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Deutschland – Lutherland?

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Lutherdenkmal am Anger in Erfurt © hans szyszka/novarc images/f1online

Was hat die Lutherdekade gebracht? Eine persönliche Bilanz ein Jahr nach dem Ende der Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum

Thomas A. Seidel01.10.2018

Die Errichtung der Internationalen Martin Luther Stiftung (IMLS), am 10. November 2007, dem 524. Geburtstag des Reformators, in seinem vormaligen Wittenberger Wohnhaus, hatte die spätere Lutherdekade nicht im Blick, ging es ihr doch zuerst und vor allem um die Frage, wie außerhalb der Kirchenmauern aus dem Leben und Werk Luthers „wichtige Anstöße zur geistigen Orientierung in einer sicher wandelnden Welt“ (Stiftungssatzung) gewonnen werden können.

Im Dialog mit Verantwortungsträgern von Kirche, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft entstand der Leitbegriff „UnternehmerCourage“: die wirtschaftsethische Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung. Als deutschland- und weltweit „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“ ausgerufen wurde, hat diese zehnjährige intensive Beschäftigung mit dem Reformator und der Reformation die Stiftungsarbeit zweifellos sehr befruchtet und befördert – auch im Lutherland Thüringen.

Zusammenschluss der Experten
Als ich, als ehrenamtlicher IMLS-Geschäftsführer, 2010 das Amt eines „Luther-Beauftragten der Thüringer Landesregierung“ übernahm, konnte ich bereits einige Netzwerke und Erfahrungen im „Teamworking“ einbringen. Das war hilfreich, denn zahlreiche Gremiensitzungen wirkten ziemlich selbstreferenziell. Es fehlte der „common spirit“ und mitunter auch an der Bereitschaft, sich auf andere Expertise und Binnenlogiken einzulassen. Dies hat sich in den zurückliegenden zehn Jahren erheblich verändert. Nicht nur in Thüringen! Professionalität zog in die Zusammenarbeit von Experten ein, die bislang wenig miteinander zu tun hatten und jeweils recht unterschiedliche fachspezifische Dialekte pflegen. Strategische Kooperationen bildeten sich zwischen Politik und Kirche und Wirtschaft, zwischen Städten und Landkreisen, zwischen Protestanten, Katholiken, Juden und Agnostikern, zwischen Pfarrern und Touristikern, zwischen schulischer, außerschulischer und universitärer Bildung, zwischen unterschiedlichen kulturellen Institutionen und Stiftungen.

Es wäre wunderbar und beinahe so etwas wie ein „reformatorischer Ertrag“, wenn diese Kooperationserfolge die Dekaden-Akteure dazu ermuntern würde, ihre projektbezogene Zusammenarbeit auch künftig fortzusetzen. Gelegenheiten einer „prospektiven Ergebnissicherung“ sind ja bereits in Sicht, bspw. mit einer länderübergreifenden Kooperation zwischen Thüringen, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz im Jahre 2021 zum Thema „Worms. Wartburg. Wittenberg – 500 Jahre Reichstag und Bibelübersetzung“ oder 2025, durch eine Thüringer Landesausstellung zum Thema „Thomas Müntzer und der Deutsche Bauernkrieg“.

Reflexion und Perspektive
Mit Jahresende 2017 fand die Reformationsdekade in einigen Ländern Europas, in der Bundesrepublik Deutschland und selbstverständlich auch in Mitteldeutschland ein insgesamt sehr erfolgreiches Ende. Um das äußerst vielgestaltige Gedenken an 500 Jahre Reformation gebührend abzuschließen und die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen, wurden im „Lutherland Thüringen“ über 80 Akteure und Mitgestalter des Jubiläums aus Kirche(n) und Politik, Wissenschaft und Bildung, Kommunen und Kultur, Marketing und Medien eingeladen, ihr jeweiliges Engagement zu erinnern und eine persönliche Bilanz über Erfahrungen und Ergebnisse zu ziehen.

Das Ergebnis ist ein lesenswerter Band unter der Überschrift „Die Reformationsdekade >Luther 2017< in Thüringen“ – ein Reflexionsertrag, der beispielgebend für vergleichbare Prozesse und deren Ergebnissicherung in ganz Deutschland stehen kann. Die Stichworte, die diese Bilanz begleitet haben und prägen, lauten: Dokumentation, Reflexion und Perspektive.

Eine Art „Bürgerbewegung“
Summa summarum lässt sich festhalten: Die Lutherdekade und die Durchführung des Reformationsjubiläums 2017 war ein Erfolg auf vielen Ebenen. Die Beteiligung bis weit hinein in die Breite der Gesellschaft, unabhängig von Weltanschauung oder vorgängiger historischer Kenntnisse, kann als eine Art „Bürgerbewegung“  bezeichnet werden. Die eingesetzten Fördermittel und Investitionen haben sich gelohnt und werden sich auch weiterhin auszahlen. Die authentischen Orte und die touristische Infrastruktur sind für lange Jahre ertüchtigt, so dass Deutschland als Lutherland von den Bürgerinnen und Bürgern sowie von interessierten Gästen aus dem In- und Ausland besucht werden kann.


Hinweis
Im Rahmen der 11. LutherKonferenz lädt die Internationale Martin Luther Stiftung zur feierlichen Verleihung der LutherRose 2018 am 20. Oktober 2018 nach Stockholm ein. Diese Auszeichnung für gesellschaftliche Verantwortung und UnternehmerCourage erhält in diesem Jahr Kenneth Bengtsson, Vorsitzender der World Childhood Foundation. An dem Festakt als Ehrengast teilnehmen wird auch Ihre Majestät Königin Silvia von Schweden. Infos unter: luther-stiftung.org

Die Reformationsdekade »Luther 2017« in Thüringen – Dokumentation, Reflexion, Perspektive Herausgegeben von Annette Seemann, Thomas A. Seidel und Thomas Wurzel ISBN 978-3-86160-560-7

Thomas A. Seidel

Dr. Thomas A. Seidel (RC Erfurt) ist Geschäftsführender Vorstand der Internationalen Martin Luther Stiftung. Zu seinen Schriften gehören u.a. „Maria evangelisch“ (Evangelische Verlagsanstalt 2009) und „Unterwegs zu Luther“ (Wartburg-Verlag 2010).

www.luther-stiftung.org