13.02.2015

Die Entstehung des Vereinten Europas aus dem Geiste des Chaos

Wie Phoenix aus der Asche stieg

Keith Lowe

Der 8. Mai 1945 gehört zu den markanten Daten unserer Geschichte. Lange wurde darüber gestritten, ob er ein Tag der Niederlage oder der Befreiung, des Triumphs oder der Schmach gewesen ist. Das Urteil darüber hing letztlich immer von den Erlebnissen der Betroffenen ab. Siebzig Jahre später, wo die Zeitzeugen kaum noch am Leben sind, ist es an der Zeit, den 8. Mai als das zu betrachten, was er jenseits der Schicksale von Millionen Menschen war – ein Wendepunkt der europäischen Geschichte, der die Entwicklung unseres Kontinents bis heute entscheidend prägt.

Die Europäische Union, so heißt es seit Jahrzehnten, wurde in den Flammen des Zweiten Weltkriegs geboren. Es ist schwierig, eine bedeutende Rede oder Äußerung eines EU-Politikers oder einer Institution der heutigen EU zu finden, die das europäische Projekt nicht als Phönix, der 1945 aus der Asche stieg, darstellt. Aber stimmt diese Erzählung, diese Gründungslegende auch? Denn tatsächlich kündigte der französische Außenminister Robert Schuman, der zu den Gründungsvätern des Einigungsprozesses gehört, die Absicht, Europas erste überstaatliche Institution zu errichten, erst 1950 an. Doch was geschah fünf Jahren dazwischen?

In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkriege zeigte sich Europa als Bild von Chaos und Verwüstung. Die meisten größeren Städte des Kontinents waren schwer beschädigt oder zerstört worden. Die Landschaft Europas war verwüstet und -zig Millionen Menschen waren getötet worden.  Und: In den meisten Teilen des Kontinents waren die Institutionen, die wir heute als selbstverständlich ansehen – wie beispielsweise die Polizei, die Medien, das Transportwesen, Verwaltung, lokale und nationale Regierungen – entweder überhaupt nicht vorhanden oder hoffnungslos gefährdet. Die Kriminalität war rapide angestiegen, die Wirtschaft war zusammengebrochen, und die europäische Bevölkerung schwebte am Rande des Hungertods.

Während dieser Zeit war Europa weit von einer Vereinigung entfernt. Insbesondere die Deutschen sahen sich allgemein mit Hass konfrontiert. Der zukünftige Justizminister der Tschechoslowakei, Prokop Drtina, sprach für viele Menschen, als er verkündete, dass „es keine guten Deutschen gibt, nur schlechte und sogar noch schlimmere“. Die gesamte deutsche Nation war in seinen Augen dafür verantwortlich, dass Hitler an die Macht gelangt war, „und die gesamte Nation muss die Bestrafung auf sich nehmen“. Die Vertreibung von Millionen Deutschen – nicht nur aus der Tschechoslowakei, sondern auch aus Polen, Rumänien, Ungarn und Jugoslawien – dauerte etliche Jahre an und hinterließ weite Teile Mitteleuropas in einem Zustand ethnischer Unruhen.

Ethnische Verfolgungen und Bruderkriege

Aber nicht nur Deutsche sahen sich mit Hass konfrontiert. Die Nazis hatten eine Büchse der Pandora voll Hass geöffnet, der sich in zahlreichen Formen auf dem gesamten Kontinent entlud. Polen und Ukrainer, die bereits während der Besetzung durch die Nazis angefangen hatten, sich gegenseitig abzuschlachten, setzen dies 1946 und 1947 fort; lange, nachdem der Krieg vorbei war. Die Serben sannen auf Rache gegen die Kroaten, die Slowenen kämpften gegen die Italiener und die Slowaken gegen die Ungarn. Auch für die Juden Europas brachte das Kriegsende kaum eine Atempause, wieder wurden sie aufgrund des erneuten Antisemitismus gezwungen, dem Kontinent zu Hunderttausenden zu entfliehen.

Noch ernster war jedoch der Bruderhass zwischen jenen, die die gleiche Nationalität teilten, aber unterschiedliche politische Ansichten darüber hatten, wie das Nachkriegseuropa aussehen sollte. Französische Widerstandskämpfer exekutierten im Namen des Rechts nach der Befreiung 10.000 ihrer eigenen Landsmänner. Viele fuhren damit fort, Unruhen und Streiks in den späten 1940er Jahren anzuzetteln, und sprengten sogar die neu reparierten Bahnverbindungen in die Luft, weil sie hofften, damit die neue französische Regierung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Italienische Partisanen rächten sich an mehr als 15.000 verdächtigten Faschisten in der Zeit nach dem Krieg, dehnten ihren Feldzug der Gewalt dann weiter aus und schlossen auch Geschäftsmänner, Aristokraten und Industrielle ein. Griechische Kommunisten kämpften einen brutalen Bürgerkrieg gegen griechische Nationalisten, der bis 1949 andauerte.

Die europäische Landschaft war nach 1945 dermaßen zersplittert, dass Beobachter aus den Vereinigten Staaten anfingen, sich über die Möglichkeit eines den ganzen Kontinent umfassenden Bürgerkriegs zu sorgen. 1947 warnten amerikanische Di-plomaten vor einer möglichen Revolution im Norden Italiens; das State Department befürchtete, dass der Einfluss der Kommunisten in Frankreich so stark war, dass sie jeden Moment die Macht ergreifen könnten. In Mittel- und Osteuropa hatten sich diese Ängste bereits bewahrheitet. Eine Regierung nach der anderen in Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und der Tschechoslowakei wurde durch kommunistische Machtergreifungen verdrängt.

