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Das Drama einer Nation

Forum - Das Drama einer Nation
Krawalle vor einem Wahrzeichen: „Gelbwesten“ im Dezember 2018 am Triumphbogen in Paris © Reuters / Stephane Mahe

Im Spätherbst 2018 erschreckten die Ausschreitungen der „Gelbwesten“ in Paris und andernorts nicht nur die Franzosen. Völlig überraschend kamen die Konflikte freilich nicht. Denn in der einstigen Grande Nation gärt es schon länger

Melanie Hanz01.01.2019

Die Bedeutung der vestimentären Erscheinungsform bei Volksaufständen in Frankreich hat wohl ihre tieferen Gründe. Im Land der einst großen höfischen Garderobe und heute der Haute Couture machen Aussehen und soziale Erkennbarkeit viel aus. Von den Sans-Culottes, den Leuten ohne die vornehmen Kniebundhosen während der Französischen Revolution, bis zu den „Bonnets rouges“, den 2013 gegen François Hollandes geplante Mautgebühr für Lastwagentransporte aufbegehrenden „Roten Mützen“, oder zuletzt den „Gelbwesten“ gegen Emmanuel Macrons Einführung einer neuen Benzinsteuer ging es immer auch um die Frage des Sehens und Gesehenwerdens.

Der Schriftsteller Victor Hugo hat dafür kurz vor der Revolution 1848 so etwas wie eine Urszene skizziert. Am 22. Februar des Jahres 1846 beobachtete auf seinem Weg ins Parlament, wie ein Mann in grober Leinenhose mit blutigen Tüchern um die Knöchel und den nackten Füßen in Holzschuhen von den Gendarmen abgeführt wurde, weil er ein Brot gestohlen hatte. Beim Eintritt in die Kaserne fiel der Blick des Mannes auf eine Kalesche mit hochgeklapptem Fenster, in der eine vornehme Dame mit ihrem in Spitzenstoff und Pelz gewickelten Kind spielte, ohne auf den Mann zu achten. „In dem Moment“, notierte Hugo in seinen Aufzeichnungen „Le Temps présent“, „wo dieser Mann merkt, dass diese Frau existiert, die Frau aber nicht merkt, dass es diesen Mann dort gibt, ist die Katastrophe unvermeidlich“. Im berühmten Bild „Die Freiheit auf den Barrikaden“ von Eugène Delacroix mit der voranstürmenden Frau, die Brust entblößt und eine blau-weiß-rot flatternde Fahne in der Hand, hat der Ausbruch des Volks aus dem Schattendasein 1830 eine eindrückliche Ikone gefunden.

All das wirkt mehr oder weniger bewusst nach hinter den Aufwallungen, die Frankreich im Spätherbst 2018 heimgesucht haben. Die gelben Schutzwesten, mit denen Zehntausende auf den Verkehrskreiseln quer durchs Land Wache hielten, sind ursprünglich ja ein Blickfang, ein visueller Aufruf des Inhalts: Überseht mich nicht! Die politische Botschaft dahinter: weniger Steuern, gerechtere Löhne, mehr Rente, bessere öffentliche Dienstleistungen. In ihrer spontanen Allgemeinheit sind diese von keiner Gewerkschaft mitgetragenen Forderungen aber schwer umsetzbar. Der einzige gemeinsame Nenner läuft auf das Verlangen hinaus, nicht mehr von oben herab behandelt, sondern angehört und als vernunftbegabte Staatsbürger geachtet zu werden.

Eine schweigende Mehrheit also, die plötzlich losbrüllt und Staatsmonumente kaputtschlägt? Oder gar der Beginn einer Neuauflage von 1789, 1830, 1848, 1871, 1968? Die Sache ist etwas komplexer. Die seit dreißig Jahren vom Prozess der Globalisierung in ihrem Selbstbewusstsein, ihren Symbolen und Ritualen unterspülte Republik hat eine neue, lange vernachlässigte Schwachstelle sichtbar werden lassen.

Neuauflage alter Konflikte
In den seit den Achtzigerjahren periodisch aufflammenden Unruhen der Banlieue war die mangelhafte Integration der Einwanderer aus den ehemaligen Kolonialgebieten zum Vorschein gekommen, verschärft durch eine fragwürdige Stadtplanung, die die neuen Großsiedlungen am Rande der Städte schnell zu abgesonderten Problemzonen verkommen ließ. Mit einem großen Einsatz an Ideen und Mitteln auf Staatswie auf Lokalebene wurden in den letzten Jahren Lösungsversuche für diese Zustände eingeleitet, mögen auch unter den laufenden Stadtsanierungsoperationen, wirtschaftlichen Ausgleichsvorkehrungen und schulischen Begleitprogrammen die Spannungen weiterhin schwelen.

