Ernst Jünger: «In Stahlgewittern» - Der Krieg als literarisches Ereignis

© Ullstein

14.10.2013

Ernst Jünger: «In Stahlgewittern» 

Der Krieg als literarisches Ereignis

Helmuth Kiesel

In der deutschen Öffentlichkeit – zumal im Feuilleton – hatte das Thema Krieg jahrzehntelang kaum einen Platz. Autoren wie Ernst Jünger, die sich um eine realistische Darstellung der Ereignisse bemühten, waren verpönt. Der Germanist Helmuth Kiesel hat sich über Jahrzehnte mit Jünger und seinem Werk auseinandergesetzt. Erst vor wenigen Tagen erschien die von ihm herausgegebene Historisch-kritische Ausgabe von Jüngers „Stahlgewitter“. Angesichts der Wiederkehr der Brutalität des Krieges in das öffentliche Bewusstsein unserer Gesellschaft – und angesichts des bisherigen Fehlens einer nennenswerten Gegenwartsbelletristik zu diesem Thema – erscheint Jüngers Bericht beinahe wie ein Buch der Stunde.

Ernst Jüngers autobiographischer Kriegsbericht In Stahlgewittern gehört zu jenen deutschen Büchern, die immer für Kontroversen sorgten. Das liegt zum einen am Gegenstand, dem Ersten Weltkrieg, der das historische Bewusstsein der Deutschen als Verlierer und – angebliche – Urheber (Paragraph 231 des Friedensvertrags von Versailles; Fischer-Thesen von 1961 und 1969) schwer belastet. Man zögert, den Einsatz in diesem Krieg in irgendeiner Weise positiv oder gar als heldenhaft zu sehen, wie es die Stahlgewitter verlangen – und wie es auf Seiten der Sieger selbstverständlich ist. Zum andern liegt es an der Darstellungsweise: Vielfach hat man Jünger vorgeworfen, er ästhetisiere und glorifiziere den Krieg.

Diese Vorwürfe sind, um es gleich zu sagen, nicht unberechtigt: Jünger war der Meinung, dass der Krieg ein anthropologisch verankerter Modus des geschichtlichen Lebens sei. Er hat deswegen – unter dem Eindruck auch der großen europäischen Heldendichtung – die Bewährung im Krieg als etwas Positives gesehen, und er hat in den Stahlgewittern alle ihm verfügbaren schriftstellerischen Mittel aufgewandt, um ein möglichst eindrucksstarkes Bild des Krieges in allen seinen Modalitäten zu zeichnen. Die Stahlgewitter gelten deswegen als ein bellizistisches Buch und werden mitverantwortlich gemacht für die Erneuerung des bellizistischen Denkens am Ende der Weimarer Republik und im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs.

Die rezeptionsgeschichtliche Forschung – auch dies sei gleich gesagt – zeigt indessen ein etwas anderes Bild. Erich Maria Remarque, der Verfasser des Anti-Kriegsromans „Im Westen nichts Neues“ (1928/29), rühmte die Stahlgewitter nicht nur für ihre eindrucksvolle Präzision, sondern zählte sie zu den Büchern, die „einen pazifistischeren Einfluß ausüben als alle anderen“. Der Frankfurter Rechtsanwalt Paul Levi, von 1919 bis 1921 Vorsitzender der KPD, schrieb in einem seiner letzten Artikel: „Den Schrecken des ganzen Erlebens hat vielleicht keiner so geschildert, kaum ist eine furchtbarere Anklage gegen den Krieg geschrieben als dieses Buch eines Mannes, der zum Kriege ‚positiv‘ eingestellt ist.“ Und der deutsch-jüdische Schriftsteller Hans Sochaczewer, der Ende der 1920er Jahre für einen eigenen Roman über die Nachkriegszeit die Schriften der Nationalisten studierte, schrieb im Juli 1931: „Ich habe gefunden, daß die Werke des begabten Nationalsozialisten [was nicht zutrifft: H. K.] Ernst Jünger am meisten pazifistisch wirken.“ Auch für die Stahlgewitter gilt also, was der Grammatiker Terentianus Maurus einst bemerkte: „Pro captu lectoris habent sua fata libelli“: Bücher haben ihre Schicksale – je nach Fassungskraft oder Aufnahmeweise durch die Leser.

