16.01.2014

Deutsch-Jüdische Auswanderer 

Brückenbauer zwischen den Welten

Walter Laqueur

Seit dem Bekanntwerden der umfassenden Überwachung des Internets durch US-Geheimdienste wird über die Konsequenzen für die deutsch-amerikanischen Beziehungen debattiert. Doch auch schon vorher diagnostizierten Beobachter eine leichte Abkühlung in den transatlantischen Beziehungen. Die folgenden Beiträge fragen, wie es um das deutsch-amerikanische Verhältnis tatsächlich steht – und welches Interesse wir daran haben.

Es ist kein Geheimnis, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen sich verschlechtert haben. Man sollte das Ausmaß des Ärgers jedoch weder übertreiben noch ignorieren. Auch wäre es falsch, die Gründe dafür lediglich in der Schuld der einen Seite zu sehen. Es hat derartige Spannungen, selbst Krisen in der Vergangenheit immer wieder gegeben.

Der gegenwärtige Tiefstand in den Beziehungen hat bekanntlich vor allem mit dem NSA-Abhörskandal zu tun. Der amerikanische Geheimdienst hatte nicht nur Feinde Amerikas ausspioniert, sondern auch Verbündete. Allerdings begann der Ärger zwischen den Verbündeten schon früher, mit einem Memorandum des amerikanischen Wirtschaftsministeriums, demzufolge Deutschland zu sehr exportorientiert war, dadurch mehr Einkünfte als Ausgaben hatte, ein Gleichgewicht verhinderte und die weltweite Erholung von der globalen Krise bedeutend erschwerte (eine ähnliche Kritik – gerechtfertigt oder nicht – kam bekanntlich auch aus Brüssel).

Vielleicht war die Krise unvermeidlich. Denn enge Beziehungen und eine Allianz entstehen nur dann, wenn den Partnern unmittelbare Gefahren drohen, wie in den Jahren des Kalten Krieges. Doch die Zeiten, in denen die Gefahr eines Einrückens sowjetischer Armeen durch das berühmte Fulda Gap drohte, sind lange vorbei.

Eine Entschuldigung von Seiten der NSA an die Ausspionierten hat es nicht gegeben; als Rechtfertigung wiesen die Verantwortlichen lediglich darauf hin, dass die Vorbereitungen für den Großangriff vom 11. September 2001 von Hamburg ausgingen und nicht von Chicago. Dennoch wird es auch in Washington weitreichende Konsequenzen geben. Schließlich wurden bedeutend mehr Telefonate von Amerikanern als von Ausländern abgehört. Und Amerikaner sind sehr empfindlich, was das Eindringen des Staates in die Privatsphäre angeht. Ob allerdings eine radikale Abkehr von den bisherigen Abhörpraktiken stattfinden wird, kann bezweifelt werden. Wer wirklich ein Geheimnis für sich bewahren will, muss wohl auf Telefone, Computer und andere Errungenschaften der Neuzeit verzichten. Doch um es noch einmal zu betonen: Es wäre falsch, die Schuld für die transatlantische Entfremdung lediglich auf die Untaten der NSA zurückzuführen.

Eine Deutsche Lobby in Amerika

Deutschland und die Vereinigten Staaten verbinden gemeinsame Werte und Interessen, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Aber die unmittelbaren Motive für eine enge Zusammenarbeit wie es sie einmal gab, existieren heute nur noch in geringerem Maße. Die deutsche Politik identifiziert sich keineswegs vollständig mit der amerikanischen, und genauso ist es umgekehrt.

Gibt es eine besondere deutsche Lobby in Washington? Die Millionen von deutschen Einwanderern sind in der amerikanischen Gesellschaft aufgegangen – genauso wie die Einwanderer aus Polen und anderen Ländern. Häufig vergessen wird dabei, dass vor allem jüdische Institutionen als Brückenbauer zwischen den Kontinenten sehr aktiv waren, vor allem das American Jewish Committee (AJC). Als das AJC vor einigen Jahren sein hundertstes Bestehen feierte, war Frau Merkel eine der Hauptrednerinnen.

Das AJC wurde zwar 1906 gegründet, um den damals verfolgten russischen Juden zu helfen. Aber seitdem ist die Organisation auch auf vielen anderen Gebieten tätig gewesen, besonders was die deutsch-amerikanischen Beziehungen betrifft – und Deutschland bedeutete keineswegs immer das „Dritte Reich“. Wenn man sich die Liste der leitenden Persönlichkeiten des AJC in den frühen Jahren ansieht – aber auch für die spätere Zeit trifft das zu –, fällt sofort auf, dass die meisten von ihnen aus Deutschland (genauer aus Süddeutschland) stammten. Die Familie von Louis Marshall kam aus Neidenstein, ein kleiner Ort in der Nähe von Heidelberg, die Schiffs kamen aus Frankfurt, die Sulzberger aus Bruchsal, bei den Proskauer und Ochs war es ähnlich. Das waren die Honoratioren jener Zeit, häufig Richter im Ruhestand.

