Nächstenliebe - Die größte aller Tugenden

„Der barmherzige Samariter“ von Ferdinand Hodler (um 1883) © Bild: Kunsthaus Zürich

01.08.2015

Nächstenliebe

Die größte aller Tugenden

Christoph Stiegemann

Vom Paulus-Brief zu Raffael und Bill Viola – eine Ausstellung in Paderborn feiert die „Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart“

In der kunst-und kulturhistorischen Ausstellung „Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart“ in Paderborn steht er am Anfang: der kostbare Papyrus 46 aus der Chester Beatty Library in Dublin, der uns die älteste Abschrift (um 175-225 n. Chr.) des berühmten Briefes des Apostels Paulus an die Korinther überliefert: „Wenn ich mit Menschen-, ja mit Engelszungen redete und hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle […] Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1. Kor. 13,1-13). Nächstenliebe ist nach Paulus die größte unter den Tugenden. Sie bringt das Geheimnis der christlichen Botschaft auf den Punkt und war in ihrer Wirkung im römischen Reich der Spätantike geradezu revolutionär.

Die Caritas als vitaler Ausdruck einer Kultur des Herzens ist nicht vom Christentum erfunden worden, sie findet sich bereits im Alten Ägypten, steht zudem in einer langen biblisch-hebräischen Tradition und ist darüber hinaus wichtiger Bestandteil in anderen Weltreligionen. Der Glaube, dass alle Menschen Kinder Gottes sind und somit einander lieben sollen, macht das Charisma der frühen Christengemeinden aus. Dahinter steht die umfassende Idee der Liebe Gottes zu den Menschen, der seinen eigenen Sohn opfert, um die Welt zu erlösen: das Urbild caritativen Handelns. Das christliche Doppelgebot der Gottesliebe und der Nächstenliebe (caritas dei – caritas proximi) ist somit elementare Grundlage der neuen Religion. Damit sind  keineswegs diffuses Mitleid und Empathie gemeint. Vielmehr erweist sich Nächstenliebe stets in der Tat. Schon mit der Wahl der sieben Diakone der Apostelgeschichte, an ihrer Spitze der Protomärtyrer Stephanus, war das Gebot der Nächstenliebe von Beginn an in organisierte Formen und Normen des sozialen Dienens und gemeindlicher Solidarität umgesetzt und konkretisiert worden.

Die Ausstellung führt den Besucher zu den Ursprüngen der Caritas bei den frühen Christen im römischen Reich. Gezeigt werden antike Sarkophage, Skulpturen, römische Wandmalereien, Goldgläser und kostbare Elfenbeinschnitzereien. Nach den Anfängen in der Antike wendet sie sich der Institutionalisierung der Nächstenliebe in den Herrschaftsgebieten der mittelalterlichen Bischöfe, Könige und Klöster zu. So rückte etwa der Mönchsvater und Ordensgründer Benedikt die „hospitalitas“ – die Fremdenaufnahme – ins Zentrum klösterlichen Lebens getreu der Regel, dass alle ankommenden Gäste wie Christus zu empfangen seien, weil er selbst sagen wird: „Ich war fremd, und du hast mich aufgenommen.“  Diese Worte entstammen der berühmten Weltgerichtsrede Jesu am Ende der Zeiten, wo er die Gerechten von den Verdammten trennt: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. […] Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 35-40).

Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser

Die bildliche Fassung der Werke der Barmherzigkeit nach der Weltgerichtsrede Jesu entsteht unter dem Eindruck der Kirchen- und Klosterreform um die Wende zum 12. Jahrhundert. Ein herausragendes Zeugnis ist die ikonographisch höchst komplexe Miniatur mit den christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung im Zentrum und den jeweils zu Paaren dargestellten Werken der Barmherzigkeit im zweiten Band der nach 1153 entstandenen Bibel aus dem maasländischen Prämonstratenserkloster Floreffe. Ein kostbares Prunkobjekt höfischer Repräsentation ist der elfenbeinerne Rückdeckel des Psalters der Königin Melisende von Jerusalem (1131–1153), der den ältesten kompletten Vollzyklus der sechs Werke der Barmherzigkeit zeigt. Beide sind großzügige Leihgaben der British Library in London und zählen zu den Höhepunkten der Ausstellung.  

