Interview mit Rayan Abdullah - „Messe der Gedanken und Kulturen“

Professor Abdullah mit seinen Studenten in der Hochschule für Grafik und Buchkunst © Fotos: René Nehring

01.12.2016

Interview mit Rayan Abdullah

„Messe der Gedanken und Kulturen“

René Nehring

Fragen an Rayan Abdullah, der auf die Herausforderung der Flüchtlingskrise eine ganz besondere Antwort gab.

Als vor einem Jahr binnen kürzester Zeit hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, reagierte die einheimi­sche Bevölkerung mit großer Empathie und Hilfsbereitschaft. Schon bald stand die Frage im Raum, was jenseits der Erstversorgung mit ihnen geschehen soll.

Eine ganz besondere Antwort gab der Leipziger Designprofessor Rayan Abdullah. Er initiierte an seiner Hochschule für Grafik und Buchkunst HGB die Akademie für transkulturellen Austausch ATA, in der geflüchtete und einheimische Studenten künftig gemeinsam miteinander und voneinander lernen sollen. Seit Beginn des laufenden Semesters treffen hier ­Studenten wie Raisan, der aus dem irakischen Mossul vor dem Islamischen Staat geflohen war und in Leipzig Fotografie studiert, auf Kommilitonen wie Sophie aus Regensburg, die bei ihrer Bewerbung für die renommierte Hochschule nicht ahnte, was sie hier erwartete – und die dennoch begeistert ist. Ein Gespräch mit einem ganz besonderen Visionär über seine Idee und darüber, was Fremde und Einheimische gegenseitig voneinander lernen können.

Herr Professor Abdullah, was ist die Akademie für transkulturellen Austausch, welche Idee steht dahinter?
Die Akademie ist ein Studienprogramm, das an der Hochschule für Grafik und Buchkunst parallel zum normalen Leerbetrieb läuft. Wir wollen jungen geflüchteten Designern und Künstlern eine Chance geben, ihr in ihrer Heimat abgebrochenes Studium fortzusetzen.

Woher kommen die Studenten, und nach welchen Kriterien erfolgte die Auswahl?
Sie kommen hauptsächlich aus Syrien und aus dem Irak, leider nicht aus anderen Regionen wie Afrika, obwohl wir in fünf Sprachen für das Projekt geworben haben. Obwohl wir ausdrücklich Flüchtlingen helfen wollten, sehen wir das Programm nicht als Almosen. Das wichtigste Kriterium war, dass die Bewerber die Ansprüche der Hochschule für Grafik und Buchkunst erfüllen mussten. Wir sind eine der renommiertesten Design- und Kunsthochschulen in Deutschland mit einer über 250-jährigen Tradition. Deshalb wollten wir auch nur die Besten haben, die sich mit uns weiter­entwickeln wollen – und mit denen auch wir uns weiterentwickeln wollen. Darum trägt unsere Akademie den Begriff „transkulturell“. Wir wollen auch etwas lernen.

Was bringen die geflüchteten Studenten in den Unterricht ein?
Jeder Student bringt zunächst einmal seine ganz eigene künstlerische Begabung mit. Darüber hinaus bringen die arabischen Studenten ganz andere Perspektiven ein, sie sehen Kunst und Design ganz anders als wir.

Zum Beispiel?
Unsere europäische Kultur ist stark durch Bilder geprägt, egal ob Fotografie oder Gemälde. In der arabisch-islamischen Welt herrscht, auch wenn es nicht aus­gesprochen ist, im Grunde ein Bildverbot. Deshalb sehen Studenten von dort Bilder völlig anders als wir. Das Design und die Kunst in Syrien, Irak und den anderen orientalischen Ländern sind wiederum stark durch reich gestaltete Kalligrafen und Ornamente geprägt.