Hinter den spektakulären Ereignissen der Banlieue ist aber über die Jahre quer durch Frankreich weitgehend unbemerkt ein anderes Problem herangewachsen. Und wiederum sind raumplanerische Aspekte mit im Spiel. In den erlahmenden nord- und ostfranzösischen Industriegebieten, aber auch in den weiten ländlichen Räumen Mittelfrankreichs bekamen die Schichten des unteren Mittelstands die Auswirkungen der Globalisierung in Form von Betriebsverlegungen, Fabrikschließungen, Umstrukturierung von Ämtern, Schulen, Krankenhäusern sowie durch die Stilllegung öffentlicher Verkehrsverbindungen immer stärker zu spüren. Anders als die Migrantenkinder der zweiten und dritten Generation in den Vorstädten, die ihren Frust über Perspektivenlosigkeit, Langeweile und Verelendung ihres Lebensraums laut hinausschrien und damit in die Medien kamen, suchten diese Durchschnittsfranzosen in den sich leerenden Kleinstädten und den noch nicht abbezahlten Eigenheimen in ihren entlegenen Wohnsiedlungen durchzuhalten, so gut es ging.

Gesellschaftliche Bruchlinien
Doch es geht immer weniger. Es ist noch nicht das Elend, wohl aber die Angst vor der Verelendung, die diese Familien antreibt. Obwohl oft beide Elternteile berufstätig sind, manchmal mit langen Arbeitswegen für jeden in seinem eigenen Auto, reicht der Lohn kaum bis zum Monatsende. 1.700 Euro beträgt laut ersten Berechnungen der Durchschnittslohn einer Familie aus dem Milieu der „Gelben Westen“. Die Leute haben den Eindruck, abgehängt zu werden. Ihr Vertrauen in die regulierende Staatsmacht und in die Republik als Garantin für Solidarität ist gebrochen.

Frankreich sei von der neoliberalen Deregulierungsdynamik der Globalisierung besonders hart getroffen worden, erklärte unlängst der Philosoph Marcel Gauchet in seinem Buch „Comprendre le malheur français“. Und die geopolitische Herabstufung der einstigen Großmacht zu einer europäischen Regionalmacht bekam das provinzielle Frankreich doppelt zu spüren: symbolisch als Einknicken des Nationalstolzes und ganz real als Abgleiten in ein territoriales Randdasein. 

Um beim internationalen Wettlauf um wirtschaftliche Durchsetzungskraft mithalten zu können, hat der Zentralstaat Frankreich mit einer aus den konjunkturell blühenden Sechzigerjahren übernommenen Raumplanung auf das Entstehen regionaler Metropolen gesetzt. Nicht nur Paris, sondern auch andere Ballungszentren wie Lyon, Toulouse, Bordeaux, Lille sollten entwickelt und durch effiziente Schnellverbindungen miteinander vernetzt werden. Was abseits davon liegt, geriet zu dem, was der Geograph Christophe Guilluy „La France périphérique“ genannt hat: eine nicht frei gewählte, sondern eher besorgt hingenommene Abgeschiedenheit, in welcher der Groll darüber zunächst schweigend heruntergeschluckt und lange Zeit nur als Wahlstimmenanteil für den Front National wahrgenommen wurde.

Die Bruchlinien Frankreichs, so Guilluys Hauptthese, verlaufen heute nicht mehr hauptsächlich zwischen den schicken Stadtzentren und den verwahrlosten Vorstädten, sondern zwischen den Ballungsräumen der Metropolen und den bald ländlichen, bald konzeptlos zersiedelten Räumen des Restgebiets. Die soziale Geographie des Landes habe sich entscheidend geändert. Auch die Vorstadtbewohner arabischer und afrikanischer Herkunft profitieren laut Guilluy zusehends vom Auftrieb der Metropolen, dieser Vitrinen für die Vorteile der Globalisierung. Die kleinen Beamten, Teilzeitarbeiter und Angestellten mit befristeten Verträgen, die Arbeitslosen, Kleinbauern und Minimalrentenbezüger in den entlegenen Regionen hingegen bekommen vor allem die negativen Wirkungen zu spüren. Sie harrten lange in der sozialen Aufstiegsillusion eines Mittelstands aus, den es eigentlich gar nicht mehr gibt.

