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Titelthema

Reiz und Illusion

Titelthema - Reiz und Illusion
Falläpfel // Pilze © Lynn Karlin

Traditionen wie Erntedank dienen der Gemeinschaft. Die moderne Aufmerksamkeitsökonomie stellt jedoch das Individuum in den Vordergrund und läuft diesen zuwider.

Katja Rost01.10.2023

Seit Beginn der Menschheit feiern Menschen aller Regionen Erntedankfeste. Diese jährlich stattfindenden Rituale machen die Bedeutung einer gelungenen Ernte für das Überleben der Gemeinschaft sichtbar und nachvollziehbar. Dabei verweisen diese Feste über die profane Alltagsbedeutung der Ernte hinaus und haben oft einen transzendenten, spirituellen Charakter. Dieser erinnert uns an die eigene Sterblichkeit und unsere Abhängigkeit von Naturgewalten. Erntedankfeste rücken den gemeinschaftlichen Vollzug von Glauben an und Hoffnung auf eine stabile Weltund Lebensordnung in den Mittelpunkt und spenden damit zwischenmenschlichen Halt, Orientierung, Trost und Ordnung. Aber hat eine derartige Verortung von Erntedankfesten in einer säkularisierten Welt, die auf technologischen Fortschritt – und weniger auf Gott – vertraut, noch eine Bedeutung? Definitiv. Und zwar in zunehmendem Ausmaß.

Erstens führt der Glaube an technologischen Fortschritt und kalkulierende Rationalität – wie dies Max Weber bereits vor mehr als 100 Jahren anmerkte – zu einer „Entzauberung“ der Welt. Erntedankfeste und Rituale versorgen diese entzauberte Welt mit Wärme, Liebe, Einzigartigkeit und Faszination. Dies gilt insbesondere für eine Zeit der medialen Dauerversorgung mit meist negativ geprägten Bildern zu menschlichem Leid, Kriegen und Umweltkatastrophen.

Zweitens fühlen sich viele von uns in der heutigen funktional differenzierten Welt überfordert. Täglich wechseln wir zwischen unterschiedlichen Rollen und Funktionen in verschiedenen Organisationen und Lebenswirklichkeiten. Mal befinden wir uns in der Rolle des Angestellten, mal in der Rolle der Bürgerin, des Patienten, der Verkehrsteilnehmerin, des Wählers, des Vereinsmitglieds, der Nachbarin oder des Freundes. Rituale wie das Erntedankfest kennen diese Komplexität nicht. Sie greifen auf vorgefertigte Handlungsabläufe und jahrhundertealte Symbole aus naturnahen (Stammes-)Gesellschaften zurück. Die Mehrgenerationenfamilie steht im Vordergrund. Wir essen „Omas Apfelkuchen“, schauen unseren Kindern und Enkeln auf dem Karussell oder im Streichelzoo zu, sitzen am Lagerfeuer bei Stockbrot und Folienkartoffeln und genießen den scheinbar grenzenlosen Frieden einer heilen Welt. Solche Traditionen, die den Mehrgenerationenhaushalt in den Vordergrund rücken, vermitteln uns Stabilität, Orientierung und Halt in einer zunehmend unübersichtlichen, komplexen Welt. Gerade dann, wenn Familie fehlt, beispielsweise infolge von Umzug, Beruf oder Trennung.

Drittens fehlt vielen von uns – eng verknüpft mit dem Bedeutungsverlust von Religion und der Entzauberung der Welt – ein kontemplativer Rückzugsort. Dort, wo früher das Gebet Ort der Ruhe und Besinnung war, stehen heute die digitale Dauerbeschallung durch soziale Medien, E-Mails, Nachrichten und die ständige Verfügungsgewalt anderer über unsere Zeit und unseren Raum. Wir sind ständig in Kontakt mit unserer (oft auch anonymen) Umgebung und verlieren damit den Kontakt zu uns selbst. Rituale wie das Erntedankfest lassen uns aus unserem Alltag für eine kurze Weile entfliehen und bieten damit die Möglichkeit zur Reflexion. Was zählt im Leben? Was macht mich glücklich?

