01.09.2015

Warum und wie der Mensch bis ins hohe Alter lernen kann

Freude am Lernen – ein Leben lang

Gerald Hüther

Der Drang zur stetigen Verbesserung des Menschen ist Jahrtausende alt. Die Digitalisierung unseres Alltags und die Ergebnisse der medizinischen Forschung – insbesondere auf dem Gebiet der Neurowissenschaften – haben die Möglichkeiten und Potentiale dafür dramatisch erweitert. Der folgende Beitrag dieses Titelthemas beschreibt die Chancen und Risiken einer Entwicklung, die das Mensch-Sein für immer verändern kann.

Das Interessanteste, was unser Gehirn leisten kann, ist das Lernen. Im Grunde genommen lernen wir niemals etwas ganz Neues, denn unsere Nervenzellen haben längst Vernetzungen aufgebaut, wenn wir auf die Welt kommen. Bereits vor der Geburt wird Nervenzellen-Vernetzungsmaterial bereitgestellt, sogar viel mehr, als wir tatsächlich benötigen. Im Laufe unseres Lebens werden diese Nervenzellen-Vernetzungen immer weiter aufgebaut.

Es muss unter die Haut gehen

Als Kind haben wir eine Entdeckung nach der anderen gemacht und uns wie verrückt begeistert. Kleine Kinder erleben am Tag fünfzig- bis hundertmal einen Sturm der Begeisterung, der durch ihr Gehirn geht. Das ist ein Aspekt, den die Neurobiologen in den letzten Jahren angefangen haben, genauer zu untersuchen. Wir lernen nicht durch das, was wir einfach nur so tun. Knapp ausgedrückt: Das Gehirn ist kein Muskel! Sie können üben und trainieren, so viel Sie wollen, denn wir lernen, indem wir uns in Beziehung setzen – zu Dingen und zu Menschen. Jedes Mal, wenn wir etwas entdecken, das für uns selbst bedeutsam ist, geht es unter die Haut, und es kommt im Gehirn zur Aktivierung der sogenannten emotionalen Zentren. Sie liegen im Mittelhirn und haben Verbindungen zu allen anderen Bereichen. Wenn diese emotionalen Zentren erregt werden, kommt es automatisch zu einem gewissen Durcheinander in den Bereichen, die für die körperliche Regulation zuständig sind. Das spürt man dann als Körpergefühl: Das Herz fängt an zu rasen, oder man bekommt plötzlich einen Schweißausbruch. Oder die Haare stehen einem zu Berge, der Atem stockt, oder die Knie werden weich. Das sind die sogenannten somatischen Marker, die sich dann einstellen, wenn einem etwas unter die Haut geht. Und wenn man dann eine Lösung findet, verwandelt sich dieses Durcheinander wieder in Ordnung. Dabei werden sogenannte Neuroplastische Botenstoffe freigesetzt, die wie „Dünger“ wirken und all jene Netzwerke im Hirn stabilisieren, die zur Lösung des Problems beigetragen haben.

Nachhaltig lernen kann man deshalb erst dann etwas, wenn es emotional aufgeladen ist, also Freude macht. Nur wenn die emotionalen Zentren erregt werden – wenn zum Beispiel einem etwas richtig gut gelungen ist oder eine neue Erkenntnis gewonnen wird –, werden im Gehirn diese neuroplastischen Botenstoffe ausgeschüttet. Zu denen zählen die Katecholamine und Neuropeptide, wie die Endorphine und das Oxytocin, und die bringen Nervenzellen dazu Neuropeptide zu produzieren. Diese Eiweiße brauchen sie, um neue Fortsätze zu bilden und neue Kontakte zu schmieden, bzw. bestehende Kontakte zu festigen. Deshalb finden strukturelle Umformungsprozesse im Gehirn immer dann statt, wenn wir uns im Zustand der Begeisterung befinden.

Jetzt können Sie verstehen, warum Sie als Kind so viel gelernt haben. Weil uns ständig alles unter die Haut gegangen ist. Aber dann wurden wir in die Schule geschickt, haben eine Ausbildung gemacht und einen Beruf ergriffen, und die Augenblicke der Begeisterung wurden immer seltener. Es wurde nunmehr nicht mehr viel im Gehirn umgebaut. Das heißt aber nicht, dass es nicht mehr möglich wäre. Das ginge natürlich! Bis ins hohe Alter können wir etwas Neues dazulernen. Wenn man im Alter nichts Neues mehr lernt, ist dies kein hirntechnisches Problem, sondern ein Begeisterungsproblem.

Und um uns zu begeistern, brauchen wir andere Menschen. Wir können uns nun fragen, ob wir in einer Gesellschaft leben, in der sich Menschen gegenseitig begeistern über das, was alles geht, oder in der sie sich gegenseitig entgeistern und sich ständig einreden, was alles nicht geht.

Hinderliche feste Überzeugungen

Im Laufe des Lebens bilden wir feste Überzeugungen heraus. Sie sind nicht angeboren, sondern wir haben sie irgendwann erworben und zwar durch die Erfahrungen, die jeder von uns gemacht hat. Sie sind tief in unserem Gehirn verankert, weil sie an Gefühle gekoppelt sind, lassen sie sich auch nicht durch Erklärungen und gute Ratschläge verändern. Deshalb bleiben Menschen bei ihren festen Überzeugungen, solange nichts passiert, was ihnen wirklich unter die Haut geht.

