04.01.2012

Über Energie im Menschen als schöpferische Kraft

Der Stein rollt den Berg nicht hinauf

Michael Thumser

Im Mai 1866 flog in Krummel bei Hamburg mit Getöse eine Fabrik in die Luft, die erst einen Monat zuvor die Produktion aufgenommen hatte – die Herstellung von Nitroglyzerin. Das Unglück kann als Urknall für die Schöpfungsgeschichte neuzeitlicher Sprengstoffe gelten. Denn fortan suchte der Fabrikant – er hieß Alfred Nobel – nach einer verlässlichen Trägersubstanz für das unberechenbare „Sprengöl“; und er fand sie. So wurde, indem menschlicher Tüftlergeist die Energien der Natur zu zähmen lernte, das Dynamit geboren. Das ganze Weltall verdankt seine unvorstellbaren Triebkräfte einem einzigen Geschehen, einem Urknall. Aus ihm gingen vor etwa 13,7 Milliarden Jahren Materie, Zeit und Raum her-vor. Der Ort, wo das Ereignis sich seither fort-setzt, ist die Natur, der wir auch als Kultur-menschen angehören. Sobald der Mensch sich seiner selbst nur irgendwie bewusst wurde, spürte er, dass mancherlei Kräfte in ihm wirken und andere auf ihn einwirken, ihn beteiligen; Kräfte, die ihn nicht allein als Materie und nicht nur als Körper, sondern ebenso als Geist zum Teil der Welt machen. Der Mensch, der zum ersten Mal aus zwei aneinander geriebenen Hölzern Feuer gewann – der also mechanische Energie in thermische verwandelte –, wandte ahnungslos ein Grundgesetz des Kosmos auf seinen engen Lebensraum, auf sein begrenztes Eigeninteresse nutzbringend an.

Schon diesem früen Vorfahren muss aufgefallen sein: Es gibt eine Energie, die im Menschen selber wohnt und die ihm gestattet, den Zwangsläufig- und Zufälligkeiten in seiner natülichen Umgebung mit eigenen Entwuürfen und Bestimmungen entgegenzutreten; eine Energie, die uns in unserem Willen einigermaßen frei macht von nicht allen, aber vielen Zwängen. Kräfte der Selbstbehauptung sind dies, inmitten der Schöpfung Kräfte unseres eigenen zielgerichteten, formenden, die Umwelt verändernden Schöpfertums. Der Mensch, der zum ersten Mal aus zwei aneinander geriebenen Hölzern Feuer gewann, übertraf dabei die Erfindergabe eines Alfred Nobel und seine Erfindung, das Dynamit, an Folgenreichtum bei weitem: ein Urknall im Stillen. Aber ist er denn überhaupt frei, der Wille des energischen Menschen? Statt auf eine Lösung für dies Rätsel zu hoffen, düfen wir uns an einen willensstarken Schlaukopf aus der antiken Sagenwelt erinnern: an Sisyphos, im Hades einer der namhaftesten, aber auch geschundensten Gäste. Der ging in seiner freien Eigenmächtigkeit so weit, dass er ohne viel Federlesens vorübergehend den Totengott Thanatos lahm und in Fesseln legte, was geeignet war, der Menschheit ewiges Leben zu verschaffen – ein untragbarer Zustand. Dafür ließen die Götter den Frevler hart büßen: In der Unterwelt hatte er bis in alle Zukunft hinein einen mächtigen Fels-brocken steil einen Hang hinaufzuwälzen, um, oben angekommen, Mal um Mal zu erleben, wie die Last seinen Händen entglitt und zurück ins Tal rollte – eine rechte „Sisyphusarbeit“. UNAUFHÖRLICHE MÜHSAL Seit Menschengedenken gilt der heroische Zwangsarbeiter als Inbild für eine Existenz der unaufhörlichen Mühsal, für eine zwanghaft ins Leere laufende Kraft. Nein, für die meisten von uns ist das Leben kein Gleiten, sondern ein strapaziöser Anstieg: Der Stein rollt den Berg nun einmal nicht von selber hinauf. Und doch zog der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus aus der Allegorie einen unerwarteten Schluss. Als er 1942 mit dem „Mythos von Sisyphos“ einen Urtext des modernen Existenzialismus schuf, erkannte er darin den Geknechteten als Vorbild an und seine Zentnerbürde als Segen statt als Fluch: „Wir müsen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Denn zwar darf der sich Abrackernde nie auf einen Sinn seines Tuns hoffen und nie auf ein jenseitiges Wesen, das diesen Sinn stiftet und den Sträfling dadurch erlöst. Aber Sisyphos sinnt gar nicht nach – er handelt; und was er tut, tut er für sich; sein Schicksal gehört ganz ihm und zeichnet ihn noch dann aus, wenn er scheitert. Die Unermüdlichkeit seines Energieaufwandes ist nicht Verdammnis, sondern Privileg Eine Grundlegung für das Leben und für seinen Wert sieht Camus in der Würde des Menschen, der in der Fron jedes Tages sein Leben in die eigene Hand nimmt wie der Rebell Sisyphos den Felsblock. Camus’Mensch begehrt auf gegen den Un- und Widersinn sei-ner Existenz; er nutzt seine Freiheit, um ihr eigenmächtig einen Sinn zu verleihen; und er setzt dem Tod, der die Sinnlosigkeit unausweichlich vollenden wird, eine Leidenschaft für die Spiele des Lebens entgegen. So rentiert sich der Kraftaufwand: nicht in der Strapaze, sondern im Engagement. Und Sisyphos lehrt, den physikalischen Grundsatz von der Erhaltung der Energie auf uns Menschen anzuwenden: Was an Kraft im Kosmos besteht, verbraucht sich nicht, es verwandelt sich nur. Ihre Menge bleibt stets gleich.

