29.08.2011

Standpunkt

Die Vier-Fragen-Probe als Kompass in bewegten Zeiten

Timo Meynhardt

Wer kennt es nicht, das klamme Gefühl bei der Lektüre ethisch-moralisch aufklärender Texte. Was darin hilft mir wirklich, in Entscheidungssituationen richtig zu handeln? Der Vernunftrigorismus eines kategorischen Imperativs ist es sicher nicht, allein die gute Kinderstube reicht ebenso nicht aus. Die in religiösen Texten gesammelten Weisheiten der Menschheit sind oft nur durch intensives Studium zu erschließen. So oder ähnlich muss es Herbert J. Taylor (RI Präsident 1954/55) gegangen sein, als er sich entschloss, selbst leicht eingängige ethische Prüfkriterien für sein Unternehmen zu entwickeln. Taylor stand in Chicago im Jahr 1932 vor der Aufgabe, die Club Aluminum Company vor dem Bankrott zu retten. Das Führungsteam unter Taylors Leitung entschied sich für einen für die damalige Zeit eher ungewöhnlichen Weg: Die Service­orientierung für die Kunden und eine hohe Verlässlichkeit sollten das Unternehmen vom Wettbewerb unterscheiden. Dies war die Geburtsstunde der Vier-Fragen-Probe, die dann bald zum weltweiten rotarischen Kompass werden sollte. Die vier Fragen 1) Ist es wahr? 2) Ist es fair? 3) Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen? 4) Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? wurden alsbald als Prüfkriterien für Werbekampagnen, Beziehungen zu Geschäftspartnern, zur Bewertung von Geschäftsplänen, aber auch für den Umgang untereinander eingesetzt. Mit sichtbarem Erfolg. Das Unternehmen war bald wieder profitabel. Bis heute geblieben ist der von Taylor entwickelte praktische Bezugsrahmen zur Bewertung von Entscheidungen und Handlungsweisen. Ein Grund für die Beständigkeit des Ansatzes ist der darin enthaltene gesunde Menschenverstand. Es gibt keine „Killerfrage“, sondern die vier Fragen stehen nebeneinander. Zudem ist es eine für unseren Denkapparat nicht zu hohe Anzahl von Bewertungsgesichtspunkten. Die moderne Psychologie zeigt uns immer wieder auf, dass Menschen nicht so rational kalkulieren. Vielmehr sind es Triebe, Gefühle und Begierden, die unser Handeln sehr viel stärker lenken, als wir uns dies eingestehen mögen.

Psychologische Theorien

Dass Taylor ein großer Wurf gelungen ist, kann man ihm bescheinigen. Dies zeigt ein kurzer Blick in die psychologische Theorie. So hat etwa Sigmund Freud vor allem die Lustdimension hervorgehoben, Alfred Adler die sozialen Motive oder John Bowlby das Bindungsmotiv. Der amerikanische Psychologe Seymour Epstein hat all diese Theorien gesichtet und kommt zu dem Schluss, dass keine für sich genommen die volle Wahrheit ausdrückt. Demnach sollte man die einzelnen Bedürfnisse eher nebeneinander stellen. Er fasst die vorhandenen in vier Grundbedürfnisse zusammen: Bedürfnis nach 1) Orientierung und Kontrolle, 2) Selbstwerterhalt und - steigerung, 3) positiven Erfahrungen und 4) nach positiven sozialen Beziehungen.

