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Das große NEIN

Verstand statt Gefühl

Während die Politik auf die Emotionalisierung ihrer Ideen setzt, erwarten die Bürger eher ein an Fakten orientiertes Handeln.

Cora Stephan01.10.2016

Es ist ein hartnäckiges Gerücht, das sich nicht ausrotten lässt: dass das Volk von der politischen Elite mehr Gefühl verlange. Das Ergebnis ist rührend und mitleiderregend zugleich. Politiker schicken sich mit Feuereifer an, die Herzen der Wähler zu erobern, ihre Ängste und Sorgen zu verstehen, sich zu kümmern, sie abzuholen, wo sie stehen: „Unsere Menschen.“ Und sind gekränkt, wenn die sich dennoch bockig zeigen. Dann wird ihnen mit Engelsgeduld alles immer wieder und immer noch ein wenig besser erklärt. Man muss sich nur, scheinen viele Politiker zu glauben, zu ihnen herabbeugen, mit ihnen kommunizieren, reden und Tee trinken und laut über ein paar Wahlgeschenke nachdenken, dann wird das schon.

Und wenn nicht? In wenigen ehrlichen Momenten, wenn sich Teile des Wahlvolks allen Bemühungen zum Trotz immer noch störrisch zeigen, platzen schonmal Wörter wie „Pack“ und „Pöbel“ aus einem Politiker heraus. Das tut schon fast wieder gut.

Abscheu vor „kalten Zahlen“
Nein, es fehlt nicht an Gefühl, im Gegenteil. Mit Grauen erinnere ich mich an eine der ersten Talkshows mit und gegen Thilo Sarrazin und seinen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“. Mit zitternder Stimme äußerten die Anwesenden ihre Abscheu vor „kalten Zahlen“ und nackten Fakten; vor allem eben, was ohne Gefühl und Wellenschlag daherkommt. Ströme menschlicher Wärme ergossen sich über den armen Faktenhuber, eine Schmusedecke, unter der jedes Argument zu ersticken drohte.

Wann hat das bloß angefangen, dass Politiker nicht mehr von Fakten sprechen wollten und von den harten Tatsachen, die sie zu ihren Entscheidungen gebracht hätten, sondern davon, wie sie sich fühlten dabei? Dass nicht mehr von Pflicht und Verantwortung die Rede ist, sondern von „Lust“ auf Politik und dass man „gestalten“ wolle (und nicht bloß dienen)? Ich habe 1994 dem „Betroffenheitskult“ ein ganzes Buch gewidmet. Viel scheint sich seither nicht verändert zu haben. Angela Merkel verkörperte eine Zeitlang die Hoffnung, dass es in der Politik wieder um Sachen gehen könnte anstatt um Gefühlsergüsse und männliches Imponiergehabe. Die Naturwissenschaftlerin schien kühl die Lage zu analysieren und Schlüsse daraus zu ziehen.

Politische „Wärmeströme“  
Wer Merkels Reden aus der Zeit vor 2005 liest, trifft auf jemanden, der in fast allen Punkten das Gegenteil von dem sagte, was sie heute tut: Sie votierte für drastische Steuersenkungen, einen Sparkurs des Staates und einen Abbau der Bürokratie, erklärte sich gegen Multikulti und unkontrollierte Zuwanderung und verzichtete erfrischend uneitel auf jeglichen Frauenbonus. Die Kampagne der SPD im Wahlkampf 2005 setzte dagegen auf den „Wärmestrom“, den man Merkels angeblicher „sozialer Kälte“ entgegensetzen wollte. Fast hätte man so ihren Sieg verhindert.

Die Kanzlerin ist lernfähig. Schon kurz nach der Wahl änderte sie Ton und Kurs. Es war jedenfalls gewiss nicht die pragmatisch denkende Naturwissenschaftlerin, die im März 2011 nach einem Tsunami in Japan die Order zur Abschaltung deutscher Atomkraftwerke gab. In Deutschland gibt es weder Tsunamis noch jene technische Schwachstelle, die in Fukushima zum Verhängnis wurde. Rational war an dieser Entscheidung höchstens der Blick auf eine wichtige Landtagswahl – in Baden-Württemberg. Doch die ging dennoch verloren.

Cora Stephan
Cora Stephan ist Publizistin und schreibt u.a. für FAZ, NZZ, „Focus“, „Spiegel“ und „Die Welt“. Sie gehört zu den Autoren des Weblogs „Die Achse des Guten“ und schreibt unter dem Pseudonym Anne Chaplet Kriminalromane. Zuletzt erschien „Angela Merkel. Ein Irrtum“ (Knaus 2011). www.cora-stephan.de