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Gastbeitrag von Christoph Butterwegge

Corona, Armut und Reichtum

Gastbeitrag von Christoph Butterwegge - Corona, Armut und Reichtum
Die ökonomischen, sozialen und politischen Spaltungstendenzen haben sich während der pandemischen Ausnahmesituation verschärft. Das beschreibt Armutsforscher Christoph Butterwegge in seinem neuen Buch. © Pixabay

Reiche wurden reicher, Arme wurden ärmer. Wie die Pandemie zum sozioökonomischen Spaltpilz der Gesellschaft wurde

Christoph Butterwegge18.05.2022

Die von zahlreichen Verwerfungen begleitete Covid-19-Pandemie hat das Kardinalproblem der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ungleichheit nicht hervorgebracht, aber sehr viel deutlicher sichtbar gemacht, um neue Facetten ergänzt und weiter verschärft. Die epidemische Notlage förderte hierzulande einen zahlreiche Lebensbereiche erfassenden Polarisierungsprozess, der tiefe Gräben zwischen den Bevölkerungsschichten erkennen ließ. Weil die Coronakrise ein sozioökonomischer und politisch-ideologischer Spaltpilz war, legte sie auch lange verschüttete Klassenstrukturen der Gesellschaft offen.

Die sozioökonomische Ungleichheit vor Beginn der Pandemie

Schon vor der Covid-19-Pandemie war die ökonomische, soziale und politische Zerrissenheit der Republik viel stärker ausgeprägt, als es das überkommene Selbstverständnis einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Helmut Schelsky) oder das von CDU und CSU seit der ersten Bundestagswahl im September 1949 den Bürgern wiederholt gegebene Wahlversprechen einer "Sozialen Marktwirtschaft" hätten vermuten lassen.

Als von (relativer) Armut gefährdet gilt laut einer EU-Konvention, wer in deren Mitgliedstaaten weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Reich wiederum ist, wer ein großes Vermögen besitzt, über das Arme, Armutsbedrohte und viele Normalverdiener gar nicht verfügen – höchstens in dessen negativer Form: Schulden. Nach den Maßstäben der Europäischen Union galten im Jahr 2019 hierzulande über 13,2 Millionen Menschen als von (relativer) Armut betroffen oder bedroht. Sie hatten weniger als 60 Prozent des bedarfsgewichteten mittleren Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung, was für Alleinstehende 1074 Euro im Monat entsprach. Unberücksichtigt bleiben hierbei sowohl die Quellen (Kapital, Lohnarbeit und Grundeigentum) wie auch die Qualität der jeweiligen Einkommen, was ein wesentlicher Mangel der Einkommensstatistik ist.

Mit 15,9 Prozent erreichte die Armuts(gefährdungs)quote damals einen Rekordstand im vereinten Deutschland. Die höchsten Armutsrisiken wiesen Erwerbslose (57,9 Prozent), Alleinerziehende (42,7 Prozent) und Nichtdeutsche (35,2 Prozent) auf. Kinder, Jugendliche und Heranwachsende waren ebenfalls stark betroffen, während das Armutsrisiko der Senioren seit geraumer Zeit am stärksten zunimmt.

Lohn- und Kapitaleinkünfte driften bereits seit der Vereinigung von BRD und DDR immer stärker auseinander. Die hohen Zuwachsraten der Gewinneinkommen gingen zulasten der Lohneinkommen, deren Anteil am Volkseinkommen rückläufig war. Nach dem 3. Oktober 1990 erreichten nur ganz wenige Ostdeutsche das oberste Einkommensperzentil, dessen Anteil am Volkseinkommen dadurch zunächst erheblich sank, während die untere Hälfte einen Zuwachs verzeichnete. Obwohl die Anzahl der abhängig Beschäftigten im Jahr 2019 auf einen Rekordwert stieg, war die Lohnquote nicht höher als zur Jahrtausendwende.

Das private Vermögen konzentriert sich immer stärker bei wenigen (Unternehmer-)Familien

Im vergangenen Vierteljahrhundert hat die Vermögensungleichheit deutlich zugenommen. Unter den Staaten der Eurozone wies Deutschland vor Österreich die höchste Vermögensungleichheit auf. Sowohl beim Markteinkommen wie beim Vermögen blieb die Bundesrepublik hinsichtlich der Ungleichheit den USA dicht auf den Fersen. Selbst die CDU/CSU/FDP-Koalition unter Angela Merkel kam nicht umhin, die steigende Ungleichverteilung des Vermögens im Vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zu dokumentieren: Verfügten die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung danach im Jahr 1998 über 45 Prozent des privaten Nettovermögens, waren es im Jahr 2003 bereits 49 Prozent und im Jahr 2008 sogar fast 53 Prozent. Dagegen musste sich die ärmere Hälfte der Bevölkerung in den Jahren 1998 und 2003 mit drei Prozent und im Jahr 2008 mit bloß noch einem Prozent begnügen. Wie im Fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung erneut dokumentiert, zeigt sich die Verteilungsschieflage vornehmlich beim Vermögen. Während die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung laut dem Regierungsbericht 51,9 Prozent des Nettogesamtvermögens besaßen, kam die ärmere Hälfte der Bevölkerung gerade mal auf ein Prozent.

