Ausstellung in Paderborn - Wie Europa christlich wurde

Eines der Prunkstücke der Ausstellung ist dieses Goldglas mit Petrus und Paulus (Concordia Apostolorum) aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts (Rom). © Musei Vaticani, Museo Christiano, Rom

16.08.2013

Ausstellung in Paderborn

Wie Europa christlich wurde

Christoph Stiegemann

In der Reihe der Paderborner Mittelalter-Ausstellungen findet vom 26. Juli bis 3. November 2013 die dritte große Ausstellung in drei Museen (Diözesanmuseum, Museum in der Kaiserpfalz, Städtische Galerie) rund um den Dom statt. Unter dem Titel „CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter“ wird die Ausbreitung des Christentums auf europäischem Boden vom 4. bis 15. Jahrhundert behandelt.

Wenn in wirtschaftlichen Krisenzeiten der europäische Gedanke an Strahlkraft verliert, ist es wichtig, die Fundamente, aus denen die europäische Identität sich speist, wieder ins Bewusstsein zu rufen. Dabei bildet die christlich-jüdische Tradition eine gewichtige Größe, die nicht nur wesentlich zur Konstituierung des Mittelalters beitrug, sondern für die Identität Europas bis in die Gegenwart maßgeblich blieb.

Am Anfang stand der Aussendungsauftrag Jesu an die Apostel: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28,16-20). Gut dreihundert Jahre nach dem Kreuzestod Jesus von Nazaret in Jerusalem hatte sich das Christentum über das ganze römische Reich ausgebreitet. Im Jahre 313 traf Konstantin, der Kaiser des Westens, mit Licinius, dem Kaiser des Ostens, die Vereinbarung von Mailand, in der den Bürgern des römischen Weltreiches, allen voran den lange verfolgten Christen, freie Religionsausübung zugesagt wurde: „Wir sind seit langem der Ansicht, dass Freiheit des Glaubens nicht verweigert werden sollte. … Darum haben wir befohlen, dass es jedermann erlaubt ist, seinen Glauben zu haben und zu praktizieren, wie er will.“ Das 1700jährige Jubiläum dieses für die Entfaltung des Christentums maßgeblichen Schlüssel-ereignisses ist Anlass für die Ausstellung.

Die Aufgabe, die Christianisierung Europas im Mittelalter im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren, stellte vor große Herausforderungen. Es ging darum, mit der Ausbreitung des Christentums auf europäischem Boden einen über 1000jährigen historischen Prozess von ungeheurer Dynamik und Tragweite vor Augen zu führen, was naturgemäß das Medium Ausstellung an seine Grenzen führt. Die Ausbreitung des Christentums mit dem damit einhergehenden Kulturtransfer aus dem mediterranen Raum der Spätantike in den nordalpinen Bereich zwischen dem 4. und 15. Jahrhundert hat Henri Pirenne als „Achsendrehung der Weltgeschichte nach Norden“ bezeichnet. Dieser Vorgang verlief bekanntlich nicht geradlinig, sondern gestaltete sich hindernisreich und regional sehr unterschiedlich. Die Übernahme pagan-antiker wie christlich-antiker Geisteskultur war ohne den Impetus der Mission kaum denkbar, blieb aber auch keineswegs ohne Wirkung auf das Christentum selbst.

Darstellung wichtiger Etappen

Mit annähernd 800 Exponaten werden wesentliche Aspekte des welthistorisch einzigartigen Vorgangs in themenspezifischer Verdichtung anhand eines chronologischen Leitfadens anschaulich zur Darstellung gebracht. Der geographische Radius erstreckt sich von Gallien im Westen bis nach Russland und dem Baltikum im Osten, von Rom im Süden bis zu den Hebriden und Island im Norden. Die Ausstellung nimmt wichtige Etappen, etwa die Christianisierung der Angelsachsen, die iro-fränkischen Missionsinitiativen auf dem Kontinent, die Bekehrung Skandinaviens, Islands, Pommerns, Polens und Böhmens, der Kiewer Rus und des Donauraums bis zur Mission des Deutschen Ordens und der Christianisierung der Jagiellonen in Litauen in den Blick. Dabei wird keine eindimensionale Erfolgsgeschichte präsentiert; die Gewaltmission in Verbindung mit herrscherlichen Initiativen wird ebenso behandelt wie die spannenden Fragen, welche Wandlungen das Christentum im Zuge der Inkulturation durchlief. Breiter Raum wird auch den Fragen geschenkt, woran die Menschen glaubten, bevor sie mit dem Christentum in Kontakt kamen.

