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Standpunkt

"Ach ja, der Governor kommt …"

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Wolfgang Boeckh © Privat

Alle Jahre wieder ein neuer Governor zu Besuch im Club – Anmerkungen zu einem rotarischen Ritual

Wolfgang Boeckh01.05.2019

Es ist jedes Mal ein anderer, und hin und wieder geht es ihm wie dem Dirigenten, der die 5. Sinfonie von Beethoven zum ersten Mal dirigiert, das Orchester aber das Stück schon auswendig kennt. Der Governor wurde ausführlich instruiert, auf Seminaren, in der Assembly und ist nun stolzer Besitzer zahlreicher Drucksachen und umfangreichen Herrschaftswissens. Er ist der Vertreter des RI-Präsidenten vor Ort. Aber, wissen das die Clubs? Wollen die das überhaupt wissen?

Um vorab Missverständnisse zu vermeiden: Ich habe mein Governorjahr in guter Erinnerung. Fast alle Clubs haben meine Frau und mich freundlich aufgenommen, Vorstandssitzungen und Meetings ließen engagierte Arbeit, ambitionierte Projekte und die herzliche Atmosphäre erkennen, die unser Clubleben vor Ort anziehend macht. Wozu dann dieser jährliche Besuch? Die Aufgabe lautet, die intrinsische Motivation der Clubmitglieder mit Verständnis, Empathie und Supervision mit Augenmaß zu fördern.

Regeln als moralischer Imperativ
Der Anspruch, den die Idee Rotary an ihre Mitglieder stellt, lässt sich nicht nur in den Zahlungen an die Foundation abbilden, auch nicht durch die Summe der Zeit, die wir in unsere Projekte investieren; selbst die Freundschaft, die in den wöchentlichen Meetings für viele Mitglieder der wichtigste Aspekt rotarischen Selbstverständnisses bedeutet, findet sich letztendlich im rotarischen Regelwerk wieder, dem wir uns alle freiwillig unterwerfen. Die Kunst muss darin bestehen, Regeln als moralischen Imperativ zu akzeptieren, und gleichzeitig den begründeten Regelverstoß zu ermöglichen. Es geht nicht um augenzwinkernde Schlamperei, es geht um etwas, was wir auch sonst in unserem durch Regeln und Gesetze bestimmten Leben kennen: An Regeln möchte man weder durch Oberlehrer noch durch Würdenträger erinnert werden.

Allerdings gibt es keine uneingeschränkte Freiheit der Clubs. Rotary ist eine internationale Organisation, gar eine Marke, weltweit im Spannungsfeld zu vielen kulturellen Traditionen. In den über 100 Jahren Rotarys und der Foundation hat es sich bewährt, das jeder Club zur Gründung eine Charterurkunde erhält, die uns alle an das rotarische Regelwerk bindet. Der Besuch des Governors ist übrigens Bestandteil dieses Regelwerks, und er sollte als Chance, nicht als Ritual begriffen werden.

Anspruchsvoll und aufwendig
Es ist ungeheuer aufwendig, diese Aufgabe ernst zu nehmen. Schon der Besuch von 80 oder 90 Clubs kostet viel Zeit. Die Kenntnis der Clubs und ihrer Anliegen setzt Vorbereitung voraus, ein Feedback hinterher soll die Nachhaltigkeit sichern. Dazu kommen zahlreiche Ausschüsse. Das Telefon steht nicht still, mehr als 100 Mails am Tag sind keine Seltenheit. Da kann man als Governor schon mal auf die Idee kommen, nach Entlastungsmöglichkeiten zum Beispiel mittels eines Sekretariats, beim Partner/in oder auch bei (den ohnehin schon stark eingebundenen) Assistent Governors zu suchen. Man könnte auch in Versuchung kommen, Veranstaltungen und Clubbesuche so ökonomisch zusammenzulegen, dass es spürbare Reduzierungen gibt.

Ich lehne diese Idee jedoch ab, denn: Der Clubbesuch ist Kerngeschäft mit der persönlichen Note des Governors. Er ist umfassend geschult worden und nur er erhält für seine überproportionale Belastung die Anerkennung von RI, die sich auch in großen Reisen und öffentlicher Anerkennung abbildet. Der Governor muss an Regeln erinnern, an die Internationalität, an die Gleichberechtigung der Frau, die Spenden für die Foundation, die Verjüngung der Clubs, die Jugendarbeit – und ist dabei auf die Akzeptanz in den Clubs angewiesen. Es geht um Informationsfluss in beide Richtungen, auch um Kritik, und es geht um die Pflege unseres Regelwerks. Dreh- und Angelpunkt ist eine gut vorbereite Vorstandssitzung. Das geht nur mit Zuwendung und Augenmaß. Oberlehrer, Chefgehabe, direktoriales Auftreten richten ebenso viel Schaden an wie Auftritte als freundlicher Grußonkel.

Jeder Club benötigt die individuelle, intensive Würdigung des Governors, sonst bleiben die vielen Aspekte gegenseitiger Kommunikation auf der Strecke. Das ist nur zu schaffen, wenn jeder Club mindestens einmal im Jahr seine persönliche Begegnung mit dem Governor hat. Auch das Danke-Sagen ist nur glaubhaft, wenn die überschaubare Zahl der Vorstands- und Clubmitglieder gemeint ist. Clubübergreifende Freundschaften und Meetings sind wunderbar, man muss sie unterstützen, aber der Dank des Governors ist Zuwendung und damit ebenso persönlich wie seine Ermunterung. So viel Zeit muss sein.

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