Die Musik der Sinti und Roma - Csárdás und Gypsy-Jazz

Eine außergewöhnliche Virtuosität auf unterschiedlichsten Instrumenten und ein vielfältiges Repertoire an Stücken war für die Sinti-Musiker oft das einzige Kapital, mit dem die sie auf ihren Reisen ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Im 20. Jahrhundert flossen die Einflüsse verschiedenster europäischer Musikstile im „Jazz-Manouche“ oder „Gypsy-Jazz“ zusammen. Dessen berühmtester Vertreter war der französische Sinti „Django“ Reinhardt. © Michael Ochs Archives / Corbis

14.02.2014

Die Musik der Sinti und Roma

Csárdás und Gypsy-Jazz

Bertino Rodmann

Arabeske Melodien, Balkan-Musik, ungarischer Csárdás, Jazz-Manouche oder Gypsy-Jazz, französischer Valse Musette oder spanischer Flamenco – die Musik der Sinti und Roma hat viele verschiedene Farben, Gesichter und Einflüsse, die so vielfältig wie die verschiedenen Volksgruppen sind. Hierzulande sind meist osteuropäische Musikstile als „Gypsy- oder Zigeuner-Musik“ bekannt. Vor allem die ungarische Musik ist stark von der musikalischen Tradition der Sinti und Roma geprägt.

Bereits im 15. Jahrhundert spielten kleinere Sinti-Musikkapellen an den Höfen der damaligen Herrscher. Diese bestanden in der Regel aus einer Besetzung von Streichinstrumenten, Klarinetten und einem Cymbale (große Zither) und wurden meist von einem Geige spielenden Solisten (Primás) angeführt. 



Die durch jahrhundertelange Vertreibung und Unterdrückung geprägten Sinti und Roma waren gezwungen, ihre Familien auf ihren Wanderungen irgendwie zu ernähren. So spielten die Sinti-Musiker in den jeweiligen Ländern bevorzugt die Musik, die vor Ort verlangt wurde: auf Dorffesten, bei Hochzeiten oder auch zu Begräbnissen und anderen Anlässen. Ihre sprichwörtliche Musikalität war schon damals sehr ausgeprägt und hoch angesehen.

Die große Virtuosität und die Leidenschaft ihres Vortrags haben die „Zigeuner-Musik“ seit jeher in ganz Europa und weltweit außerordentlich populär gemacht. Musikstücke mit dem Zusatz „Zigeuner“ zeugen dabei von dem großen Anteil innerhalb der romantischen Instrumental- und Operettenliteratur. Bekannteste Beispiele sind etwa Stücke wie der „Zigeunerbaron“ von Johann Strauss oder die „Zigeunerliebe“ von Franz Lehár. Berühmt wurde die spezifische, von den Sinti-Musikern oft verwendete und später sogenannte „Zigeuner-Tonleiter“, die schnell den Weg in die klassische Musik fand, etwa durch die Klavierkompositionen von Franz Liszt, der diese spezielle Skala in vielen seiner Klavierwerke verwendet, etwa in seinen „Rhapsodien“.



Auch die starke emotionale Wirkung der Musik der Sinti und Roma hat ihre Zuhörer immer wieder beeindruckt und in ihren Bann gezogen. Der französische Komponist Claude Debussy beispielsweise traf 1910 in Budapest den ungarischen Roma-Musiker Bela Radics und schrieb über dessen Spiel in einem Café: „Er eröffnet den Seelen jene spezielle Schwermut, die wir nur selten erleben können und entreißt ihnen alle Geheimnisse – nicht mal ein Safe wäre vor ihm sicher.“

Musik zum Überleben

Die Fähigkeit, ein bestimmtes Repertoire spielen zu können – und dabei besser zu sein als die Musiker vor Ort –, war das Kapital, mit dem die Sinti ihren Lebensunterhalt auf ihren Reisen verdienen konnten (und mussten). Folglich musste ein Instrument nicht nur gut beherrscht werden, vielmehr mussten die Musiker auch möglichst viele Lieder derjenigen Länder kennen, die sie bereisten. Dies erklärt die oftmals außergewöhnliche und großartige Virtuosität auf unterschiedlichsten Instrumenten und das oft riesige Repertoire der Sinti-Musiker.