Diese inneren Einstellungen, Überzeugungen und Haltungen bestimmen alles, was wir in der Welt wahrnehmen, worum wir uns kümmern, was wir sehen und was wir übersehen, was uns wichtig und was unwichtig ist, und nicht zuletzt, wofür wir uns begeistern und deshalb letztlich auch, wie sich unser Gehirn ausbildet. Diese inneren Einstellungen entstehen durch einen Prozess, der uns unter die Haut geht. Man muss also eine Erfahrung am eigenen Leib erleben, sonst ist es keine Erfahrung. Dabei werden gleichzeitig zwei Netzwerke aktiviert: ein kognitives (das benutzen wir, wenn es vorbei ist, um jemandem zu erzählen, was wir erlebt haben) und ein emotionales (das rufen wir auf, wenn wir jemandem erzählen wollen, wie es uns dabei gegangen ist). Weil diese beiden Netzwerke gleichzeitig aktiviert werden, verkoppeln sie sich. Wenn wir dann Erfahrungen in einem ähnlichen Zusammenhang immer wieder machen, verdichten sich diese Erfahrungen zu einer Meta-Erfahrung, und die nennen wir eine innere Einstellung, eine innere Haltung.

Wenn ein Mensch einmal Erfahrungen gemacht hat, die ungünstig waren, und daraus eine Haltung entstanden ist, die zum Beispiel heißt „Lernen macht keinen Spaß“, „Lernen ist doof“, „Sich anstrengen ist blöd“ oder „Arbeiten gehe ich nur, weil ich Geld verdienen muss“, dann lassen sich diese Haltungen weder durch Aufklärung noch durch Dressur-Methoden ändern.

Wenn Sie Ihre Lust an etwas verloren haben, wenn Sie Erfahrungen machen mussten, dass etwas, das Sie gelernt haben, nicht das Richtige war oder dass Sie es falsch gelernt haben – dann ist das immer eine Erfahrung, die andere Ihnen angetan haben. Kein Kind scheitert an sich selbst. Sondern es scheitert immer an den Bewertungen, den Maßregelungen und den klugen Ratschlägen anderer. Im Grunde genommen scheitert es daran, dass es wie ein Objekt behandelt wird, dass es ein Objekt von Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen geworden ist. Und jeder Mensch, der sich als Objekt behandelt fühlt – und das geht schneller, als man denkt –, hat nur ein Bestreben: sich auszuklinken – irgendwie. Dann interessiert ihn weder das Singen noch Mathe, ihn interessiert nicht, was es auf der Welt alles zu lernen gibt. Ihn interessiert nur, wie er aus der schlechten Erfahrung schnell wieder herauskommt. Und wie macht er das? Indem er andere ebenfalls als Objekt behandelt, zum Beispiel indem er „Blöder Lehrer!“ sagt oder zumindest denkt.

Solche ungünstigen Erfahrungen sind häufig in unserer derzeitigen Beziehungskultur. Wir belehren ständig andere, wir wissen immer alles besser, wir müssen uns auf Kosten anderer erhöhen oder andere abwerten. Daraus ist eine ganze Kultur der gegenseitigen Abwertung geworden, in der die Menschen sich gegenseitig wie Objekte behandeln. So können keine positiven Lernerfahrungen gemacht werden und sich auch keine Potenziale entfalten. In dem Augenblick, in dem Sie einen anderen Menschen einstufen und ihm eine Diagnose – sei es Burnout, Depression, Psychose, ADHS, Legasthenie oder Dyskalkulie – auf die Stirn geschrieben haben, haben Sie ihn zum Objekt gemacht.

Wie müsste es also gehen? Wir müssten eine Kultur des Umgangs miteinander entwickeln, in der wir uns gegenseitig nicht abwerten und nicht als Objekt behandeln, sondern einander als Subjekte begegnen. Indem wir andere einladen und ermutigen und inspirieren, nochmals eine andere, günstigere Erfahrung machen zu wollen.

Es gibt Menschen, die es schaffen, nicht nur andere einzuladen und zu ermutigen, sondern sie sogar zu inspirieren. Menschen, die einfach Freude daran haben, einen Funken in anderen Personen zu entzünden. Sie erwecken in ihnen wieder die Lust, sich nochmals zu öffnen, nochmals ein Stück Neues anzufangen, nochmals die Augen aufzumachen. Und das Wunderbare dabei ist, dass es irgendwie immer geht. Denn alle Menschen haben sich, sei es auch nur am Anfang ihres Lebens, als Entdecker und Gestalter auf den Weg gemacht und nicht als Objekte von Erziehungs- und Belehrungsmethoden anderer.

Eine Beziehungskultur auf Augenhöhe

Also, es würde gehen: Man könnte ein Leben lang glücklich werden, indem man immer wieder Neues dazulernt. Lernen ist ein Bedürfnis. Das einzige Problem ist, dass wir eine Kultur des Umgangs miteinander entwickelt haben, die uns oft schon als Kinder gehindert hat, unsere Potentiale wirklich zu entfalten.

Vielleicht schaffen wir es künftig, eine Beziehungskultur herauszubilden, in der wir uns auf Augenhöhe begegnen, in der wir nicht andere Menschen mit unseren guten Ratschlägen und Vorstellungen, wie es zu sein hat, überschütten, sondern in der wir uns austauschen und unsere Erfahrungen miteinander teilen.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2015

Gerald Hüther
Prof. Dr. Gerald Hüther ist Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen. Er zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Wissenschaftlich befasst er sich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirn­entwicklung, Ziel seiner Aktivitäten ist die Schaffung günstigerer Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potenziale, speziell im Bereich der Erziehung und Bildung. Zuletzt erschien „Etwas mehr Hirn, bitte. Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten“ (Vandenhoeck & Ruprecht 2015). www.gerald-huether.de

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