15.05.2015

Der lange Weg zur Erkenntnis

Im Krieg sind auch Soldaten Opfer

Cora Stephan

Über das Ende des Zweiten Weltkriegs ist scheinbar alles gesagt. Und doch gibt es immer wieder neue Ansätze für die Diskussion über diesen historischen Einschnitt. Es fällt auf, dass diese Arbeiten fast alle von Frauen geschrieben wurden. Offenbart sich hier ein besonderer weiblicher Blick auf die Geschichte?

Erinnerung folgt Konjunkturen. Was vor etlichen Jahren noch als skandalös empfunden wurde, ist heute erlaubt: etwa daran zu erinnern, dass deutsche Frauen nach 1945 Opfer von brutalen Vergewaltigungsorgien wurden – nicht nur, aber vor allem durch Soldaten der Roten Armee. Das sei ihnen nur recht geschehen? Solche und andere Herzlosigkeiten habe ich noch vor zehn Jahren gehört, als ich an einem Roman schrieb, der sich mit dem Erleben einer im Winter 1945 aus Ostpreußen fliehenden Frau beschäftigte. Wegwerfend hieß es, das seien doch alles Nazis gewesen – meine Frage, ob das auch für Kinder gelte, wurde vorsichtshalber nicht beantwortet. Andere, nur wenig freundlicher, äußerten Verständnis für das Rachebedürfnis der geschundenen Soldaten der Siegerarmee.
Es waren Vertreter der Nachkriegsgeneration, einige jünger als ich, die so argumentierten. Irgendwie gingen sie alle von deutscher „Kollektivschuld“ aus oder vertraten Varianten jener kühnen These des amerikanischen Autors Daniel Goldhagen, der 1996 „den“ Deutschen „eliminatorischen Antisemitismus“ attestierte. Schlussfolgerung: Sie hatten den Völkermord irgendwie im Blut, die Deutschen. Jedenfalls unsere Eltern.

Diese Mitleidlosigkeit vieler Angehöriger meiner Generation erschreckt mich noch immer. Die Erzählungen der Eltern, so wir sie denn zuließen, galten uns als Flucht vor der eigenen Schuld in die Wehleidigkeit. Und nach dem Frankfurter Auschwitz-Prozess verband sich die Vorstellung, die Eltern hätten gewusst, was in den Lagern geschah, hätten sogar in irgendeiner Form mitgewirkt an massenhaften Morden, mit einem Erschrecken ihrer Nachkommen vor sich selbst: Wenn jeder normale Mensch zum Mörder werden konnte, dann galt das auch für uns, die Kinder der Mörder. Die Suche nach dem „Hitler in mir“ beschäftigte in den 70er Jahren eine gutgehende Psycho-Industrie.

Es verdankt sich dem zum Zeitpunkt seiner Aufführung 1992 noch heftig umstrittenen Film von Helke Sander, das zumindest das Schicksal der Frauen heute nicht mehr unter das Verdikt „Recht geschah ihnen“ fällt. Aus feministischer Sicht ist eine Vergewaltigung nichts anderes als eine typische Form männlicher Machtausübung, auch dann, wenn es sich beim Täter um einen Soldaten der sieg- und ruhmreichen Sowjetunion handelte. Aus Rache aber handelten womöglich die wenigsten – eher aus dem uralten Gefühl, dass den Siegern im Stammeskrieg die Frauen als Beute zustehen.

Deutsche Frauen durften also Opfer gewesen sein. Und die Männer?

Flucht in den Alltag

Erinnerung hat Konjunkturen. Eine Frage, die sich unsere Eltern nicht gestattet haben, dürfen sich die Nachgeborenen stellen: Was hat die ungeheuerliche Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit uns gemacht?

Nach 1945 haben sich das die wenigsten gefragt, auch nicht die überlebenden Juden oder andere Lagerinsassen. Selbst diejenigen, deren Opferstatus für uns heute doch ganz zweifelsfrei ist, haben sich lange ihrer Geschichte nicht gestellt – geschweige denn davon berichtet. Wie alle anderen auch, die Völker der Sieger und der Besiegten, wollten die Davongekommenen wieder ins Leben, in den Alltag, in eine Zukunft.

Die direkte Variante, die Täter zu verfolgen und zu stellen, war nur wenigen „Nazijägern“ gegeben. Die anderen quälten sich und ihre Kinder mit unklaren Ängsten. Erst später erhielt das eigene Erleben die Rolle, die es heute hat. Dadurch hat sich auch die Erzählung verändert, sind die Gefühle von Scham (Opfer gewesen zu sein) und Schuld (anders als so viele andere überlebt zu haben) in den Hintergrund getreten.