Diese Fähigkeiten entsprachen freilich nicht irgendeiner „von Gott gegebenen Musikalität“ oder „natürlicher Vererbung“ wie oft angenommen wurde, sondern vielmehr einem enormen Fleiß, mit dem das Musikspiel betrieben wurde. Schon früh begann auf den Reisen die musikalische Ausbildung der Nachkommen, zeigten Väter und Onkel ihren Söhnen und Neffen bestimmte Fähigkeiten und Tricks auf einem Instrument. Da dies zumeist mündlich geschah, gibt es bis heute nur wenige Sintis, die trotz ihrer großen Musikalität Noten lesen und schreiben können.

Im frühen 16. Jahrhundert, so besagen es die Überlieferungen, waren die Sinti und Roma bis ins andalusische Südspanien vorgedrungen, dessen (arabische) musikalische Einflüsse sie im Flamenco ebenso absorbierten, verarbeiteten und für ihre eigene Musik übernahmen wie schon zuvor fernöstliche Melodien, den ungarischen Csárdás, italienische Liebeslieder oder die französischen Musette-Walzer. All diese Einflüsse leben bis heute in der Musik der Sinti und Roma fort – ganz besonders in dem sogenannten „Jazz-Manouche“, der alles miteinander vereint. Der „Jazz-Manouche“ – oder auch „Sintiswing“, „Gypsyjazz“ oder früher „Zigeuner“-Jazz – hat viele Namen und Ausprägungen. Ihnen allen gemeinsam ist die starke Verbreitung der Gitarre.

»Django« Reinhardt

Der bekannteste Interpret des „Jazz-Manouche“ war Jean-Baptiste „Django“ Reinhardt. Geboren am 23. Januar 1910 im belgischen Liberchies in der Nähe von Charleroi, wuchs Reinhardt in den frühen 20er Jahren zusammen mit seiner Mutter „Negros“ und seinem jüngeren Bruder Joseph „Nin-Nin“ im Raum Paris auf. Von seinem Vater, einem unter den Sintis ebenfalls bekannten Musiker, lernte er zunächst das Banjo-Spielen. Bereits im Alter von zwölf Jahren begleitete er berühmte Musette-Musiker wie Vétese Guérino bei ihren Auftritten auf den „Bal de Musettes“ im Paris der frühen 20er Jahre.



Inspiriert durch die in den damaligen Pariser Clubs spielenden amerikanischen Jazz-Musiker, wechselte „Django“ bald zur Gitarre. Django spielte die Jazz-Lieder, die er damals hörte, nach und imitierte deren Sound, inspiriert und geprägt durch den musikalischen Wortschatz der Musik seiner eigenen Vorfahren, aber auch durch klassische Komponisten wie Bach, Debussy oder Grieg, die er sehr verehrte. All diese Einflüsse verknüpfte er mit großartiger Virtuosität zum Sound des Jazz-Manouche. Aufgrund schwerer Verbrennungen an der linken Hand, die er mit 18 Jahren beim Brand seines Wohnwagens erlitten hatte, war Django Reinhardt nicht mehr in der Lage, seinen linken kleinen Finger richtig zu bewegen. Auch der Ringfinger war nur noch eingeschränkt beweglich. Wahrscheinlich war es ihm auch nicht mehr möglich, normalerweise mit dem Ringfinger und dem kleinen Finger gespielte Dur- oder Moll-Barré-Akkorde auf der Gitarre zu greifen. Deshalb entwickelte er seine ganz eigene Grifftechnik, nicht nur für diese eigenen Chord-Voicings generell, sondern auch für sein Solospiel. So konnte Django durchaus lange Passagen seiner Soli nur mit zwei Fingern (Zeige- und Mittelfinger) spielen.