Im schöpferischen Geist des Menschen kann die Energie sich sogar erneuern, solang es der Körper erlaubt.
Der griechische Ursprung des Wortes hilft, dies zu begreifen: „En“ heißt soviel wie innen oder hinein; „érgon“ meint Sache und Werk, modern gesagt: Produkt. Energie tritt also auf als etwas, das im Inneren wirkt; und als etwas, das auf ein anderes einwirkt. Die Naturwissenschaften definieren Energie als das Vermögen eines Systems, Arbeit zu verrichten. Ohne Entstellung lässt sich diese Bestimmung auf uns Menschen übertragen, zumal wenn man bedenkt, dass das Wort Energie erst im 19. Jahrhundert über Frankreich ins Deutsche gelangte
– zuvor sprachen die Gelehrten, Gottfried Wilhelm Leibniz etwa, von vis viva, von „lebendiger Kraft“.
So verstanden, lässt sich der Begriff auf den Verstand anwenden: auf seine Bewegungen und Regungen, die Ideen und Visionen, Pläne und Früchte, die er zeitigt – auf die dicken Bretter, die er bohrt, und die Steine, die er bergauf wälzt: auf die Arbeit, die er vollbringt. Geist ist die wirkmächtige Entfaltung einer nicht-materiellen Energie, die sich von Neurobiologen im Gehirn verorten, aufzeichnen, messen, aber in ihrem Wesen nicht ermessen lässt.

EIFER, LUST UND MUT

Faust, der intellektuellste Held Johann Wolfgang Goethes, stößt auf den Urknall, wenn er ausruft: „Im Anfang war die Tat!“. Auf sie zielt die „latente Kraft“ unseres Willens, zielen Eifer, Lust und Mut; zielt unsere Kreativität: unsere Neigung, Veranlagung und Begabung, unser Scharfsinn und unsere Hingabe. Und auf sie zielt die „aktuelle Kraft“ unseres Verstandes: zielen Produktivität, Dynamik, Beständigkeit. Das Produkt dieser Kraft, ihr Ertrag, ist die Tat. Die Philosophie benutzt, um jenes Verhältnis zu beschreiben, interessanterweise Begriffe, wie sie gleichlautend für die Liebe gelten: der Akt setzt die Potenz voraus – vor der Wirklichkeit steht die Möglichkeit, vor der Verrichtung der Plan, vor der Wirkung die Absicht. Und nicht zuletzt gilt: „Im Anfang war das Wort“ – auch der Sprechakt ist Tat.
Oft scheint es, als wären Lebensenergie und kreative Kräfte der physikalischen Energie überlegen. Im Kopf kann, auch bei hohem Energieverbrauch, ein Energieüberschuss lange anhalten (allerdings steht, was wir uns heute an geistiger Energie ersparen, nicht etwa morgen zusätzlich wie ein Guthaben zur Verfügung). Einem energischen Menschen gelingen seine Verrichtungen besser als einem energielosen; trotzdem stehen bei Letzterem, anders als bei einer Maschine, nicht alle Funktionen still, und die Initialzündung, die ihn irgendwann aufs Neue antreibt, generiert sich aus ihm selbst. Kommt hinzu, dass jene Kraft in unserm Innern so gut wie geschenkt ist; sie kostet nur, irgendwann, das Leben.

EINE FRAGE DER DOSIERUNG

Unser Verstand ist Dynamit. In ihm lauern Potenziale für zukunftsichernde Errungenschaften und unkontrollierbares Verderben. Alfred Nobels gezähmtes „Sprengöl“ hat dem Berg-, Straßen-, Eisenbahnbau ungekannte Vorteile verschafft; gleichwohl half es als Kriegs-mittel, millionenfach Tod und Leid über die Menschen zu bringen. Es kommt auch in Fragen der Energie auf die falsche oder richtige Menge an. Den menschenfreundlichen Erfinder Nobel behandelten die Ärzte an seinem Lebensende mit eben jener Substanz, deretwegen 1866 seine Krümmeler Fabrik in Schutt und Asche versunken war – mit Nitroglyzerin. Denn das ist nicht allezeit auf Zerstörung aus. Mediziner und Pharmazeuten schätzen es, sorgsam dosiert, durchaus als Heilmittel fürs kranke Herz. Es gibt nicht viel eindeutig Gutes oder Schlechtes in der Welt; doch glückt es den Vernünftigen unter den Menschen, mit der Energie ihres Geistes ihre Umgebung, in seltenen Fällen die Welt zu erleuchten.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2012

Michael Thumser
Michael Thumser ist  Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankenpost und Dozent für Feuilleton an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach und der Akademie der Bayerischen Presse in München. www.frankenpost.de

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