Doch vor allem braucht es einen Rahmen, in dem persönliches Erleben Bedeutung erhält. Svenja Goltermann arbeitete in ihrem überaus an- und aufregenden Buch „Die Gesellschaft der Davongekommenen“ heraus, welcher Theorie es bedarf, um das persönliche Erleben wesentlich und „sagbar“ werden zu lassen. Nachdem man lange Zeit Menschen für unendlich belastbar und den Prozess des Verdrängens schrecklicher Erfahrungen für eine im Grunde gesunde Zuwendung zur Gegenwart gehalten hat, ist mit dem Begriff des Traumas zugestanden, dass das Erlebte Folgen hinterlässt, psychischer und physischer Art. Nicht nur Holocaust-Überlebende, sondern auch Kinder oder Erwachsene, die in Luftschutzbunkern oder auf der Flucht überlebt haben, sind davon geprägt, in welcher Weise auch immer. Ein Trauma der Eltern aber hinterlässt Spuren auch bei ihren Kindern, die sich identifikatorisch oder abgrenzend dazu verhalten.

Viele aus der Generation, die sich im Gefolge von Auschwitz-Prozess und Studentenbewegung vehement abgegrenzt haben, sind heute in einem Alter, in dem man das Schwarz-Weiß-Denken verlernt haben sollte. Vielleicht fällt dadurch – und durch den Abschied von einer allzu robusten Vorstellung von menschlicher Widerstandsfähigkeit – das Verstehen der Eltern leichter.

Der Eltern? Gilt das auch für die Männer, die im Zweiten Weltkrieg Furchtbares erlebt haben – für die Soldaten der Wehrmacht? Schon das „auch“ zeigt, dass man sich hier einem Gelände nähert, das vermint ist.

Ein posttraumatisches Syndrom, wie es seit 1980 im Gefolge des Vietnamkrieges bei Soldaten diagnostiziert wurde, ist heutzutage die geläufige Vermutung, wenn ein junger Mann, der aus Afghanistan zurückgekehrt ist, nicht mehr der ist, der er vorher war. Nach dem Zweiten Weltkrieg diagnostizierte man bei gestörten Veteranen eher „Rentenneurose“ – womit der Verdacht gemeint war, es könne sich beim Patienten um einen Simulanten handeln, der sich eine Kriegsopferrente erschleichen wollte.

Spuren eines Traumas

Gewiss: Heutige Empfindlichkeit gegenüber Kränkungen aller Art war vorherigen Generationen fremd, Gewalterfahrungen waren weit alltäglicher als heute. Und doch waren nicht alle Soldaten der Wehrmacht Mörder oder Kriegsverbrecher, ein Verdacht, den die „Wehrmachtausstellung“ 1995 äußerte. Nein, die Wehrmacht war nicht „sauber“ geblieben (wer hatte das im Ernst noch angenommen?), deutsche Soldaten waren, wie man nun sah, nicht nur Mittäter bei der Massenvernichtung der Juden, sondern – so interpretierte man Vergeltungsaktionen an Partisanen – auch Kriegsverbrecher insofern sie Gewalt gegen die Zivilbevölkerung übten. Doch sie töteten nicht nur, sie wurden auch getötet, verwundet, erlebten, wie ihre Kameraden neben ihnen krepierte. Und das soll keine Spuren hinterlassen haben? Die ersten Opfer eines Krieges sind Soldaten, nicht Zivilisten. Doch im Grunde wissen wir mittlerweile mehr über das Elend in den Lagern als über das Elend im Kessel von Stalingrad.

Gewiss: Der Zweite Weltkrieg näherte sich dem totalen Krieg an, in dem die Unterscheidung zwischen Kombattanten, denen gegenüber Gewalt zulässig war, und Zivilbevölkerung, die verschont werden musste, verschwamm. Im Nachkriegsdeutschland des „Nie wieder Krieg!“ halten viele den totalisierten Krieg für die Form von Krieg schlechthin, und mit der Verherrlichung der Guerilla in „Befreiungskriegen“ im Zuge der Studentenbewegung verlor der Soldat vollends seinen Nimbus, den nun der Partisan übernahm. Das gilt irritierender Weise vielfach noch heute. Doch Partisanen, und mögen sie noch so sehr ein „Befreiung“ zu nennendes Anliegen haben, sind Teil einer Totalisierung des Krieges, da sie als Zivilisten getarnt und im Schutz der Zivilbevölkerung agieren und sie damit zum Ziel machen. Exakt so operierte die Hamas im letzten Gaza-Krieg.
Soldaten üben stellvertretend für die Gesellschaft und zu ihrem Schutz Gewalt aus. Der heroische Begriff des „Opfers fürs Vaterland“ hat sich zwar erledigt, doch zum Schaden der heute in der Bundeswehr dienenden

Soldaten ist an dessen Stelle keine neue Qualität der Verantwortung der Gesellschaft für diejenigen entstanden, die das Parlament in den Krieg schickt.