Auch vor den Vermögenden selbst macht die ausgeprägte sozioökonomische Polarisierungsdynamik nicht halt. Vielmehr spaltet sich diese Gruppe in Reiche (Multimillionäre), erheblich Reichere (Milliardäre) und Hyperreiche (Multimilliardäre). Vor allem das Produktivvermögen konzentriert sich zunehmend bei den Letzteren, die meistens auch große Erbschaften machen. Stellt man die statistische Unsicherheit bei der Erfassung von Hochvermögenden und ihres Vermögensreichtums in Rechnung, dürfte die reale Ungleichheit noch größer sein, als es die verfügbaren Daten erkennen lassen.

Laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) entfielen vor der Covid-19-Pandemie bereits 67,3 Prozent des Nettogesamtvermögens auf das oberste Zehntel der Verteilung, 35,3 Prozent des Nettogesamtvermögens konzentrierten sich beim reichsten Prozent der Bevölkerung und das reichste Promille kam immer noch auf 20,4 Prozent des Nettogesamtvermögens. Die 45 reichsten Familien besaßen so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung, also mehr als 40 Millionen Menschen.

Ungleichheit in der und durch die Covid-19-Pandemie

Seit das als SARS-CoV-2 bezeichnete Virus im Januar/Februar 2020 die Bundesrepublik Deutschland erreichte, hat sich die Gesellschaft tiefgreifender verändert, als das manche Beobachter meinen. Einerseits deckte die Covid-19-Pandemie teilweise seit Langem bestehende Missstände, soziale Ungleichheiten und politische Versäumnisse auf. Andererseits verschärften die Pandemie selbst, die letztlich von den staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen (zweimaliger bundesweiter Lockdown, Kontaktverbote sowie Einreise- und Ausgangsbeschränkungen) mit ausgelöste Rezession und die stark auf Wirtschaftsunternehmen beziehungsweise ihre sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zugeschnittenen Hilfspakete, "Rettungsschirme" und Finanzhilfen die sozioökonomische Ungleichheit weiter.

Während der Pandemie wurde klarer als je zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg erkennbar, dass trotz eines verhältnismäßig hohen Lebens- und Sozialstandards des Landes im Weltmaßstab sowie entgegen allen Beteuerungen der politisch Verantwortlichen, die Bundesrepublik sei eine klassenlose Gesellschaft mit einem gesicherten Wohlstand all ihrer Mitglieder, eine Mehrheit der Bevölkerung nicht einmal wenige Wochen lang ohne ihre ungeschmälerten Regeleinkünfte auskommt. Bereits im Laufe des ersten Lockdowns bekam ein großer Teil der Bevölkerung bis weit in die Mittelschicht hinein erhebliche finanzielle Probleme.

Sozial bedingte Vorerkrankungen wie Adipositas (Fettleibigkeit), Angina pectoris (Brustenge), Asthma bronchiale, COPD (Chronisch obstruktive Lungenerkrankung) oder Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), katastrophale Arbeitsbedingungen sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse erhöhten das Risiko für eine Infektion mit dem Virus oder für einen schweren Covid-19-Verlauf. Hauptleidtragende, weil überwiegend einkommens- und immunschwach, waren Wohnungs- und Obdachlose, Migranten ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige, Suchtkranke, Sexarbeiter, Erwerbslose, Geringverdiener, Kleinstrentner und Transferleistungsbezieher (Empfänger von Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung sowie Asylbewerberleistungen) sowie die Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften, etwa Strafgefangene, Geflüchtete, (süd)osteuropäische Werkvertragsarbeiter der Subunternehmen deutscher Großschlachtereien beziehungsweise Fleischfabriken und Saisonarbeiter.

