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Tichys Denkanstoss

Der Euro – zu groß gedacht

Tichys Denkanstoss - Der Euro – zu groß gedacht

30.09.2016

Auf Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, prasseln viele Vorwürfe herab: Mit dem Aufkauf von Staatsanleihen der südeuropäischen Krisenländern fianziere  er heimlich und eigentlich verbotenerweise deren Staatsschulden. Mit dem Ankauf von Anleihen der Konzerne verstaatliche er praktisch private Finanzmärkte und schade dem Mittelstand, der höhere Zinsen zahlen müsse. Und mit der Einführung negativer Zinsen enteigne er deutsche Sparer. Wenn dann dazu kommt, dass er mal bei Goldman-Sachs war….

Dabei ist es ganz anders. Draghi versucht das schier Unmögliche – den Euro zu retten. Da dessen Konstruktion so grundfalsch ist, muss er zu immer abartigeren Methoden greifen. Vor der Einführung des Euro hatten fast alle deutschen Ökonomen gewarnt, die Deutsche Bundesbank war strikt dagegen; angelsächsische Beobachter wie Nobelpreisträger Milton Friedman waren schon vor dem Start vom Scheitern überzeugt. Das gemeinsame Argument: Volkswirtschaften so unterschiedlicher Größe und Dynamik, mit so unterschiedlichen Rechtsordnungen und auseinanderdriftender nationaler Finanz-, Haushalts-, Sozial- und Wirtschaftspolitik könnten nicht in die Sardinenbüchse einer gemeinsamen Währung gepresst werden.

Für eine ganze Generation deutscher Ökonomen galt die „Krönungstheorie“: Die gemeinsame Währung sollte krönender Abschluss einer europäischen Einigung sein. Diese Krönungstheorie wurde auf den Kopf gestellt: Erst kam die gemeinsame Währung, die erforderliche gemeinsame Politik gibt es absehbar nicht, schon ein wenig Harmonisierung führt zum erbitterten Streit zwischen den Teilnehmern. Der Euro, als einigendes Band für Europa gedacht, wurde im Kleinkrieg des Alltags zum Sprengsatz. Während die Zinsen für Deutschland zu niedrig sind, der Außenwert zu schwach, die expansive Wirkung der Geldpolitik weit übertrieben ist, gilt für fast alle anderen Volkswirtschaften das Gegenteil. Abwertung als vorübergehender Ausgleich unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit gibt es nicht mehr. Während nach der Finanzkrise kleinere Länder mit eigenen Währungen Reformen durchführten, führte in der Eurozone die Pseudogemeinschaft zur Verlagerung der Verantwortung: Schuld sind die anderen, meist die Deutschen.

Der Euro ist ein Beweis für eine bittere Erfahrung: Groß Gedachtes scheitert blamabel in den banalen Niederungen der Wirklichkeit; visionäre politische Entscheidungen führen in die Krise, wenn die Vision sich als Fata Morgana entpuppt und Politik nicht mehr in der Lage ist, ihren mit Volldampf eingeschlagenen Kurs zu ändern. Und noch eine Erfahrung wird deutlich: Eine solche Entscheidung ist kein Traum, aus dem man erwachen kann. Man steckt im Ergebnis fest – so wie Europa im Euro und den verzweifelnden Rettungsversuchen.

Draghi ist nicht der Bösewicht. Er erfüllt nur seine Mission – um fast jeden Preis.