29.12.2015

Flüchtlingswelle

Integration auf dem Reißbrett?

Christian Zumwinkel

Die Flüchtlingswelle erfordert kurzfristig Massenquartiere, langfristig jedoch tragfähige Konzepte in Stadtplanung und Wohnungsbau

Seit Monaten stellt die unverändert große Zahl der Flüchtlinge Städte und Kommunen in ganz Deutschland vor enorme Herausforderungen. Neben der Erstversorgung und Registrierung der Ankommenden sind vor allem genügend Unterkünfte zu schaffen. Zur Bewältigung dieser Aufgabe werden inzwischen meist Großunterkünfte, oft ganze Zeltstädte, gebaut, in denen mancherorts tausende Menschen leben. Diese Vorgehensweise ist aus Gründen der Verwaltungseffizienz nachvollziehbar, denn weder Erstversorgung noch Registrierung derart vieler Menschen könnte im Moment dezentral bewältigt werden.

Probleme der Behörden
Allerdings darf solch eine Art der Unterbringung nicht von Dauer sein. Insbesondere weil derartige Schmelztiegel unterschiedlicher Ethnien, Religionen und Weltanschauungen ein hohes Konfliktpotential in sich bergen. Oft kommt es zu Streit, der die ohnehin angespannte Gefühlswelt der Kriegsflüchtlinge, aber auch die der benachbarten Bevölkerung spürbar belastet. Darüber hinaus sind vor allem Zeltstädte nicht dazu geeignet, eine große Anzahl Menschen über Wochen oder gar Monate zu beherbergen: Sie bieten kaum Aufenthaltsqualität oder Rückzugsmöglichkeiten. Jetzt im Winter ist es in den Zelten kaum wärmer als außerhalb.

Ein Dilemma besteht darin, dass diese Situation den Behörden durchaus bekannt ist, die Verweildauer in den zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen (ZEA) aber solange nicht signifikant reduziert werden kann, bis Asylanträge in kürzeren Taktungen bearbeitet oder zumindest die Erfolgsaussichten von Anträgen schneller eingeschätzt werden und eine ausreichende Zahl von Folgeunterkünften für Flüchtlinge mit Bleibeperspektive zur Verfügung steht. Zwar lassen sich Folgeunterkünfte in Form von Containerdörfern oder Modulhäusern innerhalb weniger Monate errichten, dennoch bleibt die Aufgabe bestehen, genügend Grundstücke für Folgeunterkünfte zu finden – und dann natürlich auch konventionellen Wohnraum für die Menschen, die über ein Kriegsende in ihrem Heimatland hinaus in Deutschland bleiben wollen und dürfen, zu schaffen.

Insofern werden Flüchtlinge, die in Folgeunterkünften untergebracht werden, dort voraussichtlich auch über ihr Asylantragverfahren hinaus leben müssen. Vor diesem Hintergrund sollte im Sinne einer erfolgreichen Integration vermieden werden, dass Flüchtlinge nach einem positiv beschiedenen Asylantrag an einen anderen Ort verwiesen werden und dort von neuem beginnen müssen. Denn durch das hohe Engagement der Bevölkerung bei der Betreuung der Schutzsuchenden beginnt die Integration der Flüchtlinge regelmäßig schon während ihres Aufenthalts in den Folgeunterkünften.

Herausforderung an Stadtplanung und Wohnungsbau
Bei der Erbauung von Folgeunterkünften sollte auch auf eine ansprechende Außenraumgestaltung Wert gelegt werden. Wer während und nach einem laufenden Asylverfahren unter Umständen über Monate ohne Beschäftigung ist, braucht Ablenkung. Die Schaffung von Sportanlagen in den Einrichtungen ist somit kein Luxus, sondern ein wichtiges Element zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität und zur Vermeidung von Frustrationen in den Unterkünften. Natürlich müssen dabei auch die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden.

