sein. Doch reicht schon ein flüchtiger Blick, um zu erkennen, dass gerade hier in hohem Maße die Kultur und der Fortschritt zuhause waren.

René Nehring01.02.2018

Staaten und Nationen haben ihre große Erzählung: eine ideelle Klammer, die sie nach innen zusammenhält und nach außen abgrenzt – und die vor allem die etablierte Ordnung legitimiert. Die feudalen Monarchen begründeten ihren Platz auf dem Thron damit, Herrscher von Gottes Gnaden zu sein. Der Patriotismus der US-Amerikaner speist sich aus der Überzeugung, God’s own country oder wahlweise the land of the free zu sein. Das alte Griechenland versteht sich als Wiege der klassischen und England als Heimat der modernen Demokratie.

Eine solche große Erzählung hat auch die Bundesrepublik Deutschland. Seit Jahrzehnten erklären ihre führenden Repräsentanten den Staat zum besten – weil freiheitlichstes, sozialstes, friedlichstes und prosperierendstes – Deutschland, das es je gab. Als Grundlage dieses Erfolgs gilt u.a. die Westbindung nach 1945. Auffällig ist, dass sich die Bundesrepublik in ihrem Selbstbild weniger gegenüber anderen Nationen abgrenzt als vielmehr gegenüber früheren Beispielen deutscher Staatlichkeit. Die Wurzel dessen liegt in der besonderen Konstellation der Staatsgründung im Jahre 1949: Der Zusammenschluss der drei westlichen Besatzungszonen sollte zum einen die bösen Geister der Vergangenheit bannen, die zum Nationalsozialismus und in die deutsche Katastrophe geführt hatten, zum anderen musste sie sich im Alltag gegenüber ihrem östlichen Konkurrenten DDR behaupten.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der deutsche Westen zu einem nie dagewesenen Erfolgsmodell: Die Bundesrepublik erlebte ihr Wirtschaftswunder und wurde bald Exportweltmeister. Konsumgüter, die für die Elterngeneration noch unerschwinglich gewesen waren, wurden zum Standard in jedem Haushalt, und im Süden lockten sonnige Strände und eine Lebensart, die den grauen Alltag vergessen ließ. Der Osten geriet unterdessen aus dem Blickfeld. Auch die Eliten des Landes orientierten sich zunehmend gen Westen: Im Schatten des Eisernen Vorhangs integrierten sie die Bundesrepublik in die außen-, sicherheits- und wirtschaftspolitischen Strukturen von NATO und EWG/EG. Was als Provisorium aus der Nachkriegszeit hervorgegangen war, wurde allmählich zum Schicksal gedeutet. Der Glaube an die deutsche Einheit, immerhin der höchste Auftrag des Grundgesetzes, wurde zur „Lebenslüge der zweiten deutschen Republik“ (Willy Brandt).

Verpasste Chancen
Als dann 1989 die unerwartete Wende in der DDR und im gesamten Ostblock die Nachkriegsordnung über den Haufen warf, reagierte der Westen mit Reserviertheit und Abwehr. Sicherlich war die Empathie für die revolutionären Bewegungen auf den Straßen Leipzigs, Warschaus, Budapests oder Bukarests groß. Aber ein wirkliches Interesse am Schicksal der östlichen Zeitgenossen gab es kaum. Und klar war immer, dass die Gestaltung der Zukunft nach westlichem Muster erfolgen sollte.

Vor allem die Großdenker der alten Bundesrepublik haben in dieser Zeit eine historische Chance verpasst. Auf den Zerfall des Kommunismus reagierten sie nicht mit Neugier auf die östliche Lebenswelt vor ihrer Haustür, sondern mit der Beschwörung der alten westlichen Ordnung. So verfasste Hagen Schulze Mitte der neunziger Jahre eine „Kleine deutsche Geschichte“, um im Angesicht der neuen Verhältnisse jener Zeit zu ergründen, „was Deutschland ist, was es sein kann und was es sein soll“. Darin beschwor er die Zustände nach der Wiedervereinigung als quasi letztes Wort der Geschichte: „Die Frage Ernst Moritz Arndts ‚Was ist des Deutschen Vaterland?’ ist erstmals in der deutschen Geschichte unmißverständlich und dauerhaft beantwortet.“ Und weiter: „Zum erstenmal in seiner Geschichte ist der deutsche Nationalstaat unwiderruflich an den Westen gebunden.“ Und noch Jahre später, als eine neue multipolare Weltordnung längst Gestalt angenommen hatte, überschrieb Heinrich August Winkler – der einer Königsberger Gelehrtenfamilie entstammte – seine Gesamtdarstellung der deutschen Geschichte mit „Der lange Weg nach Westen“.