Die von der Covid-19-Pandemie verstärkte Wirtschaftskrise warf nicht bloß ein Schlaglicht auf die hierzulande bestehende Ungleichheit, verschärfte sie in Teilbereichen vielmehr noch. Einerseits blieben Kurzarbeit für knapp sechs Millionen Beschäftigte (auf dem Gipfelpunkt des ersten Lockdowns im April 2020), zahlreiche Geschäftsaufgaben und Pleiten meist kleinerer oder mittelständischer Firmen sowie enorme Arbeitsplatzverluste (etwa in der Gastronomie, der Touristik und der Luftfahrtindustrie) nicht aus, andererseits realisierten Großkonzerne krisenresistenter Branchen (zum Beispiel Lebensmittel-Discounter, Drogeriemärkte, Versandhandel, Lieferdienste, Digitalwirtschaft und Pharmaindustrie) in der Coronakrise sogar Extraprofite. Besonders stark von Umsatzeinbrüchen betroffen waren der Tourismus, die Luftfahrt, das Gaststätten- und Hotelgewerbe sowie die Kultur-, Freizeit- und Veranstaltungsbranche, worunter im kreativen, unterhaltenden und künstlerischen Bereich tätige Menschen zu leiden hatten.

Die bestehenden Wirtschaftsstrukturen, Eigentumsverhältnisse und Verteilungsmechanismen bewirkten, dass SARS-CoV-2 und Covid-19 den ohnehin bestehenden Trend zur sozioökonomischen Polarisierung unterstützten. Die schwere wirtschaftliche Verwerfungen erzeugende Pandemie ließ das Kardinalproblem der Bundesrepublik, die wachsende Ungleichheit, nicht bloß klarer ins öffentliche Bewusstsein treten, sondern wirkte auch als Katalysator des Polarisierungsprozesses, der dazu beitrug, sie weiter zu verschärfen.

Einige der profitabelsten Unternehmen mit den reichsten Chefs gehörten zu den Hauptprofiteuren des Krisendesasters. Weil mehr Familien unter dem Druck der Coronakrise, die Einkommensverluste durch Kurzarbeit, Geschäftsaufgaben und Erwerbslosigkeit nach sich zog, bei Lebensmittel-Discountern einkauften, sind die ohnehin zu den vermögendsten Deutschen gehörenden Besitzer von Ladenketten wie Aldi Nord und Aldi Süd noch reicher geworden. Dieter Schwarz, Eigentümer von Lidl und Kaufland, hat sein Privatvermögen, das die Welt am Sonntag (vom 20.9.2020) auf 41,8 Milliarden Euro taxierte, in der Coronakrise laut dem US-amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes um 7,5 Milliarden Dollar gesteigert.

Viele kleine Einzelhändler verloren 2020/21 wegen der Schließung ihrer Läden und ausbleibender Kundschaft hingegen ihre Existenzgrundlage. Auch sind infolge der Coronakrise mehr Girokonten von prekär Beschäftigten, Soloselbstständigen, Kurzarbeitern und Kleinstunternehmern ins Minus gerutscht, weshalb gerade die finanzschwächsten Kontoinhaber hohe Dispo- und Überziehungszinsen zahlen mussten. Personen, denen die Banken oder Anteile daran gehören, wurden noch reicher. Vergleichbares gilt für die Kassen- beziehungsweise Liquiditätskredite überschuldeter Kommunen, die geringere Gewerbesteuereinnahmen, aber höhere Sozialausgaben als vor der Covid-19-Pandemie hatten. Daher hat auch die öffentliche Armut zugenommen, während der private Reichtum weniger Hochvermögender gleichzeitig gestiegen ist.

Zuletzt verstärkte der inflationäre Preisauftrieb, den gestörte Lieferketten, gestiegene Transportkosten sowie fehlende Rohstoffe und Vorprodukte mit verursacht haben, den sozioökonomischen Paternostereffekt der Pandemie. Durch das Emporschnellen der Verbraucherpreise vor allem im Bereich des Verkehrs, der Haushaltsenergie und der Nahrungsmittel wurde die untere Mittelschicht besonders stark belastet. Während reiche und hyperreiche Haushalte aufgrund hoher Wertzuwächse von Aktien, Immobilien und Gold ihr Vermögen steigerten, gehörten Ärmere einmal mehr zu den Verlierern der ökonomischen Entwicklung.


Am 18. Mai erschien das neue Buch von Christoph Butterwegge "Die polarisierende Pandemie. Deutschland nach Corona" bei Beltz Juventa, 250 Seiten, 19,95 Euro. 

Christoph Butterwegge

Prof. Dr. Christoph Butterwegge hat bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt und gemeinsam mit seiner Frau Dr. Carolin Butterwegge bei Campus (2021) das Buch Kinder der Ungleichheit. Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt veröffentlicht. Nach Die polarisierende Pandemie. Deutschland nach Corona erschien nun Deutschland im Krisenmodus. Infektion, Invasion und Inflation als gesellschaftliche Herausforderung bei Beltz Juventa.