Enttäuschte Erwartungen
Noch 2017 war Emmanuel Macron beim Wahlkampf mit dem Versprechen angetreten, durch seine Reformen das ganze Land aus seiner Stagnation zu reißen und wieder dynamisch zu machen. Die Republik sollte von oben herab revolutioniert werden. In vielen Bevölkerungsschichten bis weit nach unten weckte das zwar keine großen Hoffnungen, aber doch ein wohlwollendes Abwarten. Die Enttäuschung ist heute groß. Noch bevor die ersten Reformen auf dem Arbeitsmarkt für die Leute Wirkungen zeigen konnten, sollten ihnen neue Opfer in Form von zusätzlichen Steuern abverlangt werden. Vor der Schließung der nahe gelegenen Geburtsklinik habe er mit seiner Frau 20 Kilometer weit fahren müssen, erklärte zum Beispiel ein Mann im Fernsehen, nun seien es 40 Kilometer und dafür verteuere man ihm auch noch das Benzin.

Nicht eine einzelne, besonders harte Regierungsmaßnahme hat die Bewegung der „Gelbwesten“ in Gang brachte. Es war eher einer der vielen kleinen Schritte, der das Maß des seit Jahren angestauten Missmuts vollmachte. Die Verschnaufpause nach Macrons Wahl ist vorbei, die alten, ungelösten Probleme kehren wieder. Und das Unerwartete trat ein: Dem Aufbegehren des leidenden, prekären Mittelstands trat jenes des aktiven Mittelstands zur Seite; das heißt der Gewerbetreibenden, Handwerker, Kleinunternehmer und der um die Zukunft ihrer Kinder bangenden Rentner. Ein Drittel der „Gelbwesten“ sehen sich laut ersten Erhebungen politisch weder rechts, noch links. Für viele war es die erste Teilnahme an einer Demonstration. Und noch überraschender: Dreiviertel der Franzosen standen laut Umfragen auch dann noch hinter der Bewegung, als sie in Paris schon in Krawall ausartete.

Der Riss zwischen Führungselite und Restbevölkerung ist im hierarchiegläubigen Frankreich noch tiefer als anderswo. Der Aufstand der „Gelben Westen“ war die erste flächendeckende Protestbewegung, die innert weniger Wochen ausschließlich aus dem Medium der digitalen Foren entsprang und unter den Plastikzelten neben den wärmenden Holzfeuern an den Verkehrskreiseln dann Tag für Tag kollegial gleichsam geerdet wurde. Die Nation der vertikalen Machtstrukturen probte da die horizontalen Kommunikationsformen – und fand dabei zum Geschmack der Politik zurück. Der zu Beginn widersprüchliche Ruf, der Staatspräsident müsse auf das Volk hören und er müsse zurücktreten, ist im Laufe des tagelangen Dastehens an den Wachtposten und Diskutierens bei manchen in eine echte Debatte übergegangen mit Fragen wie: direkte oder repräsentative Demokratie? Oder: Lässt sich das Wahlsystem der Fünften Republik verbessern?

Zukunft der Basisbewegung
Kompromisslos blieben die Teilnehmer indessen bei der Verweigerung von Wortführern und offiziellen Vertretern für ihre Bewegung. Diese Haltung reicht weit in die Geschichte zurück. Anders als die Jakobiner, in denen der Revolutionsführer Robespierre Nachfolger der großen rebellischen Einzelgänger Cato und Brutus sah, waren die Sans-Culottes Herdenwesen, die einander duzten, Übereinstimmung suchten, Machtdelegation ablehnten und ihre Forderungen notfalls mit Gewalt durchsetzten. Im Revolutionsverlauf spielten sie damit gegenüber den Jakobinern eher eine sekundäre Rolle. Das dürfte langfristig auch für die „Gelben Westen“ zutreffen. Selbst wenn manche von ihnen schon verkünden, für die kommenden Europawahlen mit eigenen Listen auftreten zu wollen, erscheint wenig wahrscheinlich, dass daraus eine neue französische Volkspartei hervorgehen wird. 

Joseph Hanimann