Zum Repertoire jener Zeit gehörte auch die Warnung vor den vermeintlich bösen Geistern der Vergangenheit. So griff Hans-Ulrich Wehler einen Buchtitel aus den 80er Jahren auf und warnte davor, dass Preußen „wieder chic“ werde. Magnus Brechtken ist mit seiner zum Jahresende 2017 in der FAZ erschienenen Kritik an den „autoritären Traditionen“  des alten Preußen (siehe das Editorial dieser Ausgabe) insofern nur eine von mehreren Stimmen.

Einzigartiges Kulturland
Doch wer vorurteilsfrei auf das alte Preußen und seine ostelbischen Provinzen blickt, die heute staatlich überwiegend nicht mehr zu Deutschland gehören, aber durchaus noch identitätsstiftend sind, begegnet einer Kulturlandschaft, die den Vergleich zum Westen keineswegs scheuen muss.

So begründete der Domherr, Arzt und Astronom Nikolaus Kopernikus 1543 im ostpreußischen Frauenburg am Frischen Haff mit seinem Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium“ unser heutiges heliozentrisches Weltbild. Nicht in Bologna oder an der Sorbonne, nicht in Alexandria oder in Oxford wurde die Welt vom Kopf auf die Füße gestellt, sondern in einem kleinen Städtchen südlich von Königsberg. Die ostpreußische Hauptstadt selbst war bis zu ihrem Untergang im Sommer 1944 eine der großen Kulturmetropolen, die weit ins Baltikum, nach Polen und Russland ausstrahlte. 1525 vollzog hier der Hochmeister des Deutschen Ordens, der das alte Land der Pruzzen seit 1231 besiedelt hatte, Albrecht von Brandenburg-Ansbach aus dem Hause Hohenzollern, als weltweit erster Landesherr die Reformation und gründete ein protestantisch geprägtes Herzogtum. Seine 1544 gestiftete Universität, die Alma mater Albertina, wurde zu einem der bedeutenden  geistigen Zentren Mitteleuropas. Ihr berühmtester Sohn Immanuel Kant schrieb mit dem Diktum „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ den Leitspruch der deutschen Aufklärung. Aus der Stadt am Pregel kamen ferner der Radikaldemokrat Johann Jacoby, der Paulskirchenpräsident Eduard von Simson, die Philosophin Hannah Ahrendt, die zwar in Hannover-Linden geboren wurde, aber aus einer alten Königsberger Familie stammte und hier auch aufwuchs, sowie der spätere FDP-Vordenker Karl-Hermann Flach. Die deutsche Aufklärung, der deutsche Liberalismus, sie kamen aus Königsberg.  

Dass dieses weltoffene Denken keineswegs auf die Großstadt am Pregel beschränkt war, zeigt das Beispiel Theodor von Schöns, der – nach Anfängen in Berlin – zunächst Regierungspräsident in Gumbinnen, dann in Marienburg und dann Oberpräsident der vereinigten Provinz Preußen in Königsberg war. Zusammen mit dem Freiherrn von und zum Stein, Kanzler Hardenberg, aber auch Joseph von Eichendorff, mit dem er seit Kindertagen befreundet war, gehört Theodor von Schön zu jenen liberalen Adelsköpfen, die aus den Trümmern des nachfriderizianischen Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen neuen Staat formten.

Von Pommern bis Schlesien
Auch die anderen Provinzen Preußens brauchen den Vergleich mit dem Westen keinesfalls zu scheuen. Aus Brandenburg kamen zum Beispiel die Baumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, der im 18. Jahrhundert seinem König Friedrich u.a. Schloss Rheinsberg, das Forum Fridericianum Unter den Linden sowie Schloss Sanssouci errichtete, oder Karl Friedrich Schinkel, der ein paar Jahrzehnte später mit der Neuen Wache, dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, dem Alten Museum und vielen weiteren Bauten – darunter ein Prototyp für eine evangelische Einheitskirche in ganz Preußen – das Antlitz der Hohenzollernmonarchie prägte wie kaum ein zweiter. An Dichtern brachte die karge märkische Landschaft u.a. Heinrich von Kleist, Theodor Fontane, Christa Wolff und Günter de Bruyn hervor.

