17.02.2015

Ein Plädoyer 

Quo vadis, Europa?

Walter Laqueur

Der 8. Mai 1945 gehört zu den markanten Daten unserer Geschichte. Lange wurde darüber gestritten, ob er ein Tag der Niederlage oder der Befreiung, des Triumphs oder der Schmach gewesen ist. Das Urteil darüber hing letztlich immer von den Erlebnissen der Betroffenen ab. Siebzig Jahre später, wo die Zeitzeugen kaum noch am Leben sind, ist es an der Zeit, den 8. Mai als das zu betrachten, was er jenseits der Schicksale von Millionen Menschen war – ein Wendepunkt der europäischen Geschichte, der die Entwicklung unseres Kontinents bis heute entscheidend prägt.

Es sind nun siebzig Jahre in das Land gegangen seit den Tagen, in denen der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Und es hat sehr lange gedauert, bis man verstand, wie viel mehr dieser Krieg die Welt verändert hat als der Erste Weltkrieg. Gewiss: Die Zahl der Menschenopfer von 1914–18 war sehr groß gewesen und auch der materielle Schaden nicht unerheblich. Noch im Jahre 1918 wurde die französische Hauptstadt von dem „Paris-Geschütz“ (einer mehr psychologischen als militärisch effektiven Waffe) beschossen, und es gab tägliche Luftangriffe. Doch was man damals einen Luftangriff nannte war ein Kinderspiel im Vergleich zu den massiven, gezielten Angriffen in dem Kriege danach. Allerdings haben die gigantischen Verluste an Menschen und die Verwüstungen ganzer Städte und Landschaften während der beiden Kriege überdeckt, dass sich derweil das internationale Kräfteverhältnis zuungunsten Europas entwickelte. Das Ringen der europäischen Mächte zwischen 1914 und 1945 um die Vorherrschaft auf dem „alten Kontinent“ führte dazu, dass am Ende Europa als Ganzes an Bedeutung verloren hatte und sich fortan im Einflussbereich zweier fremder Supermächte wiederfand – die Amerikaner im Westen, die Sowjetunion im Osten.

Vor 1914 war Europa das Zentrum der Welt gewesen – politisch, militärisch, wirtschaftlich und kulturell. Dass es dies zunächst auch noch nach 1918 blieb – wenngleich geschwächt –, lag weniger an Europas Stärke, sondern daran, dass es nach dem Versailler Vertrag keine anderen Mächte gab, die eine führende Rolle in der Weltpolitik spielen wollten oder konnten. Amerika hatte sich zwar nach längerem Zögern am Weltkrieg beteiligt, fühlte aber nach 1918 kein inneres Bedürfnis, eine führende globale Rolle zu spielen. Das äußerte sich zum Beispiel in dem Beschluss, nicht dem Völkerbund beizutreten. Russland – jetzt die Sowjetunion – war geschwächt und, nachdem die erwartete Weltrevolution ausgeblieben war, mit dem Aufbau des Sozialismus (à la Lenin und Stalin) im eigenen Land beschäftigt. Und Japan, obwohl erstarkt, war eine regionale pazifische Macht, jedoch keine Weltmacht.

Ein abgewirtschafteter Kontinent

Nach 1945 war die Lage völlig anders. Westeuropa lag vollständig am Boden und war nicht mehr fähig, sich gegen die neue Bedrohung durch den ehemaligen Verbündeten Sowjetunion zu verteidigen. Doch Washington wollte, nachdem es einmal in den Krieg eingetreten war, es diesmal nicht zulassen, dass die Früchte des Sieges verlorengingen. So entstand als nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft die NATO.

Wirtschaftlich erholte sich Europa sehr viel schneller als zunächst angenommen. Hatte man allein für Deutschland angenommen, dass es Jahrzehnte, wenn nicht Generationen dauern würde, um nur die Trümmer zu beseitigen, brachte das Wirtschaftswunder einen schnell und stetig wachsenden Wohlstand. 1970 ging es Europa wirtschaftlich besser als vor dem Kriege, die politische Lage war stabil, an einen dritten „europäischen Bürgerkrieg“ (wie es manche nannten) dachte niemand mehr. Der wesentliche Unterschied zur Vorkriegszeit war, dass Europa auch jetzt nicht das politische Zentrum der Welt war. Es war keine Großmacht, geschweige denn eine Supermacht.

Die politische Elite Westeuropas wollte diesen Zustand auf Dauer nicht akzeptieren. Besonders nachdem Ende der achtziger Jahre mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Kalte Krieg zu Ende war und die Russen aus Europa abzogen, dachten sie darüber nach, wie der Kontinent den im Kriege verlorengegangenen Einfluss zurückgewinnen konnte. Militärische Macht allein schien angesichts des Zerfalls des Ostblocks unwichtig geworden zu sein, wenn sie nicht zugleich mit ökonomischer Stärke verbunden war. Auch dass Gegenteil war richtig. Wirtschaftskraft allein genügte nicht, um den Status einer Supermacht zu erringen. Doch war die Europäische Union nicht längst eine Art moralische Supermacht geworden? Stimmte es nicht, dass der Rest der Menschheit mit Bewunderung und Neid nach Europa schaute und dessen demokratische Errungenschaften als Vorbild dienten? Diese Illusion hielt sich lange und ist auch heute noch nicht gänzlich verschwunden.