Alarmiert durch das, was sie sahen, entschieden sich die Amerikaner schließlich, Maßnahmen zu ergreifen. 1947 schlug Außenminister George Marshall ein massives Hilfsprogramm für Europa vor – teilweise, um die Europäer bei dem Wiederaufbau zu unterstützen, aber hauptsächlich, um die politischen Unruhen zurückzuschlagen, die drohten, den Kontinent zu verschlingen. Das Programm wurde allen Ländern in Europa angeboten, einschließlich der Sowjetunion, jedoch unter der Bedingung, dass die teilnehmenden Staaten amerikanische Industriepraktiken akzeptierten, Handelsschranken fallen ließen und enger miteinander zusammenarbeiteten. Wenig überraschend war, dass sich jene Staaten weigerten, die Bedingungen Amerikas anzunehmen, die bereits unter der Herrschaft der  Kommunisten standen. Die Länder Westeuropas hingegen ergriffen die Gelegenheit mit beiden Händen. Und so bildete sich in kürzester Zeit ein tiefer Graben zwischen dem Osten und dem Westen.

Der Segen des Kalten Krieges

Der Kalte Krieg stellte sich im Nachhinein für Europa als Segen heraus. Indem ihnen ein gemeinsamer Feind geliefert wurde, waren die westeuropäischen Länder quasi gezwungen, sich schließlich zusammenschließen. Dadurch hatten sie auch einen Anreiz, Westdeutschland wieder in der Gemeinschaft der Nationen zu akzeptieren, und dies zu einer Zeit, als der Hass gegenüber den Deutschen immer noch weit verbreitet war. In den folgenden Jahrzehnten wuchs das europäische Projekt und führte einen gemeinsamen Markt, gemeinsame Grundsätze, gemeinsame Gesetze und schlussendlich auch eine gemeinsame Staatsangehörigkeit und eine gemeinsame Währung herbei. Diese Schritte wären ohne den Kalten Krieg, der den Gedanken von Einigkeit von einem Wunschtraum in eine absolute Notwendigkeit verwandelte, undenkbar gewesen.

Auf lange Sicht spielte der Kalte Krieg auch in Osteuropa eine Rolle. Die Brutalität der Ostblockregime entfremdete diese von ihren eigenen Völkern dermaßen, dass diese Menschen den europäischen Traum ebenfalls begrüßten, als das kommunistische System schließlich zusammenbrach. Es ist die Erinnerung an kommunistische Grausamkeiten, wie auch an die Grausamkeiten der Nazis, die heute ihre Loyalität gegenüber der EU begründet.

Die fünf Jahre zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der berühmten Schuman-Erklärung bleiben einer der am wenigsten gewürdigten Abschnitte europäischer Geschichte. Diese chaotische Zeit war jedoch der urzeitliche Sumpf, aus dem das Europa von heute heraus kroch. In Zeiten, in denen das politische Europa – das immerhin eine der stärksten internationalen Institutionen unserer Welt ist – in einer Krise steckt und viele Europäer den Sinn des Gemeinschaftsprojekts hinterfragen,  sollten wir alle uns daran erinnern, was es bedeutet, überhaupt keine funktionierenden Institutionen zu haben.

Es mag sein, dass die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg für viele Menschen den Wunsch nach europäischer Einigkeit angeregt hat, es war jedoch die Bedrohung des Kalten Krieges, die schließlich die europäischen Staatsmänner und ihre amerikanischen Verbündeten schlagartig aktiv werden ließ. Heute, wenn abermals sehr reale Feinde an unsere Tür klopfen, kann man nur beten, dass auch dieser Abschnitt damit endet, im Nachhinein ein Segen zu sein.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2015

Keith Lowe
Keith Lowe ist ein britischer Historiker und Publizist. Zu seinen Büchern gehört u.a. „Inferno. The Devastation of Hamburg 1943“ (Penguin Books 2007). 2014 erschien „Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950“ (Klett-Cotta). www.keithlowehistory.com

Weitere Artikel des Autors

4/2016 Das Glück der Insellage
Mehr zum Autor

Rotary Magazin 9/2016

Rotary Magazin Heft 9/2016

Titelthema

Herbst einer Volkspartei

Die deutsche Sozialdemokratie steckt in der Krise. Der Zuspruch sinkt, die Partei liegt bundesweit bei 20 Prozent. Woran liegt das? Welche Fehler wurden in den letzten Jahren gemacht? Und mit Blick auf…

Newsletter abonnieren



load   ...lade Newsletter Formular

Weitere Experten
aus der Rubrik Gesellschaft

Godfrey Deeny Martin W. Huff Maria von Welser Paolo Bavastro Daniel Deckers Edgar Wolfrum

Was ist Rotary?

Lokal verankert -
global vernetzt

Rotary International ist die älteste Serviceclub-Organisation der Welt. Seit der Gründung des ersten Clubs durch vier Freunde vor 105 Jahren hat sich Rotary zu einem weltumspannenden Netzwerk entwickelt.

Clubsuche

Finden Sie den Club in Ihrer Nähe

Kontakt

Treten Sie mit uns in Kontakt

Anschrift:
Rotary Verlags GmbH
Raboisen 30
20095 Hamburg

Telefon: +49 40 34 99 97 0
Telefax: +49 40 34 99 97 17

Termine

Rotary-Meetings, Festspiele und Messen

...wird geladen