Gibt es auch Unterschiede im künst­lerischen Handwerk?
Unsere Hochschule legt sehr viel Wert darauf, dass die Studierenden alle Sachen möglichst auch anfassen. Deshalb gibt es hier keinen Computer, obwohl man den Unterricht auch mit Rechnern gestalten könnte. Uns geht es um eine Lebendigkeit und Sinnlichkeit, die man am Computer niemals erreichen kann. Die Herangehensweise in Syrien und Irak ist komplett anders. Im Bereich Design setzen viele ganz und gar auf den Computer und glau­ben, wenn sie zum Beispiel viele Grafikprogramme beherrschen, können sie auch ein gutes Design machen. Wir sagen das Gegenteil.

Unterschiede wie dieser sind die Basis für einen spannenden Dialog zwischen unserer Kultur und den Kulturen der Geflüchteten. Die Kultur ist das höchste Gut, das die Menschheit erschaffen hat und künftigen Generationen hinterlässt. Ich komme aus der Stadt Ninive, dort war die erste Bibliothek der Menschheit, rund 6000 Jahre vor unserer Zeit, mit 25.000 Steintafeln. Natürlich wollen wir hier nicht mit Steinbibliotheken arbeiten, aber wir können fragen, was wir aus einer so langen kulturellen Tradition lernen können. Und dafür ist Leipzig ein idealer Ort. Nicht nur wegen der Tradition der HGB, sondern auch als eine der ältesten Messestädte der Welt. Seit Jahrhunderten kommen Menschen aus aller Herren Länder hierher, verkaufen ihre Waren und nehmen andere Produkte mit nach Hause. Und das ist unsere Akademie im Grunde auch: eine kleine Messe der Gedanken und der Kulturen – und der Begegnung junger, neugieriger Menschen.

Ein Problem ist sicherlich die Sprache. Wie erfolgt der Unterricht, wenn die geflüchteten Studenten kein Deutsch können?
Wir halten bewusst einen Großteil unseres Unterrichts in den Werkstätten ab, wo wir wenig Sprache brauchen. Die Theorie­arbeit, wo wir uns unter anderem mit ­Begriffen der Kunst auseinandersetzen, folgt später.

Wie erfolgte die Finanzierung?
Wir haben bewusst den Begriff Programm eingeführt, weil wir weder Plätze anderer Studierender wegnehmen noch unser vorhandenes System stören wollten. Wir nutzen die HGB durch ihre Räume und ihr freundliches Personal und versuchen, für eine begrenzte Zeit ein Programm für Geflüchtete anzubieten. Die ATA-Studierenden werden nach ein bis vier Semestern in das reguläre Studium der HGB ­integriert. Für die Kennenlernwoche und die Tage des Eignungstests hatten wir ­einige Sponsoren, die uns auf vielfältige Weise geholfen haben. Jetzt sind wir ein reguläres Programm der Universität, brauchen jedoch auf andere Weise Hilfe, zum Beispiel finanzielle Unterstützung für die Nutzung der Verkehrsmittel, Wohnungen oder auch die persönlichen Werkzeuge der Studierenden.

Was soll aus den Absolventen des Programms einmal werden? Professoren für islamische Kunst und Kultur in Deutschland oder Botschafter unseres Landes im arabischen Raum?
Ob ein irakischer Student einmal hier Professor wird oder auch ein deutscher irgendwann einmal in Kairo oder Damaskus oder Bagdad unterrichten wird, ­können wir nie ausschließen.

Natürlich haben die geflüchteten Stu­dierenden die Chance – sollten sie in ihre Heimat zurückkehren –, dass sie unsere Botschafter in der Welt werden; dass sie die Werte, die sie hier gelernt haben, dorthin mitnehmen und dort auch weiterentwickeln. Unser größter Wunsch ist, dass das, was die Studierenden hier lernen, später in irgendeiner Art und Weise in der Welt in Bewegung gesetzt wird.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin 8/2017

Rotary Magazin Heft 8/2017

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Früchte des Südens

Zitrusfrüchte sind Exoten in einheimischen Gärten und Küchen. Sie verfeinern geschmacklich und verkörpern die Sehnsucht nach dem schönen Leben, nach Licht und Wärme.

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