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Das Glück der Insellage

Warum für die Briten Deutschland und Europa eins sind, sie sich beiden überlegen fühlen und dennoch mit ihnen möglichst wenig zu tun haben wollen.

Keith Lowe01.04.2016

In Großbritannien ist es heute fast unmöglich, Europa zu erwähnen, ohne auch Deutschland zu erwähnen. Für viele Briten ist Deutschland Europa– wenn schon nicht in der Realität, aber wenigstens im Geiste. Wenn in den britischen Medien über die Wirtschaftskrise in Südeuropa debattiert wird, lautet die erste Frage immer, warum Deutschland nichts dagegen unternommen hat. Wenn über die Flüchtlingskrise geredet wird, werden im nächsten Atemzug sehr wahrscheinlich Deutschland und seine Einwanderungspolitik erwähnt. Angela Merkel ist das einzige europäische Staatsoberhaupt, dessen Name den meisten Briten bekannt ist: Wenn also unsere Politiker geringschätzig über die „gesichtslosen Bürokraten“ in Brüssel reden, sehen wir in unserer verworrenen Fantasie das Gesicht der Kanzlerin.

Es würde für die Briten sicherlich genauso viel Sinn ergeben, Europa mit Frankreich gleichzusetzen, das schließlich unser nächster Nachbar und unser ältester Rivale ist. Und es wäre sicher logischer, Südeuropa für die Euro-Krise und vielleicht sogar für die Flüchtlingskrise verantwortlich zu machen. Warum diese Fixierung auf Deutschland? Das Verfolgen von rationalen Erklärungen geht komplett an der Sache vorbei. Auf gewisse Weise haben diese Einstellungen überhaupt nichts mit Deutschland zu tun. Großbritannien schaut nur dann ins Ausland, wenn es eine Reflektion seiner selbst sehen möchte. Wie andere Staaten überall definieren wir uns über das, was uns von anderen unterscheidet.

Um zu verstehen, was ich meine, muss man sich nur einmal die britische Auffassung in Bezug auf seine Geschichte anschauen, die fast komplett mythologischer Natur ist. Wie viele andere Staaten in Europa ist die Vergangenheit Großbritanniens voll von Geschichten darüber, wie es durch andere Völker bedroht war: die Römer, die Wikinger, die Normannen, die Spanier, die Niederländer, Napoleon – und ja, auch Deutschland. Anders als der Rest Europas hat Großbritannien jedoch fast tausend Jahre lang erfolgreich eine Invasion verhindert. Auf diese Tatsache sind wir ungeheuer stolz und bilden uns gerne ein, dass das eine Art angeborener Überlegenheit repräsentiert.

KOLLEKTIVE IGNORANZ

Wenn man den britischen Schulbüchern, Fernsehprogrammen, Oscar-prämierten Filmen und mit dem Booker Prize ausgezeichneten Romanen Glauben schenkt, dann gibt es nur zwei Zeitalter in der britischen Geschichte, die es wert sind, dass man etwas über sie lernt: das 16. und das 19. Jahrhundert. Im ersteren befreite König Heinrich VIII. England aus den bösen Fängen der katholischen Kirche; im letzteren führte Großbritannien die Welt in technologischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht an und teilte sein Wissen mit dem Rest der Welt, in den es in mildtätiger Weise einmarschierte. Britische Fernsehanstalten, die davon besessen sind, Kostümdramen zu produzieren, bejubeln diese Zeitabschnitte; und die Öffentlichkeit bejubelt sie auch, weil sie das demonstrieren, was wir tief in unserem Herzen nach wie vor für wahr halten – dass wir allen anderen überlegen sind.

Die meisten Briten haben keine Ahnung davon, was im 16. oder im 19. Jahrhundert anderswo geschah, außer dass sie vielleicht eine vage Vorstellung von der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen haben. Dass wir auch nicht wirklich etwas darüber wissen wollen, ist noch beunruhigender. Wie um diese Tatsache zu unterstreichen, ordnete 2013 Bildungsminister Michael Gove, einer unserer prominentesten Euroskeptiker, an, dass britische Kinder fast ausschließlich etwas über die eigene Geschichte lernen sollten.

Unsere kollektive Ignoranz in Bezug auf die europäische Geschichte endet erst mit dem 20. Jahrhundert; eine Zeit, die viele Briten gar nicht als Vergangenheit betrachten, sondern als eine Art Parallelgegenwart, und sie interessiert uns nur, weil sie durch zwei Weltkriege geprägt war, von denen wir beide gewonnen haben. Hier kommt natürlich Deutschland ins Spiel. Es würde jedem, der heute in Großbritannien lebt, verziehen, wenn er meint, dass die deutsche Geschichte 1933 oder vielleicht 1914 beginnt. Wir erinnern uns nur an Deutschland, weil wir dagegen gekämpft haben. Von Bismarck hat fast niemand etwas gehört.