Rosarote Designerdirndl

Insofern erstaunt es nicht, dass althergebrachte Rituale ein Revival erleben. Dieses Revival erfolgt allerdings auf zwei Arten, welche das Dilemma unserer modernen Welt wunderbar zusammenfassen.

Einerseits beobachten wir das neue Aufleben alter Traditionen. Generationenübergreifende Bräuche wie etwa Erntedankfeste, Schwingfeste, Bauernmärkte, welche Jung und Alt, Arm und Reich friedlich miteinander vereinen, erfreuen sich einer unerwarteten Beliebtheit und Nachfrage. Analog der vormodernen Zeit, aus denen diese Traditionen stammen, steht der gemeinschaftliche Vollzug des Brauches im Vordergrund. Diese Traditionen differenzieren nicht zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft. Zumindest für die Zeit des Festes sind alle Personen gleich. Und deswegen erfüllen diese die vorgenannten Merkmale nach Verzauberung, Komplexitätsreduktion und Rückbesinnung.

Anderseits beobachten wir aber auch eine zunehmende Modernisierung alter Traditionen und Sitten. Zu denken sei an die Anreicherung alter Traditionen um den heutigen Zeitgeist: rosarote Designerdirndl auf Volksfesten oder Feuerschalen und OutdoorKüchen als Lagerfeuerersatz. Hierzu gehört auch die globale Neuverordnung ehemals regionaler Traditionen: So boomt der Reisetourismus während der Trüffelzeit, Weinernte, „Keschdezeit“ – je nach Produkt und Tradition. Zu erwähnen seien auch meditative Praktiken und Ernährungsrituale aus fremden Ländern und Religionen. Im Vordergrund modernisierter Traditionen steht Distinktion. Durch bewusste Unterscheidung zu anderen sozialen Gruppen möchten wir unsere Individualität betonen. Es geht nicht um den gemeinschaftlichen, inklusiven Vollzug der Tradition, sondern um den alleinigen, exklusiven Vollzug. Damit schaffen modernisierte Traditionen soziale Ordnung: Durch Teilnahme und Nichtteilnahme verweisen wir auf unsere Wertehaltung, unsere Bildungszugehörigkeit und unser Einkommen und Vermögen. Diese soziale Wert- und Rangordnung modernisierter Traditionen erreicht das Gegenteil von dem, was althergebrachte Traditionen und Bräuche in und mit uns bewirken.

Traditionen reduzieren Komplexität

Erstens fehlt modernisierten Traditionen der Zauber. Das rosarote Designerdirndl entschwebt den neuesten modischen Trends der Bekleidungsindustrie. Die Outdoor-Küche enthält die neuesten Gimmicks der Kochkunst. Die Keschdezeit verkommt zum Massenereignis des internationalen Tourismus. Die Einzigartigkeit ursprünglicher Traditionen und Bräuche wird substituiert durch eine glitzernde, betörende Warenwelt.

Zweitens greifen modernisierte Traditionen nicht auf vorgefertigte Handlungsabläufe einer einfachen Gesellschaft zurück, sondern beruhen auf elaborierten Statussignalen einer immer stärker ausdifferenzierten Welt. Diese Signale – sei es die Designerin des Dirndls oder die Exklusivität des Events – entscheiden über unseren sozialen Rang in der Gesellschaft. Statt uns von Komplexität zu erlösen, erhöhen modernisierte Traditionen die Komplexität unseres Lebens. Habe ich mich für das richtige Dirndl entschieden? Passt der Event zur Wertehaltung meines Freundeskreises? War es exklusiv genug?

Drittens belasten uns modernisierte Traditionen, statt uns zu entlasten. Wir posten Bilder in sozialen Medien, um weit entfernten Gruppen zu berichten, wie bereichernd unsere individualisierten Erlebnisse waren. Zu Ruhe und Besinnung finden wir vor lauter Selbstdarstellung nicht. Traditionen dienen der Gemeinschaft. Eine Aufmerksamkeitsökonomie läuft diesen zuwider.