Das Urteil über die Stahlgewitter wird freilich noch durch einen weiteren Umstand verkompliziert: Jünger hat die Erstfassung von 1920 in den Jahren 1922, 1924, 1931–34, 1935, 1958–61 und 1978 sechsmal überarbeitet, so dass das Werk in insgesamt sieben „Fassungen“ (wie Jünger zu sagen liebte) vorliegt. Die Differenzen, die durchaus bemerkenswert sind, resultieren aus unterschiedlichen Motivationen und liegen auf verschiedenen Ebenen. Immer ging es Jünger darum, den Stil zu perfektionieren, den Ausdruck zu präzisieren und die Eindruckskraft seines Berichts durch eine zunehmende metaphorische Aufladung („Wellen des Angriffs“, „Brandung der Einschläge“) zu steigern (Perfektionierung). 1924 fügte Jünger politische Reflexionen mit nationalistischer Tendenz ein, um das Buch dem damals von ihm vertretenen Kurs des „neuen“ und „soldatischen“ Nationalismus anzunähern (Pragmatisierung). Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, von denen Jünger sich distanzierte, entfernte oder modifizierte er diese Passagen für die Neuauflagen von 1934 und 1935 (Entpragmatisierung). Bei der Überarbeitung von 1958-61 schwächte er die glorifizierenden Momente ab und ersetzte drastische Vokabeln, die man nun im Wörterbuch des Unmenschen registriert fand, durch weniger rohe Wörter (Humanisierung). Zum erstenmal ist in der Fassung von 1961 ausdrücklich auch von „Trauer“ die Rede – einige Jahre, bevor der einstige Jünger-Adept Alexander Mitscherlich mit seinem Traktat über die „Unfähigkeit zu trauern“ (1967) den Begriff der Trauer ins Zentrum der politischen Kultur der Bundesrepublik rückte. Bei allen Überarbeitungen kam es Jünger aber auch darauf an, das Nebensächlichere oder „Ephemere“ seiner Darstellung zugunsten des Wesentlichen seiner Kriegserfahrung zurückzudrängen (Essentialisierung). Vor allem diese Absicht bewog ihn dazu, die Stahlgewitter immer wieder zu überarbeiten, wohl wissend, dass es ihm nicht gelingen würde, die ungeheure Erfahrung seines fast vierjährigen Fronteinsatzes (Januar 1915 bis Ende August/Anfang September 1918) in eine wirklich angemessene und zufriedenstellende sprachliche Form zu bringen.

Die „historisch-kritische Ausgabe der gedruckten Fassungen“ bietet den mehrfach modifizierten Text der Stahlgewitter in einer Form, die es dem Leser ermöglicht, die Modifizierungsarbeit unmittelbar zu verfolgen und die Differenzen sozusagen mit bloßem Auge zu erkennen. Insgesamt zeigt diese Ausgabe die Stahlgewitter als ein „work in progress“, aber nicht etwa im Sinne einer freien Entfaltung künstlerischer Kreativität, sondern als Dokument einer lebenslangen Nötigung, die ungeheure Erfahrung des Ersten Weltkriegs immer wieder neu zu bedenken, und als Ausdruck der Unmöglichkeit, diese Erfahrung als eine definitiv beschriebene und bewältigte ad acta zu legen.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2013

Prof. Dr. Helmuth Kiesel (RC Heidelberg) ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturgeschichte am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg. Er ist Verfasser einer Biographie über Ernst Jünger (Siedler 2007) sowie Herausgeber von Jüngers „Kriegstagebücher 1914–1918“ (Klett-Cotta 2010) und der Historisch-kritischen Ausgabe von Jüngers bekanntestem Buch „In Stahlgewittern“ (Klett-Cotta 2013). www.uni-heidelberg.de

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