Auf den ersten Blick ist es natürlich ein Zufall, dass sich in der Theorie vier Grundbedürfnisse herausschälen und Taylor auch genau vier Fragen entwickelt hat. Ein wohlwollender Blick zeigt aber, dass die beiden durchaus nachvollziehbare Parallelitäten aufweisen. Das Bedürfnis nach positiven sozialen Beziehungen wie auch jenes nach positiven Erfahrungen erscheinen ohne weitere Verbiegungen in der Stoßrichtung sogar identisch mit den Taylorschen Fragen nach Freundschaft und Wohl der anderen. Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle und die Frage nach der Wahrheit liegen zunächst nicht so dicht am Taylor-Schema. Sieht man sich aber genauer an, was Epstein meint, nämlich den subjektiven Eindruck, dass eine Sache oder Handlung mir nützt, etwas besser zu verstehen und Probleme eigenständig zu lösen, kommt eine neue Facette ins Spiel. Das Wahrheitskriterium nach Taylor passt dann erstaunlich gut. Denn eine Lüge gegenüber Kunden oder Mitarbeitern nützt diesen nämlich gerade nicht, ihrem Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle nachzukommen, es schadet diesem. Auch das Kriterium der Fairness, bei Taylor im Sinne von Gerechtigkeit, kann mit wenigen Kniffen in die psychologische Theorie übersetzt werden. Unfair ist – so weisen uns schon Kleinkinder den Weg –, wenn andere etwas bekommen oder dürfen, was mir verwehrt ist. Bei den Kleinen ist es ein Spielzeug, bei den Erwachsenen ein Dienstgrad oder eine Gehaltssteigerung. Im Kern geht es stets um die Frage der Gleich- und Ungleichbehandlung. Und diese ist eine zutiefst moralische Kategorie. Damit lassen sich die beiden Fragen gut ineinander übersetzen: Unfair ist eine Empfindung, die sich daraus speist, dass der eigene Selbstwert bedroht ist.

Der innere Kompass

In beiden Welten erweisen sich recht ähnliche Bewertungsgesichtspunkte als zielführend und als erklärungskräftig. Wir müssen uns also nicht hinter großen Gedankengebäuden verstecken. Wir dürfen auch nicht hoffen, dass allein die Wissenschaft uns voranbringt. Vielmehr müssen wir den beschriebenen inneren Kompass nutzen und trainieren, um der Vielfalt der Lebenswirklichkeit gewachsen zu sein.

Wie bedeutsam dies ist, zeigt eine aktuelle Studie an der Universität St. Gallen. So sind zwei Drittel der 40 befragten obersten Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung in Deutschland und der Schweiz der Auffassung, dass die breitere Öffentlichkeit den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit genauso positiv einschätzt wie die Befragten selbst. Die Einübung der Perspektivenvielfalt wäre da keine schlechte Empfehlung, wenn man bedenkt, in welcher Glaubwürdigkeitskrise wirtschaftliche wie politische Eliten stehen. Der rotarische Kompass macht da ein praktikables und wissenschaftlich begründbares Angebot.

Inwieweit gestandene Männer und Frauen sich tatsächlich auf so etwas einlassen wollen, hängt sicher auch mit einer habituell verankerten Offenheit zusammen. Der Philosoph Isaiah Berlin hat einmal in Anlehnung an ein griechisches Versfragment zwischen Igeln und Füchsen unterschieden: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding.“ Sich auf alternative Sichten einzulassen, Widersprüche auch stehen zu lassen und zu akzeptieren, dies ist die Stärke des Fuchses. Der Igel jedoch sieht das große Ganze, er möchte mit einem umfassenden Denksystem Ordnung stiften. Die Vier-Fragen-Probe trainiert den Denkstil des Fuchses. Der gesunde Menschenverstand trifft sich mit der Gedankenwelt des Igels und erfüllt zunächst die Sehnsucht nach Orientierung und Übersicht. Um sich in Komplexität und Vielfalt der Lebensrealität zu bewegen, bedarf es der Erweiterung: Die Bemühung, ein Igel zu sein, sollte den Denkstil des Fuchses nicht ausschließen. In diesem Sinne sind die – scheinbar simplen – Fragen von Taylor auch ein Prüfstein, ob jemand von Natur aus Fuchs oder Igel ist.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2011

Timo Meynhardt
Professor Dr. Timo Meynhardt ist Geschäftsleiter am Zentrum für Führung und Werte in der Gesellschaft (CLVS) an der Universität St. Gallen (Schweiz).

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