Das änderte sich mit dem Erscheinen einer neuen Generation in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Militärdienst führte viele dieser jungen Menschen aus Mitteleuropa in den Staatsdienst, auch wurden sie Experten in der akademischen Welt. Henry Kissinger war wohl der prominenteste unter ihnen, aber keineswegs ein Sonderfall. Viele konnte man in den Nachkriegsjahren im State Department, dem US-Außenministerium, oder in der CIA sowie in anderen Ämtern finden, in denen deutsche – oder europäische – Kompetenz gefragt war. Ich kannte viele von ihnen, einige wurden meine Freunde. Es ist nicht sehr lange her, dass ein früherer Leiter der World Bank bei einem Spaziergang beiläufig erwähnte, dass seine Familie auch aus Breslau stammte, der einstigen Heimat meiner Familie (es handelte sich in diesem Falle nicht um einen jüdischen Politiker).

Generationenwechsel

Aber auch diese Kohorte verschwindet allmählich. Das äußert sich in verschiedenen Bereichen – nicht etwa darin, dass die neuen Experten und Berater freundlicher oder kritischer gegenüber Deutschland gesinnt wären. Es zeigt sich eher darin, dass emotionelle Bindungen weniger wichtig wurden. Das bezieht sich auf Europa im Allgemeinen und auf Deutschland im Besonderen. Das Schicksal der Welt wird nicht mehr in Europa entschieden, wie es im Kalten Krieg der Fall war; daher ist das amerikanische Interesse geringer geworden.

Die geopolitischen Gewichte in der Welt haben sich verlagert. Das fiel zusammen mit einer gewissen isolationistischen Tendenz in der amerikanischen Gesellschaft. Präsident Obama verbrachte Jahre seiner Jugend im pazifischen Raum, in Indonesien und Hawaii, Europa ist ihm hingegen kaum bekannt. Dasselbe trifft auf andere Mitglieder seiner Generation zu. Natürlich spielten die negativen Erfahrungen Amerikas im Irak und in Afghanistan auch eine wichtige Rolle. Doch vor Übertreibungen sei gewarnt. Es gibt keinen totalen Rückzug Amerikas aus der Weltpolitik, und Amerika wird auch in der Zukunft Verbündete brauchen.

In diesem Zusammenhang spielt das AJC wie auch andere jüdische Organisationen eine gewisse, nicht unbedeutende Rolle. Das AJC etwa ist eine Art Gegengewicht gegen die „Asia Firsters“ in der amerikanischen Außenpolitik. In den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den jüdischen Organisationen Amerikas gibt es heute nicht wenig Gemeinsames, aber natürlich auch Streitpunkte. Einer von ihnen ist – Israel. Die Politik Israels spielt bei den Auseinandersetzungen eine nicht unwesentliche Rolle. Zwar wird dessen Politik in der jüdischen Öffentlichkeit Amerikas keineswegs kritiklos akzeptiert, doch haben die amerikanisch-jüdischen Organisationen in der letzten Zeit immer wieder vor Übertreibungen bei dieser Kritik gewarnt. Das bezieht sich nicht auf die Politik der Bundesregierung, wohl aber auf negative Erscheinungen in bundesdeutschen Medien, die auf die Dauer einen negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung haben. Um es in aller Kürze zu sagen: Der Eindruck hat sich verstärkt, dass in den Angriffen gegen Israel in den Medien mit zweierlei Maß gemessen wird. Eine solche Einstellung widerspricht aber den Grundsätzen elementarer Gerechtigkeit. Man hütet sich, Großmächte wie Russland und China oder auch wichtige Ölproduzenten anzugreifen, auch wenn ihre Verstöße gegen Menschenrechte ebenso schlimm – wenn nicht gar schlimmer – sind als die von Israel begangenen. Solche Angriffe könnten empfindliche Reaktionen hervorrufen, was im Falle eines kleinen Landes wie Israel nicht zu befürchten ist. Dieses Gefühl einer Ungerechtigkeit, manchmal an Heuchelei grenzend, ist einer dieser Streitpunkte. Doch das ist kein spezifisch deutsch-amerikanisch-jüdisches Problem. Es ist nur ein kleines Teil in einer Bilanz, die im Großen und Ganzen positiv ausfällt.

Amerika wird auch in Zukunft Verbündete brauchen; Europa und Deutschland werden auch in der Zukunft einen Verteidigungsschirm brauchen, wenn sie nicht zu Opfern von Erpressung werden wollen, so lange sie nicht willens sind, die dazu notwendigen Anstrengungen zu unternehmen. Es liegt im Interesse beider Seiten, die gegenwärtige Krise zu überwinden.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2014

Walter Laqueur
Prof. Dr. Walter Laqueur ist emeritierter Professor an der Georgetown-Universität und war u.a. von 1965 bis 1994 Direktor des Institute of Contemporary History in London.. Zuletzt erschienen „Mein 20. Jahrhundert. Stationen eines politischen Lebens“ (Propyläen 2009) und „Europa nach dem Fall“ (Herbig 2012) laqueur.net

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