Ein neues Kapitel der Armenfürsorge beginnt im 12. Jahrhundert in den aufstrebenden Stadtmetropolen, zuerst in Oberitalien und dann auch nördlich der Alpen, wo Laienbewegungen entstehen, die jenseits der Klostermauern ein Leben freiwilliger Armut führen, sich der Bedürftigen annehmen und karitative Einrichtungen stiften. Dabei spielte die Vorstellung eine wichtige Rolle, dass man für seine Mildtätigkeit auf Erden nach der Lehre von den guten Werken im Himmel entlohnt wird. In der Ausstellung stehen hier Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser sowie ihre Stifter, etwa die hl. Elisabeth von Thüringen (1207–1231) und der große Theologe und Philosoph Nicolaus von Cues (1401–1464) im Zentrum, aber auch die Frauengemeinschaften der Beginen und die Elenden-Bruderschaften, die sich um die Bestattung namenloser Toter kümmerten.  In Folge dieser Entwicklung trat die Totenbestattung als siebtes Werk zu den bis dahin bestehenden sechs Werken der Barmherzigkeit hinzu. Ein großartiges Tafelbild (Antwerpen, 1490/1500) stellt unter der Perspektive des Weltgerichts die sieben Werke der Barmherzigkeit den sieben Todsünden gegenüber. Während erstere ins Himmelreich geleiten, pflastern letztere den Weg zur Hölle.

Im Zeichen von Humanismus und Renaissance entsteht die Personifikation der Caritas, die als liebende Mutter, von Kindern umringt, zur Darstellung gelangt und rasch zum festen Bildtopos wird. Eine der zartesten und anrührendsten Interpretationen des Themas schuf Raffael um 1507 mit seiner Grisaille auf der Mitteltafel der Predella des Altars für die Familienkapelle von Atalanta Baglioni in San Francesco al Prato in Perugia, die aus der Pinacoteca Vaticana nach Paderborn kommt.

Wandel der Fürsorge

Unter dem Eindruck der Reformation wandelte sich die Armenfürsorge, entstand aus der bruderschaftlichen nach und nach die bürokratisierte kommunale, bzw. frühstaatliche Fürsorge mit ihren Versorgungseinrichtungen. Auch wenn die Relevanz fürs Seelenheil entfiel, so wurde doch dem karitativen Engagement große Bedeutung für die lebensweltliche Bewährung des Christenmenschen beigemessen. Diese Entwicklung wird am Beispiel der führenden Metropolen in den Niederlanden Amsterdam und Antwerpen und ihren exemplarisch behandelten karitativen Häusern, an deren Spitze die „Almoseniers“ standen, thematisiert. Den Herausforderungen durch Massenverelendung im Zuge der Industrialisierung suchte man im 19. Jahrhundert mit neuen Formen karitativer Hilfeleistung in staatlichen und kirchlichen Initiativen zu begegnen. Ein eigenes Kapitel stellt das Wirken karitativer Verbände, aber auch internationaler Hilfsorganisationen vor der Folie der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts dar.

Faszinierend zu erleben, wie sich die Kunst durch alle Jahrhunderte mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Die herausragende Bedeutung der Nächstenliebe als Gegenstand der Kunst verdeutlichen zentrale Bildmotive, wie die bereits genannten „Sieben Werke der Barmherzigkeit“ oder das Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“. Die Ausstellung will jedoch nicht nur eine kulturhistorische Rückschau bieten, sondern die Auseinandersetzung mit dem Thema heute befördern. Wie können in einer Zeit wirtschaftlicher Globalisierung, ungebremster Leistungssteigerung und zahlloser internationaler Krisenherde, die Vertreibung und Flucht mit sich bringen, Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Barmherzigkeit überhaupt noch gedacht und gelebt werden? In Anbetracht der brennenden Aktualität des Themas hat Papst Franziskus ein außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen, das am 8. Dezember 2015 eröffnet wird. In der Verkündigungsbulle heißt es: „Es gibt Augenblicke, in denen wir aufgerufen sind, in ganz besonderer Weise den Blick auf die Barmherzigkeit zu richten und dabei selbst zum wirkungsvollen Zeichen des Handelns des Vaters zu werden.“  


 Werke der Barmherzigkeit

Rund 200 hochkarätige Exponate beleuchten in der Paderborner Ausstellung die Geschichte der Nächstenliebe in Kunst und Kultur.

CARITAS – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart
im Diözesanmuseum Paderborn · 23. Juli bis 13. Dezember 2015

Info: www.caritas-ausstellung.de

 

Erschienen in Rotary Magazin 8/2015

Christoph Stiegemann
Prof. Dr. Christoph Stiegemann (RC Paderborn) ist Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn. www.dioezesanmuseum-paderborn.de

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