Standpunkt - Auftrag zur Einmischung

Wolfgang Boeckh, RC Ludwigshafen am Rhein © privat

01.01.2018

Standpunkt

Auftrag zur Einmischung

Wolfgang Boeckh

Warum Rotary als Serviceorganisation auch politisch ist – und sein sollte. Anmerkungen zu unserem Selbstverständnis

Im Jahr 2017 feierten wir mit gutem Grund das Jubeljahr der Foundation. 100 Jahre Gutes tun in der Welt – das ist schon was! Als Arch Klumph 1917 diese großartige Idee hatte, tobte der Erste Weltkrieg. Amerika meldete sich auf der Weltbühne mit gewaltigen militärischen Mitteln, aber auch mit der Gründung von Serviceclubs und der Erkenntnis, dass staatliches Handeln immer defizitär bleibt und auch wohlhabende Nationen Bürger benötigen, die Verantwortung vor Ort und in der Welt übernehmen. Dieses Modell wurde, wie wir wissen, überall in der Welt erfolgreich. Die Idee, die Pflege von Freundschaft und Beziehungen in Verbindung mit beruflichem Erfolg, öffentlichem Einfluss und einem nicht von Eitelkeiten freien Image zur Verbesserung der öffentlichen Wohlfahrt einzusetzen, wurde auch in Deutschland schnell populär. Die ethisch-moralischen Ansprüche der Vier-Fragen-Probe verhalfen zusätzlich zum internationalen Ansehen von Rotary, vorerst.

Rotary steuerte die Charta der UNO bei
In den 30er Jahren wurden viele Clubs in Deutschland gegründet, und wenige Jahre später mussten sie wieder schließen. In München warf man Thomas Mann aus dem Club, andere begannen, sich der jüdischen Mitglieder zu entledigen. Die politische Dimension von Rotary wurde zumindest von den Gegnern bilanziert. Hätte man früher agieren können? Zweifellos hatte G.B. Shaw mit bissigem Humor die Situation begriffen, als er die legendäre Frage stellte: „Where is Rotary going to? Rotary is going to lunch …“. 1945 allerdings gab es Hoffnung. In Genf wurden die Vereinten Nationen gegründet. Rotary steuerte die Charta bei und ist seither vertrauter Partner der UNO, in New York, in Genf, Paris und Wien sowie weiteren Standorten. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hat die friedensstiftende Nähe zu Rotary gerade wieder bei einem Treffen mit weit über 1200 Rotariern betont.
Das ist ein politisches Statement in Zeiten, in denen sich viele Rotarier fragen lassen müssen, wie sie das „to do good in the world“ verstehen wollen. Das soziale Gewissen von Rotary begeistert mich. Unsere Projekte vor Ort, von denen ich Hunderte kennenlernen durfte, sind großartig. Die Foundation ermöglicht mit ihren Mitteln überall Hoffnung, manchmal sogar Aufbruch. Aber haben wir zur Kenntnis genommen, dass viele Länder mit großer rotarischer Tradition, besonders aber die USA, das Mutterland Rotarys, mit Mehrheiten lieb­äugelt, die unsere Vier-Fragen-Probe mit ihrem Appell zur Wahrheitsliebe, Freundschaft und Völkerverständigung nicht mehr verstehen wollen? Diese Mehrheiten sind demokratisch entstanden, die Pro­tagonisten gewählt, in einem zwar wenig fairen Wettstreit, weil da eben auch Lügen und die Verkürzungen der „Twitter-Freunde“ im Spiel waren; das hat auch etwas mit der Abwesenheit von Bildung zu tun.
Allerdings wächst der Populismus nicht über Nacht. Haben wir und unsere Freunde in den betroffenen Ländern in den letzten 20 Jahren politisch geschlafen? Rassismus, Protektionismus, militärische und verbale Aufrüstung, Einschränkung der Pressefreiheit, Aufkündigung der Religionsfreiheit – das steht nicht nur im Gegensatz zu rotarischen Werten und allgemeinen ethischen Grundsätzen der westlichen Demokratien – es trifft sie ins Mark. Noch ist die parlamentarische Demokratie in den USA widerstandsfähig, wie es aussieht. In der Türkei, einem Land mit zahlreichen Rotarierinnen (!) und Rotariern, ist es augenblicklich wohl zu spät. Polen und Ungarn geben Anlass zu großer Sorge. Und wie war das mit dem Brexit? Und was ist mit den Populisten in Österreich, den Niederlanden, und, last, but not least, in Deutschland? Wollen wir das Diskutieren wirklich nur den Stammtischen und den politischen Parteien überlassen? Ich kann mir nicht vorstellen, in den Clubs parteipolitisch zu diskutieren; mit gutem Grund sind wir auch neutral, was die weltanschauliche Bindung angeht. Aber ist nicht jeder Rotarier, jede Rotarierin auch ein zoon politicon? Rotary ist, davon bin ich fest überzeugt, eine relevante gesellschaftliche Kraft, wie die Parteien, die Kirchen, Gewerkschaften, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, oder die Sportverbände.
Alle zusammen tragen wir zu dem „Teig“ bei, aus dem unser Land geformt ist. Rotary kann sich nicht mit Pappschildern vor den Parlamenten aufstellen. Aber jeder von uns hat einen relevanten Arbeitsplatz, ein herausgehobene Position. Dort kann man seine Stimme erheben und dazu beitragen, dass den Populisten dieser Welt die Wähler wieder weglaufen. Das geht sogar im Fahrstuhl oder in der Kantine. Wie wäre es mit einer Kontroverse beim Clubmeeting, in aller rotarischen Kultur und Freundschaft? Wir haben uns nicht nur vorgenommen, in der Welt Gutes zu tun. Wir haben auch eine Stimme und wir haben Verantwortung.
Wir sollten vor der eigenen Haustüre kehren, aber wir sind auch Mitglieder der internationalen rotarischen Familie. Bei Max Frisch lädt Herr Biedermann seine üblen Gäste auch noch zum Essen ein. Wir sollten die Brandstifter rechtzeitig am Benzingeruch erkennen.


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Erschienen in Rotary Magazin 1/2018

Rotary Magazin 6/2018

Rotary Magazin Heft 6/2018

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