Darüber hinaus ist es erforderlich, darüber nachzudenken, wie der stark ansteigende Bedarf an bezahlbarem Wohnraum gedeckt werden kann. War die Wohnungsknappheit bereits vor dem Flüchtlingsstrom ein großes Thema in Deutschland, so hat sich die Lage in den letzten Wochen noch einmal dramatisch verschärft. Darum müssen umgehend die richtigen Weichen für die Planung und Umsetzung einer nachhaltigen Stadtentwicklung gestellt werden. Ziel muss es sein, mit durchdachter Planung die Entstehung künftiger städtischer Brennpunkte zu verhindern. Vor allem eine Ghettoisierung muss ausgeschlossen werden. In diesem Zusammenhang besteht die große Herausforderung darin, gewöhnlich über Jahre reifende Stadtplanungsprozesse nun innerhalb kurzer Dauer vornehmen zu müssen.

Daher sind die Entwickler von Folgeunterkünften aufgefordert, eine ganzheitliche Quartiersentwicklung in ihre Planung einzubeziehen. Das beginnt mit der Auswahl geeigneter Grundstücke anhand eines umfassenden Kriterienkatalogs. Im Vordergrund stehen dabei technische sowie soziale Aspekte. Diese beziehen sich sowohl auf die Bedürfnisse künftiger Bewohner, als auch auf Bedürfnisse der Nachbarschaft. Eine solche Herangehensweise ist eine gute Grundlage, um in der Bevölkerung gleichermaßen Akzeptanz zu schaffen und Engagement bei der Integration der Neuankömmlinge zu wecken. Ferner gilt zu berücksichtigen, dass durch die Schaffung von mehr Wohnraum auch die (technische, soziale und verkehrliche) Infrastruktur anzupassen ist. Beispielsweise geht mit der Schaffung zusätzlichen Wohnraums eine Ausweitung des öffentlichen Nahverkehrs einher, Schulen müssen sich auf erhöhte Schülerzahlen einstellen und die Bereitstellung von Personal bei Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten muss angepasst werden, um nur einige Aspekte zu benennen.

Vermeidung alter Fehler
Im Rahmen der Planung neuer Wohnquartiere darf jedenfalls nicht der Fehler passieren – wie in den 1950er und 60er Jahren geschehen –, diese einzig auf die Bedürfnisse von Migranten oder bestimmte Bevölkerungsschichten auszulegen, um der Gefahr zu begegnen, dass sich hier Parallelgesellschaften herausbilden können. Vielmehr sollten durchmischte Wohngebiete geschaffen werden, in denen Migranten und Bevölkerungsgruppen verschiedener sozialer Schichten zusammenleben. Denn nur wenn das Verhältnis von Einheimischen und Flüchtlingen stimmt, können die Neuankömmlinge auch bestmöglich in die bestehende Gesellschaft integriert werden.

Leider ist derzeit nicht in Sicht, dass Stadtentwicklung unter Berücksichtigung solcher Ansätze betrieben wird. Vielmehr wird versucht, akute Probleme einfach pragmatisch zu lösen. Dieses Vorgehen wird aber mittel- und langfristig neue Probleme schaffen, die dann aber wohl nicht mehr einfach zu lösen sein werden. In der Pflicht, jetzt die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen, sind aber nicht nur die Länder und Kommunen, die dringend ausreichende Mittel zur Erarbeitung derartiger Lösungsansätze bereitstellen müssen. Vielmehr handelt es sich hier um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – für Politiker, Bürger, aber auch die Unternehmen. Um dafür Akzeptanz zu schaffen, müssen die Fragestellungen und Planungsansätze auch öffentlich diskutiert werden.

Schlussendlich muss auch über die Drittverwendung der Container- und Modulhäuser nachgedacht werden. Diese Form der Unterbringung von Flüchtlingen wird nach der Schaffung von ausreichend viel Wohnraum in konventioneller Bauweise nicht mehr oder nur noch in sehr reduzierter Anzahl benötigt. Eine simple Zerlegung der Häuser in ihre Bestandteile ist kaum eine sinnvolle Lösung. Aber vielleicht können die Wohncontainer und -module sinnvoll dort weiterverwendet werden, wo Städte in ehemaligen Kriegsregionen wieder aufgebaut werden müssen. Logistisch wäre dies in jedem Fall machbar. Aber auch hierzu muss ein öffentlicher Diskurs stattfinden.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2016

Christian Zumwinkel
Christian Zumwinkel ist Mitglied der Geschäfts­leitung der Assmann Beraten + Planen GmbH und Geschäftsführer der gip Gesellschaft für Immobilienprojektentwicklung.

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