Kratzer am Selbstverständnis

Natürlich erfahren die Briten nicht nur aus den Medien oder unseren sehr selektiven Geschichtslehrbüchern etwas über Deutschland. Die deutsche Nachkriegsgeschichte ist für viele Briten noch gegenwärtig genug, um sich daran zu erinnern – aber sie ist nach wie vor von den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs gefärbt. Wir wissen Bescheid über das deutsche Wirtschaftswunder der fünfziger und sechziger Jahre, aber wir ärgern uns nach wie vor darüber. Wie kann es Frankfurt wagen, der City of London die Position als erster Finanzplatz streitig zu machen! Wie kann Hamburg es wagen, den britischen Häfen etwas vom Schiffahrtsgeschäft wegzunehmen! Wie kann Bayern München es wagen, Manchester City in der Champions League zu schlagen! Jeder entrüsteten Äußerung unterliegt die unausgesprochene Annahme, dass Deutschland es wegen der Dinge, die es im Krieg getan hat, nicht verdient, Erfolg zu haben. Aber auch weil Deutschland, indem es Großbritannien auf den zweiten Platz verweist, irgendwie die natürliche Ordnung des Universums stört.

Neben der Missgunst haben die Briten allerdings auch echten Respekt für einen Staat, der in der Lage war, sich nach der katastrophalen Niederlage von 1945 so tapfer wieder aufzurappeln. Es besteht echtes Mitgefühl in Bezug auf die geopolitische Spaltung, die Deutschland aufgrund des Kommunismus aushalten musste, und wir freuten uns von ganzem Herzen mit den Deutschen, als 1989 die Berliner Mauer fiel. Wir würden sogar widerwillig zugeben, dass unsere beiden Staaten ungeheuer viele Traditionen und Ansichten gemeinsam haben – sogar unsere Sprachen sind stark miteinander verflochten. Aber ihr werdet immer ihr bleiben, und wir werden immer wir bleiben. Wir können euch niemals ganz das ultimative Verbrechen verzeihen, das darin besteht, dass ihr keine Briten seid.

Diese gefühlsmäßige Wahrheit erklärt die britische Einstellung gegenüber Deutschland genauso gut wie jede andere. Wenn wir uns Deutschland anschauen und die Rolle, die es in Europa spielt, sehen wir in Wirklichkeit uns selber, und diese Vision jagt uns Angst ein. Wir erkennen, dass Deutschland der mächtigste Staat in Europa ist und beneiden es sehr um diese Rolle – und doch lässt uns die Vorstellung, uns selbst in die Europapolitik zu stürzen, zurückschrecken. Wir drängen Deutschland dazu, seine Führungsrolle zu akzeptieren, während wir ihm gleichzeitig einen selbstherrlichen, autoritären Regierungsstil vorwerfen. Wir erwarten von Deutschland, dass es die Finanzkrise in der EU löst und kritisieren es erbarmungslos vom Spielfeldrand aus; machen aber stets einen Rückzieher, sobald uns jemand dazu auffordert, doch mitzuhelfen. Normalerweise handelt Ihr so, wie wir wahrscheinlich handeln würden, und wir verachten Euch dafür.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Als sich die Flüchtlingskrise letztes Jahr zuspitzte, lobte Großbritannien Deutschland dafür, dass es Syrer aufnahm, aber nur halbherzig, weil es uns vorübergehend unseren eigenen erschreckenden Mangel an Großzügigkeit bewusst machte (in Reaktion auf Angela Merkels Angebot, eine Million Flüchtlinge aufzunehmen, bot David Cameron an, gerade einmal 20.000 aufzunehmen). Dann kamen die Silvester-Angriffe in Köln und eine hässliche Welle der Schadenfreude schwappte durch Großbritannien. Unsere Engherzigkeit wurde sofort zur Weisheit umdeklariert; und das britische Überlegenheitsgefühl war wiederhergestellt.

Ein Freund aus Deutschland hat mich gefragt, was Angela Merkel tun könnte, um Großbritannien dazu zu ermutigen, in der EU zu bleiben. Seine Frage machte mich ganz traurig, sowohl wegen seiner Aufrichtigkeit als auch seiner schockierenden Naivität in Bezug auf die aktuellen Trends in der britischen Kollektivpsychologie. Es gibt nichts, was Angela Merkel tun könnte, um auf die britische Meinung Einfluss zu nehmen. Sich von Deutschland beeinflussen lassen? Allein schon die Vorstellung ist absurd! Denn das würde dasselbe sein wie sich geschlagen zu geben. 


Schicksalstag für Europa und Großbritannien

Nachdem in den vergangenen Jahren die Zahl der Kritiker der Europäischen Union in Großbritannien immer größer wurde, dürfen die Briten am 23. Juni 2016 über den Austritt oder Verbleib ihres Landes in der EU abstimmen. Wie das Referendum ausgeht, ist nicht vorherzusagen, in den letzten Umfragen lagen Ja- und Nein-Lager gleichauf. Noch schwieriger abzuschätzen sin die Folgen für den Fall eines Austritts - für Europa und insbesondere für die Briten selbst.

Keith Lowe
Keith Lowe ist ein britischer Historiker und Publizist. Zu seinen Büchern gehört u.a. „Inferno. The Devastation of Hamburg 1943“ (Penguin Books 2007). 2014 erschien „Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950“ (Klett-Cotta). www.keithlowehistory.com

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