30.11.2014

Sepsis 

Tödlich, heimtückisch und ganz alltäglich

Karl Reinhart

Sepsis fordert jährliche Millionen Opfer und ist keineswegs nur ein Hygiene-Problem der Krankenhäuser. Von Konrad Reinhart

Sepsis ist die schwerste Verlaufsform einer Infektion und eine der ältesten Geißeln der Menschheit. Dies gilt nach wie vor und nicht nur in den unterentwickelten Ländern. Sepsis zählt auch heute zu den größten Herausforderungen, hemmt den Fortschritt der modernen Medizin auf vielen Gebieten und kostet mit jährlich acht bis zehn Millionen Todesfällen mehr Menschenleben als Krebs. In den Jahren 2000 bis 2008 haben sich die Sepsis-Fälle in den USA nach Angaben des Center for Disease Control pro Jahr von 621.000 auf 1.141.000 Fälle fast verdoppelt. Die Sterblichkeit von Patienten, die an einer Sepsis erkranken, liegt zwischen 28 und 50 Prozent. Im Jahr 2011 haben die deutschen Krankenhäuser 175.051 Fälle an das Statistische Bundesamt gemeldet – 50.000 davon waren tödlich. Die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich deutlich höher. Sepsis ist häufiger als Brustkrebs, Darmkrebs und AIDS und in Deutschland die dritthäufigste Todesursache.

Sepsis ist unzureichend verstanden und Sepsis-Patienten haben keine Lobby. Die stetig wachsende Dimension des Problems ist der Öffentlichkeit und den Verantwortlichen im Gesundheitswesen und in der Politik nicht ausreichend bewusst. Sepsis wird meist mit dem Begriff „Blutvergiftung“ assoziiert. Sepsis droht jedoch nicht nur, wenn auf dem Arm ein roter Streifen zum Herzen zieht. Eine Sepsis kann sich plötzlich und unerwartet aus nahezu jeder akuten Infektion entwickeln, als Folge einer generalisierten, den ganzen Körper erfassenden Abwehrreaktion des Immunsystems auf in die Blutbahn eindringende Infektionserreger. Paradoxerweise trifft die körpereigene Abwehrreaktion nicht nur den Krankheitserreger, sondern führt zur Schädigung der eigenen Organsysteme.

Deshalb darf sich die Therapie der Sepsis nicht nur auf die Behandlung des auslösenden Infektionserregers beschränken. Ohne rechtzeitige anti-mikrobielle, herdsanierende und intensivmedizinische Therapie verläuft eine Sepsis fast immer tödlich.
Es gibt einige Missverständnisse, etwa das Sepsis nur im Krankenhaus aufgrund mangelnder Hygiene entstehe. Tatsache ist hingegen, dass nahezu 50 Prozent der Sepsis-Fälle außerhalb des Krankenhauses auftreten und dass nur zehn bis 15 Prozent der Fälle in Kliniken durch bessere Hygienemaßnahmen vermeidbar wären. Es trifft auch nicht zu, dass Sepsis in erster Linie ein Problem des episodischen Auftretens multiresistenter Krankheitserreger ist. Vielmehr handelt es sich um ein tagtäglich inner- wie außerhalb von Gesundheitseinrichten auftretendes Problem. Bei über 90 Prozent der Patienten mit Sepsis sind die auslösenden Krankheitserreger gegenüber anti-mikrobiellen Medikamenten empfindlich. Trotzdem sterben mehr als 30 Prozent dieser Patienten.

Die häufigsten Infektionen und Krankheitserreger, die zu einer Sepsis führen, sind Lungenentzündungen, Infektionen des Bauchraums, des Urogenitaltraktes und Wundinfektionen. Nicht nur zahlreiche Bakterien, sondern zunehmend auch Viren und Pilze können eine Sepsis auslösen. Die durch Viren bedingten Sepsis-Fälle haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Verantwortlich sind sowohl herkömmliche Grippeviren als insbesondere auch Vogel- und Schweinegrippe-Viren, das Dengue- und Gelbfieber-Virus sowie das Ebola-Virus, das sehr schwere Sepsis-Fälle auslöst.