Dass alle Soldaten der Wehrmacht mit Hitlers Krieg oder seinen Kriegszielen einverstanden waren, oder ob alle wussten, dass sie an einem Angriffskrieg teilnahmen, darf bezweifelt werden. Dass sie im Krieg nicht nur Entsetzlichkeiten begangen, sondern auch erlebt haben, die sie nicht nur im klinischen Sinn zu „Opfern“ macht, ist im Lichte der heutigen Traumatheorien schwerlich zu bezweifeln. Wer die Erfahrung der Gefangenschaft hinzunimmt, die nicht nur in der Sowjetunion furchtbar war, räumt den Kriegsheimkehrern viel Stoff für Neurosenbildung ein.

Ein Thema aber war das selten. Dass man individuell erlebtes Leid nicht „relativieren“ dürfe, gilt nicht für deutsche Soldaten: Wer sich scheint’s kollektiv schuldig gemacht hat, dem gebührt im Einzelfall kein Erbarmen.

Familiengeheimnisse

Meine Eltern haben fast zehn Jahre lang eine rege Brieffreundschaft unterhalten, erst als Verlobte und dann als Ehepaar. Zwischen 1937, dem Jahr, in dem mein Vater eingezogen wurde, und dem Sommer 1947, als er aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, gab es wenige Treffen, aber kiloweise Briefe, vor allem meines Vaters, der das Glück hatte, als Marineoffizier den Krieg überwiegend untätig an der bretonischen Küste in Lorient zubringen und sich überwiegend mit Lesen, Trinken und Briefeschreiben beschäftigen zu dürfen.

Doch auch das hat Spuren hinterlassen. Meine Mutter versuchte jahrelang, ihrem Mann Tischsitten beizubringen, die hatte er nach zehn Jahren unter Männern und als Gefangener, der „aus dem Blechnapf fraß“, verlernt. Und wie sollte das 1951 geborene jüngste Kind, das sich einem glücklichen Zufall verdankte und „Friedenskind“ genannt wurde, verstehen, warum der Vater, unbegreiflich und unvorhersehbar, in unkontrollierte Wutanfälle ausbrach? Warum gegessen werden musste, was auf den Tisch kam, warum es meiner Mutter so wichtig war, dass wir nicht frieren? So ging es nicht nur bei uns zu Hause zu. Heute würde man die Zeichen lesen können.

Ich habe lange gebraucht, bis ich mich an die Erinnerungen meiner Eltern heranwagte, an Tagebücher, Briefe, nachträglich Aufgeschriebenes. Womöglich verpasst man immer den richtigen Zeitpunkt dafür – und vielleicht bedarf es eben eines gewissen Alters, um die eigenen Eltern mit verständnisvoller Distanz betrachten zu können, ohne die narzisstische Angst, es könne peinlich werden. Ich habe dabei keine sorgsam verborgenen schrecklichen Familiengeheimnisse entdeckt – „Vati war ein Massenmörder“. Meine Eltern haben, wenn man so will, Glück gehabt, und dass sie über „all das“ lange Zeit nicht reden wollten, diente gewiss nicht nur der Camouflage, sondern einer lebensbejahenden Verdrängung. Das teilten sie mit den meisten Menschen aller kriegsbeteiligter Nationen: Man wollte vorwärts blicken, sich ein neues Leben schaffen, etwas aufbauen. Und doch war da wohl immer etwas, das schlaflose Nächte bereitete und das man mit Alkohol und Medikamenten bekämpfte.

Meinen Eltern ist ein Roman gewidmet, den ich soeben beendet habe, ein Buch über die Jahre 1936 bis 1999, in das ihre Erinnerungen eingeflossen sind. Der Roman handelt von den großen Dingen nur, insofern sie den Beteiligten schmerzhaft auf die Füße gefallen ist. Vor allem aber geht es um das, was im Moment des Geschehens wie zufällig wirkt: um ein bisschen Feigheit, um viel Opportunismus, um guten Willen, der nichts hilft. Um Verstrickung. Und darum, wie erschreckend einfach es doch ist, Komplize zu werden und Dinge zu tun, für die man sich bis ans Ende des Lebens schämt.


  • Buchtipp: Svenja Goltermann
    Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg
    591 Seiten, Pantheon 2011, ISBN 3-570-55152-0, 18,99 Euro

 

Erschienen in Rotary Magazin 5/2015

Cora Stephan
Cora Stephan ist Publizistin und schreibt u.a. für FAZ, NZZ, „Focus“, „Spiegel“ und „Die Welt“. Sie gehört zu den Autoren des Weblogs „Die Achse des Guten“ und schreibt unter dem Pseudonym Anne Chaplet Kriminalromane. Zuletzt erschien „Angela Merkel. Ein Irrtum“ (Knaus 2011). www.cora-stephan.de

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