Die Ausstellungseinheit „Lux Mundi“ im Diözesanmuseum setzt mit der Ausbreitung des Christentums in der Antike an. Dabei legt sie einen Schwerpunkt auf die Darstellung der Migrationsprozesse von Motiven und Ideen, die sich mit dem Glaubenswechsel vollzogen. Schriftlichkeit und Briefkultur spielten seit den Anfängen der Verbreitung des Christentums in der Zeit der Apostel eine große Rolle. So steht das berühmte Papyrus-Fragment des Paulus-Briefes an die Christengemeinde in Rom aus der Chester Beatty Library in Dublin am Anfang. Darin hat der Apostel die Heilsbotschaft Gottes erstmals systematisch dargelegt. Die Abschrift auf Papyrus in griechischer Sprache (gegen 180 entstanden) ist das älteste Exponat. Ein wichtiges Kapitel ist der Entwicklung der christlichen Bildkunst gewidmet. Ausgehend von Rom, das mit den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus im 4. Jahrhundert mehr und mehr zum Zentrum der lateinischen Christenheit wird, zeichnet die Ausstellung die Wanderungen der Missionare nach, die sie etwa nach Irland, England, Skandinavien und Island „bis ans Ende der Welt“ führten. Den Formenreichtum der christlichen Kunst und den wechselseitigen Kulturtransfer belegen eindrucksvoll kostbare Werke der Goldschmiede, der Skulptur und Buchkunst, die für jede Region ihr ganz eigenes Gepräge besitzen. Neben dem 2003 ausgegrabenen ersten christlich-angelsächsischen Fürstengrab von Prittlewell mit zahlreichen überaus reichen Beigaben – darunter auch zwei Goldkreuze, die sich auf den Augen des Bestatteten fanden, wird die Ausstellung mit Kultgefäßen und -gerätschaften der jüngst ergrabenen skandinavischen Tempelanlage von Uppåkra aufwarten. Noch nie konnten diese Funde außerhalb ihrer Heimatländer gezeigt werden. Besonders eindrücklich vermittelt die Ausstellung in dieser Abteilung, welche Veränderungen das Christentum im Kontakt mit anderen Kulturen und Religionen in den verschiedenen europäischen Regionen erfuhr.

Spuren der Missionierung

Das Museum in der Kaiserpfalz zeigt unter dem Titel „In hoc signo“ die vielfältigen friedlichen und kriegerischen Maßnahmen der Herrscher zur Verbreitung des Christentums vom Frankenreich über Byzanz bis hin zur Christianisierung der Völker im Osten und Norden Europas. Mit ihren nicht selten kriegerischen Expansionszügen versuchten die mittelalterlichen Herrscher, auch das Christentum in die neueroberten Gebiete zu bringen. Karl der Große und Otto I. nehmen hier eine entscheidende Rolle ein. Dem gegenüber standen friedliche Initiativen etwa durch byzantinische Missionare wie die „Slawenapostel“ Kyrill und Method oder wie im Falle des „Pommernapostels“ Bischof Otto von Bamberg. Das Museum in der Kaiserpfalz zeigt neben Kaiser- und Papsturkunden wertvolle Handschriften, darunter das bedeutende Aachener Karlsepos aus der Stiftsbibliothek von St. Gallen, das erstmals in Paderborn zu sehen sein wird, sowie kostbare liturgische Geräte aus dem Tesoro della Basilica di San Marco in Venedig. Slawische Idole und Kultgegenstände aus den Regionen Osteuropas geben darüber hinaus faszinierende Einblicke in die Glaubensvorstellungen der Slawen und ihrer Gottheiten. Mit der Rolle Bernhards II. zur Lippe bei der Missionierung des Baltikums wird der Blick auf die Bedeutung Paderborns als Missionsbistum gelenkt.

Die dritte Ausstellungseinheit „Quo vadis? – Europas Blick auf seine christlichen Wurzeln“ in der Städtischen Galerie am Abdinghof beleuchtet aus unterschiedlichen Perspektiven, wie spätere Jahrhunderte den Christianisierungsprozess im Mittelalter wahrgenommen und bewertet haben. Personen, Orte und Ereignisse, die für den Prozess der Christianisierung im Mittelalter bedeutsam waren, wurden seit der Neuzeit gezielt zur Profilierung dynastischer, nationaler und konfessioneller Identitäten genutzt. So spielte die christliche Prägung der jeweiligen Länder bei der Ausbildung der Nationalstaaten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts politisch eine überaus wichtige Rolle. Thematisiert werden auch der Missbrauch und die Instrumentalisierung historischer Persönlichkeiten und Orte, die unter den Nationalsozialisten für ein „germanisches“ Christentum in Anspruch genommen wurden.

Die Christianisierung Europas im Mittelalter ist eine Gemeinsamkeit der europäischen Staaten, und die Frage, was Europa zusammen hält, stellt sich heute dringender denn je. So mündet die Beschäftigung mit dem Prozess der Christianisierung in die Fragen nach der Identität Europas heute und dem Stellenwert seiner christlichen Wurzeln, denen in der dritten Ausstellungseinheit Raum gegeben wird.

Erschienen in Rotary Magazin 8/2013

Christoph Stiegemann
Prof. Dr. Christoph Stiegemann (RC Paderborn) ist Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn. www.dioezesanmuseum-paderborn.de

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