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Rotary aktuell

Engagement im Kosovo

Rotary aktuell - Engagement im Kosovo
Alphabetisierung von Kindern durch Kinder © Privat

Wie aus einer kleinen Gemeindienstaktion ein immer größeres Projekt werden kann, erlebt gerade der Rotary Club Berlin-Potsdamer Platz mit „Loyola Tranzit“.

01.07.2019

„Loyola“ ist der Name eines staatlich anerkannten privaten Gymnasiums in Prizren/Kosovo, an dem seit seiner Gründung im Jahr 2004 Schüler aus dem gesamten Kosovo nach kosovarischem Curriculum die staatliche Matura erlangen können. Die Schule gilt als eine der besten des Landes und wurde seit 2013 auch um eine Grundschule ergänzt. In unmittelbarer Nachbarschaft der Schule befindet sich der angrenzende Bezirk „Tranzit“, der fast ausschließlich von Familien der Roma- und Ashkali-Gemeinschaft bewohnt wird.

Die Kinder aus diesen Familien gingen bislang in überhaupt keine Schule; ihr Leben am Rande der kosovarischen Gesellschaft ließ eine Teilhabe an dem nahen Bildungsangebot nicht zu. Das änderte sich, als Loyola-Gymnasiasten Kontakt zu den Bewohnern des Tranzit-Bezirks aufnahmen und ihnen anboten, ihren Kindern die für einen Schulbesuch erforderlichen Grundlagen zu vermitteln. Der die Gymnasiasten begleitende Jesuit Moritz Kuhlmann war davon überzeugt, dass durch das Projekt „Loyola Tranzit“ sowohl die Loyola-Schüler als auch die Kinder aus Tranzit etwas gewinnen könnten. Über die Kontaktaufnahme zu den Ältesten des Tranzit-Bezirks gelang es ihm, die Ashkali-Familien dazu zu bewegen, ihre Kinder an dem Projekt teilnehmen zu lassen.

Gymnasiasten vermitteln das ABC
Im Ergebnis konnten Loyola-Gymnasiasten schulfernen Tranzit-Kindern grundlegende Fähigkeiten des Lesens und Schreibens beibringen und somit ihre eigene privilegierte Bildung mit ihnen teilen. Das Projekt wurde rasch zu groß für das improvisierte „Klassenzimmer“ in Form eines Teppichs im Freien, sodass im Tranzit-Viertel ein Raum angemietet wurde, der in der Wahrnehmung aller Beteiligten und nach dem Namen des Wohnviertels zu „ihrer“ Schule „Loyola Tranzit“ wurde. Bereits 2016 nahmen bis zu 20 Kinder regelmäßig an diesem Alphabetisierungsunterricht teil, in dem sich an jedem Tag vier bis fünf Schüler des Loyola-Gymnasiums nachmittags freiwillig als Lehrer engagierten.

Innerhalb eines Jahres machte diese Schule erstaunliche Fortschritte: Die Gymnasiasten bereiteten die Tranzit-Kinder nicht nur darauf vor, (wieder) in die Regelschule eingeschult zu werden, sondern bieten eine Art Kindergarten zur vorschulischen Förderung sowie Musikunterricht an. So singen mittlerweile Dutzende Tranzit-Kinder im Chor, und viele haben sich auch in das entstehende Schulorchester integriert. Jugendliche Ashkali wurden vor Ort zu „Mitarbeitern“ des Projekts ausgebildet, die dafür sorgen, dass die Kinder aus Tranzit stets pünktlich zu ihrer Schule erscheinen; gemeinsam mit den Gymnasiasten wurden sie mit fachlicher Unterstützung der Loyola-Schule sowie unter Mithilfe professioneller Partner aus Deutschland dazu befähigt und darin begleitet, pädagogische Verantwortung für die Tranzit-Kinder zu übernehmen.

Hilfe bei Miete und Musiklehrern
Die Finanzierung des Projekts, vor allem die Miete, Unterrichtsmaterial und Honorare für Musiklehrer und Mitarbeiter, wurde ausschließlich durch Spenden ermöglicht. Der RC Berlin-Potsdamer Platz hat neben der Finanzierung eines Mitarbeiters auch wiederholt Musikinstrumente gespendet. Der Bedarf und das Interesse am Projektangebot haben alle Erwartungen bei Weitem übertroffen, schnell wurden die gemieteten Räumlichkeiten zu klein. 2018 konnte aber dann innerhalb von nur fünf Monaten nach Grundsteinlegung und mit Unterstützung des RC Prizren ein neues Schulgebäude erstellt und eingeweiht werden.

Da der RC Berlin-Potsdamer Platz inzwischen auch seinen Zwillingsclub RC Istanbul-Galata und Freunde aus dem Club Kensington-Chelsea für das Projekt begeistern konnte, ließen sich die Feierlichkeiten sehr international gestalten. Für die Zukunft ist geplant, Schülern aus der Tranzit-Schule ein Praktikum in der Türkei zu ermöglichen – eines von zwei Ländern, in das sie ohne Visum einreisen können.

Markus Helmchen