Vor allem auf Europas klassischer Domäne, der Wirtschaftspolitik, zeigte sich, dass die Stärke des Kontinents keineswegs so sicher und stabil war, wie lange Zeit angenommen. Es gab konjunkturelle Schwankungen, das Wirtschaftswachstum kam hinter dem Chinas nicht hinterher, und für ihre Energieversorgung waren die Europäer auf Russland und den Nahen Osten angewiesen, was politische Abhängigkeit und Schwäche bedeutete.

So schien es nach dem Ende des Kalten Krieges eine kurze Zeit lang, als ob Amerika die einzige Supermacht geblieben war. Doch nach dem Abzug der Russen begannen auch die Amerikaner, sich aus Europa zurückzuziehen, nachdem es in zwei verlustreiche Kriege verwickelt war, ohne dass dieses Engagement vom Standpunkt des nationalen Interesses aus unbedingt notwendig gewesen wäre. Den Amerikanern wurde klar, dass die Rolle des „Weltpolizisten“ teuer war und keinen Dank erntete. Allerdings führte dieser Rückzug keineswegs zu einer friedlichen neuen Weltordnung. Im Gegenteil, die Zahl der gescheiterten Staaten mehrte sich. Gerade die letzten Jahre haben auf erschreckende Weise gezeigt, wie hyperaggressive barbarische Bewegungen in Asien und Nordafrika in Machtvakua hineinstießen und bestenfalls chaotische Zustände schufen, oftmals jedoch – wie zuletzt der IS – blanken Terror zelebrierten.

Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das aus heutiger Sicht wie eine „Stunde Null Europas“ erscheint, müssen wir erkennen, dass die Welt unübersichtlicher und das internationale Klima rauher geworden ist. Die Frage, wie es mit Europa weitergehen soll, stellt sich somit heute dringender denn je. Zwar sind die europäischen Länder im Laufe der letzten Jahrzehnte zunehmend zusammengerückt und die Zahl der Mitglieder der EU kontinuierlich gewachsen, doch kann niemand übersehen, dass die Institutionen der Union in einer Krise stecken. Das viel zitierte „europäische Haus“ ist nur zur Hälfte fertiggestellt, und solche Gebäude zerfallen bekanntermaßen, wenn der Bau nicht weitergeht. Von England bis Griechenland sind die zentrifugalen Kräfte heute stärker als die zentripetalen. Es gibt weder eine europäische Außen- noch eine Militärpolitik, ja noch nicht einmal eine gemeinsame Energiepolitik. Die Kräfte, die auf nationale Interessen und die Souveränität ihrer Länder bestehen, erscheinen stärker als diejenigen, die eine engere Zusammenarbeit wollen.

Vereint in einer unübersichtlichen Welt

Ein solcher Widerstand ist in Europa nicht überraschend. Im Laufe von Jahrhunderten haben die einzelnen Länder eine jeweils eigene Identität  entwickelt, warum sollen diese Traditionen aufgegeben werden? Nicht klar ist jedoch denjenigen, die auf ihre Souveränität pochen, welcher Preis dafür bezahlt werden muss. Natürlich wird es irgendwie mit Europa und der Europäischen Union weitergehen, auch wenn es zu keiner politischen Vertiefung der Gemeinschaft kommt. Und mit etwas Glück werden die kommenden Stürme der Weltpolitik ein ungeeintes Europa weitgehend verschonen. Doch zeigt die Entwicklung während der beiden Weltkriege und in den Jahrzehnten danach eindrucksvoll, dass eine Spaltung Europas den Staaten und Nationen auf dem Kontinent schadet, während ein vereintes Europa sein politisches Gewicht in der Welt enorm erhöht.  

Vor allem die kleinen und schwachen Länder eines alternden Europas werden in der Welt von morgen an Einfluss verlieren. Das muss – auch dies lehrt die Geschichte – nicht immer ein Nachteil sein. Doch werden diese Länder kaum noch imstande sein, ihre nationalen Interessen mit irgendeinem Nachdruck zu vertreten. Und auch mit dem Bewahren ihrer Souveränität werden sie zunehmend Schwierigkeiten haben, werden doch die Spielregeln der internationalen Politik von starken globalen Akteuren – zu denen auch multinationale Konzerne gehören – bestimmt. Wer nicht die eigene Stärke durch die Mitgliedschaft in einer größeren Mannschaft erhöht, wird schnell zum Spielball der anderen.

Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es an der Zeit, dass sich die Europäer ihre Alternativen vor Augen führen. Entweder sie gehen getrennt – und verlieren jeder für sich allein weiter an Einfluss. Oder sie raufen sich zusammen – und können die Zukunft unserer globalen Welt im Konzert mit den anderen großen Akteuren aktiv mitgestalten.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2015

Walter Laqueur
Prof. Dr. Walter Laqueur ist emeritierter Professor an der Georgetown-Universität und war u.a. von 1965 bis 1994 Direktor des Institute of Contemporary History in London.. Zuletzt erschienen „Mein 20. Jahrhundert. Stationen eines politischen Lebens“ (Propyläen 2009) und „Europa nach dem Fall“ (Herbig 2012) laqueur.net

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