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25 Jahre Mauerfall

Der 9. November 1989 aus Journalistensicht

07.11.2014

Es war das Jahr, das es bekanntlich in sich hatte. Fast unablässig wurde Zeit-, ja Weltgeschichte geschrieben. Und bisweilen erreichten Verdichtung und Beschleunigung der Ereignisse ein solches Maß, dass auch diejenigen, die darüber von Berufs wegen zu schreiben und zu berichten hatten, nicht mehr recht mitkamen. Zwar wünschen wir Journalisten uns immer, dass möglichst viel Bedeutendes passieren möge, doch in jenem Jahr 1989 schien es bisweilen des Guten fast ein wenig zu viel zu werden. Ausgerechnet im größten Moment, den es bereithielt, nämlich am Abend des 9. November, ließ sich das auf besonders eigenartige Weise erleben – vorausgesetzt, man war wie ich beim Berliner „Tagesspiegel“ beschäftigt.

Das war ja nun nicht irgendeine Zeitung, sondern nahezu eine Institution, eine Art Fachorgan für die sogenannte Frontstadt mit ihrer eigenen, aus dem Inseldasein erwachsenen Mentalität und ihren Status-Spezialitäten. Man war hier sehr nahe dran an allem Östlichen, Ost-Westlichen, dem ganzen innerdeutschen Problem, das zum Alltag gehörte und praktisch permanent im Fokus stand. Und folglich schien es kaum einen besseren Platz für Journalisten zu geben, die möglichst dicht an den Geschehnissen sein wollten in jenem Jahr, da dieses Thema mit historischer Macht die politische Agenda beherrschte, als eben die Redaktion dieser Zeitung.

Als relativ neuer Zuzügler aus der Bundesrepublik, aus „Westdeutschland“, wie es allgemein hieß, hatte ich das ganze Jahr über immer wieder das Gefühl vermittelt bekommen, dass es für mich in puncto Berlin noch einiges zu lernen gab. Ich fremdelte immer noch, mit der eingemauerten Stadt sowieso, aber auch mit den Usancen und Betrachtungsweisen der Kollegen, die sich für Ost-Berlin, Warschau, Prag oder Budapest weit mehr zu interessieren schienen als für Bonn, und zwar nicht erst jetzt, angesichts der aktuellen Ereignisse, sondern traditionell. Der für die Politik verantwortliche Chefredakteur weilte regelmäßig zu Gesprächen bei den westlichen Alliierten und galt nicht nur als Experte für sämtliche Fragen hinsichtlich des Berlin-Status und der innerdeutschen Problematik, sondern als eine Art lebender Seismograph, der selbst subtilste Veränderungen registrierte.

Kurz: Ich wähnte mich umgeben von einem Maximum an einschlägiger Kompetenz. Und das war natürlich erst recht am Abend jenes 9. November so, als sich die Mitarbeiter aus gegebenem Anlass nahezu vollzählig vor dem Fernseher in der Nachrichtenredaktion versammelt hatten und gebannt auf den Bildschirm starrten, wo ein gewisser Günter Schabowski das Wort ergriff. Es war einer dieser Momente, von denen hinterher gern gesagt wird, dass sich die Wahrheit stets vom Ende her erweist. In jenen Sekunden, da sie geschehen, verknüpft sich mit ihnen leicht ein Gefühl von Surrealität, gegen das sich die Wahrnehmung der schlagartig veränderten Wirklichkeit erst durchsetzen muss. Für Zeitungsleute hat solch eine dramatisch veränderte Nachrichtenlage logischerweise eine ganz praktische Konsequenz: sie müssen noch mal ran, weil das Blatt, so wie es bis dahin geplant war, nicht zu halten ist.
Man könnte nun denken, dass im Nachrichtenraum des „Tagesspiegel“ umgehend Unruhe ausbrach, als Schabowski sein folgenschweres Sprüchlein hersagte. Doch nichts dergleichen geschah zunächst, erst einmal blieb es ganz still, man tauschte ratlose, ungläubige Blicke, einige Kollegen fingerten nach ihren Zigaretten. Die Reaktion der Redaktion setzte dann um so deutlicher mit einiger Verzögerung ein. Plötzlich wurde es laut, Hektik machte sich breit, als klar wurde, welch geradezu umstürzende Neuigkeit da soeben verkündet worden war. Schon kursierten erste Vorschläge für die neue Schlagzeile. Und dass man nun sofort ein Extrablatt machen müsse wie bereits ein paar Wochen zuvor beim Sturz Erich Honeckers, sei ja wohl auch klar, hieß es.

Aber ganz so eilig war es einigen damit dann doch nicht. Etwas mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören war das eine – es aber auch so ohne weiteres zu glauben, das war offenbar noch wieder etwas anderes. Und so war von Seiten der Chefredaktion ein Ratschlag zu vernehmen, der zwar nicht ganz so überraschend war wie die Reisefreiheitsankündigung der SED, aber doch fast. Er lautete: „Warten wir lieber erst einmal ab, was die Nachrichtenagenturen dazu schreiben.“

Mag sein, dass es einfach zu viel gewesen war, was in den zurückliegenden Wochen und Monaten passiert war. Die Grenze war offen – und zugleich das Limit der eigenen Aufnahme- und Urteilsfähigkeit erreicht. So weit war es gekommen, dass mancher im wahrsten Sinne seinen Sinnen nicht mehr traute.

 

Von Mathias Zschaler