URSACHEN DER AUSBREITUNG
Ursachen für den kontinuierlichen Anstieg der Sepsis-Fälle sind der demografische Wandel mit einem wachsenden Bevölkerungsanteil von älteren Patienten mit chronischen Erkrankungen, aber auch der medizinische Fortschritt, der es mit sich bringt, dass immer mehr dieser Menschen bis ins hohe Lebensalter operativen und medizinischen Interventionen unterzogen werden, die die Infektabwehr des Körpers schwächen und die Sepsis-Gefahr erhöhen. Die Zunahme multiresistenter Erreger durch unsachgemäßen Gebrauch von Antibiotika im Bereich der Humanmedizin, Tierzucht und Landwirtschaft erschweren die Behandlung. Das episodische Entstehen neuer gefährlicher Erreger im Kontext von Massentierhaltung und deren rasante Ausbreitung durch den globalen Reiseverkehr verschärfen das Problem.
Besonders gefährdet sind Menschen mit einer angeborenen oder erworbenen Schwäche der Infektabwehr, wie etwa Frühgeborene oder Menschen ohne Milz und mit chronischen Erkrankungen der Leber, Lunge und Nieren. Die Notwendigkeit der Einnahme immunsuppressiver Medikamente oder Chemotherapien bei Krebserkrankungen erhöhen ebenfalls das Risiko.

Frühzeichen der Sepsis: Sepsis-Patienten fühlen sich plötzlich sehr krank und „völlig verändert“.  Wenn der Verdacht auf eine Infektion besteht und gleichzeitig einige der folgenden Symptome vorliegen, ist die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer Sepsis hoch:

  • Apathie/Schwäche,
  • Fieber, Schüttelfrost,
  • Verwirrtheit,
  • schwere und schnelle Atmung,
  • schneller Puls, niedriger Blutdruck,
  • kalte, schlecht durchblutete Hände und Füße (Zentralisation)
Sepsis ist ein Notfall. Die Behandlung sollte in der ersten, der „goldenen Stunde“ beginnen. Der Verdacht auf Sepsis erfordert eine unverzügliche Krankenhauseinweisung und den sofortigen Beginn der Therapie. Eine Verzögerung der Therapie erhöht die Todesrate im Stundentakt um bis zu sieben, acht Prozent.
Kernelemente der Akut-Therapie sind die Bekämpfung der Infektionserreger durch eine anti-mikrobielle Therapie und gegebenenfalls die invasive oder operative Beseitigung des Infektionsherdes (z.B. Abszess, Gallenblase, Blinddarm oder Fremdkörper), intensivmedizinische Maßnahmen mit der intravenösen Gabe von Flüssigkeit und blutdrucksteigernden Medikamenten zur Kreislaufstabilisierung und die Behandlung der für eine Sepsis typischen Störungen von Herz-, Lungen- oder Nierenfunktion, etwa durch künstliche Beatmung, Nierenersatztherapie und künstliche Ernährung.
Nach Überwindung der oft Wochen andauernden Intensivtherapie leiden 30 bis 40 Prozent der Patienten an Langzeitfolgen wie Muskelschwund und -schwäche, Nervenschäden mit chronischen Schmerzen, Störungen des Gedächtnisses und anderer Hirnfunktionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen.
Leider fehlen derzeit adäquate spezifische ambulante und stationäre Behandlungseinrichtungen. Durch Impfung, Beachtung der elementaren Hygieneregeln und Verbesserungen der Sepsis-Früherkennung ließe sich allein in Deutschland die Zahl der Menschen, die jährlich an einer Sepsis versterben, um 15.000 bis 20.000 verringern. Um dieses Ziel zeitnah zu erreichen, wurde 2013 auf einem Sepsis Summit in Berlin ein Memorandum verabschiedet, das das Bundesministerium für Gesundheit auffordert, einen Nationale Aktionsplan gegen Sepsis zu initiieren.
Nationale und internationale Initiativen von Fachleuten und Betroffenen haben sich zum Ziel gesetzt, die Sepsis-Sterblichkeit bis 2020 um 20 Prozent  zu senken und die Öffentlichkeit und Politik auf das Problem aufmerksam zu machen. Die Deutsche Sepsis Hilfe bietet Betroffenen jederzeit Rat. Die Deutsche Sepsis Gesellschaft war einer der Initiatoren für den Welt Sepsis Tag, der vom Jenaer Center for Sepsis Care and Control weltweit koordiniert wird.
Auf den Webseiten dieser Organisationen gibt es weitere wichtige Informationen zum Thema Sepsis und zum Welt Sepsis Tag, der am 13. September unter dem Motto  „Stop Sepsis – Save Lives“ stattfindet.n

Erschienen in Rotary Magazin 8/2014

Karl Reinhart
Prof. Dr. Karl Reinhart ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie im Universitätsklinikum Jena sowie  Chairman der Global Sepsis Alliance.

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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