Große Namen auch in Pommern. Darunter Caspar David Friedrich, der mit seinen Gemälden der deutschen Innerlichkeit, dem romantischen Sehnen nach Natur und Weite auf wundersame Weise Ausdruck verliehen hat, aber auch Dichter wie Alfred Döblin und Hans Fallada, die in ihren Romanen das Berlin der Zwanziger Jahre beschrieben. Jenes pulsierende Berlin, das heute so gern als „amerikanischste Stadt Deutschlands“ gefeiert wird, und das eben doch – das zeigen „Berlin-Alexanderplatz“, „Ein Mann will nach oben“, „Wolf unter Wölfen“ und „Kleiner Mann, was nun?“ sehr eindringlich – nichts anderes war als ein Konglomerat der verschiedenen preußischen Provinzen und ihrer Menschen. Zu Pommern gehörte natürlich auch Otto von Bismarck, der in Schönhausen an der Elbe geborene und im pommerschen Kniephof aufgewachsene Sohn einer alten Junkerfamilie, der – zweifellos mit harter Hand, aber mit noch viel mehr diplomatischem Geschick – im 19. Jahrhundert Preußen an die Spitze der deutschen Staaten führte. Dass sich dieses Preußen damals gegenüber Österreich durchsetzen konnte, lag wohl weniger daran, dass es das reaktionärste, sondern vielmehr das fortschrittlichste Land seiner Zeit war. Nicht nur das Militär war hier effektiver, sondern auch die Verwaltung sowie die Wirtschafts- und Rechtsordnung.

Aus Posen – jener alten polnischen Provinz, die mit geringer Unterbrechung von 1793 bis 1918 preußisch war – kamen nicht nur Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, sondern auch der zum George-Kreis gehörende Ernst Kantorowicz, der Soziologe Zygmunt Bauman und der Reformpädagoge Hartmut von Hentig. Nicht zu vergessen der Maler Lesser Uhry, dessen melancholische verregnete Straßenszenen aus dem Berlin der Zwanziger das Bild jener Zeit prägen. Und aus der westpreußischen Metropole Danzig kamen der Philosoph Arthur Schopenhauer, der Baumeister Andreas Schlüter, der Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit, der die nach ihm benannte Thermometerskala erfand, sowie der Dichter Günter Grass.  

Eine ganz eigene ostelbische Provinz war Schlesien: zuerst piastisch-polnisch, dann habsburgisch-österreichisch und seit dem Siebenjährigen Kriege hohenzollerisch-preußisch. Schlesien und vor allem seine Hauptstadt Breslau war die Heimat eines breit gefächerten Bürgertums, der Industrielle August Borsig kam ebenso von hier wie der Maler Adolph von Menzel, der Historiker Fritz Stern und der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Namen wie Ferdinand Lassalle, Paul Löbe, Karl Schiller, Heinrich Albertz und Hans-Ulrich Klose erinnern daran, dass die deutsche Arbeiterbewegung hier ganz starke Wurzeln hatte. Und auch hier wieder zahlreiche Dichter, neben dem Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann vor allem Joseph v. Eichendorff, dessen Gedichte wie „Mondnacht“ zu den schönsten Versen deutscher Sprache gehören. „O Täler weit, o Höhen“, jener liebevolle Abschiedsgruß, galt nicht irgendeiner fiktiven Mittelgebirgslandschaft, nicht dem Harz oder dem Thüringer Wald, keinem Rheintal oder dem Schwarzwald, sondern dem heimatlichen Lubowitz an der Oder.

Die schlesische Hauptstadt Breslau war Heimat eines breit gefächerten Bürgertums –
und der deutschen Arbeiterbewegung. Abb.: © Collection Marc Walter

Fragezeichen
Wie kommt man bei all dem – es ließen sich zahllose weitere Beispiele nennen – darauf, den historischen deutschen Osten als reaktionär abzustempeln? Kann eine Gesellschaft, die derart viele progressive Köpfe und kulturelle Leistungen hervorgebracht hat, wirklich von autoritären Traditionen geprägt gewesen sein?