Europäischer Jazz

Django Reinhardts Einfluss auf das Gitarrespiel reicht bis weit in die moderne Rock- und Jazz-Szene hinein. Berühmte Gitarristen wie Charly Christian, Barney Kessel, Les Paul, Chet Atkins, John McLaughlin, Pat Metheney, Carlos Santana, Eric Clapton, Gary Moore, Wes Montgomery, Joe Pass u.v.m. – und natürlich auch viele Sinti-Gitarristen unserer Tage – benennen ihn als maßgeblich für ihr eigenes Gitarrespiel. Auch die Gebrüder Ferrét, Henri Crolla und andere ahmten auf speziell dafür entwickelten Gitarren diese Musik nach und zählen somit zu den Mitbegründern dieses Genres. Django selbst spielte auf der sogenannten Selmer-Modell "Jazz" und machte sie berühmt.



Im Jahr 1932/33 spielt Django Reinhardt als Gitarrist im „Hotel Claridge“ in Paris. Bei einem dieser Auftritte trifft er auf den Geiger Stéphane Grappelli, den Gitarristen Roger Chaput und den Bassisten Louis Vola. Zusammen spielten sie als Tanzband in jenem Hotel. Mit von der Partie war auch noch Djangos jüngerer Bruder Joseph. In den Pausen zwischen ihren Sets „jammten“ alle zusammen ihre Jazz-Lieblingstitel in einem Hinterzimmer des Hotels. Eines Tages wurden Pierre Nourry und Charles Delaunay vom französischen „Hot Club de Jazz“ Zeugen einer dieser Sessions. Begeistert organisierte Letzterer anschließend sofort die ersten Aufnahmen für das Label „Ultraphone“ im Dezember 1934 und wird fortan der Manager und Mentor der Band. Unter dem Namen „Quintette du Hot Club de France“ wurde die Band in den 1930–50er Jahren in ganz Europa berühmt, sowohl durch ihre Schallplatten als auch ihre Live-Auftritte. Der Sound des damals nur aus Saiteninstrumenten bestehenden Quintetts prägte maßgeblich den auch als „String-Jazz“ bezeichneten Stil des Jazz-Manouche, der seither als der erste und einzige eigenständige Jazzstil Europas gilt.

Deutscher Sinti-Jazz

In den frühen 1960–70er Jahren wird der Sound des Jazz-Manouche durch großartige deutsche Sinti-Musiker wie Schnuckenack Reinhardt, Hännsche und Lulu Weiss oder Titi Winterstein auch in Deutschland populär gemacht. In späteren Jahren übernehmen meist Nachfahren und Verwandte der berühmten französischen Familie Reinhardt das große Erbe des berühmten Sinti-Gitarristen „Django“ und führen es fort. Bis heute gibt es eine weltweit aktive und lebendige Jazz-Szene von Sinti- und Nicht-Sinti-Musikern (Gadjos), die den speziellen Sound Reinhardts pflegt. Bedeutendste Vertreter dieser Musik sind heute Stochelo Rosenberg, Fapy Lafertin, Bireli Lagrene, Romane, Angelo DeBarre, Dorado und Tschawolo Schmitt, Lollo Meier, Wawau Adler u.v.m.

Zahlreiche Festivals wie das alljährlich stattfindende „Django Reinhardt Memorial“ in Augsburg, das „Djangofest Nothwest“ in Langley (Washington, USA) oder das „Festival Django Reinhardt“ in Samois-sur-Seine (France), geben den Fans in aller Welt die Möglichkeit, diese unsterbliche Musik live zu erleben.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2014

Bertino Rodmann
Bertino Rodmann ist Musiker und betreibt das Internetportal „jazzmanouche.de“. 2011 erschien bei Alfred Music Publishing sein Buch „Gypsyjazz Guitar. Volume 1 (mit Audio-CD)“.

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