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Das Gartenreich Dessau-Wörlitz und die Stätten am Vesuv

Verbindung zweier Welterbestätten

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz und die Stätten am Vesuv - Verbindung zweier Welterbestätten
Ausbruch des künstlichen Vulkans auf der Insel „Stein“ im Gartenreich Dessau-Wörlitz

Harald Meller02.04.2012

Am 28. Februar 1766 bestieg Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau im Rahmen einer Grand Tour, die ihn zusammen mit seinem Freund und Berater, dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, nach Italien, Frankreich und England führte, den Vesuv. Die Exkursion an den Golf von Neapel erfolgte von Rom aus, wo der Fürst und seine Begleiter unter der fachkundigen Anleitung des aus Stendal stammenden, zum Präsidenten der päpstlichen Altertümerverwaltung aufgestiegenen Johann Joachim Winckelmann die Überreste der antiken Stadt erkundeten. Die Impressionen der Italienreise ließ der Fürst durch Erdmannsdorff im Dessau-Wörlitzer Gartenreich, das seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, eindrucksvoll umsetzen. Sie spiegeln sich in Architektur und Innenausstattung des Wörlitzer Schlosses, des Gründungsbaus des deutschen Klassizismus, in „pompejanisch“ ausgestatteten Räumen auch in weiteren Bauwerken des Gartenreiches, besonders aber in der künstlichen Felseninsel „Stein“, die neben der Villa Hamilton und dem Nachbau eines antiken Theaters als besondere Attraktion von einem kleinformatigen, noch immer funktionsfähigen künstlichen Vesuv bekrönt wird.

Der Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 n. Chr., der zur Zerstörung von Pompeji und Herculaneum führte, ist sicherlich die berühmteste Naturkatastrophe der Antike. Der verheerende Ausbruch hinterließ eine nahezu perfekte Momentaufnahme des Alltags am Golf von Neapel, die auch schon die Reisenden des 18. Jahrhunderts faszinierte. Die einmalige Gelegenheit, die römische Gesellschaft am Beispiel der Vesuvstädte zu analysieren, wurde bereits von den ersten Ausgräbern genutzt. So hinterließen sie häufig sorgfältige Beschreibungen ihrer Ausgrabungen, die – wie im Fall der 1766-1768 freigelegten Gladiatorenkaserne von Pompeji – eine präzise Rekonstruktion der Fundsituation ermöglichen. Wie die Landesausstellung „Pompeji – Nola – Herculaneum“ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle noch bis 26. August 2012 zeigt, stellt dieser Ausbruch eigentlich aber nur eine Episode in der langen Reihe von vulkanischen Ereignissen dar, die seit Jahrtausenden das Leben am Golf von Neapel prägen. Nach den spektakulären, zum Teil noch nahezu unbekannten Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte ist es nun möglich, die von Plinius d. J. beschriebene Eruption aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten, in der neben den römerzeitlichen Funden auch die gesamte Chronologie der Naturkatastrophen miteinbezogen wird.

Die Untersuchung des Hausinventars aus Pompeji in seinem Fundkontext liefert Informationen über das Leben in einer römischen Stadt, die aus keiner anderen Fundstelle gewonnen werden können. So wecken die in Halle ausgestellten Kunstwerke wie Alltagsgegenstände noch immer jene Faszination, wie sie von den ersten Entdeckungen – zum Beispiel in der Villa dei Papiri von Herculaneum – ausging und maßgeblich die europäische Kunst und Kultur prägte.