Natürlich war das Leben im Osten vor 1933/45 noch weitgehend von der ländlichen Gutswirtschaft geprägt, doch auch im Westen lebte die Mehrzahl der Menschen vor dem letzten Kriege auf dem Lande. Und auch im Osten – vor allem in Berlin und Oberschlesien – gab es bedeutende Industriegebiete. Der Dichter Ernst Wiechert, der in Romanen wie „Das einfache Leben“ oder „Die Jeromin-Kinder“ seine masurische Heimat mit eindrucksvollen Bildern beschrieben hat, erklärte in seinen Erinnerungen: „Ich komme aus keiner ,Schule’, und ich gehöre keiner Richtung an. Aber ich komme aus einer großen Landschaft, die vieles an mir gebildet hat, und aus jener Einsamkeit, in der ein Mensch noch wachsen und werden kann.“ Es mag sein, dass ein solches Denken heute als überholt oder altmodisch gilt. Aber was daran ist „autoritär geprägt“?

Das Hirschberger Tal, die Kurische Nehrung oder die Wälder und Seen Masurens waren und sind Landschaften, die im Westen nicht ihresgleichen haben. Sie bildeten einen gewaltigen Resonanzraum, in dem Weltkultur zuhauf entstand. Wäre man boshaft, könnte man fragen, welche Literatur und welche Malerei eigentlich in den Reihenhausvierteln, Betonburgen und Architektenhäusern des Westens entstanden ist.

Wurzeln der alten Bundesrepublik
Zurück zum Anfang: Die alte Bundesrepublik war nicht nur erfolgreicher als ihre Ost-Konkurrenz DDR, sondern auch im Vergleich zu früheren deutschen Staaten. Doch lohnt sich auch bei ihr ein Blick auf die geistigen Wurzeln. Denn in vielen  Bereichen kamen ihre führenden Repräsentanten eben nicht nur aus dem Westen, sondern auch aus dem alten Mittel- und Ostdeutschland: in der Politik der Christdemokrat Rainer Barzel, die Sozialdemokraten Kurt Schumacher und Herbert Wehner, die Liberalen Karl-Hermann Flach, Erich Mende, Hildegard Hamm-Brücher, Wolfgang Mischnick und natürlich Hans-Dietrich Genscher. In der Justiz die Verfassungsrichter Ernst Benda und Jutta Limbach. In der Publizistik Marion Gräfin Dönhoff, Sebastian Haffner, Klaus von Bismarck, Fritz
J. Raddatz, Wolf Jobst Siedler. In der Geschichtsschreibung Arnulf Baring, Martin Broszat, Lothar Gall und Heinrich August Winkler. In der Kultur die Maler Gerhard Richter, Georg Baselitz und Markus Lüpertz sowie die Schriftsteller Günter Grass, Uwe Johnson, Walter Kempowski, Siegfried Lenz, Hans Werner Richter und ihr Kritiker Joachim Kaiser. Auch hier ließen sich zahlreiche weitere Beispiele nennen.

Selbst große Namen des westdeutschen Wirtschaftswunders wie die Deutsche Bank, die Allianz-Versicherung, Audi, Karstadt und die Vulkan-Werft hatten eine Ost-Vergangenheit. Und mit Berthold Beitz, dem Generalbevollmächtigten von Krupp, stammte eine Jahrhundertfigur des Ruhrgebiets aus Vorpommern. Erst vor wenigen Wochen starb mit dem GSG9-Gründer Ulrich Wegener ein weiterer markanter Kopf der alten Bundesrepublik, der mit der Geiselbefreiung von Mogadischu 1977 eine ihrer großen Geschichten geschrieben hatte. Wegener stammte aus dem brandenburgischen Jüterbog und sah sich zeitlebens in der Tradition des vergangenen  Preußen.

Die alte Bundesrepublik war zweifellos der erfolgreichere deutsche Staat. Und eine Grundlage ihres Erfolgs war ganz sicher die Westbindung. Aber sie war – trotz ihrer Integration in NATO und EWG/EG – kein reiner „Weststaat“, der sich vorwiegend aus den geistigen Ressourcen des Westens gespeist hätte, sondern ein Nukleus jenes alten Deutschlands und jener Traditionen, deren Wurzeln weit in die Zeit vor 1933/45 zurückreichen.